E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Strasser Beruf: Pompfüneberer
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-42562-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meine Jahre als Bestatter
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-347-42562-0
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmut Schmidinger, Jahrgang 1944, lebt nun in Linz. Von1985 bis zur Pensionierung selbständiger Gartengestalter, davor in verschiedensten Berufen, hauptsächlich aber in der Innenarchitektur tätig. Als stets aktiver Mensch hielt ich es bis zu meinem Letztberuf im Grünen nirgends allzulange aus. Ausgenommen im Chorsingen. So war unter anderem auch Autorennen einer meiner Leidenschaften. Ebenso bin ich Freund von Reptilien, die ich auf jedem Kontinent mit Ausnahme von Australien suchte. Jahrelang besaß ich Terrarien. Nach meiner Pensionierung ließen mich acht Jahre auf einer kleinen Insel im Atlantik ruhiger werden, ich entdeckte das Schreiben und Musizieren. Das Pseudonym, unter dem ich schreibe, ist der Name meines Großvaters, der mir vor allem Musi, zeichnen und die Natur näherbrachte.
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ÜBER DAS STERBEN UND DEN TOD
Der Österreicher, und hier im Besonderen der Wiener, hat ein ganz spezielles Verhältnis zum Sterben und zum Tod. Das fängt an beim „Lieben Augustin“, einem äußerst trinkfesten Bänkelsänger, der mit gewaltigem Rausch einschlief und für tot gehalten wurde. Im Jahr 1796 wütet die Pest in Europa und machte auch vor Wien nicht Halt. Zusammen mit anderen aufgefundenen und abgeholten toten Pestopfern wurde der Barde in Ermangelung von Einzelgräbern in eine tiefe Sammelgrube geworfen. Am nächsten Morgen wachte er auf und wartete seelenruhig darauf, dass die nächste Ladung mit Pesttoten kommt und ihn die Fuhrwerker aus seiner misslichen Lage befreien. Ein freches Liedlein singend und zum Erstaunen aller feierte er fröhliche Urständ. Und gleich war er auch wieder durstig. In vielen Wienerliedern ist immer wieder auch der Tod mit dabei, egal ob mit oder ohne letztes Glaserl Wein.
Und so geht es weiter bis zum Gassenhauer von Wolfgang Ambros „Zentralfriedhof“ - Es lebe der Zentralfriedhof und ålle seine Toten - oder Ludwig Hirsch`s „Dunkelgraue Lieder“ - I lieg am Ruckn und stier mit zuagmåchte Augen in de Finsternis, und „Kumm, großer schwoaza Vogl“. Der Hang zum Morbiden ist unbestreitbar und vielfach im Liedgut verewigt.
Friedhöfe als Besichtigungsstätten bei Stadtrundfahrten sind mittlerweile obligate Haltestellen wie jene vor Einkaufszentren oder Botanischen Gärten und der Reisende besucht Judenfriedhöfe und Heldenfriedhöfe gleichermaßen wie orthodoxe Grabstätten und Gräberfelder der Unbekannten. Und alle diese verschiedenen Plätze haben ihren eigenen Charakter, ihr eigenes Flair und typisches Aussehen. Berühmte Friedhöfe wie Mailand mit seinen herausragenden Skulpturen, der „Fröhliche Friedhof“ von Sapanta in Rumänien mit bunten Gemälden und kunstvollen Schnitzereien, Ausflugsziele wie der
„Lustige Friedhof“ in Kramsach in Tirol ohne Tote, dafür mit markigen Sprüchen - „Adele starb mit siebzehn Jahr, just als sie zu gebrauchen war“ - auf den Grabkreuzen sind genau so beliebt wie ein Studium von österreichischen Grabinschriften wie
„Fleischermeistersgattin“, „Hausbesitzerstochter“ oder „K&K Oberlokomotivführer i. R.“. Machen Sie einmal einen Spaziergang und schauen Sie sich die verschiedenen alteInschriften an. So manche sind zum Schmunzeln.
Eine Führung durch den Wiener Zentralfriedhof gehört beispielsweise zu den meistbesuchten Touristenattraktionen. Verschiedene Religionen haben hier ihre eigenen Abteilungen und etliche Berühmtheiten aus Film, Theater, Musik und andere sind hier in diesem mehr als zwei Quadratkilometer großen Friedhof in einem besonderen Abschnitt zur letzten Ruhe bestattet, und dem Wiener selbst geht nichts über „a schene Leich“. Die Anzahl der Kränze, die ein frisches Grab schmücken, geben immer noch den Grad der Wichtigkeit des Verstorbenen vor.
Gar nicht mehr selten sind Bestatter, welche mit besonderen Diensten werben. Hochglänzende Särge aus edelsten exotischen Hölzern, mit Air-brushmotiven oder Einlegearbeiten versehene werden angeboten. Eine Offerte hier im fünfstelligen Eurobereich zu finden ist nicht schwer. Überführungen in Luxusautos wie Maserati, Rolls Royce und sogar Stretch Limousine, aber auch in prachtvollen Kutschen, gezogen von vier bis sechs Pferden sind immer öfters anzutreffen.
Mittlerweile tauchen Agenturen auf, die eine Marktlücke entdeckten und Begräbnis und Zehrung zum modischen Event erheben, sodass weniger der Verstorbene, sondern vielmehr das Ereignis des Feierns und die Trauernden im Mittelpunkt stehen. Wie bei Hochzeiten wird hier den Lebenden bedeutend mehr Aufmerksamkeit als den Toten geschenkt und die Feier gipfelt schließlich in einem mehrgängigen Menü, natürlich von Spitzenköchen oder namhaften Cateringunternehmen geliefert und mit passender Weinbegleitung gekrönt.
