E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Stratz Das deutsche Wunder
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2848-5
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe.
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-80-272-2848-5
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 'Das deutsche Wunder' von Rudolf Stratz taucht der Leser in die Welt des aufstrebenden Deutschland des 19. Jahrhunderts ein, in dem wissenschaftlicher Fortschritt und industrielle Revolution Hand in Hand gehen. Stratz präsentiert eine detaillierte Analyse der technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die das Land prägten, und zeichnet ein faszinierendes Porträt einer Nation im Wandel. Sein Schreibstil ist prägnant und informativ, jedoch auch mit einer gewissen Umsicht und Wärme gegenüber den historischen Persönlichkeiten seiner Erzählungen versehen. Das Buch hebt sich als bedeutende Darstellung des deutschen Aufstiegs im 19. Jahrhundert in der literarischen Landschaft hervor und ist eine fesselnde Lektüre für Geschichtsinteressierte und Liebhaber der industriellen Revolution gleichermaßen. Rudolf Stratz selbst war ein angesehener Historiker und Schriftsteller, der durch seine profunde Kenntnis der deutschen Geschichte und seine Leidenschaft für das Thema dieses Buchs inspiriert wurde. Seine akademische Expertise und sein feines Gespür für Erzählungen ermöglichten es ihm, ein Werk zu schaffen, das sowohl informativ als auch unterhaltsam ist. 'Das deutsche Wunder' ist ein Muss für jeden Leser, der sich für die Geschichte Deutschlands, die industrielle Revolution oder historische Erzählungen im Allgemeinen interessiert.
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II.
Man hätte glauben können, es sei der Zar, der an diesem heißen Frühlingstag, zu Ende April, vom jungen Grün der Avenue Gabriel her, umdonnert vom Jubelsturm eines schwarzen Menschenmeers über den Concordienplatz seinen Einzug in Paris hielt. Aber es war nicht der schattenhafte Selbstherrscher aller Reußen, sondern der zweite Herr der Erde, sein gekrönter Vetter von Großbritannien, ihm zum Verwechseln ähnlich, mit unbedeutenden Zügen über kurzem, blondem Vollbart, leerem Lächeln, wie jener ein Fleisch gewordener Widerspruch zur Macht über die halbe Menschheit.
»Vive l'Angleterre!«
Es rollte wie Donner über die weite Fläche. Von den Jahrtausenden ihres Luxor-Obelisks sahen Ra und Thot, Anubis und Nephtat auf das Schneeflockengewimmel wehender Tücher und weißer Menschengesichter. Die Sonne funkelte im Silberspiel auf den Helmen und Kürassen der Gepanzerten, die in langem Zug der vierspännigen Karosse des Kaisers von Indien vorausritten. Er dankte verlegen freundlich rechts und links den Huldigungen. Madame Poincaré saß neben ihm.
»Vive Poincaré!«
Im nächsten Wagen folgte der Präsident der Republik mit der Königin von England. Sein kantiger Lothringer Kopf strahlte von befriedigter Eitelkeit. Wie er sich da selbstgefällig in seiner Volkstümlichkeit sonnte, verkörperte sich in ihm die Republik der Rechtsanwälte und Kammerredner, das fünfzigjährige Reich der Phrase. Doppelreihen von roten Käppis und Hosen und blauen Schwalbenschwänzen schieden seinen Triumphzug von dem dahinter jubelnden Volk. ›Die große Stumme‹, die Armee, hielt Wacht.
»Vive la Russie! Vive l' Angleterre!«
Vergessen Krim und Beresina! Wo war jetzt Abukir und Trafalgar, Waterloo und Faschoda! Aus allen Fenstern blähten sich nebeneinander Union Jack und Tricolore, flatterten von den Dächern, grüßten mit tausend Wimpeln über das Häusermeer an der Seine. Ein Fieberrausch von Festfarben, Frühlingshitze, Zukunftshoffnung über Paris. Das aufgeregte Summen und Wirren eines hitzigen, stechlustigen millionenfachen Bienenschwarms. Drüben, auf der Vendôme-Säule, schaute hoch vom blauen Himmel der kleine Erderoberer in Cäsarentracht hernieder auf sein wimmelndes Reich.
