E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Skvorecky Der siebenarmige Leuchter
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99200-337-2
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-99200-337-2
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
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Josef ?kvorecký, 1924 im ostböhmischen Náchod geboren und 2012 in Toronto (Kanada) verstorben, war Autor, Essayist, Übersetzer, Verleger (u. a. von Milan Kundera und Václav Havel) und Drehbuchautor. Er war mit der Schriftstellerin Zdena Salivarová verheiratet. Sein Debütroman 'Feiglinge' konnte erst 1958 erscheinen und wurde in der Neuauflage 1964 zu einem Bestseller. 1969 emigrierte ?kvorecký mit seiner Frau nach Toronto, wo die beiden den bedeutendsten tschechischen Exilverlag Sixty-Eight Publishers gründeten. ?kvorecký unterrichtete an der Universität Toronto. Auf Deutsch erschienen u. a.: 'Legende Emöke', 'Eine prima Saison', 'Der Seeleningenieur', 'Das Mirakel' und 'Das Baßsaxophon'. ?kvorecký war 1982 für den Literaturnobelpreis nominiert, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. verlieh ihm Präsident Václav Havel 1990 den Orden des weißen Löwen, 1999 bekam er den tschechischen Staatspreis für Literatur.
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Mein Onkel Khon war ein reicher Mann und das Glück war ihm hold. Er besaß ein Auto, einen wendigen Tatra 57, und besuchte uns fast jede Woche, denn er hatte meinen Vater gern. Vati und ich gingen ihm dann entgegen und trafen ihn meist weit hinter der Stadt, als es bereits dunkel war, doch im Scheinwerferlicht erkannte uns der Onkel sogleich. Zuerst leuchtete ein Licht am Horizont auf, bewegte sich rasch am Himmel entlang, weil sich hinter dem Bergkamm die Straße in einer Serpentine hinaufwand. Dann erfasste uns der strahlend weiße Lichtkegel und hielt uns fest in seinem Bann. Ich war vollkommen geblendet und sah die Tante kaum, die mich dann stets mit ihren weichen, samtigen Lippen abküsste und mir eine Tüte Bonbons in die Hand drückte. Ihre Lippen dufteten, denn sie waren stark geschminkt. Dabei hätte sie es nicht nötig gehabt, denn sie war ohnedies äußerst hübsch. Geschminkt war sie freilich noch hübscher. Tante war zwanzig Jahre jünger als Onkel Khon, fröhlich war sie und ein noch größerer Fußballfan als er. Einmal nahmen sie mich zu einem internationalen Match nach Prag mit, und die Tante machte dort ein großes Trara, weil der Schiedsrichter fälschlich einen Elfmeter gegen Sparta verhängt hatte. Tante gab dann mit ihrem Schirm einem Ausländer eins auf den Kopf, denn der hatte sich über den Elfmeter sehr gefreut. Damals hatte uns die Polizei mitgenommen, ließ uns aber gleich wieder laufen, was den Onkel wohl einiges gekostet haben mag.
Onkel Khon war Abwerber. Ihm gehörte ein großer Stehimbiss in Prag, doch er war so faul, dass er ihn weitervermietet und sich selbstständig gemacht hatte. Um nicht ganz der Langeweile zu verfallen, war er mit dem Abwerben beschäftigt. Am Nachmittag saß er gerne im Café Paris, las ausländische Zeitungen, zog an seiner goldenen Zigarrenspitze, kaufte Spieler von anderen Abwerbern an und verkaufte sie weiter. Er mochte jüdische Anekdoten, weil er selbst Jude war. Auch spielte er den Menschen gern böse Streiche, bot ihnen kleine Bonbonattrappen aus Gummi an, an denen man sich einen Zahn ausbeißen konnte, oder Zigaretten mit Sternspritzern darin, die unter der Nase lossprühten, sobald man die erste Hälfte geraucht hatte. Oder er tauchte mit einem glitzernden Abzeichen am Revers auf, und wenn ihn dann jemand fragte, was für ein Abzeichen das sei, hielt er ihm das Revers vors Gesicht und spritzte ihn mit Wasser an, denn das Abzeichen hatte an seiner Unterseite eine Gummiblase, und wenn man sie drückte, spritzte das Wasser nur so heraus.
