Slade | Lassiter 2081 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2081, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Slade Lassiter 2081

Lassiters riskantes Spiel
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1855-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Lassiters riskantes Spiel

E-Book, Deutsch, Band 2081, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-8387-1855-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Schwarm Enten zog vorüber. Wilbur J. Lewellyn legte den Kopf in den Nacken, und weil die Nacht mondhell war, konnte er die Silhouetten der einzelnen Vögel gut erkennen. Nicht weit entfernt tönte ein Schiffshorn; wahrscheinlich ein Kriegsschiff, denn Flussdampfer kreuzten nach Sonnenuntergang nicht mehr auf dem Potomac. Unruhig trat Wilbur J. Lewellyn von einem Fuß auf den anderen. Seine Hände waren feucht und gern hätte er sich einen Zigarillo angezündet. Doch der Mann, auf den er wartete, stand im Ruf, unberechenbar zu sein. Auf keinen Fall wollte er riskieren, ihn plötzlich mit geladenem Karabiner im Rücken zu haben. Also zügelte er seine Sucht. Endlich der vereinbarte Ruf des Käuzchens, und Schritte näherten sich. 'Er kommt', flüsterte jemand zwischen den Bäumen.

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»Ist er allein?«

»Zwei Männer sind bei ihm. Soldaten, wie er.«

Lewellyn nickte langsam. »Also gut. Bringen wir’s hinter uns.« Der Andere verschwand in der Nacht. Lewellyn ging ein Stück in den Flusswald hinein, band seinen Schimmel los und stieg in den Sattel. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Seit dem Bürgerkrieg hatte er nicht mehr gekämpft. Und der war schon ein paar Jahre her.

Er trieb sein Pferd an, lenkte es aus dem Wald und zum alten Indianerpfad, der zwei Meilen weiter östlich in den Fahrweg nach Washington D.C. einmündete. Auf ihm würde der Colonel zum alten Bootshaus kommen, dem vereinbarten Treffpunkt.

Ein paar Minuten später sah er ihn auch schon. Er hockte auf seinem Pferd – und rauchte. Außer ihm konnte Wilbur J. Lewellyn niemanden entdecken. Hatte er seine Wachhunde also in Deckung gehen lassen. Das machte die Sache nicht einfacher. Er ritt zu dem Wartenden.

»Sie wollten mich sprechen, Colonel Rice?« Ein paar Schritte vor ihm hielt Lewellyn seinen Schimmel an und lüftete die Melone.

»Verflucht, Wilbur – tun Sie nicht so scheinheilig!« Der Colonel schwang sich vom Pferd. Vor seinem Schimmel blieb er stehen und stemmte die Fäuste in die Hüften. In seinem Mundwinkel klemmte die brennende Zigarette. »Kommen Sie schon runter von Ihrem hohen Ross!«

Wilbur J. Lewellyn tat ihm den Gefallen und stieg aus dem Sattel.

»Meinen Sie das ernst?« Der Colonel griff in seine Uniformjacke, zerrte einen zerlesenen Brief heraus und wedelte damit herum. »Ist das wirklich Ihr Ernst, Wilbur?«

Wilbur J. Lewellyn zog einen Zigarillo aus der Brusttasche seines Fracks; jetzt stand er dem gefährlichen Burschen ja gegenüber. Seelenruhig riss er ein Schwefelholz an seinem Sattelzeug an und hielt die Flamme unter die Spitze des Zigarillos. »Haben Sie das Geld mitgebracht, Colonel Rice?«, fragte er, als sich der erste Rauch unter seiner Melonenkrempe sammelte.

Der Colonel wich zurück, als hätte ein Fausthieb ihn getroffen. »Sie meinen es also tatsächlich ernst!« Erst warf er die Zigarette weg, dann den Brief. »Sie müssen wahnsinnig sein!«

Wilbur J. Lewellyn antwortete nicht, musterte sein Gegenüber lediglich mit kühlem Blick. Ein wenig ärgerte er sich – über sich selbst: Er hätte wissen müssen, dass Rice nicht der Mann war, dem man einfach so eine Rechnung präsentierte. Doch auch seinen Ärger ließ er sich nicht anmerken.

