E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Stock Horst Kramp
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-5804-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hähnchen machen auch nicht satter als Broiler
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-7578-5804-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein abenteuerlicher Fluchtversuch aus der DDR, eine ungewöhnliche Liebesgeschichte hinter den Mauern eines Stasigefängnisses und zahlreiche humoristische Anekdoten aus dem Leben des Protagonisten sind die Hauptzutaten für diesen Roman. Der amüsante und witzige Erzählstil des Autors lässt den Leser am Leben des Ossis Horst Kramp in den Jahren 1987 bis 1992 teilhaben. Dabei ist die tonale Ähnlichkeit des Namens Horst Kramp zu Forrest Gump gewollt. Der Protagonist ist ähnlich naiv und ebenso liebenswert wie dieser. Ein Buch für alle, die die Welt der DDR gekannt haben oder mehr darüber wissen möchten.
Mit "Horst Kramp" stellt Autor Manfred Stock dem Publikum seinen Erstlingsroman vor. Gebürtig in Schönebeck an der Elbe, ist die Story stark autobiografisch angehaucht. Manfred Stock arbeitet freiberuflich als Autor und lebt heute in Celle.
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2. Horst Kramp, der Halbrusse
Ich bin das Kind eines Busfahrers aus Sachsen-Anhalt und einer Revolverdreherin aus Königsberg. Beim Betrachten der politischen Weltkarte muss ich also konstatieren: Ich bin Halbrusse. Trotzdem musste ich nie Hunger leiden und hatte eine schöne Kindheit, vor allem weil mein Opa, ich nannte ihn liebevoll Oppeschnoppe, und meine Oma, Ommeschnomme, mich immer in den Urlaub mitgenommen haben. Einmal fasste ich in der Nacht vor der Reise in die Fassung einer Lampe ohne Glühbirne und bekam einen elektrischen Schlag. Das war nach dem Zahnwechsel das Härteste, was mir passierte. Ich dachte, diese Nacht überlebe ich nicht und wenn ich morgen früh aufwache, bin ich tot. Es kam aber anders. Ich lebte noch und konnte bei lebendigem Leibe die Reise mit Ommeschnomme und Oppeschnoppe auf dem Schiff Hoppetosse in die Südsee antreten. Sorry, aber wenn sich ein Satz lustig anhört, muss ich ihn unbedingt aufschreiben. Eigentlich ging es mit dem Zug nach Thüringen, wo ich das erste Mal in meinem Leben ein Fußballspiel zwischen Einheit Ilmenau und Traktor Schwarzburg live erleben durfte. Außerdem lernte ich zu jener Zeit Zuckerstreuer kennen, die beim Umdrehen nur eine gewisse Dosis ihres Inhaltes preisgaben, was für mich eine wissenschaftliche Innovation ersten Ranges war. Ich wuchs in der Kreisstadt Schönebeck an der Elbe auf. Sie war damals mit fünfzigtausend Einwohnern die größte im Bezirk Magdeburg und lag etwa fünfzehn Kilometer südlich von der Bezirkshauptstadt. Ich hatte keine besondere Beziehung zu dieser Stadt. Mit acht Jahren trat ich der Betriebssportgemeinschaft Motor Schönebeck bei, Sektion Fußball. Ich schoss gleich im ersten Spiel zwei Tore beim 3:1 Sieg gegen Traktor Eggersdorf. Die erste Männermannschaft schaffte es zeitweilig bis in die zweithöchste Spielklasse im DDR-Fußball. Der Name Motor Schönebeck rührte davon her, dass die Mitglieder des Klubs offiziell Angestellte des volkseigenen Betriebes Traktoren- und Dieselmotorenwerk waren. Heute würde man sagen, dass diese Firma der Sponsor des Klubs war, vorausgesetzt es gäbe sie noch, was nicht der Fall ist. So lebte ich mein Leben in Schönebeck gleichmütig dahin, besuchte