Stohldreier | Prädestination | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Stohldreier Prädestination

Entwicklung und Aktualität eines umstrittenen Begriffs
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-17-045759-1
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Entwicklung und Aktualität eines umstrittenen Begriffs

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-17-045759-1
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Prädestinationsbegriff hat im Christentum eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Vorliegendes Werk zeigt die wichtigsten Entwicklungslinien dieser Geschichte von der biblischen Zeit bis zum 21. Jahrhundert auf. Dabei kommen - neben grundlegenden Aussagen früherer wegweisender Autoren aus Theologie und Philosophie - auch Bezüge zur heutigen Handhabung des Begriffs und den damit verbundenen Konsequenzen für die Ökumene zur Sprache. Ein Werk, das einen fundierten Einblick gibt und zu weiteren Überlegungen anregt.

Dr. phil. Dr. theol. Markus Stohldreier studierte kath. Theologie, Philosophie und Geschichte in Münster, Freiburg/Br., Luzern und Paderborn. Er arbeitete zunächst an der Universität zu Köln, danach als Religionslehrer (Oberstufe), Gemeindeleiter und Co-Dekanatsleiter im Bistum Basel.
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B  Biblische Grundlagen


I  Alttestamentliches Zeugnis


Obgleich der Begriff der Prädestination als solcher ein ausschließlich neutestamentlicher Begriff ist,1 ist das Thema auch im Alten Testament präsent: Nach Dtn. 32,8f teilte Gott die Menschheit auf, »legte die Gebiete der Völker nach der Zahl der Gottessöhne fest« und »nahm sich sein Volk als Anteil, Jakob wurde sein Erbteil.«2 Hier deutet sich an, dass innerhalb von Israels Erwählung nur Heilsgemeinde-Mitglieder aufgrund der souveränen Setzung Gottes als dem Heil zugänglich gelten, wohingegen alle anderen bereits vor dem eigenen Wählen und Handeln »als massa perditionis angesehen« werden. »Solche Anschauung begegnet nach bisherigem Erkenntnisstand ausschließlich im Bereich authentischer Theologie der Gemeinde von Qumran.«3

Die Erwählung wird auf das Volk Israel bezogen. Sie wird abstammungsmäßig (über Jakob und Isaak) an Abraham gebunden und inhaltlich an die Tora, welche Inhalt des Bundes und des Erwählungsauftrages ist. Ergänzt wird dies durch die Erwählung von Jerusalem/Zion als Ort des Heiligtums Gottes.4

Mit der Auffassung von Israel als erwähltem Volk Gottes ist dessen Geschichte und, damit zusammenhängend, die Frage nach den Möglichkeiten menschlicher Freiheit angesprochen. Diese Geschichte ist durchgehend davon geprägt, dass menschliche Freiheit und Gott als deren Geber nicht voneinander zu lösen sind. »Die Menschen müssen sich an dieser Freiheit beteiligen.«5

Allerdings ist diese Partizipation nicht frei von Problemen. Dies wird im Buch Genesis deutlich: Gott erschafft den Menschen als sein Abbild, segnet ihn und sagt zu den Menschen, sie sollen fruchtbar sein, sich mehren, die Erde füllen und sie unterwerfen (??????? [kabasch]6 bedeutet wörtlich »seinen Fuß auf etwas setzen«7).8 Diese Aussagen nutzt der Mensch dazu, alles selbst zu bestimmen, was zu »Katastrophen auf verschiedenen Ebenen« führt,9 so beispielsweise zur Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain,10 oder zum Turmbau zu Babel11. Jedoch handelt es sich bei diesen Geschehnissen um kein unabwendbares Schicksal, sondern das menschliche Leben bewegt sich stets in einer Verbindung zwischen göttlicher Lenkung und dem individuellen Umgang damit.12

Die Relation von göttlicher Prädestination und menschlicher Entscheidungsfreiheit wird in hellenistischer Zeit in der Weisheitsdichtung besonders zu einem Thema. Hier ist speziell das Buch Jesus Sirach zu erwähnen.

Nach Sir. 33,10–13 kommen alle Menschen vom Erdboden. Der Herr habe sie getrennt und ihre Wege unterschiedlich gestaltet. Während er die einen gesegnet, erhöht und sich nahegebracht habe, habe er die anderen »aus ihrer Stellung gestürzt. Wie der Ton des Töpfers in seiner Hand – all seine Wege sind nach seinem Gefallen –, so sind die Menschen in der Hand dessen, der sie gemacht hat, um ihnen zu vergelten nach seinem Urteil.« – Andererseits wird in Sir. 15,11–20 in Abgrenzung gegen den stoischen Determinismus »das Problem der Entscheidungsfreiheit ausführlich thematisiert und charakteristisch gelöst […]: Gott hat den Menschen von der Schöpfung an in die Hand seines eigenen ›Willens‹ […] gegeben (Sir 15,14) und ihn damit entscheidungsfähig gemacht«.13

Mit dieser Betonung von Gottes Macht und Handeln am Menschen einerseits und der menschlichen Entscheidungsfreiheit andererseits sind bereits jene »polaren« Ansätze14 erkennbar, die im Verlauf der Diskussionen um die Prädestination immer wieder zur Sprache kommen werden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass im alttestamentlichen (und neutestamentlichen) Denken noch keine »definitive göttliche Heils- oder Unheilsverfügung über den Menschen […] vor aller Zeit ohne Rücksicht auf menschliches Handeln […] in solcher Eindeutigkeit« gegeben ist wie in der späteren Tradition.15