»Und ich Trottel habe Sie für einen vernünftigen Mann gehalten, Wilbur!« Der Colonel machte auf den Absätzen kehrt und stapfte zu seinem Pferd zurück. »Für einen Mann, der am Leben hängt! Glauben Sie etwa, es fällt mir schwer, Sie über den Jordan zu schicken?«

»In der Tat, Colonel – das dachte ich.«

»Irrtum!« Rice stieg in den Sattel. »Sie haben ja keine Ahnung, wie viele Männer ich im Laufe meines Soldatenlebens schon eigenhändig getötet habe! Eigenhändig …!«

»Ich denke, ich habe Ihnen ein faires Geschäft angeboten, Sir.« Wilbur J. Lewellyn spürte, wie sein Mund immer trockener wurde; er zwang sich, weniger hastig zu rauchen.

»So! Denken Sie das!« Der Colonel trieb sein Pferd zu Lewellyn. »Und Holly Good, Ihre verfluchte Schlampe, denkt das vermutlich auch!«

Er hatte sich längst in Rage geredet. Hunde, die bellen, beißen nicht, dachte Wilbur J. Lewellyn. Doch jetzt, wo er zu dem schäumenden Haudegen hinaufschauen musste, war er plötzlich nicht mehr so sicher.

»Aber ihr habt euch verrechnet, Lewellyn! Und Sie sehen aus, als würden Sie das langsam kapieren! Falls Ihnen das ein Trost ist, Lewellyn: Sie werden Holly, diese verfluchte Schlampe, schnell wiedersehen!« Die letzten Worte schrie der Colonel heraus. »Noch vor Sonnenaufgang! In der Hölle!«

Das war der Augenblick, in dem Lewellyn das Blut in den Adern gefror.

Der Colonel hieb seinem Pferd die Sporen in die Flanken und ritt ein paar Meter den Weg hinauf. Dort riss er an den Zügeln und wandte sich an die dunkle Mauer aus Bäumen und Büschen am östlichen Wegrand.

»Kommt schon!«, zischte er. »Erledigt ihn!«

Zwei Männer traten aus dem Flusswald, beide bewaffnet, beide in Uniform.

»Und wenn ihr ihn erledigt habt, beseitigt auch die kleinste Spur von seinen Überresten, und dann folgt mir nach Alexandria!« Wieder trieb der Colonel sein Pferd an, und diesmal ritt er nach Norden davon.

Die beiden Soldaten kamen ohne jede Eile auf Wilbur J. Lewellyn zu. Als nur noch etwa zwanzig Schritte sie von ihm trennten, legten sie ihre Winchesterbüchsen auf ihn an.

Lewellyn warf sich ins Gras, Mündungsfeuer blitzte, Schusslärm hallte durch die Nacht.

***

Ein harter Brocken, dieser Senator, alles was recht war! Nach der Pokerpartie hatte er den Pott in seinen Taschen verstaut – mehr als 7000 Dollar, wenn Holly sich nicht verrechnet hatte – und war an die Theke gegangen. Zwei Stunden war das her, und seitdem saß Holly neben ihm und machte ihm schöne Augen.

Zwei geschlagene Stunden lang! Und er schwadronierte über neue Eisenbahntrassen durch New Mexiko, den Krieg gegen die Sioux und irische Straßenbanden in New York City. Seit zwei Stunden! Und so nah an Hollys Seite, dass sein linkes Knie ihren rechten Schenkel berührte. Seit zwei Stunden!

Zum Glück kannte wenigstens Lester, der Barkeeper, sich mit Indianern und irischen Rowdies aus und stellte hin und wieder eine schlaue Frage. Holly hatte keine Ahnung, was mit den Iren in New York los war, wer dieser Sitting Bull war und was seine Rothäute wollten; all dieses Zeug interessierte sie nicht.

Sie wollte mit dem Senator ins Bett, weiter nichts. Ob er das noch kapieren würde, bevor die Golden Poker Hall an diesem Abend dichtmachte? Allmählich kamen Holly erste Zweifel.

Lester schenkte ihr auf Kosten des Senators den zweiten Champagner ein und dem glorreichen Turniersieger bereits den vierten Cognac. Zum ersten Mal schielte der jetzt auf ihre Brüste. Wenigstens das.

