E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten
Reihe: Fox Runner
Sparkes Fox Runner – Flucht in die Wildnis
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7336-0340-3
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
(Band 3)
E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten
Reihe: Fox Runner
ISBN: 978-3-7336-0340-3
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ali Sparkes arbeitet als Journalistin und BBC-Moderatorin und nutzt ihre Söhne regelmäßig als häusliche Versuchskaninchen für ihre Kinderbuchmanuskripte - ihrer Ansicht nach ein fairer Tausch dafür, dass man sie als wandelnden Speise- und Getränkeautomat behandelt. Bevor Ali Sparkes als Produzentin und Moderatorin zu BBC Radio Solent kam, war sie als Lokalreporterin und Kolumnistin tätig. Schließlich entschloss sie sich, ihre sichere Stelle aufzugeben, um sich nur noch dem Schreiben von Drehbüchern und Manuskripten zu widmen. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Southampton. ?Zeitsprung ins Jetzt? wurde 2010 mit dem Blue Peter Book of the Year Award ausgezeichnet.
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Kapitel 1
Ein Kitzeln an seinen Füßen. Vergraben unter der Steppdecke berührten seine nackten Zehen etwas Komisches. Etwas, das ihn kitzelte.
Dex Jones wälzte sich im Bett von rechts nach links, während allmählich lilablassblaues Licht durch seine geschlossenen Augenlider drang. Er drehte sein Kissen auf die kühle Seite, um ein bisschen Erfrischung zu bekommen, legte sich wieder hin und drückte erneut aus einem Instinkt heraus die Beine durch. Da kitzelte etwas.
Vor Schreck zog er die Füße ruckartig zurück und richtete sich in seinem Bett auf, wobei er fast mit dem Kopf gegen das niedrige Regalbrett stieß, das mit Metallwinkeln an der Wand befestigt war. Dex’ Herz raste. Da war etwas Seltsames in seinem Bett. Etwas wirklich Gruseliges. Er flimmerte und hätte sich fast verwandelt, doch er brauchte seine Hände, um die Steppdecke wegzuziehen.
Er holte tief Luft, beugte sich vor, packte das pinkfarbene Bettzeug, schnippte es beiseite – und erschrak fast zu Tode, als er die Augen sah. Starrend, blau, bewegungslos. Leblose Augen im Gesicht eines abgetrennten Kopfes. Es waren die seidig blonden Haare, die seine Zehen gekitzelt hatten. Dex schrie nicht. Er schauderte und kam auf die Beine, dann hämmerte er an die Wand und brüllte: »ALICE!«
Einen Tick zu schnell lief seine achtjährige Halbschwester herbei, was augenblicklich Dex’ Misstrauen weckte. »Was?«, fragte sie unschuldig, zog ihren rosa Morgenmantel enger um sich und sah ihn mit einem aufgesetzten Stirnrunzeln an.
Dex verengte die Augen zu Schlitzen, als er ihren Blick erwiderte, und deutete dann auf den Kopf in seinem Bett. Dieser starrte noch immer reglos an die Zimmerdecke, ein wächsernes Lächeln auf den Lippen. Blutroter Lippenstift war über die Rundung einer steifen Wange verschmiert.
»Oh! Da bist du, Barbie!«, gurrte Alice und klemmte sich, wie der Geist von Anne Boleyn, den Kopf unter den Arm, wobei sie boshaft lächelte. Diese fast lebensgroßen Plastikpuppenköpfe auf ihren schulterförmigen Sockeln verkaufte man in rauen Mengen an kleine Mädchen, die mit Frisuren und Schminke spielen wollten. Üblicherweise stand der Kopf auf Alice’ Frisierkommode, geschmückt mit Bändern und Haarklammern und zugekleistert mit Glitzerlidschatten und Erdbeerduftlipgloss. Das allein war schon ekelerregend, aber die Vorstellung, dass Dex ihn mit den Zehen berührt hatte, konnte das noch toppen. Er zog eine angewiderte Grimasse.
