E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Steininger / Magic Good Stories Rosen auf Schnee
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-3113-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-7431-3113-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1977 in der kleinen bayrischen Stadt Bad Kötzting (im Landkreis Cham) geboren, entdeckte die Autorin schon früh ihre Affinität zum geschriebenen Wort. Seit 2013 schreibt sie in verschiedenen Genres und ist als unabhängige, selbstpublizierende Autorin unterwegs. Ihre Werke werden vom Cover bis zum letzten Punkt von ihr selbst designt, illustriert und zum Druck freigegeben. Ihr besonderer Schreibstil und ihr Talent, die Geschichten lebhaft und lebendig zu erzählen, sind die Perlen, die ihre Bücher so besonders machen. Eine Autorin, bei der sich die stetig wachsende Leserschaft, noch auf viele spannende Bücher freuen darf.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Dezember 1971 - Maria Sophie
Vor Erregung und Angst zitternd, schlich sie die Treppe hinab. Die vierte Stufe ließ sie aus, weil ihr Knarren sie verraten hätte. Der Grund ihrer Angst lag im Wesen ihrer Tante, Sophia Manuela Groß, die mit ihrem vor Gott angetrauten Ehegatten Wilhelm im kleinen Salon saß. Tief über ihre Stickarbeit gebeugt, widmete die Fünfzigjährige sich der allabendlichen Unterhaltung, die sie in spärlicher Art und Weise mit ihm zu führen pflegte. Spärlich deswegen, weil ihr Gatte ihr meist nur ein Brummen zur Antwort gab, während er mit seinen Gedanken wo anders schwelgte. Es waren einseitige Gespräche und sie beschäftigten sich täglich mit dem unmöglichen Verhalten ihres Zöglings, der unter ihrem Dach lebte. Sophia kritisierte die neuerliche Katastrophe, welche dieses furchtbare Kind ganz alleine zu verantworten hatte. Willhelm wusste, dass nicht hätte passieren dürfen, was eben nun doch geschehen war. Jedoch empfand er es nicht annähernd so dramatisch, wie der Rest der verstorbenen Familie, die durch seine Angetraute allgegenwärtig war. Selten hatte er eine so rückständige Sippe gesehen, wie die seiner Ehefrau. Manches Mal hatte ihn das Gefühl beschlichen, in den Häusern des Kroner-Clans wäre die Zeit im Mittelalter stehen geblieben.
Der Umstand, selbst etwas altmodisch zu sein, half Wilhelm in der Vergangenheit damit umzugehen. Der gutmütige Mann in gesetztem Alter hatte, im Gegensatz zu seiner Frau, keine Probleme mit der Welt und dem sich entwickelnden Zeitgeist vor ihrer Haustür. Die moralische Evolution, die draußen stattfand, schien an seiner Frau jedoch spurlos vorüber zu ziehen. Sie war der letzte Dinosaurier, der sich fauchend gegen die Emanzipation der Frau stellte und an selbst interpretierten Verhaltensregeln festhielt.
Oft erinnerte er sich an die Zeit, in der sein Schwager es gewagt hatte, eine Dienstmagd zu ehelichen. Walther Manuel Kroner besaß zudem noch die Frechheit, von dieser unmöglichen Person zum Vater gemacht zu werden.
"Er hätte Beatrice van Hoegh heiraten können!", hallte der damals so oft verwendete Satz erneut in seinen Ohren. Innerlich schmunzelnd, ließ er die Erinnerung an diesen Jahrhundertschock für die Kroners an seinem inneren Auge vorüberziehen.
Gerade, als sich die Mitglieder von diesem Affront erholt hatten, brach eine Katastrophe über das junge Paar herein. Die junge Mutter hatte einen Unfall. In den Pferdeboxen wurde sie von den Hufen eines ausschlagenden Gauls am Kopf getroffen und erholte sich nicht mehr von ihren Verletzungen. Wenige Tage nach dem Ereignis verstarb sie an den Folgen des Schlages.