Der Chef des Militärstaates des Präsidenten lenkte sein Roß auf die Konkordienbrücke und führte den Zug hinüber nach dem rechten Seine-Ufer. Auf dem Platz dahinter lösten sich die Spaliere. Die Menge wogte um die glitzernden Springbrunnenstrahlen. Seitwärts, nahe der englischen Botschaft, marschierte ein Regiment, von der Parade kommend, vorbei. Ah – diese braven 102ten von der Linie! Die Hüte hoben sich vor der Fahne, die Frauen winkten gerührt und warfen ihr Kußhände zu, der Taktstock zuckte über den Köpfen: in wildem schmetterndem Jubel setzte es ein, riß die Herzen mit sich fort, der Traum der Weltherrschaft rauschte aus dem Schreien der Hörner, dem Wirbeln der Trommeln, dem Gellen der Trompeten, dem Donner des Paukenschlags: »Allons, enfants de la patrie!« Hunderte von Stimmen sangen es mit:
»Auf, Kinder Frankreichs, zu den Waffen!
Der Tag des Ruhms ist wieder da!«
»Noch nicht da! Aber nah!« sagte der General de Rigolet de Mezeyrac. Er war ein starker Siebziger und schon lange nicht mehr im Dienst. Die weiße Frühlingsweste wölbte sich, vom roten Bändchen der Ehrenlegion im Knopfloch seines Schoßrocks überflimmert, über seinem kleinen, gallisch-rundlichen Leib. Aber auch in seinen Augen glühte über dem schneeweißen Henriquatre der Massenrausch der Marseillaise.
»Hoffentlich nahe, mein General!«
Er und der Oberstleutnant Grégoire standen an der Ecke des Platzes vor einer Insel der Trauer inmitten des allgemeinen Festjubels. Kränze mit schwarzen Schleifen türmten sich da vor einem Sockel, Herren in Zylinder bückten sich stumm mit umflorten Blumen, Damen knüpften sich mit theatralischer Pose das Veilchensträußchen von der Brust, führten es an die Lippen und legten es schmerzlich nieder.
Auch der General de Rigolet de Mezeyrac schwenkte seinen Hut und begrüßte mit einer großen Geste das Standbild der Stadt Straßburg, dessen Elsässerhaube dunkel, beinahe unheimlich, die Franzosen unten überschattete.
»Wo frühstücken Sie, mein General?«
»Im Cercle National! Ich erwarte dort den Mann meiner Enkelin, Nicolai Schjelting!«
»Oh ... der Vielgenannte!«
»Er muß heute früh in Paris angekommen sein.«
»Mit den letzten Nachrichten unserer bewunderungswürdigen russischen Freunde! Ich beglückwünsche Sie, mein General!«
»Leider mußte er einige Zeit unterwegs in Berlin Rast machen. Er fühlte sich nicht wohl!«
»Wir werden ihn dies Berlin vergessen lassen! Er kommt grade noch zu unseren Festen zurecht!«
»Er fährt, glaube ich, heute noch nach Brüssel zu seiner Frau und ihren Eltern. Dieser gute Nicolai ist kein Mann der Feste und der Öffentlichkeit. Er wirkt im Stillen!«
»...bis wir ihn eines Tages hier als Nachfolger Iswolskys begrüßen!« sagte der Oberstleutnant Grégoire. Er war als Mitglied des mächtigen zweiten Büros der administrativen Sektion des französischen Generalstabs in manche Geheimnisse eingeweiht. Der General lächelte. Er hörte es gern. Es war keine leere Schmeichelei. Es lag im Bereich der Möglichkeit... an jenem Tag, da keine Trauerkränze mehr zu den Füßen der Stadt Straßburg lagen...
Sie gingen die Rue Royale hinauf, an den gepuderten Dirnen und den übernächtigen Kellnerfratzen der Bar Maxim vorbei. An der Madeleine-Kirche zog der General den Hut vor ein paar Priestern oben auf den Stufen. Er war ein Mann der alten Schule und versäumte nie seine Messe. Nicht nur die Altersgrenze, sondern auch die Freimaurer in der Armee hatten ihm das Genick gebrochen. Er sprach das barsch und offen aus, oft mitten in dem großen Offizierskasino der Armee und Marine, in dem er jetzt nach dem Mann seiner Enkelin frug.