Die Tante war sechzehn, als sie den Onkel kennenlernte. Fünf Jahre gingen sie miteinander. Großvater wollte nicht erlauben, dass sie heirateten. Großvater war Antisemit und der Onkel war Jude. Die Tante traf sich mit dem Onkel heimlich hinter der Stadt und sie fuhren mit dem Auto nach Prag, damit niemand sie sah, und abends brachte der Onkel sie wieder nach Hause. Aber einmal starb ihm am Rückweg von Prag der Motor ab und die Tante verspätete sich. Großvater hatte schon länger geahnt, was vor sich ging, und so stellte er sie zur Rede. Tantchen gab alles zu und Großvater verprügelte sie mit dem Hosenriemen, dabei war sie schon volljährig. Sie hätte den Onkel aber nie zum Mann genommen, wenn es ihr nicht vorher erlaubt worden wäre. Sie war gut erzogen, aber so gut auch wieder nicht, dass sie sich nicht weiter mit ihm getroffen hätte.
Dass es ihr der Großvater letztendlich erlaubte, war das Verdienst meines Vaters. Die Tante war als Stenotypistin in Vaters Bank angestellt und kam nach der Arbeit immer an unserer Wohnung vorbei. Wir hatten unter dem Dach ein kleines Mansardenzimmer, das leerstand. Mein Vater überließ es der Tante, damit sich die beiden dort treffen konnten, denn Großvater hatte angeordnet, dass sie jeden Tag um sechs Uhr zu Hause sein müsse, weshalb es selbst mit dem Auto unmöglich war, an einem Tag nach Prag und zurück zu fahren. Onkel Khon ließ dann den Tatra im Wald hinter der Stadt stehen und näherte sich von hinten unserem Haus, lief quer übers Feld und an den Sonnenblumen vorbei bis zum hinteren Gatter. Tante kam durch die Vordertür, und ich hörte sie jedes Mal, wie sie die Holztreppe hinauftrippelte. Oben waren die beiden dann ganz leise. So ging es ungefähr ein Jahr, weil ihnen Großvater noch immer nicht die Erlaubnis gegeben hatte zu heiraten.
Naturgemäß war das Interesse der jungen Männer an meiner Tante groß, denn sie war hübsch wie alle Mädchen von Mutters Seite. Als sich aber herumsprach, dass sie einem reichen Juden aus Prag die Geliebte machte, ließen sie alle stehen, bis auf einen, Albert Kudrna, der Medizin studierte und alles versuchte, was ihm möglich war. Er kam sogar mit einem Blumenstrauß, und als auch der nichts nützte, drohte er mehrmals, sich umzubringen, und Tante war jedes Mal völlig verstört, aber Kudrna tat es nie. Schließlich spionierte er aus, dass sie sich bei uns mit Onkel Khon traf, und schrieb Großvater einen anonymen Brief. Kudrna war ein Ekel, was er selbst nicht haben konnte, verdarb er zumindest den anderen. Im Krieg schloss er sich der faschistischen Partei „Die Flagge“ an und studierte im Reich. Dann lernte er Dr. Teuner kennen und es hieß, er wolle eine tschechische SS-Division organisieren, die aber nie zustande kam, und so schickte man ihn mit einer gewöhnlichen SS-Division an die Ostfront, von wo er nie mehr zurückkehren sollte.
Großvater lauerte Onkel Khon eines Abends zwischen den Sonnenblumen auf, und als der Onkel zum Wald zurücklief, wo er sein Auto versteckt hatte, sprang er hervor, packte ihn am Hals und schrie: „Du stinkender Jud, erwürgen werd’ ich dich!“ Vielleicht hätte er ihn wirklich erwürgt, hätte sich nicht gerade mein Vater im Bad rasiert, von wo aus man gut zu den Sonnenblumen hinübersehen konnte, und wäre er nicht, als er das Geschrei gehört hatte, ganz so wie er war, hinausgelaufen, um die beiden Streithähne auseinanderzureißen.