Schlimm genug, dass er es jetzt erst tat! Es gab nämlich kein schöneres Mädchen in Alexandria als Holly Good, und in der Golden Poker Hall sowieso nicht. So jedenfalls lautete die Meinung der meisten Männer in der Stadt, und natürlich teilte Holly diese Meinung mit ihnen.

Was aber von der Meinung keines Mannes und keiner Frau abhing und was einfach jeder, der Holly kannte, zugeben musste, war Folgendes: Holly Good hatte die größten Titten, die man an der gesamten Ostküste finden konnte.

Und genau die beäugte der gute Senator jetzt bereits zum zweiten Mal, und diesmal traute er sich, ein wenig länger hinzusehen. Holly spreizte ihr rechtes Bein so weit ab, dass kein Haar mehr zwischen ihren und seinen Schenkel passte. Sie lächelte ihn an – und er lächelte zurück.

Na also!

Lester beobachtete das Spielchen aus den Augenwinkeln, schmunzelte und wandte sich einem anderen Thekengast zu. Und der Senator vergaß endlich seine bescheuerten Iren, Indianer und Eisenbahntrassen. »Ich habe Sie die Woche über fast jeden Abend hier gesehen, Miss Good«, sagte er. »Leben Sie denn hier in Alexandria?«

»Nenn mich ›Holly‹«, hauchte sie und legte ihre Hand auf seine. »Du darfst das.«

Er hieß übrigens »Bertrand«, den Nachnamen hatte Holly vergessen. Interessierte sie auch nicht, um diese Dinge kümmerte Wilbur sich.

»Einfach toll, Bertrand, wie du eine Partie nach der anderen gewonnen hast«, hauchte sie.

»So, findest du?«

Ja, fand sie, auch dass er ein interessanter Mann war, fand sie und sagte es ihm, und manches mehr. So nahm das Gespräch endlich den Verlauf, den Holly sich wünschte.

Nicht, dass hier jemand etwas Böses denkt: Die Golden Poker Hall war ein seriöser Laden. Der bekannte Wilbur J. Lewellyn veranstaltete Pokerturniere in seinem Etablissement und weiter nichts.

Etwa jeden Monat fand ein größeres Turnier statt. Die Wochen davor gab es Ausscheidungspartien, und am letzten Wochenende des Monats dann ging es dann in die Vollen – die besten Pokerspieler der Ostküste trafen sich für zwei Tage in der Golden Poker Hall, und meistens spielten sie am Ende um einen richtig fetten Pott.

Weithin bekannt waren diese Turniere, bis hinunter nach Richmond und hinauf nach Philadelphia. Und im nahen Washington D.C. sowieso.

Nicht nur Profis kamen an Wilburs Spieltische – Reeder, Bankdirektoren, Kongressangehörige, Militärs; Männer, die Rang und Namen hatten. Und hin und wieder gewann eben ein Glückspilz wie der gute Bertrand, Senator seines Zeichens.

Wilbur konnte sich schon etwas einbilden auf seinen Laden, alles, was recht war. Wo steckte er überhaupt? Holly drehte sich um und ließ ihren Blick über die Tische schweifen. Doch nirgendwo entdeckte sie den Chef des Hauses.

Nun gut, er konnte schließlich nicht jeden Abend an seinen Spieltischen und an seiner Theke sitzen. Holly wandte sich wieder ihrem Senator zu, und was sah sie? Er starrte auf ihr Dekolleté. Natürlich guckte er schnell weg, doch zu spät. »Findest du mich schön?« Holly nahm seine Hand und legte sie auf ihren Schenkel. Er lächelte verlegen, ließ es aber geschehen.

So saßen sie eine Zeitlang und sagten kein Wort. Bertrand war bleich plötzlich, und der Adamsapfel in seinem dürren Hals tanzte auf und ab, dass Holly ihre Freude hatte.

»Ich gefalle dir, nicht wahr?«, flüsterte Holly. Er nickte. Immerhin. Sie rutschte vom Barhocker, sorgte dafür, dass ihr Busen seine Schulter berührte, und hielt dabei seine Hand fest. »Dann komm mit mir, Bertrand, ich zeige dir noch mehr...



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