Snela | Ja, Schnecke, ja | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Snela Ja, Schnecke, ja

Roman | Nominiert für den Anna-Haag-Preis und den Franz-Tumler-Literaturpreis
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12401-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Nominiert für den Anna-Haag-Preis und den Franz-Tumler-Literaturpreis

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-608-12401-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



SWR-Bestenliste März 2025 Nominiert für den Franz-Tumler-Literaturpreis 2025 »Wie lange es noch diesem Wahnsinn standhält, das an und für sich ja wohl standhafte Haus?« Jan Snela erzählt in seinem Roman von dem großen Durcheinander, in dem wir stecken: wir Menschen, wir Tiere, wir Pflanzen. Davon, wie wir einander begegnen können. Und von der Liebe in ihren mannigfaltigen Spielarten: zwischen einem Mann und einer Frau, zwischen Robotern, Menschen und anderen Lebewesen, zwischen östlicher und westlicher Tradition. »Jan Snelas eigentliches Thema ist die Sprache, die er wählt - oder die ihn wählt - für diese Geschichte aus der fantastischen Welt eines einsam in seinem Zimmer zurückgelassenen Dichters epischer Kurznachrichten. Kaum ein anderer Autor seiner Generation schafft es, Poesie und Komik so miteinander zu verquicken, dass sie auch noch identisch sind.« Katja Lange-Müller Dass es Amanda an die japanische Frauenuniversität nach Nara zieht, um eine außergewöhnliche Schneckenart zu untersuchen, ist ihrem Freund Hannes suspekt. Die Elysia Marginata kann sich von ihrem Körper trennen, und auch Hannes fühlt sich, alleingelassen mit Amandas Mäusen Isidor und Isadora, wie ein abgeworfenes Schneckenglied. Flieht Amanda vielleicht gar vor ihrer gemeinsamen Zukunft? Lieber nicht zu viel darüber nachdenken. Stattdessen: Überlange Textnachrichten an Amanda, die Mäuse ignorieren, das Haus nicht verlassen. Die verfahrene Situation ändert sich erst, als Hajo in Hannes' Leben tritt, dessen Zuneigung aber eigentlich dem Mäusepaar gilt ... Mit einem glänzenden Sinn für Humor entlockt Jan Snela der Sprache - mal in fluffiger Haibun-Prosa, mal in betörenden Haiku-Miniaturen - die ihr innewohnende Fantasie und erkundet, welche bemerkenswerten Antworten auf die großen Fragen unserer Gegenwart sich hinter dem Geheimnis von Augenblick und Vergänglichkeit verbergen. »Hier will einer partout nicht akzeptieren, dass der Alltag grau ist.« Jan Wiele, FAZ zu »Milchgesicht« »Eine kleine Revolte gegen die Festgefahrenheit des Lebens« Leo Schwarz, Die Zeit zu »Milchgesicht«

Jan Snela, geboren 1980 in München, studierte Komparatistik, Slawistik und Rhetorik. Seine Texte erschienen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. gewann er den Open-Mike-Wettbewerb. »Milchgesicht« ist sein Debüt.
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Wach


Soll der Rest des Planeten doch weiter im Dunkeln dümpeln, in Nara bewegt sich schon flink jedes Glied. Amaterasu-o-mi-kami, die am Himmel erscheinende Göttin, hat sich aus ihrer schmollenden Felsenhöhle ins Licht ihrer selbst geschwungen. Jetzt spielt sie mit ihrem Spiegel, in dem jedes Tier, jeder Mensch, jedes Ding, jede Pflanze aufblitzt – für den Augenblick ihres Weilens in dieser flüchtigen Welt. Vorüberfliegend, wie sich ein Kranich en passant in einem Tautropfen auf einem schwankenden Grashalm spiegelt – so gebärdet sich, was sich zeigt.

Eine Studentin joggt durch den Park.

Mit Bewegungen, die doch sehr dem Kraulen ähneln, schwimmt sie mehr, als dass sie laufen würde, durchs Schwitzen der Luft.

Ein älterer Herr summt ein Kinderlied und dünstet den in Streifen geschnittenen Lachs in einem nachtblauen Topf, wo er zusammen mit der Brühe von getrocknetem Fisch, der Misopaste, gehackten Frühlingszwiebeln und Tofu-Würfeln, den Wakame- und Kombu-Algen, ein paar Enoki-Pilzen und einigen Fitzeln vom in Essig eingelegt-herben Takuan-Rettich ein geduldiges Weilchen zu köcheln haben dürfte.

Aber was ist die Garzeit noch der geduldigsten Suppe gegen den Lauf der Zeit.

In einem mit Qi-Technologie ausgestatteten Körbchen öffnet ein Roboter-Hund sein Maul, ein Gähnen simulierend, sich unter Schauern schüttelnd, mit denen die Updates durch sein elektrisches Innenleben zucken.

