Strahm Die Akademisierungsfalle (E-Book)
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-0355-0102-5
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Warum nicht alle an die Uni müssen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-0355-0102-5
Verlag: hep verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein Gespenst geht um in Europa– das Gespenst der Jugendarbeitslosigkeit. Jeder vierte erwerbsfähige Jugendliche in der EU ist ohne Arbeit. In der Schweiz hingegen liegt dieJugendarbeitslosigkeit auf tiefen drei bis vier Prozent. Ein wichtiger Grund dafür liegt im dualen Berufsbildungssystem der Schweiz.Die europäischen Länder ohne Berufsbildungssystem sitzen in der Akademisierungsfalle. Einerseits bilden sie an ihren Universitäten Leute aus, die im Arbeitsmarkt nicht gebraucht werden, und andererseits leidensie unter einem dramatischen Industrieabbau, weil ihnen die qualifizierten Berufsleute fehlen. Inzwischen bedroht der Trend zurAkademisierung auch die berufspraktische Ausbildung in der Schweiz.In diesem Buch beschreibt der bekannteÖkonom, Bildungspolitiker, frühere Preisüberwacher und alt Nationalrat Rudolf H. Strahm das Drama der Jugendarbeitslosigkeit in Europa und die Fallstricke einerarbeitsmarktfernen akademischen Ausbildung. In seiner gewohnt prägnanten und fundierten Art zeigt er, dass die Berufsbildung bezüglich Arbeitsmarktfähigkeit und Qualitätsarbeit der akademischen Ausbildungüberlegen ist und dass es sich lohnt, die Berufsbildung zu pflegen und zu fördern. Die Journalistin und Berufsfachschullehrerin Rahel Eckert-Stauber ergänzt Strahms bildungspolitische Analyse mit zehn exemplarischen Biografien von Menschen mit ganz unterschiedlichenAusbildungen und Berufslaufbahnen
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Warum nicht alle
studieren müssen
und warum die
Berufslehre top ist
Eine Auslegeordnung
Wir schreiben das Jahr 2014. Nach Jahren der Krise und des Gürtel-enger-Schnallens ein Jahr der behutsamen Wirtschaftserholung in Europa. 20,6 Millionen erwachsene Menschen über 25 Jahre, die einen Erwerb suchen, sind in der Europäischen Union als Arbeitslose registriert.1 Von den Ausgesteuerten gar nicht zu reden.
Aber noch tragischer: 5,5 Millionen Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren, die in den 28 EU-Ländern leben und nicht gerade in einer Ausbildung stecken, waren Anfang 2014 arbeitslos.2 Ein Drama. Wir lesen zwar täglich Schlagzeilen über die Finanzmarktkrise und ihre Folgen, aber nur selten über die Tragik und Perspektivlosigkeit von Millionen Jugendlicher auf diesem Kontinent und über die Langzeitfolgen.
Beschäftigungskluft entlang der Berufsbildungsgrenze
Eine Kluft im Niveau der Arbeitslosigkeit geht durch Europa. Sie entspricht nicht dem üblicherweise beklagten Gefälle zwischen Nord- und Südeuropa (das es auch gibt). Die Kluft ist viel markanter zwischen den Ländern mit einem Berufsbildungssystem und jenen Ländern, die nur vollschulische Bildungsgänge und keine Berufslehre kennen. Die ? macht das Drama der hohen Jugendarbeitslosigkeit augenfällig. Sie zeigt zugleich, dass fünf Berufsbildungsländer mit einer dualen Berufslehre (orange markiert) signifikant besser dastehen als die Länder ohne duale Berufsbildung und mit ausschliesslich vollschulischen Ausbildungsgängen.3 Unter «dualer Berufsbildung» verstehen wir die Kombination von betrieblicher Berufslehre und staatlichen Berufsfachschulen.
