Stratz | Für Dich | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 281 Seiten

Stratz Für Dich

Bereicherte Ausgabe.
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2855-3
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bereicherte Ausgabe.

E-Book, Deutsch, 281 Seiten

ISBN: 978-80-272-2855-3
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Rudolf Stratz' Buch 'Für Dich' wird die Geschichte einer unerfüllten Liebe zwischen zwei jungen Menschen im frühen 20. Jahrhundert erzählt. Der Autor beschreibt einfühlsam die Gefühle und Gedanken der Protagonisten und lässt den Leser tief in ihre Welt eintauchen. Stratz' literarischer Stil zeichnet sich durch seine feine Beobachtungsgabe und die lebendige Darstellung von Emotionen aus. Das Buch ist ein Meisterwerk der deutschen Literatur seiner Zeit und wird oft als Beispiel für die sentimental-romantische Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts zitiert. Mit 'Für Dich' schuf Stratz ein Werk, das die Leser auch heute noch fesselt und bewegt. Rudolf Stratz, geboren 1864 in Augsburg, war ein bekannter deutscher Autor und Journalist. Seine eigenen Erfahrungen mit unerfüllter Liebe und die Beobachtung der gesellschaftlichen Normen seiner Zeit inspirierten ihn, dieses ergreifende Buch zu schreiben. Stratz' feinfühliges Erzählen und sein Gespür für emotionale Nuancen machen 'Für Dich' zu einem zeitlosen Klassiker der deutschen Literatur. 'Für Dich' ist ein Buch, das die Leser auf eine emotionale Reise mitnimmt und sie dazu anregt, über die Tiefe menschlicher Gefühle nachzudenken. Dieses Buch ist ein Muss für alle, die sich für romantische Literatur und die Abgründe der menschlichen Seele interessieren.

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II.


Am nächsten Morgen war ein Sonntag. Der Hauptmann Georg Gisbert stand in seiner Hausjoppe, die Frühstückszigarre noch in der Hand, am Fenster seines Arbeitszimmers und schaute hinunter auf die tote Straße. Nebenan saß seine Frau im Morgenrock und nähte etwas. Die Märzsonne schien hell in die hohen, reich ausgestatteten Räume der Berliner Mietswohnung. Aus der Ferne scholl dumpf und dröhnend ein tiefer Klang, und Frau Otti sagte, ihre Arbeit sinken lassend: »Das muß eine große Hochzeit sein in der Kaiser-Wilhelmkirche, daß sie die Extraglocke läute lasse! Die ist doch so arg teuer.«

Er nickte. Sie stichelte an ihrem Saum weiter. Beide schwiegen. Aber sie fühlten sich dabei ganz einig. Sie sprachen wie durch ein gegenseitiges Einverständnis nicht mehr von gestern abend. So sank der ganze unheimliche Zwischenfall am raschesten in sein Nichts zurück. Und seltsam – wenn Georg Gisbert jetzt daran zurückdachte, so stand ihm immer wieder weniger seine frühere Frau vor Augen, als ihrer beider Kind, die kleine Karla, die bei seiner Mutter in Schlesien in Pflege war.

Sie war dort gut aufgehoben – gerade ein so kränkliches und schwächliches Dingchen wie sie – es war kein Grund, sich plötzlich um sie zu sorgen. Trotzdem erwog er auf einmal den Gedanken, bei Gelegenheit hinüber zu fahren und nach ihr zu sehen. Er sagte sich selbst, daß es gar nicht nötig sei. Er hatte dort weiter nichts zu suchen. Aber die sonderbare dumpfe Vorstellung, daß er doch hin müsse, blieb bestehen und verließ ihn den ganzen Vormittag nicht, während er an seinem Schreibtisch die dienstlichen Rückstände der Woche aufarbeitete. Es blieb ihm für nichts anderes Zeit, als für den Dienst und allenfalls einmal hinaus auf die Jagd oder im Sattel in den Grunewald und des Abends in eine Gesellschaft. Die ruhigen Stunden der Einkehr fehlten. Dort an der Wand hing die Geige. Es war sonst seine Lieblingsbeschäftigung gewesen, sie am Sonntag vormittag zur Hand zu nehmen und zu phantasieren, selbst zu komponieren, wenn ihm im Träumen der Töne eine kleine eigene Melodie aufzusteigen schien. Und neben der Geige schimmerten Aquarelle und Kreidezeichnungen von seiner eigenen Hand – Skizzen – von draußen, aus der weiten Welt, die Reissümpfe Chinas in blutrotem Sonnenuntergang, sonderbare Glockentürme und Pagoden, die Reede von Dar-es-Salam, die Steppen des Kilimandscharo – es war in diesem Zimmer alles vermieden, was direkt an den Offizier erinnerte. Und wer aus dem Bücherschrank des Hauptmanns Gisbert wahllos ein paar Bände herausgegriffen hätte, der hätte allerhand gefunden, was im geistigen Haushalt eines Militärs nicht nötig, kaum nützlich war. Aber seine Pflicht vernachlässigte der, der diese Räume bewohnte, deswegen trotzdem nicht. Gegen gefährliche Erinnerungen aller Art – und eine darunter, die gestrige, war die gefährlichste – gab es nur ein Mittel: Arbeiten! Arbeiten! Arbeiten! und er setzte sich, schob sich seine Papiere zurecht und rief laut und aufgeräumt: »Otti!«

