Simmen / Leuenberger / Schweikert | Ich bin ein Opfer des Doppelpunkts | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 179 Seiten

Reihe: Reihe der Autor:innen

Simmen / Leuenberger / Schweikert Ich bin ein Opfer des Doppelpunkts

Erzählungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8353-8825-3
Verlag: Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 179 Seiten

Reihe: Reihe der Autor:innen

ISBN: 978-3-8353-8825-3
Verlag: Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Wiederentdeckung des 1991 erschienenen Debütbandes der Schweizer Autorin Andrea Simmen zum Wiederentdecken. Andrea Simmen gehörte »zu den markantesten Stimmen einer neuen Generation schreibender Frauen« in der Schweiz seit den 1990er-Jahren, schrieb Beatrice von Matt in ihrem Nachruf auf die früh verstorbene Autorin am 27. Juli 2005 in der Neuen Zürcher Zeitung. Simmen teilte mit Schriftstellerinnen ihrer Generation, etwa mit Ruth Schweikert, »den unzimperlichen Blick, den Sinn fürs Paradox, vor allem Immunität gegen Ideologien aller Art, auch die feministische«, so von Matt. Wichtig sei es für Andrea Simmen gewesen, eine »Sprache ?in Varianten des Lachens?« zu entfalten, und dies zeigt sich in diesem Debütband, der zuerst 1991 erschienen ist. Tragikomische Geschichten, wie die des neunfingrigen Fernsehansagers Andreas Gaspazzo, der Opfer des Doppelpunkts geworden ist, durchziehen diesen Band. Meist sind es einzelne Stichworte, die Anlass dazu sind, dass die Erzählungen ihren geraden Weg verlassen und ins Arabeske abgleiten, etwa wenn in »Großmütter« das Kindermärchen zum enthemmenden Spektakel wird. Die Schweiz und ihre männliche Erzähltradition ist immer wieder Thema. Simmen nimmt diese aufs Korn und schafft mit ihrer Beschreibungsgenauigkeit und ihrer vitalen Sprache eine eigene, eigenständige neue Erzählweise.

Andrea Simmen wurde 1960 in Zürich geboren und starb 2005 in Flaach im Kanton Zürich. Sie arbeitete als Köchin, Dekorateurin und Gärtnerin und begann begleitend dazu zu schreiben. Von Simmen erschienen die folgenden Bücher: »Der eingeschneite Hund. Roman« (2001), »Vielleicht heisst er Paul. Erzählungen« (1995), »Landschaft mit Schäfer und anderen Reizen, Erzählungen« (1993) und »Ich bin ein Opfer des Doppelpunkts. Erzählungen« (1991). Für ihre Werke wurde sie mehrfach ausgezeichnet: Werkbeitrag des Kantons Aargau (1999), Werkjahr des Kantons Aargau (1995), Teilnahme am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt (1995), Werkbeitrag der Pro Helvetia (1994), Anerkennungspreis Zollikon (1993), Ehrengabe des Kantons Zürich (1991) sowie Arbeiterliteraturpreis (1989).
Simmen / Leuenberger / Schweikert Ich bin ein Opfer des Doppelpunkts jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Heinrich


Als Heinrich begraben war, sein Kreuz beschriftet, der Grabstein im Auftrag und alle glücklich wie Engel den Notar anschielten, röchelte dieser hinter Zigarettenrauch aufschlussreiche Daten, Ortsnamen und sonstige testamentarische Trockenheiten hervor.

Schwungvoll holte er zum vernichtenden Familienschlag aus und bestimmte mich gemäß fünfzehn Paragraphen, Fußnoten, Anmerkungen und Zitaten zum Testamentsvollstrecker. Da saßen sie, meine Tanten, Onkels, Neffen, Katzen, Schwiegertöchter, eingeheiratete Autowascher, Kindermädchen, geangelte Dozenten, schlechtdupierte Cousinen, angegraute Nebenvetter, frischgepuderte Enkel und stolze Jungfrauen. Wie sie schauten mit verkniffenen, hasserfüllten Augen, mit bebenden Nasenflügeln, zitternden blaugeäderten Fingern, wie sie schonungslos transpirierten, wie sie schwitzten in ihren Nylonsocken, haarig ätzend, saugut. Wie sie schon heißen, diese Gabis, Alberts, Röschen, Claudias, Fritzchens, Helmüther und Susis. Mit einem beschämend wirkenden Augenschlaflegeblick wich ich ihren mit Haut und Haaren zerrenden Fratzen aus, dachte an den wilden Oskar, der in Paris bissige Sätze über die Familie schrieb und trotzdem nicht sorglos leben konnte. Ein Schlüssel wurde mir ausgehändigt, und eine hübsche Cousine bändelte fachmännisch bei mir an.