die Polytechnische Oberschule „Käthe Kollwitz“ und anschließend die Erweiterte Oberschule „Otto Grotewohl“. Man konnte jeden Punkt des Ortes zu Fuß erreichen und die Sorgen hielten sich in Grenzen. Mit Ausnahme meines elften Lebensjahres, was aufgrund eines familiären und deshalb emotional sehr belastenden Ereignisses sehr schwierig war, worüber gleich noch zu sprechen sein wird, war ich in den ersten zwanzig Jahren meines Lebens eher glücklich als unglücklich und ich tat, was man von mir verlangte. Eine nicht unwesentliche Schwäche wäre vielleicht noch erwähnenswert. Es ist eine Schwäche, die im Grunde sehr peinlich ist. Und doch ist diese sehr mangelhaft ausgeprägte Fähigkeit kein Grund, in den Wald zu gehen, um sich mit einem Strick an einem der vielen Bäume aufzubaumeln. Es geht um das Binden von Schleifen und Knoten. Ich kann es einfach nicht. Ich beherrsche nur eine Schleife und selbst die sehr schlecht. Das Dilemma meines Lebens begann im Kindergarten des Volkseigenen Betriebes Kraftfutter Mischwerk. Frau Schnuphase war eine sehr strenge Erzieherin. Wir hatten Angst vor ihr. Sie spielte ganz gut Blockflöte. Aber sie hatte immer etwas Speichel in den Mundwinkeln und ich fragte mich damals, woran das wohl läge und ob ich später auch diesen Ekel an mir entdecken würde. Eines Tages fragte Frau Schnuphase alle Kinder, wer denn schon eine Schleife binden könne. Es meldeten sich einige, unter ihnen auch Gunnar Strauch, der mir dann zugeteilt wurde, es mir beizubringen. Ich war froh über den allgemeinen Umstand, dass wir an diesem Tag das Schleifebinden lernen sollten, denn es war mir lästig, die Erwachsenen ständig darum bitten zu müssen, mir doch bitte die Schuhe zuzubinden. Mit Gunnar Strauch war ich nicht so glücklich. Er war ein Außenseiter und ziemlich introvertiert. Es hieß, er habe einen Herzfehler und durfte nicht herumtollen. Ich fragte also Gunnar Strauch, wie das denn nun gehe und er machte es mir akkurat vor. Aber nur vom Zusehen begriff ich diesen schöpferischen Akt nicht. Ich probierte so eine Zeit lang vor mich hin, wurde dann abgelenkt und tollte mit Heiko Nielebock herum und am Ende der Stunde war ich so klug wie vorher. Ich startete einen letzten Versuch. Meine Schnürsenkel waren ja zu Übungszwecken offen. Ich machte einen Knoten, legte das linke Band zur Schleife und wickelte das rechte drum herum. Weiter kam ich nicht. Dann klingelte es und alle Kinder sollten sich an der Tür anstellen. Auch Gunnar Strauch hatte Angst vor Frau Schnuphase und wollte mich eben meinem Schicksal überlassen. Ich schrie ihn an, wie es denn nun weitergeht und er warf mir nur noch ein „jetzt durch das Loch da“ hin und rannte zur Tür, um Jens Schröder anzufassen. Ich suchte ein Loch und fand es auch. Ich zog den Senkel durch das Loch und hatte eine halbwegs korrekte Schleife. Prima, dachte ich. Ich hatte es geschafft. Aber seit diesem Tag ist dieses Thema nie wieder an mich herangetreten. Das war´s. Ich blieb diesbezüglich mir selbst überlassen und musste fortan mit diesem Halbwissen weiterleben. Viel später fand ich heraus, wenn ich Menschen heimlich beim Zubinden der Schuhe beobachtete, dass es noch ganz andere Methoden gab. Aber auch diese erschlossen sich mir nicht durch bloßes Zusehen und es war nun zu spät, diesbezüglich Fragen zu stellen. Ich musste weiterhin ein Dasein fristen, das dem kreativen Zubinden der Schuhe entbehrte. Ich hatte nur diese eine Methode, beigebracht