E-Book, Deutsch, Band 2379, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Slade Lassiter 2379
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-5958-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bison Trail
E-Book, Deutsch, Band 2379, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7325-5958-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Die erste Patrone des Tages', sagte Elbert Coles und spuckte auf das Bleigeschoss Kaliber .54. Wie ein dicker zylindrischer Körper mit ovaler Spitze hockte es auf seiner matt schimmernden Messinghülse. Coles hob die Patrone mit Daumen und Zeigefinger in Augenhöhe und betrachtete sie andächtig im Licht der Morgendämmerung. In dem seitlich offenen, überdachten Güterwaggon herrschte noch Halbdunkel. Vor ihnen, über den Plains nördlich des Bahngleises, lag dichter Nebel. 'Mögen du und deinesgleichen heute viele, viele Leben auslöschen', sagte Elbert Coles zu seiner Patrone, leise genug, um dort draußen niemanden aufzuschrecken. Seine fünf Gefährten lachten lautlos. Und sie taten es ihm nach, als er die Patrone in die offene Kammer seiner Sharps Rifle legte. Wenn er die Kammer schloss, würde er damit das Zeichen geben. Dann konnte das Sterben beginnen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Coles war ein erfahrener Mann. Er kannte das Land, das Dakota Territory. Seine Gefährten vertrauten ihm und verließen sich auf seine Erfahrung als Anführer. Sie alle hatten früher in der US Army gedient und waren eine verschworene Gemeinschaft.
Sie befanden sich im nördlichen Teil des Territoriums, nahe der Grenze nach Minnesota. Es war ein gutes Land für Männer, die mit der Sharps umgehen konnten. Und das Sharps-Gewehr war eine hervorragende Waffe für Männer, die einmal als Scharfschützen ausgebildet worden waren.
Die effektive Reichweite der Sharps betrug tausend Yard. Elbert Coles und seine Männer hatten gute Vorkehrungen getroffen, um die herausragenden Eigenschaften des Präzisionsgewehrs nutzen zu können.
Die Railroad Company hatte eigens für die Zwecke der Scharfschützen Nebengleise eingerichtet, auf denen sie ihre Spezialwaggons parallel zum Hauptschienenstrang abstellen konnten und den regelmäßigen Zugverkehr nicht behinderten.
Die nach Norden gewandte Seitenwand des Waggons, den Coles und seine Gruppe an diesem Morgen benutzten, war hochgeklappt und zum Schutz gegen Windstöße auf dem Dach arretiert.
Die Männer saßen bequem auf gepolsterten Stühlen, nebeneinander in einer Linie, wobei sie die gesamte Länge des Waggons ausnutzten. Zwischen den Stuhlbeinen hatten sie Munitionskartons bereitgestellt, sowie Wasserflaschen und Päckchen mit Haferkeksen.
Jeder der Männer hatte vor sich eine fest im Waggonboden verankerte Dreibeinlafette stehen. Und jede der Lafetten trug ein Sharps-Gewehr mit langem achtkantigen Lauf und einer Visiereinrichtung, die in Zweihundert-Yard-Schritten auf Entfernungen bis zu einer Meile justierbar war.
Die Läufe waren auf das vor ihnen liegende Nebelfeld gerichtet. Es musste sich nur noch lichten.
Auf stundenlanges Ausharren waren die sechs Scharfschützen ebenso eingerichtet wie auf blitzschnelles Handeln. Dabei war die Einschüssigkeit der Sharps Rifle eigentlich ein Nachteil. Doch die Männer unter Elbert Coles würden ihn dadurch ausgleichen, dass sie zeitversetzt feuerten.
Wenn der sechste von Coles’ Männern sein 54er-Geschoss auf die todbringende Reise schickte, hatte Coles bereits nachgeladen, um die nächste Salve zu starten. Auf die Weise entstand ein nicht abreißendes Dauerfeuer, wenn auch nicht vergleichbar mit der hohen Schussfolge einer Gatling Gun.
Letztere war ohnehin nicht notwendig, denn die Zielobjekte galten als ausgesprochene Stoiker. Durch nichts ließen sie sich aus ihrer behäbigen Ruhe bringen – nicht einmal durch tödliche Kugeln.