Heinrich hatte im Mittelland gewohnt, in einem Waldhütten ähnlichen Häuschen, in seinem Garten wucherten verschiedenste Distelsorten, sein Gemüse schoss, Milchsaft floss kübelweise im Löwenzahn, Harztropfen verklebten bunte, wächserne Tischtücher, die über die zahlreichen Gartentischchen gelegt waren, Nachtkerzen öffneten sich bei der Abenddämmerung, Stauden säumten seine Gartenwege.

Heinrich hab ich öfter besucht, gerne im Herbst, wenn die Ahorne sich färbten, die Störche sich in Norwegen auf den Weg in den Süden aufmachten und die Kürbisse geerntet wurden. In dieser Sentimentizeit wackelte mein Nationalbewusstsein am bedenklichsten. Ich dachte an die dreihunderttausend Witwen, die ihre Haut in den Kanarischen bräunen lassen, um abends dem Conférencier aufzufallen, wie sie dort schunkelnd ihre Heimatlieder singen, wie sie laut klatschend den Dessertwagen begrüßen, wie sich einige Gigolos ihren Hautfetzen nähern, sie umgarnen, ihnen Veilchenparfüm aus der Drogerie besorgen, wie die Frauen nachts ihre Herztropfen abzählen, die rissigen Lippen schminken und die Balkontüren offen lassen, sie wispern Gedichte von Mörike und glucksen erfreut, wenn der Wind draußen die Fahnenseile an die Stange schlägt. Im Frühling kommen sie zurück mit wirren Geistern und freuen sich auf den nächsten Herbst.

Ich setzte mich jeweilen an einen Gartentisch, den mir Heinrich zugewiesen hatte, und wir spielten Ausland. Jedes Tischchen vertrat ein Land, je nach Vorräten wurde dies oder jenes bevorzugt. Letztes Mal spielten wir Spanien, Heinrich tänzelte um meinen Sitzplatz, servierte, viele Olés brüllend, Rioja, bereitete Tapas mit Hühnerfleisch zu, die eigenartig schmeckten, und erzählte, wie er auf allen vieren Franco verfolgte, ihn am liebsten erwürgt oder erhängt hätte, ihn geschält, verbrannt, rädchenweise aufgeschnitten hätte wie Presskopf, wie er mit all den Seppels aus Deutschland und der Schweiz kämpfte wie ein Stier, mutig, unerschrocken, furchtlos, jung, strotzend vor Kraft.

Stürzte sich dann abends die Sonne hinter die Alpen, blökten die Schafe auf Nachbars Weide, läuteten die Kirchenglocken aus dem Tal und Heinrich holte die Geige, und ich übte das Talerrollen, war es Zeit, ins Haus zu kommen, die Schweiz, sagte er, ist innerlich, und wir schenkten uns Zuger Kirsch ein.

Nun stand ich in seinem Garten, eine Hand aufgelegt in Italien, die andere im Hosensack, ich sah geisterhaft Heinrich um Frankreich kurven, einen Rosmarinzweig abzupfen, es gelüstete mich nach Kaninchen, Burgunder und weichem Käse. Heinrich stolperte über ein gusseisernes Tischbein, als mich mein Cousinchen um die Hüften fasste, sie lächelte schalkhaft und riss mich endgültig aus den Erinnerungen. Ich nannte sie eine blöde Zwetschge, schloss die Haustür auf und ließ sie draußen stehen, wünschte ihr Hagel und Regen sowie einen schwarzhaarigen intelligenten Porschefahrer, der ihr rote Rosen schenkt.

Da stand ich innerlich, auf dem sauberen Tisch lag ein Scherzartikel, eine Büchse, die muht, wenn man sie auf den Kopf stellt.