von Gunnar Strauch. Es scheint nicht die beste Methode zu sein. Noch heute gehen mir ständig die Senkel auf. Das ist sehr lästig. Außerdem gibt es einen weiteren Nachteil dieser Methode: das Öffnen. Wenn man am falschen Band zieht, entsteht nämlich ein Doppelknoten, der nur schwer zu öffnen ist. Ich ziehe sehr oft am falschen Band. Besonders, wenn ich es sehr eilig habe. Dann ziehe ich rasend vor Wut an den Bändern und der Doppelknoten schließt sich immer fester. Furchtbar. Es gibt unzählige Knoten. Ich beherrsche sie nicht. Ich kann nur diesen einen. Es gibt einen Knoten, der sich öffnet, wenn man an nur einem Band zieht. Ganz toll. Ich liebe ihn, wenn ich auf ihn treffe. Ich öffne ihn und staune, denn ich bin nicht imstande, ihn zu knüpfen. Es gibt etliche Seemannsknoten. Ich beherrsche nicht einen. Es ist dies eine Welt, die sich mir nie erschlossen hat und ich grübele noch heute, wie es wohl dazu kommen konnte. Ich vermute, es trat eine Art Schock ein, als es damals im Kindergarten klingelte und Gunnar Strauch mich meinem Schicksal überlassen wollte. „Jetzt durch das Loch da.“ Und weg war er. Rannte zur Tür, um Jens Schröder anzufassen und vor Frau Schnuphase gut dazustehen. Ja genau, Gunnar Strauch hat Schuld an meiner Misere. Ich werde mit ihr leben müssen bis zum letzten Tag. Und das werde ich auch. Ich werde nicht in den Wald gehen, um mich aufzubaumeln. Ganz abgesehen davon, dass ich eh immense Schwierigkeiten hätte, den dafür erforderlichen Knoten zu knüpfen. Als ich elf Jahre alt war, wurde meine Mama vom lieben Gott für andere Aufgaben abberufen und kehrte in ihre geistige Heimat zurück. Sie war darüber sehr traurig, weil sie mich und meine zwei Jahre ältere Schwester Martina nicht zurücklassen wollte. Aber vermutlich änderte sie schon bald ihre Meinung, denn zu Hause ist es eben doch am Schönsten. Ich konnte meine Meinung darüber nicht ändern und blieb darüber traurig bis zum heutigen Tag. Ohne Mama ist das Leben gerade in diesem Alter sehr unvollständig. An wen sollte ich meine beginnenden pubertären Anwandlungen auslassen? Wen sollte ich in naher Zukunft ausschimpfen, weil er unter einem Vorwand während eines Besuches der Freundin mein Zimmer betrat? Glücklicherweise bekam ich zwei Jahre später eine neue Mama. Sie trug zwar nur im Winter Stiefel, war aber doch eine Stiefmama. Das war nicht das Gleiche. Die Pubertät machte keinen Spaß mit ihr. Wahrscheinlich fehlte es an der nötigen Verbundenheit. Die Nachricht über den Tod meiner Mutter erhielt ich auf einem Weg, den die Erwachsenenfraktion nicht vorgesehen hatte. Ommeschnomme und Oppeschnoppe, die Eltern meines Vaters, waren aus dem westlichen Inland angereist, ebenso wie Oma mütterlicherseits, die ich aber nicht Ommeschnomme nannte, weil sie sehr streng war. Außerdem waren noch zwei Schwestern meiner Mama aus Karlsruhe und Ulm angereist. Keiner traute sich jedoch mir die fatale Nachricht in mein zartes Kindergesicht zu sagen. So wurde Tante Martha damit beauftragt, die im Stammbaum meiner Familie als die Schwester von Ommeschnomme geführt wird. Tante Martha wohnte nur hundert Meter von meiner Schule entfernt und ich besuchte sie regelmäßig nach der Arbeit, um Süßigkeiten abzufassen und in der „Fußballwoche“ zu lesen, dem Kicker Sportmagazin des Ostens. Tante Martha war eine resolute Frau, die auch sehr streng war. Aber ich mochte sie, weil sie mir auf eine gut gemeinte Art und Weise Grenzen...