Ich blickte aus dem Küchenfenster und sah, wie Onkel Khon mit den Fingern seinen Hals prüfte, sein Gesicht war ganz rot und verschwitzt, und auch der Großvater war ganz rot angelaufen, nur der Bart schimmerte weiß aus seinem Gesicht wie der Wattebart des Heiligen Nikolaus. Nun sah ich Vater, der die Arme ausbreitete, in der Hand noch die eingeseifte Rasierbürste, und dann gingen sie alle drei gemeinsam über den Feldweg zwischen den Getreidefeldern langsam Richtung Wald, Onkel Khon im pflaumenblauen modischen Gabardineanzug, Vater im gestreiften Hemd ohne Kragen und Großvater mit Jägerhut und Gamsbart auf dem Kopf. Die Sonne stemmte sich ihnen in den Rücken, weil es Abend war, und so verschwanden sie an einer Wegwindung weit in den Feldern.
Einige Zeit sträubte sich Großvater noch, doch dann wurde plötzlich Hochzeit gefeiert. Das war in Prag, im Hotel Paris, und ich aß zu viel von der Hochzeitstorte und mir war übel, sodass ich nicht viel von der Festlichkeit hatte. Tante trug ein beiges Kostüm und war sehr hübsch, weil sie damals auch sehr jung war. Onkel Khon trug eine große Gardenie im Knopfloch am Revers und wirkte sehr verlebt.
Ein großer Held war der Onkel wohl nicht gewesen. Einmal war ich mit ihm und mit Vater in einem Restaurant in Prag und am Nebentisch saß eine Gesellschaft, Männer mit preußischem Haarschnitt. Sie kippten ein Glas nach dem anderen und waren im Nu betrunken. Das war im Frühling, im Sechsunddreißigerjahr, drei Monate nach der Hochzeit. Der Onkel war sehr nervös und auch Vater zuckte hin und her, wie mir auffiel, obwohl ich es nicht verstand.
Die Burschenschafter intonierten . Da sah ich, dass der Onkel noch nervöser wurde. Ein Bursche bemerkte uns. Ihm fiel auf, dass der Onkel Jude war, und als sie beim Singen eine kurze Pause machten, brüllte er: „Es lebe Adolf Hitler!“, und dann äugte er zu uns hinüber, was wir wohl dazu zu sagen hätten. Ich sah, wie Onkel Khon rot wurde und schwitzte, was ich nicht verstand. Die Burschenschafter intonierten das nächste Lied und derjenige, dem aufgefallen war, dass Onkel Jude war, brüllte abermals, kaum dass das Lied zu Ende war: „Die Juden raus!“ Onkel Khon erhob sich, trat an ihn heran, ganz rot im Gesicht, und sagte: „Mein Herr …“ Weiter kam er nicht, weil der Bursche in Gelächter ausbrach, dem Onkel einen Stoß versetzte, wodurch dieser ins Wanken geriet und in seinen Sessel zurückstolperte. „Die Juden raus!“, brüllte der Bursche abermals, doch da sprang mein Vater auf ihn zu und versetzte ihm einen Schlag. Dem Burschen fiel etwas aus dem Mund, was, wie sich später herausstellen sollte, sein künstliches Gebiss war, woraufhin er aufgeregt zu nuscheln begann. Die anderen Burschen erhoben sich wie ein Mann und gingen auf den Vater los. Onkel Khon nahm mich an der Hand und flüchtete mit mir nach draußen. Auf dem Gehsteig rief er: „Polizei!“ Ums Eck stießen wir auf einen Wachmann, und der Onkel schickte ihn hinein. Vater wurde mitsamt den Burschen auf das Kommissariat geführt, aber der Onkel ging hin und man ließ Vater gleich wieder...