Eine Fliege reibt sich mit ihren Frottee-Beinchen die Frottee-Beinchen trocken.

Auch Amanda ist wach.

Seit einer geplätscherten Stunde, auf die ihr von hier bekannte, grünteeherbsanfte Art. Wach in der Weise, in der sich nach und nach eine Blüte öffnet, unbändig-smooth.

Wach wie noch schlafend. Wach wie ein Fisch unter Wasser. Wach wie eine flimmerfeine Figur in jemandes Traums nicht müd wird, sich wach zu zeigen. Wach nicht zuletzt, wie ein Taifun jäh aufschreckt aus der Resignation einer Regenwoche.

Wach, wach, wach, wach, wach, wach, wach!

Das Morgenupdate.

Aus meiner Grünteeschale

steigt neues Ki

Termin


Nara.

Was Amanda hier tut?

Sie forscht! Staatlich gefördert. Auf ihrem Gebiet. An erstaunlichen Ausgeburten der Autotomie – der Fähigkeit eines Lebewesens, sich von einem Teil seiner selbst zu trennen. Zur Optimierung der Flucht.

Am Nachmittag wird sich Amanda im Meeresbiologischen Institut mit Sakaya treffen. Drei Tage, von morgen an, soll sie eigenständig die dort residierenden Meeresschnecken checken.

Das heißt, ihren Beitrag leisten zur Erforschung einer der bedeutsamsten Entdeckungen des Jahrzehnts.

Einmal am Tag wird sie das Wachstum der sich regenerierenden Leiber, die Temperatur des Wassers messen. Dann den lumineszierenden Grünlinginnen etwas zum Snacken in die wabernden Schlundsackmäulchen stecken.

Dafür wird sie heute gebrieft.

Manchmal fühlt es sich immer noch an wie ein Traum.

Dass sie tatsächlich hier ist.

Allein.

In ihrem Zimmer (Kategorie Single Researcher, Monatsmiete: 7500 Yen) im International House der Frauen-Uni in Nara, Nara, das es tatsächlich gibt, kniet Amanda im Fersensitz auf einer Tatamimatte und nippt an einer brutalistisch getöpferten Schale voll grünen Tees, die aussieht, als ginge einer daran der Mund in Fetzen.

An der Kante eines niedrigen Tisches lehnend, gestützt auf die Oberschenkel, leuchtet ein Tablet, auf das sie tippt.

Bevor sie gleich rausgeht, sich treiben lässt, entlang der die Stadt durchädernden, aus Wolken wie Windeln von Sumoringern gestürzten Bäche – plätschernder Saum der Montur des Monsuns –, hat sie hier drinnen noch was zu tun.

Schlundsackschnecken –

Mit feuchten Fingerspitzen reicht dir

die Stadt ihre Brut

Einkauf


Amanda dragt & dropt eine türkisblaue Packung Hafermilch von ganz rechts oben im Regal mit den veganen Milchprodukten im virtual space des Online-Händlers bioniamnio in ihren Einkaufswagen. Und nochmal, und nochmal.

Dann swipt sie sich zum nächsten Regal.

In den Einkaufswagen fällt mit dem fidelen Sound eines vom Pfeifen des Flugwinds begleiteten Schepperns eine Kilotüte Espresso. Dann, merklich leiser eine Packung Kitty Kekse, bei deren Anblick Amanda ein so noch nie empfundenes Wirbeln und Wühlen und forsches Flimmern in ihren Eingeweiden wahrnimmt. Ein wenig so, als ob ihr Körper sich von innen nach außen stülpte. Ein flaues Erinnern an etwas, das sie wie eine Angst vor der Zukunft anhaucht.

Amanda klickt sich zu den Lebensmitteln aus aller Welt, swipt sich vorbei an Guatemala, Honduras, Polen … zu den japanischen Lebensmitteln.

Ein Glas Edamame-Schoten, ein Gläschen Natto, ein Schächtelchen Shiso-Kresse, ein Tübchen Wasabi-Paste, ein Döschen Panko-Pulver … landen boing boing boing boing im Einkaufswagen. Dem amerikanischen Regal entnimmt sie eine Packung American Toast.

Genug.

Sie swipt sich zur Kasse.

Die App, Amanda kennt es schon, schaltet von nutzerinnenfreundlich-gameifiziert zu seriös-kompliziert. Sie befüllt die Textfelder für den Namen des Adressaten Herr/Frau Hannes Gingelhuber, für die Adresse Jakob-von-Uexküll-Straße 81, die Kreditkartennummer xxxxxxxxxxxx9999, drückt dann den Button Einkauf an diese Adresse senden und schließlich Kostenpflichtig bestellen.

Sie nennt’s ›den Dämon ihres Hierseins füttern‹. Die Alimentation der Distanz.

Schlechtes Gewissen?