Grafik 1.1
Während die fünf Berufsbildungsländer Schweiz, Deutschland, Österreich, Niederlande und Dänemark im ersten Quartal 2014 eine durchschnittliche Jugendarbeitslosenquote von 9 Prozent verzeichneten, lag sie im Durchschnitt aller 28 EU-Mitgliedsländer bei 23 Prozent – also zweieinhalb Mal höher! Die Schweiz figurierte mit rund 7 Prozent als das Land mit der tiefsten Erwerbslosenquote unter den Jugendlichen.
In der ? zeigen wir nur die wirtschaftlich vergleichbaren Industrieländer Westeuropas. Dabei verwenden wir zwei unterschiedliche Messgrössen für die Jugendarbeitslosigkeit für das Jahr 2012: Sie unterscheiden sich durch unterschiedliche Definitionen der Erwerbsbevölkerung.4, 5
Bei den Schweizer Zahlen zur Jugenderwerbslosenquote von rund 6 bis 8 Prozent sind alle vorübergehend nicht Erwerbstätigen mitgerechnet. Allerdings liegt die Quote der registrierten arbeitslosen Jugendlichen, die Arbeitslosengeld beziehen, nur gerade bei 3 bis 4 Prozent der Erwerbstätigen6. In der Schweiz schwanken die Zahlen der erwerbslosen Jugendlichen stark saisonal. Sie liegen jeweils im 3. Quartal des Jahres (Septemberzahlen) wegen der Schul- und Lehrabgänger und der Militärdienstrückkehrer bedeutend höher und fallen dann wieder zurück, sobald die Stellensuchenden in den Arbeitsmarkt zurückgekehrt sind.7
Die gleiche Diskrepanz zwischen den Berufsbildungs- und Nichtberufsbildungsländern zeigt sich auch bei der Arbeitslosigkeit der erwachsenen Bevölkerung über 25 Jahren, die in ? für die vergleichbaren Volkswirtschaften in Westeuropa abgebildet wird.
Grafik 1.2
Grafik 1.3
Die fünf Länder, die ein duales Berufsbildungssystem kennen, praktizieren es allerdings mit unterschiedlicher Ausprägung. Stark verwurzelt ist es in den deutschsprachigen Ländern, am stärksten in der Schweiz (unter Einbezug Liechtensteins), aber auch in Deutschland und in Österreich. Etwas weniger stark verbreitet kennt man das duale Bildungssystem auch in den Niederlanden und in Dänemark.
Die vergleichbaren Länder Westeuropas, die in den ? und blau aufgeführt sind, kennen hingegen keine formale betriebliche Berufslehre. Skandinavische Länder wie Schweden und Finnland legen zwar grossen Wert auf qualifizierte technische Ausbildungen und erreichen industriepolitisch und innovationsmässig eine exzellente Position – wir zeigen dies später in Kapitel 2. Aber die Berufsbildung in Schweden und Finnland findet vorwiegend in staatlichen Berufsschulen statt. Bezüglich der Arbeitsmarktintegration stehen sie mit mehr als doppelt so hohen Jugendarbeitslosenquoten deutlich schlechter da. Norwegen nimmt als Erdöl- und Fischereiland eine Sonderstellung ein, die nicht vergleichbar ist. Auch osteuropäische Industriestaaten, etwa die Tschechische Republik, kennen technische Fachschulen und Elemente einer qualifizierenden Berufsausbildung. Wir stellen in diesem Buch indes keine Vergleiche mit Osteuropa an, weil dessen historische Entwicklung und der Stand der Wirtschaft nicht mit Westeuropa vergleichbar sind.
Soziale Illusion bezüglich hoher Maturitätsquoten
In Ländern ohne formales Berufsbildungssystem erfolgt die nachobligatorische Bildungsstufe im Alter zwischen 15 und 19 Jahren (sogenannte Sekundarstufe II) viel häufiger an den Mittelschulen oder an Gymnasien. Diese Länder kennen folglich einen höheren prozentualen Anteil an Jugendlichen, die einen maturitätsähnlichen Abschluss vorweisen (? ). Als Vergleichsgrösse dient die Maturitäts- oder Hochschulzulassungsquote. In der Schweiz bezeichnet man den Abschluss als Maturität (aufgeteilt in gymnasiale Maturität, Berufsmaturität und Fachmaturität), in Deutschland als Abitur, in Frankreich als baccalauréat, in England als GCE A-Level.
