E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Stavaric / Stavaric Die Schattenfängerin
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-27817-5
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman -
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-641-27817-5
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jedes Jahr eine Reise zur nächsten Sonnenfinsternis. So führt Stellas Vater sein Leben. Immer kommt er zurück mit Fotos von der funkelnden Sonnenkorona und Geschichten von den abgelegensten Orten der Erde. Mitnehmen kann er Stella nicht – viel zu gefährlich –, aber die eigentümlichen Spezialbrillen und die glitzernden Teleskope gehören auch zu ihrem Alltag. Bis der Vater eines Morgens nicht mehr aufsteht. Von nun an ist Stella auf sich allein gestellt, ein Sonderling in dem kleinen Ort. Als sie volljährig wird, beschließt sie, endlich herauszufinden, warum ihr Vater so fasziniert war von der totalen Eklipse. Sie bucht eine Reise in den Kongo, wo die Sonne bald im Verborgenen liegen wird. Dort begreift Stella, dass der Mondschatten die dunkelsten Geheimnisse ihres Vaters hütet...
Ein modernes Märchen: Voll Wärme und Empathie erzählt Michael Stavaric von einer jungen Frau, die sich in der auflauernden Dunkelheit auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte macht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2. Das Haus auf dem Hügel
Bald schon fiel mir auf, dass sich mit dem Ableben des Vaters das Haus zu verändern begann, viel schneller noch, als ich es mir je ausgemalt hätte. Bereits nach wenigen Monaten wucherte Unkraut im Garten, wohin man auch sah, überall irgendwelche Ranken und Stacheln, buschiges, sich in alle Richtungen ausbreitendes Gestrüpp. Der Vater musste es regelmäßig gezupft, geschnitten oder mit Chemikalien behandelt haben, nur war mir nie etwas davon aufgefallen. Erst nach dem Ableben eines Menschen bemerkt man einige Dinge, die man zuvor schlicht übersah, oder gar wissentlich ignorierte.
Ich ließ es mir nicht nehmen, sogar ein »Geräuschmerkblatt« zusammenzustellen, wo ich festhielt, welche Geräusche seit dem Ableben des Vaters fehlten, wo also Handlungsbedarf bestünde und ich gefordert wäre: beim Klappern von Küchengeschirr, beim Ausklopfen der Betten, beim Kartoffelschälen und Teekochen und so weiter, wobei es (wohlgemerkt) nicht um die Tätigkeiten an sich ging, sondern um die Geräusche, die diese verursachten. Ich erstellte auch ein »Düftemerkblatt«, da es in einem Haus, wo man allein lebte, anders roch als zuvor, und das müsse schließlich nicht sein. Ich pflückte Blumen, die Vater gemocht hatte, und verteilte sie in allen Zimmern, streute Waschpulver in eine jede Ecke im Keller, um den Moder auszutreiben, legte regelmäßig frischen Lavendel in die Kästen, und manchmal versprühte ich im Haus Vaters Lieblingsparfüm, um die Erinnerung an ihn zu bewahren.
Wäre ich dabei von den Nachbarn beobachtet worden, sie hätten mein Verhalten gewiss als komisch oder unangebracht empfunden, man solle die Toten schließlich ruhen lassen und sich lieber den Lebenden widmen. Wir sind die Lebenden, und sie sind die Toten, wir sind das Licht, und sie sind der Schatten, ich konnte mit ihren Einteilungen allerdings nie wirklich viel anfangen. Zufälligerweise belauschte ich sie mal hinter einer Hecke sitzend, wie sie sich darüber austauschten, ob ich nicht doch in Behandlung müsste. Zumindest zu einem auf kindliche Traumata spezialisierten Therapeuten.