Der Tod von Brigitte hatte nicht im halben Maße so schockiert, wie die Hochzeit es getan hatte. Im Gegenteil. Die Umstände kamen der Sippschaft entgegen. In der Öffentlichkeit wurde der Schein von wahrer Trauer gewahrt, die hinter verschlossenen Türen nicht existent war. So konnte Wilhelm sich erinnern, wie seine Schwiegermutter vier Wochen nach Brigittes Tod ihm vorgeschlagen hatte, eine Hochzeit mit Beatrice noch einmal zu überdenken. Walther hatte sie an diesem Abend nur stumm angesehen und den Raum ohne weiteres Wort verlassen.
An diese Zeit erinnerte sich Wilhelm nicht gerne. Sein Schwager kam nicht damit zurecht, seine geliebte Frau nie wieder in den Armen halten zu können. Er ertrank sichtbar in Trauer und Schmerz über ihren unerwarteten Tod. Auch Wilhelm konnte keine Worte finden, die ihn getröstet hätten.
Walther hatte sie sehr geliebt und das Verhalten seiner Angehörigen quälte ihn. All die Falschheit, die sie in der Öffentlichkeit an den Tag legten, war zu viel für seinen angeschlagenen Zustand.
Mit dem Jagdgewehr seines Vaters setzte er seinem schmerzlichen Dasein ein Ende, nachdem er ein Testament hinterlassen hatte, das ihnen allen noch schwer im Magen gelegen hatte. Das Schriftstück sorgte für neuen Aufruhr, regelte es doch die Unterbringung der Tochter und die Verwaltung des Vermögens. Seit dieser Zeit wuchs die kleine Maria Kroner, die nun eine Vollwaise war, bei ihrer Tante Sophia und ihrem Onkel Wilhelm Groß auf. Sehr zum Ärger von Sophie, sollte das Vermögen der Familie Kroner an dieses Balg vererbt werden. Wilhelm Groß wurde als Verwalter eingesetzt. Er legte es gut für das Mädchen an und tat alles, um ihr zukünftige, finanzielle Sorgen zu ersparen. Eines Tages würde Maria Sophie Kroner eine reiche junge Frau sein, die sich keine Sorgen um Geld machen müsste.
Das Mädchen hatte keine schöne Kindheit, weil ihre Tante sie sehr streng erzog und sie drangsalierte, wo es nur möglich war. Was Maria auch tat, nichts war gut genug, nichts konnte sie richtig machen. Jeder Dienstbote im Hause Groß hatte Mitleid mit ihr.
Als sie siebzehn Jahre alt wurde, konnte sie die Folgen ihrer heimlichen Liebe nicht mehr verbergen. Die fortschreitende Schwangerschaft formte ihren Körper und auch weite Kleider halfen nicht, das Tatsächliche zu verschleiern. Sophia, der es nicht gegönnt war Kinder zu bekommen und die sich teilweise deshalb zu einer verbitterten, alten Betschwester entwickelt hatte, legte die Stickerei mit Nachdruck auf dem kleinen Beistelltisch ab. Energisch erhob sie ihre Stimme, um ihrem Gatten die Meinung zu sagen.
"Nein mein Lieber. Nein, nein und nochmals nein! Ich kann es einfach nicht glauben, dass du dich derart dazu äußerst. Wilhelm!"
Willi Groß legte die Zeitung widerwillig zur Seite und zündete sich seine Pfeife an. Im Kamin knisterte ein kleines Feuer. Trotz der warmen Tage kühlte es abends unangenehm ab, sobald es dunkel wurde. Die Wärme der Feuerstelle konnte die Kälte in dem Raum nicht vertreiben.
"Aber Sophia, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. In der heutigen Zeit ein uneheliches Kind zu bekommen ist doch kein Weltuntergang. Die Zeiten haben sich sehr geändert und Wolfgang wird sie heiraten, sobald das Trauerjahr vorüber ist."
Er verstand die Aufregung seiner Frau nur zum Teil. Es war sicher nicht leicht, die eingefahrenen, geistigen Spuren eines Lebens zu verlassen, vor allem wenn diese durch eine derart veraltete und glaubensbezogene Erziehung begründet waren, wie seine Frau sie genossen hatte.