Protzige, von berühmten Designern geplante Ruhestätten finden wir mittlerweile fast genau so häufig wie schlichte und trotzdem geschmackvolle Gräber.
Eventbestatter. Als ob nicht ein Familienmitglied mit dem Bestatter zusammen ein würdiges Begräbnis planen könnte. Die eigene Eitelkeit wird hier nicht selten wichtiger genommen als echte Anteilnahme. Vielfach bemerkt der aufmerksame Beobachter später, dass im Gegensatz dazu nach einem Jahr oder länger noch immer das provisorische Kreuz auf dem vernachlässigten Grabhügel ein kümmerliches Dasein fristet, unbeachtet und traurig.
Professionelle Trauerredner sind eine andere Sache. Ich kenne Schauspieler, die am Theater nicht immer ausgelastet sind und als Trauerredner arbeiten. Der Sohn eines Freundes ist mit seinen wunderbaren Reden so gefragt, dass er überlegt, den Theaterberuf ganz an den Nagel zu hängen. Nicht jeder Mensch ist fähig, einen Nachruf zu verfassen und dann auch zu halten.
Wer, wie man so sagt, nah am Wasser gebaut ist, sollte diese Versuche lieber gleich bleiben lassen. Auch ich versuchte aus diesem Grund so manche Ansprache zu vermeiden, was nicht immer gelang, denn oft wollten es die Trauernden ausdrücklich. Sie machen das so schön, bitte, hörte ich des Öfteren. Gerade bei Angehörigen spielt die Emotion gerne einen Streich und ich erlebte etliche Reden, bei denen der Vortragende von den eigenen Gefühlen überwältigt wurde und die Ansprache in stotterndem, schluchzendem und unverständlichem Gestammel vorzeitig endete.
Dann gibt es Menschen, welche liebend gerne an Begräbnisse teilnehmen, die kaum eine Verabschiedung auslassen, und es gibt Menschen, die Totenbilder sammeln. In unserer Stadt hatten wir von jeder Sorte einen. Es war amüsant, wie sich die zwei bei Gesprächen am samstäglichen Stammtisch um das eine oder andere
Begräbnis in der Betrachtung unterschieden.
Da war zum einen der Frisör, der ungefähr vierzig Jahre lang diese Bilder penibel in Alben verwahrte und nach Namen und Datum katalogisierte. Frisöre waren schon immer Anlaufstellen für Insiderwissen, Gerüchte und Tratsch. So war es naheliegend, dass er gerne um Auskunft gebeten wurde. Fragen, wann jemand gestorben war, konnte er binnen kürzester Zeit beantworten, musste er doch nur in seinen Ordnern nachblättern. Bei der Gemeinde hätte man mindestens einen Tag warten müssen. Er wusste auch immer die Todesursache, zumindest wollte er uns das glaubhaft machen. Etwas vorsichtiger war bei seinen Äußerungen nur im Beisein eines Zunftmitgliedes. Unserer Bestattung drängte er diese Sammlung auf, als er in eine andere Stadt zog und kein Interesse mehr daran hatte. Warum er all die Jahre die Bilder gesammelt hatte, wusste er selbst nicht mehr. Es war ihm einfach zur lieben Gewohnheit geworden.
Der Begräbnisgeher, ein Briefträger, war ihm ähnlich. Dem ging es aber in erster Linie darum, zur Zehrung eingeladen zu werden. Sein dunkler Anzug hatte schon besserer Zeiten gesehen, und die geblümte Krawatte passte selten zu seinen karierten Hemden. Einen entfernten Verwandten spielte er leidenschaftlich und gekonnt. Sein Repertoire war bühnenreif und im allgemeinen Wirbel wollte ohnehin kaum jemand Näheres über ihn wissen. Auf einen mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr, argumentierten die Trauernden, und so saß er häufig frischfröhlich bei den Gästen und unterhielt sie mit Schnurren anderer Begräbnisse. Er erinnerte sich fast an jedes Mahl, was eigentlich keine Kunst war, denn durchwegs gab es das besagte Rindfleisch mit Semmelkren. Er erinnerte sich daran, wie es in den unterschiedlichen Gasthäusern schmeckte, und auch, ob es nur eines oder mehrere Getränke gab. Bei Wetten, die sich um Jahr oder Monat eines Begräbnisses von Bekannten drehte, gewann er zu neunzig Prozent. Sein Gedächtnis dafür war überdurchschnittlich, auch ohne dafür nachschauen zu müssen. Dagegen vergaß er recht gerne, wenn er gerade in Verlegenheit war, wie er sich ausdrückte, einen geliehenen Geldschein zurückzugeben.
Jemand sagte einmal, dass das Sterben bereits mit der Geburt jedes Lebens beginnt, folglich auch unserer Spezies, des menschlichen Wesens. So gesehen ist Leben und Tod das Gleiche.
In der Jugend verschwenden wir keinen Gedanken daran, wir wollen leben und genießen. Wir wollen das Sterben lange Zeit nicht wahrhaben, ja geradezu verdrängen, obwohl wir täglich mit wohligem Schauer unzählige Krimis schauen, wo es von Toten – ausgedacht von fantasievollen Autoren, perfekt umgesetzt von Schminkspezialisten und gestorben auf die vielfältigste Art, von versehentlich bis subtil oder brutal – geradezu wimmelt. Als ob die Welt nur noch aus grausamen Sadisten oder menschenfressenden Aliens besteht. Dann wird penibel aufgelistet, auf wie viele Tote es der Film gebracht hat. Das hängt offensichtlich damit zusammen, dass es nur Kino ist. Wir wissen, das Blut, und wenn es in Superzeitlupe noch so effektvoll...