II  Neutestamentliches Zeugnis


Im Neuen Testament kommt der Begriff »vorherbestimmen« (p??????e??)16 nur sechsmal ausdrücklich vor: Apg. 4,28; Röm. 8,29f; 1 Kor. 2,7; Eph. 1,5 u. 11. Ein wichtiger sinngleicher Ausdruck ist der von Gottes »Ratschluss« bzw. »Vorsatz« (p???es??) in Röm. 8,28 u. 9,11, Eph. 1,11 u. 3,11 sowie 2 Tim. 1,9.17 Nach Eph. 1,4 »hat er [Gott, M.S.] uns erwählt (??e???at?) vor der Grundlegung der Welt«. – Zu den biblischen Texten im Einzelnen:

Paulinische und deuteropaulinische Schriften

Röm. 8,28ff und Eph. 1,3–14 gelten als loci classici für die Annahme einer Prädestination.18

Röm. 8,28ff spricht die Vorherbestimmung der Christen an.19 Dort heißt es:

»28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die gemäß seinem Ratschluss berufen sind;

29 denn diejenigen, die er im Voraus erkannt hat, hat er auch im Voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben [besser übersetzt: dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet zu sein – s?µµ??f??? t?? e?????? t?? ???? a?t??, M.S.], damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei.

30 Die er aber vorausbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.«

Paulus unterscheidet nach diesem Text beim Handeln Gottes den vorzeitigen Gesichtspunkt (»er hat im Voraus erkannt« [p??????], »er hat im Voraus bestimmt« [p?????se?]) vom historischen (»er hat gerecht gemacht« [?d??a??se?], »er hat verherrlicht« [?d??ase?]). Das Vorausbestimmen wird hier durch die Aussage »dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet zu sein« expliziert. »Des Paulus ganzes Interesse ist also die Prädestination zum Heil (vgl. Röm. 1,16 […]). Von einer Prädestination zur Verdammnis spricht er hier bezeichnenderweise nicht.«20

In Eph. 1,3–14 ist zu lesen:

»3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.

4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.

5 Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,

6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.

7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.

8 Durch sie hat er uns reich beschenkt, in aller Weisheit und Einsicht,

9 er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.

10 Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.

11 In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt;

12 wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher in Christus gehofft haben.

13 In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung; in ihm habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr zum Glauben kamt.

14 Der Geist ist der erste Anteil unseres Erbes, hin zur Erlösung, durch die ihr Gottes Eigentum werdet, zum Lob seiner Herrlichkeit.«

Der ganze Teil kann als »ein einziger Satz«21 verstanden werden, bei dem es zur Verwendung einer Eulogie kommt (vgl. V 3: »Gepriesen« [??????t??]). Inhaltlich steht die vorzeitliche Erwählung und Bestimmung am Anfang (VV 4–6a); daran schließen sich die Erlösung und die Vergebung der Sünden an, die in der Geschichte erfolgt sind (VV 6b-7); darauf folgt das Geheimnis der Zusammenfassung des Alls (t? p??ta) in Christus als Haupt (VV 8ff) und schließlich der Schlussteil, der »durch den Gedanken des Erbes 11.14 eingerahmt [wird, M.S.], dessen Vollbesitz noch aussteht.«22 Die VV 5, 9 u. 11 sprechen die Verwirklichung des ewigen göttlichen Ratschlusses bzw. Willens an. Es geht um das Überströmen der Fülle von Gottes Gnade (?????, vgl. VV 6b, 7b u. 8) bzw. gnädigem Wollen (e?d???a, VV 5 u. 9). Die von Gott vorgenommene Erwählung und Bestimmung des Menschen führt in diesem Text jedoch zu keinem Ausschluss menschlicher Freiheit.23

Röm. 9–11 spricht die Prädestination Israels an.24 Dieser Text ist umstritten. Augustinus, der Aquinate und Calvin sahen ihn als Beleg für eine doppelte Prädestination an, wonach ein Teil zur Seligkeit vorherbestimmt ist und ein anderer zur Verdammung. Indes verwandten ihn Origenes und Johannes Chrysostomos als Beleg für die These, dass unser Schicksal auf unserer freien Antwort auf Gottes Gnade beruht.25

Dass die paulinischen Ausführungen nicht für die Annahme einer doppelten Prädestination menschlicher Individuen sprechen, machen die folgenden Ausführungen deutlich:

• Röm. 9–11 impliziert eine neue Erörterung des Rechtfertigungsbegriffs, unter besonderer Akzentuierung von Israels Existenz.

• 9,18 beinhaltet die Auffassung der »praedestinatio gemina«:26 ??a ??? ?? ???e? ??ee?, ?? d? ???e? s??????e?.27

• Paulus denkt bei diesem Thema jedoch nicht in erster Linie an menschliche Individuen, sondern »an die korporative Erwählung und Verwerfung«...


Dr. phil. Dr. theol. Markus Stohldreier studierte kath. Theologie, Philosophie und Geschichte in Münster, Freiburg/Br., Luzern und Paderborn. Er arbeitete zunächst an der Universität zu Köln, danach als Religionslehrer (Oberstufe), Gemeindeleiter und Co-Dekanatsleiter im Bistum Basel.



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