»Wenn du das noch mal machst, steck ich das Ding in Dads Schraubstock und dreh am Hebel, bis die Augen rausploppen!«, knurrte Dex seine Schwester an, doch die rannte bereits kichernd hinaus.
Wieder schauderte Dex, dann sah er sich in dem kleinen Zimmer um, in dem er die letzten paar Wochen geschlafen hatte. Einst hatte es ihm gehört: khakigrün, nasskalt und dunkel. Doch nach seinem Aufbruch letztes Jahr zum Tregarren College war Alice’ Mum, Gina, wie ein Wirbelwind hereingefegt und hatte es mit Hilfe von lila und rosa Farbe neu gestaltet. Kurz darauf hatte auch Alice das Zimmer gestürmt und es mit ihren Puppen vollgestopft. Aus den Wandregalen lächelten Puppen in allen Größen und Formen dümmlich herunter, in den Zimmerecken schmollten sie einem aus kleinen Korbstühlen entgegen oder sie zeigten hinter den rosafarbenen Netzgardinen vor den hohen Fensterbänken ihr irres Grinsen. Babypuppen, Teenager-Puppen, Ballerinen, Bauchtänzerinnen, flippige Straßenkidpuppen, mittelalterliche Königinnenpuppen, und noch mehr Babypuppen. Was Dex in seinem Zimmer auch anstellte, er hatte immer ein hingerissenes, starrendes, süßlich lächelndes Publikum. Und jedes Mal, wenn er sich den Kopf am Regal über seinem Bett stieß, quiekte eine von ihnen »Ich mag dich mehr als Häschen!« und brach in schwachsinniges Giggeln aus.
Stöhnend sank Dex zurück ins Bett und spähte zu dem Spalt über den Fensterbankpuppen, wo ein schmales Oberfenster gekippt war und etwas frische Luft hereinließ. Abermals durchzuckte ihn ein Flackern, und er holte noch einmal tief Luft. Diesmal nicht, um Mut zu sammeln, sondern weil er gegen den verzweifelten Drang ankämpfte, sich zu verwandeln und das Haus zu verlassen. Seine Zeit hier, seit er und seine Freunde aus den Ruinen des Tregarren College geflohen waren, zog sich unerträglich in die Länge. Und weil das neue College noch nicht ganz fertig war, würde es mindestens zwei weitere Wochen dauern, bis er Alice und ihre Puppen sowie Gina und ihr angespanntes, argwöhnisches Lächeln hinter sich lassen konnte.
Gina war seine Stiefmutter. Sie war keine böse Stiefmutter. Aber nett war sie auch nicht. Noch bis vor kurzem hatte er all die kleinen fiesen Attacken ertragen müssen, die ihre Beziehung während der vergangenen acht Jahre geprägt hatten. Sie hatte ihn geschubst und geknufft, sein Selbstvertrauen untergraben, seine liebsten Besitztümer weggeschmissen und ihn bei jedem sich bietenden Anlass in den Garten verbannt; manchmal auch ohne Anlass. Dex war erst vier gewesen, als er Gina kennengelernt hatte, nur ein paar Monate nach dem Tod seiner Mutter. Gina hatte ganze Arbeit geleistet, um ihm die Mutter zu ersetzen, die in seinen Erinnerungen bald verblasste, und binnen weniger als einem Jahr war auch eine Schwester dazugekommen. Dex’ Vater hatte kurz darauf Arbeit auf den Ölbohrinseln gefunden. Er war selten zu Hause; die Nordsee schien ihm die angenehmere Gesellschaft zu sein.