Nein! Monsieur de Schjelting war noch nicht dagewesen.
Das große Gebäude an der Ecke der Rue de la Paix war heute voll Trubel und Leben. Viel mehr Uniformen unter dem Zivil als sonst. Darunter auch fremdartige von England. Ein scharlachroter, baumlanger Coldstream-Gardist mit einem Turm von einer Bärenmütze, neben dem ein schwarzverschnürter, französischer Hauptmann winzig aussah, ein milchbärtiger Lord von einem der schottischen Hochland-Regimenter mit gewürfeltem Rock und nackten Knieen. Der alte Rigolet schmunzelte:
»Arme Burschen! Sie lieben sich und können es sich nicht sagen!«
Ein indischer Fürst in rotem Turban stand, von den Briten mitgebracht, vor dem Araberscheich eines Spahi-Regiments mit dem Orden der Ehrenlegion auf dem weißen Burnus. Der Afrikaner verstand nur französisch, der Asiate nur englisch. Die beiden bräunlichen Männer lächelten sich unsicher inmitten ihrer Zwingherren an. Ringsum ein Stimmengeschwirr der Offiziere.
»Was war im Salon ausgestellt? Eine Büste Wilhelms II.?«
»Ah! Hört Ihr's?«
»Erledigt! Die Direktion wich der Entrüstung und hat sie entfernt!«
»Bravo!«
»Befreit uns lieber von diesem Jaurès!« sprach düster der schwarzbärtige Kapitän Antonelli, ein Korse.
»Auch seine Zeit wird kommen!«
»Wie ist das eigentlich mit dem Pulver, Leblanc?«
»Es ist richtig! Wir haben große Bestellungen in Italien und Schweden gemacht. Aber natürlich nur zum Vergleich mit unserm Nitroglycerin!« sagte der Schiffsleutnant Leblanc lächelnd. Herr von Rigolet redete daneben auf einen hageren straffen General vom ›commandement supérieur de la défense‹ ein, der das breite rote Band der Ehrenlegion quer über der Uniform trug.
»Ah – mein Alter – mich wirst du nicht los! Frankreich – das ist die Freiheit! Ich folge Euch als Schlachtenbummler!«
»Wohin, mein General?«
»An die belgische Grenze! Übermorgen geht der ganze Generalstab dorthin. Vierzehn Tage kriegsmäßige Übungen! Fünfundzwanzig Generale, zweihundertfünfzig Offiziere! Eine blaue und rote Partei!«
Der englische Riese in Rot und der schottische Lord konnten gut französisch. Bei der Erwähnung Belgiens zeigten sie verständnisvoll ihre breiten, weißen Zähne. Man lächelte sich an. Gesprochen wurde nichts. Man wußte ja Bescheid. War längst im Reinen. An einem der Fenster drängte sich eine Gruppe Offiziere und schaute hinaus auf Staub, Sonnenglut und Schmutz des fahnenumhangenen Opernplatzes, zwischen dessen Automobilgewühl sich von beiden Seiten der Boulevards her immer neue Menschenmassen ergossen. Der blonde Leutnant Schouman, der wie ein deutscher Lehrer aussah, drehte sich plötzlich um und gab dem Oberstleutnant Grégoire ein aufgeregtes Zeichen, heranzutreten.
»Da ist er!«
»Wer?«
Zugleich fuhr der Major Michelin auf, wie ein Jäger beim Anblick des Wilds.
»Er geht quer über den Platz!«
»Kommt er hier herüber?«
»Ja!«
»Ah – das ist dreist!«
»Wer denn nur?« Grégoire schob ungestüm die gespannt lauernden jüngeren Offiziere vom Zweiten Büro des Nachrichtendienstes beiseite. Er war etwas kurzsichtig.
»Wer? Isebrink!«
»Isebrink! Erkennen Sie ihn nicht, mein Oberstleutnant?«
»Sapristi! Ja – das ist Isebrink!«
Draußen auf der flaggenbunten Rue de la Paix wimmelten im Sonnenschein die Pariser und ihre Gäste: Engländer, die zu vielen Tausenden mit dem König über den Kanal herübergespritzt waren, Yankees in Scharen. Nur durch seine straffe Haltung unterschied sich da einer von den Hängeschultern der...




