E-Book, Deutsch, Band 3, 596 Seiten
Reihe: Die Knight-Saga
Smith Die Sünde eines Sohnes
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-567-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. Die Knight-Saga, Band 3 | Glanz und Zerfall einer Familie um die Jahrhundertwende
E-Book, Deutsch, Band 3, 596 Seiten
Reihe: Die Knight-Saga
ISBN: 978-3-98690-567-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Smith promovierte in Harvard und war Dozentin für Filmwissenschaft und Literatur des 18. Jahrhunderts, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Ihre Romane über die Familie Knight wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und erlangten Bestsellerstatus. Für ihre weiteren Bücher erhielt sie u. a. den »Agatha Christie Award«. Sie lebte längere Zeit in Paris, Japan und London und wohnt heute mit ihrer Familie in Boston. Die Website der Autorin: www.sarahsmith.com/ Bei dotbooks veröffentlichte Sarah Smith ihre große »Knight Saga« mit den Romanen »Der Fall des Erben«, »Die Schatten einer Familie« und »Die Sünde eines Sohnes«.
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Kapitel 1
Wie sagt man seinem Sohn, daß man einen Mord begangen hat?
Alexander Reisden machte der Mord nicht länger zu schaffen. Er hatte seine Schuldgefühle überwunden (überwunden, dachte er, so wie man eine schwere Erkältung überwindet); es ging ihm gut, zumindest einigermaßen. Aber so ein Mord hatte Auswirkungen auf die Familie. Er war wie eine Krankheit, die ein Opfer nach dem anderen forderte. Und Toby war noch so klein, seine Fingerchen umklammerten so vertrauensvoll den Daumen seines Vaters. Reisden vergötterte den Kleinen. Aber eines Tages, eines schrecklichen Tages, würde Toby alles erfahren.
Vielleicht verzieh Toby ihm, vielleicht hatte er großmütiges Verständnis. Aber wie würde er das Ganze verkraften?
Reisden hatte den Mord mit acht Jahren begangen. Es hatte seine Gründe gehabt, es war notwendig gewesen. Aber niemand weiß so etwas, wenn er acht Jahre alt ist. Toby würde die Wahrheit erfahren, aber Reisden hoffte inständig, ihn so lange davor beschützen zu können, bis er wesentlich älter war als acht.
Seine Sorge war wirklich krankhaft. Toby war erst siebeneinhalb Monate alt. Er hätte ihn hochnehmen und ihm ins Gesicht sagen können: »Dein Papa hat seinen Großvater umgebracht«, und er hätte lediglich gurgelnd gelacht und versucht, nach seiner Nase zu fassen.
Im Grunde wollte Reisden Toby überhaupt nie etwas davon erzählen, und er wollte auch nicht zulassen, daß es jemand anders tat. Toby sollte nie von dem verrückten William Knight erfahren, von Richard Knight oder all den Schrecken, die Kindern widerfahren konnten. Seinem Sohn sollten diese Dinge erspart bleiben.
Es gibt ein Märchen, in dem es ähnlich zugeht, es handelt von liebenden Eltern, einem Fluch und den ganzen Spindeln eines Königreichs, aber Reisden kannte das Märchen nicht. Er wußte nur, daß ein Vater seinen Sohn beschützen mußte.
Genau wie die Mutter, überlegte Reisden, aber Perdita schützte Toby nicht.
Das erste, was sie nach Tobys Geburt gesagt hatte, war, wie froh Gilbert sein würde. Sie schrieb Gilbert jede Woche. Sie schickte ihm Geschichten über Toby, Photographien von Toby, eine Locke von Toby, um die sie ein Bändchen gewickelt hatte. Bitte nicht, dachte Reisden im stillen, um Gottes willen, strafe Toby nicht mit Gilbert Knight.
Gilbert war diskret genug, sich fernzuhalten, aber Perdita bestand darauf, ihm weiter zu schreiben.