Einige Nächte schlief ich in Heinrichs Haus, ließ dann meine Verwandtschaft kommen und sah zu, wie sie gierig Wollsocken, Alufolienrollen, Butterreste, halbgeleerte Senftuben, durchgelesene Wanderkarten, vergriffene Fahrpläne, angebrochene Streichholzschachteln, Glühbirnen, Schraubenzieher und Hosenknöpfe wie Aasgeier rafften. Die Gesichter meiner lieben Verwandten wurden immer länger, einige Kinne schwebten schon bedenklich nahe über dem Boden, als der Bankbeamte die Kleinliegenschaft auf läppische dreißigtausend Franken schätzte. Niemand von den Röschen und Albertschen wollte sich hier niederlassen, und so konnte ich das Haus erwerben und meine Familie dank Bankhilfe auszahlen.

Oft arbeitete ich im Garten, zog Möhren aus der feuchten Erde, stand in Gummistiefeln zwischen faulendem Kohl, dachte an meine Deutschlehrerin, schaute dem wiegenden Spargelkraut zu, ließ mich von kratzenden Malvensamen plagen, jagte mit Harpune und Biergläsern Schnecken, zupfte gefräßige Raupen von den Rosen und vergaß, die Trauben zu ernten, weder regte sich ein geifernder Nachbar auf noch die Verwandten, denn die brüteten in ihren Heizkörperwohnungen über ihr verschossenes Erbschaftsglück nach.

Heinrich war ein seltsamer Mann, das Einzige, das ich mit Bestimmheit wusste, war, dass er zu Lebzeiten gerne Meerschaumpfeifen geschnitzt hatte. Weshalb Heinrich hier wohnte, wie er seinen Lebensunterhalt bestritt und weshalb dieser Mensch mit uns in familiärer Beziehung stand, wusste niemand.

Heinrich war über achtzig Jahre alt geworden, geboren in Frankreich, als Bub stellte ich mir vor, wie er mit langen Flûts auf staubigen Straßen ging und die Menschen freundlich grüßte, ich kaute auf meinem Füller in der Französischstunde und dachte an Heinrich, der mit drei, also viermal jünger als ich, dem Lehrer fehlerfrei Bonjour, le maître, sagen konnte, diese Weltoffenheit, sagte Vater, braucht es, und Heinrich, mein lieber, schräger Onkel, hatte dieses Erdfluidum schon in die Wiege gelegt bekommen und ich zu Hause ein kleines Bärchen und eine Menge Dialektsprüche, wovon die lustigsten nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden durften, und sonst über dem Bettchen ein Kuckuck, der ab und zu aus einer Uhr brüllte, und ein Wettermännchen drehte sich mit seinem Wetterfrauchen im Kreise. Heinrich, bildete ich mir ein, ist in einem Käseladen zur Welt gekommen zwischen einigen Ziegenkäsen und hölzernen Butterfässern, seine Mutter hatte rosa Wangen, eine Schürze und ein lasterhaftes Maul. Sein Vater war ein dickbauchiger Fleischbrocken, der mit seinem Handkarren durch die Normandie zog und einkaufte. Trotz Heinrichs geschenkter Französischkenntnis musste er eine schlechte Kindheit gehabt haben. Eines Tages zog er aus, mit einem Stück Käse, das in Weinblätter gewickelt war, und einem Pariserbrot, er marschierte mit seinen fünf Jahren immer ostwärts und grüßte die Menschen freundlich. Wie ein streunender Hund wurde er eingesammelt, in ein Heim gesteckt und irgendwie an Pflegeeltern weitergegeben, dazwischen heulten Kanonen, schluchzten Mütter, Gewehre fauchten, verwundete Väter schlurften über die Straßen, Kartoffeln waren rar, die Schweine dünn und der Käse teuer.

Später dachte ich mit Vaters Hilfe, Heinrich sei einer dieser roten Böcke gewesen, die mit allen Mitteln ausgerechnet unser Radio auseinanderschrauben und die Einzelteile gerecht unters Volk verteilen wollten. Einige Wochen später vermutete ich mit Vrenis Hilfe, Heinrich hätte einen Spezialskiwachs erfunden, der den Nazisoldaten auch in der Schräglage sicheren Stand in den Schneebergen gewährte. Heute denke ich, er war eingeschriebener Theologiestudent und ist dann auf einer Pilgerfahrt mit seinen Erbsen in den Schuhen den Hang heruntergerutscht, hat sich den Kopf angeschlagen und seine ungefähr ersten dreißig Lebensjahre vergessen.