Deshalb waren sie ein sicheres Geschäft – für Coles und seine Männer ebenso wie für ihre Auftraggeber. Und der Job ließ sich so einfach und bequem erledigen wie auf einem Schießstand.
Erste Sonnenstrahlen krochen von Osten her über das Land. Rasch erreichten sie die Ebene vor dem einsamen Eisenbahnwaggon und breiteten sich wie ein Lichtteppich unter dem Nebelfeld aus.
Ein Wald von kurzen, stämmigen Beinen tat sich auf. Dunkelbraunes Fell umhüllte viele von ihnen. Die Paarhufe waren im Präriegras versunken. Während das Sonnenlicht höher stieg, wurde auch das zottige Bauchfell der mächtigen Tiere erkennbar.
Büffel – so weit das Auge reichte.
Den Männern verschlug es den Atem, als das Sonnenlicht den Nebel mehr und mehr tilgte. Eine Büffelherde dieses gewaltigen Ausmaßes bekamen sie selten zu Gesicht. Der Tag versprach einen hohen Profit, noch bevor er richtig begonnen hatte.
Nelson Coles hob langsam die rechte Hand.
Ebenso langsam ließ er sie sinken und erfasste den Ladehebel der Sharps.
Dann, als sich die Patronenkammer mit langsamem, metallischem Gleiten und Klicken schloss, vervielfachte sich das Geräusch, und die Hölle brach los.
Bersten, Krachen und Schmetterschläge hüllten die Männer ein. Ihre Schreie gingen in ohrenbetäubendem Lärm unter. Holzsplitter und ganze Bretter flogen ihnen um die Ohren. Sprenggeschosse hieben den Waggon in Stücke und schüttelten die Büffeljäger durch, bis sie wie leblose Gliederpuppen in den Trümmern versanken.
Zwei oder drei Sharps Rifles waren ebenfalls getroffen worden. Zusammen mit den Dreibeinen flogen sie durch die Luft und landeten am Rand des flachen Bahndamms. Die übrigen Gewehre und ihre Lafetten kippten über die Waggonkante und blieben neben dem Gleisbett liegen.
Weder Coles noch einer seiner Gefährten hatten auch nur einen einzigen Schuss abgefeuert.
***
Wolken von Pulverrauch stiegen aus dem Unterholz am Waldrand auf. Ein kräftiger Wind aus nördlichen Richtungen erfasste das schwarzgraue Gewölk und trieb es in die Baumkronen des Laubwalds, die den Pulverrauch aufsogen wie ein Filter. Nur noch matt schimmerten die ersten Herbstfarben des Blattwerks durch das Grau.
Zwanzig Krieger vom Stamm der Oglala Sioux harrten im Schutz des Dickichts aus, während drei weitere die Hotchkiss-Maschinenkanone bedienten. Mit zuverlässiger Regelmäßigkeit hämmerte das Geschütz Schuss um Schuss aus seinem Laufbündel. Dank der guten Tarnung waren von der mächtigen Waffe nicht mehr als die Mündungsblitze zu sehen, die aus Blättern und Zweigen des Buschwerks stachen.
Die Büffelschlächter in ihrem Eisenbahnwaggon hatten sich völlig sicher gefühlt und sich deshalb nicht erst die Mühe gemacht, das Terrain zu sondieren. Die bewaldete Anhöhe, auf der die Oglala Stellung bezogen hatten, befand sich gut eine Meile südöstlich von dem Waggon, also außer Gewehrschussweite.
Selbst für eine Sharps Rifle war die Entfernung zu groß, und daher schied die Anhöhe als Gefahrenbereich aus. So hatten sie kalkuliert, diese weißen Hurensöhne, die sich Büffeljäger nannten. Ein Fehler, der sie nun das Leben kostete.
Denn die wirksame Reichweite der Hotchkiss-Maschinenkanone betrug zweitausend Yard.
Nick Blackwolf, der Anführer der Oglala, konnte kein Mitleid für die Gegner empfinden. Es erfüllte ihn mit Genugtuung, sie dort in ihrem Waggon sterben zu sehen. Diese Männer führten in seinen Augen das weiter, was die US Army offiziell beendet hatte – die sogenannten Indianerkriege.