»Erinner dich doch an seine Frau, die mussten sie auch eines Tages holen.«
»Na, und wenn schon, das war was anderes.«
»Warum was anderes, die hatte schließlich einen richtigen Knall! Und das Mädchen ist auf dem besten Weg dorthin, wenn du mich fragst.«
»Damals war doch alles nur zu viel für die Frau, und kann man es ihr verdenken?«
»Die wäre sowieso in der Psychiatrie gelandet. Erinnerst du dich, wie sie uns mal diesen Kuchen brachte?«
»Du meinst den Rahmgugelhupf?«
»Ja, das Ding mit dem Zahn drin!«
»Das war bestimmt nur ein Versehen, der Zahn könnte sonst wie ins Mehl gelangt sein. Der war vermutlich nicht von ihr.«
»Und ob der von ihr war. Ich hab sie lachen gesehen, und da war eine frische Lücke.«
»Und warum sollte sie uns absichtlich einen Zahn in den Kuchen backen? Eine Art Hilfeschrei?«
»Und ist das so abwegig?«
Ich schlich davon, meine Zähne hatte ich allemal noch beisammen, und es würde mir nicht im Traum einfallen, den Nachbarn einen Kuchen zu backen. Die erste Woche nach Vaters Tod verbrachte ich damit, die für mich im Garten allmählich sichtbarer werdenden (und für gewöhnlich unerwünschten) Pflanzen in dicken Lexika nachzuschlagen, und sie zu klassifizieren, so gut ich das vermochte; ich wollte mir über das Ausmaß des »Unkrautbefalls« klar werden. Das Sonnenlicht schien seit der Abwesenheit des Vaters alle Gewächse förmlich zu befeuern, als würde es sie eigenhändig aus dem Boden und in die Höhe zerren, dicke Blätter und Stängel, die einem bald alle Sicht auf die Welt versperrten.
Man differenzierte in den Fachbüchern einkeimblättrige Unkräuter von Zweikeimblättrigen, man konnte sie in diesem Frühstadium außerdem deutlich voneinander unterscheiden. Zu den Einkeimblättrigen zählten etwa der Windhalm, der Flughafer, die Trespe, die Quecke, das Hundszahngras und der Ackerfuchsschwanz, die Zweikeimblättrigen hörten auf Namen wie Gauchheil, Ochsenzunge, Giersch, Schmalwand, Reiherschnabel, Wolfsmilch, Erdrauch, Nachtschatten und Ehrenpreis. Viele davon fand ich unmittelbar vor der Haustür. Von eingeschleppten Arten gar nicht zu reden, dem Japanischen Knöterich, der Aufrechten Ambrosia, der Kanadischen Goldrute, dem Drüsigen Springkraut oder dem Riesenbärenklau.
Je intensiver ich mich in die Pflanzenlexika vertiefte, umso zauberhafter wurde ihre Welt für mich, allein schon die Namen waren einige Überlegungen5 wert.
Mit der wuchernden Vegetation kamen allmählich auch mehr Mäuse in den Garten, die wiederum vermehrt streunende Katzen und weiteres Getier (Füchse etwa) anlockten, alles in allem wurde es um das Haus in der Nacht lebhafter, während es drinnen stiller war. Die Nachbarn boten mir an, den Garten professionell bestellen (ja behandeln) zu lassen, sie hätten da einen Gärtner an der Hand, der wahre Wunder vollbringen könne, doch verneinte ich ihr Angebot trotzig. Umso penibler wurde daraufhin der Garten der Nachbarn gepflegt, die Grundstücksgrenzen waren bald für alle offensichtlich. Die Vegetation am Nachbargrundstück folgte den Regeln eines klassischen Gartenparks, während bei mir Dschungel und Chaos einzogen.
Ich war zwar noch jung, doch hatte ich einen starken Willen. Die Katzen wollte ich, sollte ihre Zahl wirklich überhandnehmen, einfach aus dem Garten »wegstreicheln«; und den Mäusen würde ich irgendwo am Waldrand eine Futterstelle einrichten, damit sie gar nicht mehr bis zum Garten vordrangen. Den unterschiedlichsten Pflanzen wollte ich das Terrain allerdings überlassen, sie sollten wachsen, wie es ihnen beliebte, und die abenteuerlichsten Blätter- und Blütengebilde hervorbringen, die ich später pflücken und sogar zu Tees und Tinkturen verarbeiten könnte. Beinahe jeden Tag ließ sich beobachten, wie sie größere Schatten warfen, natürlich nur, wenn die Sonne schien. Ich stellte bald fest, dass mich ihre Anwesenheit nicht im Geringsten störte und dass es mich auch nicht kümmerte, wenn sie mir die Sicht verstellten, solange nur der Himmel frei blieb. Und das tat er beim Haus auf dem Hügel, während das Anwesen der Nachbarn irgendwann völlig aus meinem Sichtfeld verschwand.
