E-Book, Deutsch, 162 Seiten
Stratz Die armen Reichen: Historischer Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2856-0
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe.
E-Book, Deutsch, 162 Seiten
ISBN: 978-80-272-2856-0
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 'Die armen Reichen', einem historischen Roman von Rudolf Stratz, nimmt der Autor die Leser mit auf eine fesselnde Reise in das frühe 19. Jahrhundert. Das Buch zeichnet das Leben einer wohlhabenden Familie inmitten von politischen Umwälzungen und gesellschaftlichen Spannungen nach. Stratz präsentiert seinen Stil mit präzisen Beschreibungen und detaillierten Charakterdarstellungen, die den Leser in die Welt dieser Familie eintauchen lassen. Der Roman bietet nicht nur Unterhaltung, sondern wirft auch einen kritischen Blick auf die Ungleichheiten in der Gesellschaft dieser Zeit und die Folgen für die einzelnen Individuen. In literarischer Hinsicht verwebt Stratz geschickt historische Fakten mit fiktiven Elementen, um eine packende Erzählung zu schaffen, die den Leser in den Bann zieht. Rudolf Stratz' Werk ist von einer tiefen Kenntnis der Epoche geprägt, die sich in seiner akribischen Recherche und seinem lebendigen Schreibstil widerspiegelt. Als bekannter Historiker und Schriftsteller ist Stratz in der Lage, komplexe historische Zusammenhänge auf unterhaltsame und zugängliche Weise darzustellen. Seine Leidenschaft für die Geschichte und sein Talent für das Erzählen machen 'Die armen Reichen' zu einem fesselnden Leseerlebnis, das den Leser zum Nachdenken anregt und gleichzeitig bestens unterhält. Dieser historische Roman ist ein Muss für alle, die an faszinierenden Einblicken in vergangene Zeiten und an packender Literatur interessiert sind.
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Zweites Kapitel
Im Burckschen Hause, durch das Harry von Rhenus und Barbara schritten, war alles neu. Es fehlte jener Urväterkram, der sich sonst im Lauf der Zeiten in Familien ansammelt. Was davon je vorhanden gewesen, das war bei der Übersiedlung im Lande zurückgeblieben und verlorengegangen. Nur in seinem Arbeitszimmer hatte Otto Burck eine dämmerige Ecke, die einigen alten Erbstücken der Vergangenheit vorbehalten war. Ein sehr altes württembergisches Gesangbuch lag da, mit der fast vergilbten Inschrift: »Anno 1812 hab' ich daß Büchlein gekauft um 3 Rappen. Anna Barbara Schinzigin, eine gebohrene Häserin« auf der ersten Seite, ein eingerahmter Trauschein des Propstes der protestantischen Kirche in Polen, mit der Bestätigung, daß Lambert Burck dort im Jahre 1840 die Theresia Waldvogel geheiratet, und daneben an der Wand die beiden kleinen, fast schwarz gewordenen Ölbilder der beiden, der Eltern Otto Burcks – zwei strenge, gefurchte Köpfe, die an bäuerliche Abstammung gemahnten. Es war eine Überlieferung in der Familie, daß sie irgendwo aus Schwaben oder vom Breisgau her vor siebzig, achtzig Jahren in Polen eingewandert waren. Genau wußte es niemand zu sagen, und es interessierte auch eigentlich keinen. Die beiden Alten in dem einfachen Holzrahmen, die fix und fertig aus Darmstadt vor fünf Jahren bezogenen Möbel, die Perserteppiche und Bronzefiguren, die Seidentapeten und Gläser wirkten um so unpersönlicher, als zuweilen mitten darin wieder irgendein billiges Basarplunderstück stand und verriet, wie wenig die Bewohner innerlich mit ihren Räumen zusammenhingen.
Aus dem großen Salon, dem sich die beiden näherten, tönten Frauenstimmen. Die Herren waren noch nicht da. Frau Konstanze Burck, Barbaras Mutter, stand in der Mitte, eine große, geräuschvolle Dame, die hohe hagere Gestalt in ein viel zu jugendliches, hellila Seidenkleid gepreßt und mit überreichlichem Schmuck behängt.