Japanische Lebensmittel für

einen hungrigen Geist

Meister Fisch


Amanda erhebt sich von der Tatami-Matte. Von ihren vom Darauf-Sitzen flauen Fersen und Zehen. Sie wartet, bis anstelle der entschlafenen Extremitäten eines okzidentalen Gespensts wieder der Transportationsfunktion gewachsene Füße spürbar werden und begibt sich, vorsichtig tappend, als könnte unter jedem Schritt der elastische Boden sich jäh in sich selbst verlieren, in ihr winziges Bad.

Kuraokami, der Herr der Niederschläge, ächzt einmal auf zum Protest, als Amanda den Drehknauf der Dusche nach links dreht. Als wolle er anmerken, dass er draußen zurzeit genug zu regnen habe. Dann schluchzt er los.

Seine gebirgsgewitterschaudernden Tränen laufen Amanda über die Schultern, die Brüste, die Arme und Beine runter.

Ah. Das tut gut.

Sie könnte den ganzen Tag lang hier stehen bleiben. Bezüglich ihres Zerfieseltwerdens durch die Finger der Feuchte draußen ist schließlich kein Unterschied bemerkbar.

In Sachen Kühle allerdings schon.

Amanda schließt die Augen und sieht, nanu, den Kaiserschnapper aus dem Kaiyukan in Osaka wieder.

Was war das doch nur für ein Ah- und Oh-Geraune, vor den Aquariumfenstern … Erstaunter Tauchgang der Unbekiemten in diesem zehnstöckigen Imitat eines Meers …

Mit der Eindringlichkeit eines Zen-Mönchs sah der Kaiserschnapper sie an.

Öffnete und schloss seine Lippen. Erzählte ihr, wie es sich so verhält mit der diese Insel umtosenden Ozeanweite.

Nämlich unendlich still.

»Meister Fisch, Meister Fisch. So kommst du also zu mir zurück.«

Denkt Amanda, die Augen öffnend, am Drehknauf drehend.

Der Kaiserschnapper verschwindet wieder. An seiner statt schwimmen das Duschgel, der Cleansing-Schaum, das an einer feinen Schnur an einem Haken hängende Konjac-Schwämmchen zur Jeweiligkeit ihrer Gestalt zusammen.

Der Duschstrahl versiegt.

Fließende Keller

schäumende Dachgeschosse

Architektur des Meers

Pling Pling


Amanda trocknet sich gar nicht erst ab, bevor sie in einen Slip schlüpft, sich in den malvenfarbenen BH aus Naturholzfasern, ihre luftigste Hose, ihre atmendste Bluse heddert.

Sie holt ihr Smartphone aus seiner Plastiktüte und klickt auf den Flugzeugbutton.

Sofort macht es Pling.

Pling, Pling, Pling, Pling, Pling, Pling, Pling.

Und Pling.

Hannes lässt seine Weisheit tröpfeln.

Die Worte Issa, Haiku und Kashiwabara haben Amanda schon angesprungen, bevor ihr gelungen ist, den Blick von den grauen Blasen abzuwenden, die aus dem Maul des Messengers in ihr Hiersein ploppen.

Amanda zögert – und öffnet den Thread.

In einer Nachricht referiert Hannes über die Furcht- und Fruchtbarkeit des japanischen Klimas. Amanda erfährt, dass der Monsun – der etymologisch übrigens von einem arabischen Wort für »Wetter« stamme – dem Wort mausim – die darin lebenden Menschen zu Gelassenheitsadepten mache. Er stimme sie passiv und resignativ. Zugleich aber in eine Bejahung des Unverfügbaren, Ereignishaften. Von Gewächs und Geburt.

In der nächsten Nachricht lässt sich Hannes aus über die darauf zurückzuführende ausgeprägte Kinderliebe der Japaner, die nachgewiesenermaßen mindestens bis ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht. Er erörtert die Verhätschelung als Prinzip und Ursache der den japanischen Charakter konstituierenden adulten Infantilität.

Ob Amanda wisse, dass man in Japan nichtverheiratete, kinderlose, die fünfundzwanzig...


Snela, Jan
Jan Snela, geboren 1980 in München, schreibt Erzählungen, Gedichte, Essays und Hörstücke. Für seine Texte erhielt er verschiedene Stipendien und Preise, u.?a. war er Gewinner des Open-Mike-Wettbewerbs. 2016 erschien sein von der Kritik gefeierter Erzählungsband »Milchgesicht«, der mit dem Clemens-Brentano-Preis aus-gezeichnet wurde. »Ja, Schnecke, ja« ist sein Debütroman.

Jan Snela, geboren 1980 in München, studierte Komparatistik, Slawistik und Rhetorik. Seine Texte erschienen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. gewann er den Open-Mike-Wettbewerb. 'Milchgesicht' ist sein Debüt.



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