Reisden schalt sie statt dessen wegen ihrer Augen, was nicht fair war. Perdita wollte unbedingt hinaus auf die Straßen von Paris, nur mit Toby und ihrem weißen Stock. »Laß das Kindermädchen mit ihm spazierengehen.«
»Aber ich bin gern draußen«, entgegnete sie sanft, »und außerdem muß ich lernen, mich auf den Straßen zurechtzufinden.«
»Nicht mit ihm.«
»Glaubst du, daß ich nicht vorsichtig bin, Alexander?«
Er hatte seine Zweifel. Sie war leichtsinnig. Sie konnte nur noch Farben und schemenhafte Umrisse erkennen; sie würde möglicherweise Tobys Kinderwagen auf die Straße schieben, ohne den Bus oder das Pferd zu sehen. Ihm war, als spürte er den Zusammenprall am eigenen Körper. Er machte sich schreckliche Sorgen um seinen Sohn; irgendwann, irgendwie würde ihm etwas Schlimmes zustoßen.
Sie war unvorsichtig, was Gilbert betraf.
Sie ist waghalsig, hatte er einmal von der intelligenten, widerspenstigen, schönen jungen Frau gedacht, in die er sich verliebt hatte, lange bevor sie die Mutter seines Sohnes geworden war. Der Gedanke machte ihn traurig. Er liebte sie.
Auch das war krankhaft, dachte er; auch das vielleicht eine Art Mord, das langsame Sterben, das eine solche Tat in der Familie auslöste.
»Seid ihr besorgt um eure Kinder?« fragte er andere Väter. Ja, antworteten sie, natürlich waren sie das.
Konkreter konnte Reisden nicht werden, wenn es darum ging, was mit seiner Familie nicht in Ordnung war.
Finanzielle Sicherheit, wenigstens hierfür ließ sich sorgen.
General Lucien Pétiot sah aus wie der Weihnachtsmann in seiner himmelblauen Uniform; er hatte einen weißen Rauschebart, blitzende blaue Augen und war bei der französischen Armee für die Beschaffung (Abteilung Medizin) zuständig. General Pétiot kaufte tonnenweise Verbandsmaterial, Fässer voller Merkurochrom, Berge von Hustenpastillen – und Tests für die französische Armee. Intelligenztests, psychologische Tests; jeder Mann in Frankreich diente drei Jahre beim Militär; die Streitkräfte mußten wissen, wo potentielle Offiziere zu finden waren, aber auch, wo sich potentielle Probleme verbargen.
Reisdens Firma, die Jouvet-Klinik, Medizinische Analysen, erstellte psychologische Gutachten für Gerichte und entwickelte spezielle neurologische Tests für Krankenhäuser in ganz Europa. Jouvet war in der Lage, Berthets Intelligenztest auf große Gruppen auszudehnen. Kurz nach Tobys Geburt im September 1910 wandte sich Reisden das erste Mal an Pétiot: »Wir möchten die Streitkräfte mit medizinischen Tests und neurologischen Erkenntnissen auf Vordermann bringen.«
»Sie sind ein ehrgeiziger Mann.«
»Ich habe einen Sohn.«
Während der nächsten sechs Monate trafen sich Reisden und Pétiot regelmäßig zum Abendessen, fachsimpelten ganze Nachmittage lang über den Stand der Medizin in Frankreich, tauschten Ansichten aus, kritisierten die Regierung, tasteten sich gegenseitig ab. Pétiot besichtigte das halb fertige Klinikgebäude, das sich nach den großen Überschwemmungen von Paris im Wiederaufbau befand. »Sie wollen das Geld«, sagte Pétiot, während er das teure neue Labor bewunderte. »Ich will den Auftrag«, erwiderte Reisden. »Lassen Sie mich mit Ihren Mitarbeitern sprechen«, sagte Pétiot. Im Verlauf des Winters gehörte Pétiot bald ebenso selbstverständlich zum Inventar der Klinik wie die Katze der Concierge; ständig tauchte er bei Mitarbeiterbesprechungen auf, stöberte an der Werkbank eines Technikers herum oder lauerte vor den verschlossenen Türen des berühmten Archivs der Klinik.
An einem kalten Aprilmorgen des Jahres 1911 kam Pétiot in Reisdens Büro und ließ die Bombe platzen.