Doch kam ich wieder ins Zweifeln, wenn wir Frankreich spielten und sein Französisch so perfekt klang, dass selbst die Hühner mit ihrem Gegacker aufhörten. Lag doch die Vermutung genauso nahe, Heinrich hätte die Hälfte seiner Lebzeit in dunkeln Löchern verbracht bei Wasser, Brot und der Bibel, hätte Rattenschwänze numeriert und Eisendraht in kleine Stücklein geschnitten, um Büroklammern zu biegen. Doch wenn Heinrich lachte, seine Zahnstummel zeigte, sagte: und heute schreib ich Ethel ein Liebesgedicht, rätselte ich von neuem.

Ich lebte nun in seinem Haus, suchte zwischen Balken und Mauerritzen Hinweise auf seine Herkunft und sein Leben. Nachdem ich alle Fensterbretter, Türschwellen und das Ofenrohr untersucht hatte, wägte ich mindestens eine Woche lang ab, ob ich im Schlafzimmer die Tapeten runterreißen sollte, denn bekanntlich sind unter jeder Tapete Hunderte von Zeitungsschnipsel, die Auskunft über den Beginn der Tapetenkleberei geben. Der Tapetenrunterreißer liest dann aus Sport-, Inseraten-, Klatsch- und Börsenblattteilen Folgendes: der Ku… (Riss) zwei zu… (Riss) esst Butter… (Riss), es liegt nun an ihm, ob der Kurt Fußball gespielt hatte, ob Kunigunde viel Butter aß, ob die Aktien am Aktienmarkt runterstürzten wie die Apfelpyramiden im Dorfladen oder ein Kulturschaffender gestorben sei oder ob die amtierenden Behörden vom Tapetenklebejahr Butterberge abbauen wollten oder ob doch ein Kuhstall zwei zu x kleiner gebaut wurde, ob...


Schweikert, Ruth
Ruth Schweiker (1964-2023) war eine von der Literaturkritik hoch gelobte Schweizer Autorin von Romanen, Erzählungen und einer literarischen Recherche ihrer Krebserkrankung (»Tage wie Hunde«, 2019).

Keller, Judith
Judith Keller (*1985) ist eine Schweizer Autorin von Romanen und Erzählungen.

Leuenberger, Stefanie
Stefanie Leuenberger, geb. 1972, ist Privatdozentin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der ETH Zürich. Nach dem Studium an der Universität Bern und der FU Berlin war sie Assistentin an der Universität Fribourg und der ETH Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Buchstabenkombinatorik und visuelle Poesie seit der Antike,
Literatur und Kultur des Fin de Siècle, Theorie und Praxis der Avantgarden der Moderne und der Neoavantgarden, Lebensreform in Europa, deutsch-jüdische Literaturgeschichte und Kulturdiskurse sowie Literaturen der Schweiz.
Veröffentlichungen: Kurt Marti: Der Alphornpalast. Prosa aus dem Nachlass (Hg., 2021); Carl Spitteler - Dichter, Denker, Redner, (Mithg., 2019); Literatur und Zeitung. Fallstudien aus der deutschsprachigen Schweiz von Jeremias Gotthelf bis Dieter Bachmann (Mithg., 2016); Schriftraum Jerusalem. Identitätsdiskurse im Werk deutsch-jüdischer Autoren (2007).

Simmen, Andrea
Andrea Simmen wurde 1960 in Zürich geboren und starb 2005 in Flaach im Kanton Zürich. Sie arbeitete als Köchin, Dekorateurin und Gärtnerin und begann begleitend dazu zu schreiben.
Von Simmen erschienen die folgenden Bücher: »Der eingeschneite Hund. Roman« (2001), »Vielleicht heisst er Paul. Erzählungen« (1995), »Landschaft mit Schäfer und anderen Reizen, Erzählungen« (1993) und »Ich bin ein Opfer des Doppelpunkts. Erzählungen« (1991). Für ihre Werke wurde sie mehrfach ausgezeichnet: Werkbeitrag des Kantons Aargau (1999), Werkjahr des Kantons Aargau (1995), Teilnahme am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt (1995), Werkbeitrag der Pro Helvetia (1994), Anerkennungspreis Zollikon (1993), Ehrengabe des Kantons Zürich (1991) sowie Arbeiterliteraturpreis (1989).



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.