Ihre beiden anderen Töchter saßen am Tisch. Anna, die Frau des Rittmeisters, weniger hübsch als die Schwestern, etwas spitz und mager. Sie hatte sich ganz in die Welt ihres Regiments hineingefunden, sie lebte nur in der Armee und mit der Armee, sie ritt und fuhr und war Offiziersdame von Kopf bis zu Fuß. Lizzie von Hafner, die zweite, hatte mit ihrer rosigen, gedankenlosen Schönheit einen Stich in das Wiener Oberflächliche. Sie lachte fortwährend, auch wenn gar kein Grund dazu war, sie hörte nie recht zu, wenn man zu ihr sprach, sondern ließ die Augen im Zimmer herumwandern wie ein neugieriger Vogel und unterbrach einen plötzlich mit etwas ganz anderem. Es war schwer, mit ihr, so liebenswürdig sie war, länger als eine halbe Stunde auszukommen – am schwersten für ihren Mann, den einzigen Menschen auf der Welt, den sie immer schlecht behandelte.
Die beiden jungen Frauen mußten schon seit einer Stunde zwischen ihren beiden Kusinen die Dolmetscherin spielen, der Mistreß Jane von Rhenus, Harrys Schwägerin, die nur Englisch, und der Madame Maurice Bürk aus Paris, die nur Französisch verstand. Und dabei hatten sich die beiden doch so wenig zu sagen, die rotwangige gesunde Angelsächsin, bei deren Anblick man unwillkürlich an viel Wasser und Seife und frische Luft und eine große Kinderstube dachte, und die kleine, üppige Pariserin mit dem vielen weißen Puder auf dem lustigen Gamingesicht, mit ihren überlebendigen Bewegungen und der scharfen Stimme. Aber es war ein Glück, daß die prüde und zurückhaltende Britin nur einen Teil der Konversation der anderen zu hören bekam. Frau von Heinreich und Frau Hafner von Hradeck übersetzten bei weitem nicht alles und warfen sich zuweilen einen halb verzweifelten, halb unwillkürlich belustigten Blick zu. Es war unglaublich, über was alles Madame Bürk in ihrer gallischen Naivität, unbefangen wie ein kleines Kind, plauderte.
Jetzt, als die Schwestern zu Barbara und ihrem Vetter traten, war überhaupt das Band des geistigen Verkehrs zwischen Mistreß von Rhenus und Madame Bürk abgeschnitten. Die beiden schauten sich nur noch an und lächelten wohlwollend und fühlten dabei deutlich, wie ungemein unsympathisch sie sich gegenseitig waren. Und Frau Konstanze Burck hütete sich wohl, ihnen zu Hilfe zu kommen. Sie stand am Tisch in der Mitte und ordnete da in aller Eile die Visitenkartenschale, so daß die aristokratischen Damen, falls jemand einen Blick hineinwerfen sollte, oben lagen. Sie hatte auch den Namen: »Robert Burck« in der Fremdenliste gelesen, die sie jeden Tag eifrig studierte, und äußerte ihr Befremden. Erstens: Robert – das sei doch an sich schon ein Verbrechername! Frau von Heinreich zuckte bei ihrer schallenden Stimme leicht zusammen und sagte zu Frau von Hafner: »Dabei heißt mein Schwiegervater so!« – und zweitens: was wollte der junge Mann hier? Das sei doch taktlos, sich hier heranzudrängen ... und in dem Punkte – nein, Kinder – da sei sie unerbittlich.
»Er ist doch noch nicht da, Mama!« sagte Barbara kurz und ungeduldig. Ihre Mutter ging ihr heute mehr als je auf die Nerven. »Warte es doch ab!« Und zugleich hallte es auf der Treppe; die Herren kamen herab, Onkel Pauluscha allen voraus, durch den Ruf zum Lunch belebt wie ein altes Schlachtroß durch einen Trompetenstoß. Er vergaß, daß die Damen unten waren und stimmte in düsterem Baß die Arie aus dem Freischütz, sein Leiblied vor Tisch, an:
»Alle meine Därme schlagen Und mein Bauch wallt ungestü ... ü ... m!«
so daß Mistreß von Rhenus, die die Worte glücklicherweise nicht verstand, besorgt fragte, ob dem alten Gentleman nicht wohl sei, und die beruhigende Versicherung in englischer Sprache von Harry erhielt: Doch! Der würde gerade jetzt erst Mensch.