»Mit dem Angebot gibt es nur ein Problem, Reisden. Und dieses Problem sind Sie. Ihr Hintergrund.«
Sie saßen auf nicht ausgepackten Bücherkisten, inmitten von Chaos. Die Wände waren erst zur Hälfte tapeziert, der Lack der Holzvertäfelung war noch frisch, die Luft roch nach feuchtem Putz.
»Politisch ist dies ein ungünstiger Moment«, meinte Pétiot. »Deutschland hat sich mit Spanien und Österreich-Ungarn verbündet und bedroht uns; das französische Heer ist zahlenmäßig klein und schlecht ausgerüstet; und genau in diesem Augenblick beschließt der Intelligenteste der Von-Loewenstein-Waisen, daß er mit uns kooperieren will. Da fragt man sich, was Sie eigentlich im Schilde führen. Hat sich Leo von Loewenstein nicht auch immer so ausgedrückt?«
»Die Geschichte von den Waisen ist ein Märchen.«
»Ein Märchen, natürlich, ja«, sagte Pétiot. »Aber Tatsache ist, daß einer der sagenumwobenen Waisen eine französische Klinik besitzt, die medizinische Analysen vornimmt – Analysen von der Sorte, die peinliche Enthüllungen über Militärs und Regierungsbeamte zu Tage fördern könnten.« Pétiot runzelte die Stirn. »Einige Leute sind ziemlich beunruhigt.«
»Ich bin mir der schwierigen Situation bewußt.«
»Das dachte ich mir.«
Pétiot hatte eine schmale Ledermappe mitgebracht, die er nun auf eine der Bücherkisten legte und öffnete. »Alexander von Reisden«, las er laut vor, »1879 in Südafrika geboren, einziger Sohn des Baron Franz von Reisden, ja, ja, 1889 adoptiert von Graf Leo von Loewenstein, einem Diplomaten.« Pétiot sprach das Wort Diplomat gedehnt aus und zog dabei seine weißen Augenbrauen in die Höhe. »1898 machten Sie die Schwester eines radikalen Russen zu Ihrer Geliebten. Loewenstein wollte Näheres über die Radikalen wissen. 1900 heirateten Sie Ihre Geliebte, aber sie verstarb noch im gleichen Jahr – sehr traurig. Im Oktober 1906 zogen Sie nach Paris, erwarben Anfang 1907 die Klinik. Und im Januar 1910 haben Sie Perdita Halley geheiratet, die Erbin des amerikanischen Millionärs Gilbert Knight.«
»Tasy wußte nichts von Michails Machenschaften, und Perdita ist nicht Gilberts Erbin.«
»Erzählen Sie mir von Gilbert Knight«, verlangte Pétiot.
Reisden drückte auf ein geschnitztes Laubblatt an einem der Regale, worauf ein Teil der Vertäfelung zurückschwang. Dahinter kam eine frisch gestrichene Treppe zum Vorschein, die hinauf zu Reisdens Apartment führte. Entlang der Treppe hingen Photographien von Toby, Perdita und ihren Freunden: Roy Daugherty, Suzanne Mallais, Reisdens Neffe Tiggy und dessen Hund. In der hintersten Ecke zwischen den Fenstern hing ein kleines, unscheinbares Bild. Reisden holte es hervor und reichte es Pétiot. »Gilbert Knight«, sagte er.
Pétiot betrachtete die Photographie, schaute dann auf zu Reisden. »Eine verblüffende Ähnlichkeit. Wirklich bemerkenswert.«
»Seine Anwälte fürchteten, ich könnte ein bislang unbekannter Verwandter sein«, sagte Reisden. »Möglicherweise sein Neffe Richard, der als verschollen gilt. Aber dem ist nicht so.« Eine überflüssige Bemerkung, dachte er.
»Eine amerikanische Herkunft hätte sich für Sie nicht schlecht gemacht. Besser zumindest als die Verbindung zu Loewenstein.«
»Wer genau hat denn etwas gegen mich einzuwenden?«
Pétiot fuhr sich nachdenklich durch seinen Bart. Reisden hob fragend die Brauen.
»Maurice Cyron«, sagte Pétiot schließlich.
»Cyron?« Reisden legte Gilberts Bild auf einer der Bücherkisten ab.
»Wieso mag Cyron Sie nicht?«
»Ich habe einmal etwas getan,...