Grafik 1.4
Man beachte in dieser Grafik die hohen Maturitätsquoten in Finnland mit 96 Prozent oder in Belgien mit 82 Prozent. Beide Länder haben durchaus gute Schulen. Finnland etwa steht regelmässig an der Spitze der europäischen Länder im Pisa-Rating, welches die schulisch-kognitiven Fähigkeiten bei Gleichaltrigen nach einem einheitlichen Test rangiert. Trotzdem weist Finnland eine andauernd hohe Jugendarbeitslosenquote von 18 bis 20 Prozent auf. Das Land hat, wie erwähnt, keine duale Berufslehre; und jenen Jugendlichen, die keine Hochschule durchlaufen können, fehlt eine berufspraktische Qualifizierung. Zwar gibt es auch auf der Mittelschulstufe spezielle Bildungsgänge in Finnland, aber sie sind nicht genügend berufsqualifizierend und zu wenig arbeitsmarktnahe ausgestaltet. Mehrere Lehrerdelegationen aus Finnland haben in den letzten Jahren die Schweiz besucht, um unser Berufsbildungssystem zu studieren.
In den Ländern ohne Berufsbildungssystem läuft der «normale» Bildungsweg von der Maturität direkt an die Universitäten, Hochschulen oder technischen Hochschulen, die alle vollschulisch organisiert sind. So kann man beispielsweise in Italien diplomierter Schweisser an einer Hochschule lernen – ohne je in der Praxis gearbeitet zu haben. Oder in angelsächsischen Ländern kann man Pflegefachfrau («Nurse») an der Universität studieren. Die Ausbildung verläuft ohne berufspraktische Integration in die betriebliche Arbeitskultur, denn es fehlen die praktischen Anwendungsmöglichkeiten – oder diese beschränken sich auf ein Betriebspraktikum ohne formale Kompetenzziele.
Solche Hochschulabsolventen sind zwar bezüglich Fachwissen durchaus (mehr oder weniger) gut gebildet, aber es fehlt ihnen das Anwendungskönnen, es fehlen die Skills, die praktischen Umsetzungskompetenzen in Qualitäts- und Präzisionsarbeit. Die Absolventen sind weniger arbeitsmarktfähig und beherrschen die anspruchsvollen Anwendungsprozesse der High-Tech-Produktion zu wenig. Diese Entwicklung führte diese Länder in die Akademisierungsfalle: Sie haben zu viele akademisch Gebildete und zu wenig praktisch Ausgebildete und in der Folge signifikant höhere Arbeitslosenquoten. Die Bildungselite erliegt der sozialen Illusion, dass eine höhere Bildung automatisch auch eine bessere berufliche Karriere mit sich zieht.
In Ländern, in denen die Berufslehre nicht bekannt ist, bleiben jene Jugendliche, die den Weg an die Hochschulen nicht schaffen, als «Ungelernte» ohne nachobligatorische Berufsqualifikation am Rande des Arbeitsmarkts sitzen. Sie stecken beruflich zwischen Stuhl und Bank. Allenfalls durchlaufen sie ein On-the-job-Training ohne formalen Berufsabschluss, aber es fehlt ihnen das Rüstzeug, um neue Technologien und moderne Verfahrenstechniken rasch übernehmen und anwenden zu können. Wir werden im Kapitel 2 aufzeigen, wie die mangelnde gewerblich-industrielle Berufsqualifikation der Desindustrialisierung der Wirtschaft Vorschub leistet.
Kommt dazu, dass mit dem Bologna-System ein akademisches Bildungsmodell wie eine Glocke über alle Länder Europas – ungeachtet ihrer unterschiedlichen Bildungssysteme – gestülpt wurde und dass nun eine Gleichmacherei erzwungen wird. Vor allem die Systeme der Berufsbildungsländer werden durch die...