Und nun hatten Alice und Gina sich während des letzten Jahres daran gewöhnt, die beiden Männer in der Familie weit entfernt zu wissen. Dex wünschte, sie könnten sich schon bald wieder daran gewöhnen. Sehr bald. Er vermisste Gideon und Lisa und Mia – und Telefonate mit ihnen erwiesen sich als ziemlich schwierig. Er wusste nie, wer vielleicht lauschte. Dex seufzte und stand wieder auf. Er zog an der straff gespannten Schnur, die die rosafarbene Jalousie hielt, so dass normal gefärbtes Tageslicht hereinfiel. In der hereinwehenden Brise roch er wilde Tiere – Tiere, die ein Stück hinter der Grenze des Hinterhofs, wo das Waldgebiet begann, auf Nahrungssuche gingen. Gierig saugte Dex die Luft ein. Er warf einen flüchtigen Blick zur Schlafzimmertür. Es war früh am Morgen. Gina lag noch im Bett, üblicherweise schlief sie sonntags aus. Und Alice würde ihn wahrscheinlich eine Zeitlang in Ruhe lassen, jetzt, wo ihr Puppenstreich so gut funktioniert hatte. Er hatte schätzungsweise eine halbe Stunde oder mehr … reichte das?
Dex rang mit seinem Gewissen, kämpfte mit seinen Instinkten. Rang erneut mit seinem Gewissen. Lehnte sich ungelenk im engen Zimmer zu einer nahen Kommode und öffnete die oberste Schublade. Darin lag ein gefalteter Zettel aus dickem weißen Papier mit einem Staatssiegel. Unter dem Siegel listeten sich die Anweisungen. Nicht verhandelbare Anweisungen, die er sich noch einmal durchlas.
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Bitte bleiben Sie ruhig und entspannt und genießen Sie Ihren Aufenthalt zu Hause.
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Enthüllen Sie NIEMANDEM Ihre COLA-Fähigkeiten – niemals – weder drinnen noch draußen.
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Bei Bedenken oder Problemen JEDER Art kontaktieren Sie SOFORT und jederzeit (24 Stunden) den Ihnen zugewiesenen Berater unter der angegebenen Rufnummer.
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Denken Sie daran, sich am Wochenende telefonisch bei der Zentrale zu melden (unter der Woche erledigt das Ihr Hauslehrer für Sie).
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INFORMIEREN Sie den Ihnen zugewiesenen Berater augenblicklich, wenn sich Ihre körperliche oder seelische Gesundheit in irgendeiner Weise verändert.
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Wenn Sie vermuten, dass Ihr COLA-Status von einer Person entdeckt wurde, die nicht schon vorher davon wusste, informieren Sie SOFORT die Behörde.
Die Broschüre endete mit der Zusicherung, so schnell wie möglich einen neuen Stützpunkt für die COLAs, die »Children Of Limitless Ability«, einzurichten, das nächste Schultrimester würde im Frühherbst beginnen. Dex wusste, dass sie sich beeilten. Überall im Vereinigten Königreich schwebten über hundert Zwölf- und Dreizehnjährige in Gefahr, jeden Augenblick ihre unfassbaren Geheimnisse preiszugeben. Zunächst hatte es ihn überrascht, dass das Ministerium, das für den Schutz der Kinder mit Grenzenlosen Fähigkeiten zuständig war, so entspannt mit der Situation umzugehen schien. Während der vergangenen zwei Jahre hatte eine Reihe von Kindern plötzlich angefangen, die unglaublichsten Fähigkeiten zu offenbaren – sie hatten Heilkräfte entwickelt, waren unsichtbar geworden, hatten vollkommen überzeugende Illusionen erzeugt sowie telepathische, telekinetische und hellseherische Fähigkeiten gezeigt. All das Zeug, von dem man meinte, es geschehe nur in Büchern oder Filmen, geschah – geschah –, und zwar ausschließlich bei diesen Kindern. Und eins dieser COLAs war sogar ein Gestaltwandler.
Dex lauschte in den Flur hinein nach Geräuschen aus Ginas Zimmer. Nichts. Leise schloss er seine Schlafzimmertür und wägte dabei weiter die Risiken ab. Natürlich wusste er mittlerweile, dass die Regierung alles andere als entspannt mit der Situation umging. Seit das abgelegene College der COLAs in Cornwall zerstört worden war, wurden in höchsten Kreisen und mit Höchstgeschwindigkeit Maßnahmen ergriffen, um einen neuen, geeigneten und sicheren Ort zu finden. Bis der neue Standort fertig war, wurden die COLAs zu Hause unterrichtet und beschützt. Und wenn sie aus der Rolle fielen, würde die Regierung das erfahren....