Trotzdem hatte er gehofft sich mit ihr in Ruhe über die Lage unterhalten zu können, was augenscheinlich doch nicht der Fall sein würde.
"Willhelm!", regte sich die Tante auf. "Du wirst doch hoffentlich nicht ernsthaft davon ausgehen, dass die Familie einer solchen Verbindung jemals zustimmen wird? Dieses - dieses Subjekt mit einer geborenen Kroner? Auch wenn sie einen Bastard zur Welt bringen wird und unseren Namen damit für alle Zeiten in den Schmutz zieht. Nein - niemals wird es dazu kommen!"
Willi Groß wusste nicht von welcher Familie seine Frau redete. Denn weder Sophias Eltern noch ihr Bruder lebten noch.
"Hör auf!", dröhnte seine Stimme harscher, als er es beabsichtigt hatte. "Ich will so eine Bezeichnung für das arme Kind nie wieder aus deinem Mund hören!"
"Die Familie, der Name Kroner wurde von dieser Person ruiniert!", schrie sie ihn an. Eine ungesunde Farbe breitete sich auf dem Gesicht seiner Frau aus.
Die Familie. Die Familie war also wieder einmal allgegenwärtig. Egal ob unter den Lebenden, oder den Toten.
Hätte der junge Herr Groß vor seinem Termin im Hause Kroner im Ansatz erahnt, wie sich alles entwickeln würde, niemals wäre er an dem Tag, an dem er sie kennenlernte, zum Anwesen der Familie Kroner gefahren.
Er hätte die Einladung von Sophias Vater mit einer fadenscheinigen Ausrede abgelehnt, sie nicht kennen gelernt und sich nicht in diesen Traum von Frau in weißem Chiffon verliebt, von dem Nichts geblieben war. Selbst seine Frau wurde zu damaligen Verhältnissen schon mittelalterlich erzogen. Er hätte es ahnen müssen und genau das warf er sich jetzt vor.
Er stand auf, ging zum Kamin und lehnte sich an den Sims.
Sophia setzte erneut an etwas zu sagen, wurde aber von ihrem Mann ruppig unterbrochen.
"Nein. Sag nichts was du später bereuen würdest." Wie konnte aus diesem Schmetterling, den er so sehr geliebt hatte, diese grausame Gottesanbeterin werden. "Das Mädchen hat keinen Glauben, hast Du nicht gesehen wie sie im Gottesdienst sitzt? Als würden die Zehn Gebote nicht für sie gelten! Ihre Gestik ist der blanke Hohn! Sie verachtet die Schrift und alles woran wir glauben. Unsere Moral, unser Leben und sie ist sich nie der Verantwortung bewusst geworden, die Ihr Name mit sich bringt", versuchte sie ihren Mann auf ihre Seite zu bringen. "Sophie, dieses Mädchen ist in eine Zeit geboren, in der das alles nicht mehr zutrifft. Ich vermute, hätten wir selbst Kinder, wären sie nicht sehr viel anders."
"Wir haben aber keine Kinder", warf sie ihm gereizt entgegen. "Und ich bin froh darüber. Gott verschonte mich mit so einer Plage. Lieber habe ich keine, als solche, die den Namen des Hauses durch den Dreck ziehen, und die Worte der Bibel mehr ausspeien, als sprechen", erwiderte sie spitz. Es reichte. Willhelm Groß konnte den Hass und die Verbitterung seiner Frau nicht mehr ertragen. Wie konnte man so verbohrt sein? Natürlich war es nicht einfach für sie gewesen, keine Kinder zu bekommen. Wilhelm wusste auch, dass er die Schuld an diesem Umstand trug.
Aber er hatte es sich nicht ausgesucht und glaubte an die ewige und wahre Liebe, in der es keine Rolle spielte, welche Defizite der jeweils Andere aufwies. Seine Frau hatte da eine andere Sicht der Dinge und hielt, entgegen der ärztlichen Diagnosen daran fest, es sei eine Strafe Gottes für die Schande der Familie. Still leidend und betend ertrug sie jahrelang die Erwartung ihrer Eltern, einen Erben in die Welt zu setzten, bis diese...