Er reichte, als es zu Tisch ging, Barbara den Arm. Beide plauderten während der Suppe miteinander über gleichgültige Dinge. Es war ihnen wie eine Verstellung, und doch waren sie wieder froh darüber, daß sie durch diese zwischen ihnen halblaut gewechselten Worte von der allgemeinen Ebbe des Gesprächs bewahrt blieben. Das war ein Verhängnis und wiederholte sich immer wieder, wenn die Burcks und ihre Verwandten zusammenkamen: solange die Männer um einen Tisch mit Geschäftspapieren herumsaßen und ihre Geschäfte erörterten, ging es gut. Aber nachher, im Familienkreis, stockte der Gedankenaustausch oder schleppte sich nur mühsam fort. Für alles, was der eine sagte, fehlte beim anderen die Grundlage. Und dazu mußte, der beiden Ausländerinnen wegen, in deren Nähe immer noch Englisch und Französisch geredet werden. Jane von Rhenus faßte das auch als ganz selbstverständlich auf. Sie erwiderte auf eine Frage, ob ihre Kleinen denn auch schon Deutsch könnten, ganz entrüstet: »Oh, meine Kinder sind Engländer!« – und ebenso war Gaston, Maurice Bürks einziger Sohn, der sich zur Zeit in Lyon in der Seidenbranche als Volontär umtat, nach seiner Photographie, die bei Tisch herumgereicht wurde, ein typisches, achtzehnjähriges französisches Jüngelchen mit spitzen, altklugen Zügen.
Schließlich sprach man, während man aß, vom Essen. Onkel Pauluscha warf das Thema auf und belebte dadurch die Unterhaltung. Mitten in diesem Stimmengewirr schauten sich Harry von Rhenus und Barbara unwillkürlich an. Er sagte trocken, mit einem leisen Spott, zu ihr: »Unter Larven die einzige fühlende Brust ...« Sie seufzte und hatte wirklich die Empfindung, daß sie und er gar nicht hierher gehörten, sondern ganz woanders hin.
Und nun erhob sich Otto Burck, eine gewisse Feierlichkeit auf seinem guten, müden, alten Gesicht, und klopfte an sein Glas und räusperte sich und hielt, als alles still geworden, seine Begrüßungsansprache an die Verwandten. Es sei ja leider den Burcks nicht so leicht gemacht, zusammenzukommen, wie anderen, die seit langem irgendwo seßhaft seien. Sie müßten zu diesem Zweck weite Reisen machen und Landesgrenzen überwinden. Aber trotzdem hätten sie seit drei Generationen den Zusammenhang bewahrt und sich die Treue gehalten.
»Das heißt: sie haben Geschäfte miteinander gemacht!« brummte Onkel Pauluscha vernehmlich. »Die anderen könnt' der Teufel holen!«
Sein Schwager warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. Dann fuhr er fort: Und dieser Familiensinn ehre sie, die Burcks! Wenn auch getrennt, seien sie sich stets eingedenk gewesen, daß sie vom selben Stamme seien ...
Das war Onkel Pauluscha zuviel. »Jeder Amerikaner«, verkündete er laut, »weiß besser, wer sein Urgroßvater war, als wir.«
Eine Bewegung des Unmuts ging durch die Gesellschaft. Man sah den Störenfried strafend an, und Otto Burck sagte müde und mild: »Also – dann bitte – rede du! ... Ich bin, scheint's, schon zu alt dazu ...« Und als jener nun böswillig schwieg, fuhr er fort und gab absichtlich, um die Spannung zu heben, seiner Rede eine etwas scherzhaftere Wendung: »Wenn man uns fragt, was besitzt ihr denn eigentlich noch gemeinsam, dann müssen wir antworten: wir sind arme Leute ...« Dabei lächelte er und die anderen Millionäre um ihn mit. »Wir haben nur noch eine Handvoll Buchstaben zusammen – die bilden den Namen ›Burck‹ – und sogar von dem hast du, Maurice, schnöde in Paris das ›c‹ weggelassen.«
»Dafür hat sich ja Joseph seinerzeit ein ›e‹ angehängt!« äußerte Barbaras Mutter mit lauter Stimme.
Es war unmöglich, in diesem Augenblick etwas Unpassenderes zu sagen. Tiefes Stillschweigen trat ein. Jeder sah im Geiste wieder Onkel John Burke, den einstigen Stolz der Familie, den entthronten Börsenkönig von London, vor sich. Der Hausherr mußte sich sammeln, um weiter zu sprechen. Es erschien ihm selbst fast wie Hohn. Auf die Vettern, die Schwiegersöhne, die Verwandten brachte er ein Hoch aus, und seinen Bruder, seinen einzigen Bruder,...