Ich genoss es sehr, abends auf der Veranda zu sitzen und Ausschau zu halten, so gut man das noch konnte, manchmal sogar nach dem Vater, wenn ich ein fremdes Geräusch vernahm, das sich von der Straße näherte, oder wenn die Zugluft die Fenster scheppern ließ, oder irgendetwas im oder vor dem Haus umfiel, oder auch wenn einfach nur die Vorhänge durch eine Windböe in Bewegung gerieten. Einmal glaubte ich den Schatten des Vaters im Garten zu erkennen, doch entpuppte sich das Ganze als ein veritabler Trugschluss. Tatsächlich hätte ich beinahe den Nachbar übersehen, der sich vielleicht sogar darüber wunderte, wie leicht es ihm gefallen war, sich an mich heranzuschleichen.
Er konnte es nicht lassen, vor mir auf und ab zu gehen, während er wild gestikulierte, er bemängelte die üppiger werdenden Gewächse, dass ich doch das Grundstück nicht verfallen lassen dürfe, bald beließ er seine Hände aber nur noch in den Hosentaschen. Am Vater sei eine Autopsie durchgeführt worden, um nun doch eine genauere Todesursache abzuklären, allerdings hätte diese nichts ergeben. Übermorgen (ich meine, es war damals etwa drei Wochen nach seinem Tod) würde der Vater dann endlich bestattet werden, alle hierfür notwendigen Schritte seien erfolgt, er und seine Frau würden mich begleiten und Sorge tragen, dass alles glatt ablief.
Von einer Obduktion hatte ich gar nichts gewusst, ja ich war vollkommen unvertraut mit den Abläufen, die ein plötzlicher Todesfall mit sich brachte; man war seitens der Behörden offenbar erpicht gewesen, die genaue Todesursache abzuklären, sei es auch nur, um Fremdverschulden auszuschließen. Ich weiß, dass ich insgeheim von einem Herzstillstand ausgegangen war, und ich meine, dass es im Totenschein schließlich auch so vermerkt stand, allerdings hatte ich das endgültige Dokument nie erhalten. Vielleicht hatte man es irrtümlich jemand anders zugeschickt, möglicherweise ging es an die Nachbarn, es spielte keinerlei Rolle.
Woran ich mich rückwirkend erinnere, sind diverse Buchlektüren in dieser Zeit. Abgesehen von den Pflanzenlexika, hatte ich vor dem Begräbnis einige juristische Werke und Anatomiebücher zur Hand genommen; es fand sich diesbezüglich einiges in Vaters sorgfältig ausgestatteter Bibliothek. Ich erfuhr so etwa, wie eine Obduktion vonstatten lief, dass man den Leichnam zunächst einer »äußeren Besichtigung« unterzog, also die Körpergröße, das Gewicht, die Hautfarbe und ähnliche Merkmale dokumentierte, wobei man Narben, sichtbaren Verletzungen oder dem Zustand eines Gebisses besondere Beachtung einräumte. Danach kam es zu einer »inneren Besichtigung«, wobei der Schädel, die Brust- und die Bauchhöhle geöffnet und die Organe des Verstorbenen freigelegt wurden. Das erfolgt für gewöhnlich mittels Y- oder T-Schnitt – der Pathologe entfernt dabei das Brustbein samt angrenzenden Rippen und gelangt so an die Körperorgane. Diese werden unter anderem gewogen, und man nimmt diverse Proben, die für weiterführende Untersuchungen verwahrt werden müssen. Das »Gesetz über das Leichen- und Bestattungswesen« fand ich grundsätzlich interessant, einiges unterstrich ich sogar mit Bleistift (und Lineal), manches davon blieb in meinem Gedächtnis haften.
Vor allem habe sich jeder einer Leiche gegenüber in einer Art und Weise zu verhalten, die die Pietät...