Sie taten es mit anderen Mitteln. Indem sie den amerikanischen Bison vollständig und für immer ausrotteten, entzogen sie den rechtmäßigen Eigentümern und Ureinwohnern dieses Landes endgültig die Lebensgrundlage. Das machte die Indianerstämme mehr und mehr von den weißen Eindringlingen und ihren viel gerühmten Errungenschaften abhängig.
Dagegen lehnten sich Männer wie Nicholas »Nick« Blackwolf und seine Getreuen auf. Sie und viele Gleichgesinnte hatten den Reservationen den Rücken gekehrt und kämpften weiter für die Freiheit ihrer Völker. Sie taten es aus geheimen Schlupfwinkeln heraus, wie hier, im Cass County, North Dakota.
Und sie bedienten sich der Waffen, die der weiße Mann zuvor eingesetzt hatte, um die ersten und wirklichen Amerikaner gnadenlos auszurotten. Die Maschinenkanone hatte Nick Blackwolf während eines Überfalls auf ein Army-Depot am Red River gestohlen. Wegen der Truppenreduzierungen hatte sich das Depot in Auflösung befunden und war inzwischen vollständig aufgegeben worden.
Nick Blackwolf richtete sich hinter der Hotchkiss auf und gab den Befehl, das Feuer einzustellen. James Whitehorse hörte auf, die Kurbel zu drehen, und die Maschinenkanone verstummte. Ron Eaglewing stellte seine Tätigkeit als Lader ein und legte die Zehner-Munitionsstreifen beiseite, mit denen er die Waffe bis eben gefüttert hatte.
Nick Blackwolf spähte über das Zweigwerk des Unterholzes hinweg. Die Tarnung am Dickichtrand war überflüssig geworden, denn unten beim Nebengleis gab es kein Zeichen von Leben mehr.
Der Waggon hatte sich in einen Schutthaufen aus Holzsplittern, geborstenen Brettern und verbogenem Gestänge verwandelt. Kleine Rauchfahnen stiegen daraus auf. Die Sprenggeschosse hatten einige der besonders feinen Splitter wie Zunder in Brand gesetzt.
Erste züngelnde Flammen bestätigten Blackwolfs Feststellung. Er stimmte Triumphgeheul an. Seine Krieger, die sich nun ebenfalls aufrichteten, fielen mit ein. Verglichen mit ihnen, hatte er die dunkelste Hautfarbe. Alle wussten, dass er sie von seiner Mutter geerbt hatte.
Er war ein großer Mann mit breiten Schultern und kräftiger Statur. In seinem scharfgeschnittenen Gesicht dominierten die Augen von ungewöhnlich hellblauer Farbe.
Seine Kleidung glich der seiner Gefährten. Ihre Hosen bestanden aus jenem dunkelblauen Stoff, der sich Denim nannte und wegen seiner Robustheit bei den weißen Eindringlingen überaus beliebt war. Dazu trugen sie naturfarbene Leinenhemden und dunkelbraune Lederwesten.
Ihre Kavalleriestiefel stammten ebenso aus Raubzügen wie der Rest ihrer Kleidung.
Nick Blackwolfs Stamm, die Oglala Sioux, war in der Pine Ridge Reservation im südlichen Dakota untergebracht worden. Die Oglala gehörten zu jenen einst stolzen und mächtigen Nationen der Plains-Indianer, die gegen die Armee der Bleichgesichter gekämpft hatten.
Unter Sitting Bull waren sie in eine historische Schlacht gezogen und hatten General George Armstrong Custer und seine Seventh Cavalry vernichtend geschlagen. Nicks Vater, ein ruhmreicher Oglala-Krieger namens Black Wolf, war in dieser Schlacht gefallen.
Elf Jahre zuvor, nach dem Ende des Bürgerkriegs, war Nicks Mutter, eine schwarze Kreolin und ehemalige Sklavin, umhergeirrt und von den Indianern aufgenommen worden.
Black Wolf hatte sich in sie verliebt, und sie hatte seine Gefühle erwidert. Nick war nicht nur das sichtbare Zeichen dieser Liebe, er hatte von seinen Eltern auch deren...