»Ja, Georgche!«

»Tür zu! ... Ruhe! ... Kinder nach hinten! ... Wenn Besuch kommt, 'raus! ... Oder wenigstens 'rüber in die gute Stube, daß man das Gekolke hier nicht hört. Ich hab' bis zum Mittagessen zu schuften!«

Der Bursche mußte ein paarmal klopfen und melden, daß angerichtet sei, bis Georg Gisbert nach vierstündiger Arbeit mit heißem Kopf vom Schreibtisch aufstand und in das Eßzimmer hinüberging, wo alles schon versammelt war. Sonntags gab es immer Gäste. Wer von ledigen Mitgliedern der Familie Gisbert gerade in Berlin stand, oder dorthin kommandiert war, war ein für allemal geladen. So war da Georgs jüngster Bruder Albert vom 300. Infanterieregiment in Westfalen, der, wie er selber vor zehn Jahren, die Kriegsakademie besuchte – ein junger, stiller und kluger, ihm ähnlicher Mensch, nur noch brünetter und schmächtig, wohl einen Kopf kleiner, dann ein Pionierfähnrich von der Potsdamer Kriegsschule, ein Sohn von Georgs einziger Schwester Franziska, die einen Amtsrichter in Magdeburg, einen der wenigen Zivilisten in der Familie, geheiratet hatte. Georgs ältester Bruder war als Major gestorben. Dessen beide Jungen hatte man unter die Kadetten in das Vorkorps in Potsdam gesteckt. Von da waren die zwei bunten Knirpse, die »Freßbüble«, wie Frau Otti sie nannte, herübergefahren und hieben ein wie die Wölfe, und um sie ging das Gespräch der Erwachsenen seinen Gang – daß Leopold und seine Frau hätten nach Berlin kommen wollen, aber es mache sich nicht mit dem Urlaub, er führe für den erkrankten Major das Bataillon –, und Karl sei Regimentsadjutant geworden – es sei dem armen Kerl wahrhaftig zu gönnen, – und welch ein Glück, daß Ludwigs sich mit dem neuen Oberst und seiner Frau so nett einlebten, und Eduard hoffe doch nun einmal von Posen wegzukommen – Henriette träume schon von der Garde oder mindestens so was zwischen Neunundachtzigern und Fünfundneunzigern – natürlich – die! – Aber das Militärkabinett werde da wohl noch reichlich Wasser in den Wein gießen ... Es waren die stehenden, alten Themata, in denen nur die Namen sich änderten. Die Dinge blieben dieselben: Versetzung, Beförderung, Abschied in ewigem Kreislauf.

Nach Tisch erschien auch der dritte Bruder Gisberts, der rötlich-joviale, schlau zwinkernde Spandauer Artillerist, und seine lange, magere, ewig schweigsame und verschüchterte blonde Frau Klothilde. Die Neugier, zu sehen, was aus der gestrigen Überraschung geworden, trieb das Ehepaar her. Und Georg Gisbert, der bis dahin im Kreise der halben und ganzen Kinder am Tische sehr einsilbig gewesen war, wurde jetzt lebhafter und sagte, während er allein mit dem Bruder Richard im Rauchzimmer saß: »Weißt du, es ist doch merkwürdig, wie viel in einem selber vorgeht, ohne daß man sich recht darüber klar wird ...«

»Zum Beispiel ...?«

»Zum Beispiel: Heute den ganzen Morgen geht mir meine Karla im Kopf herum – nicht die Mutter, verstehst du – sondern sie, die Kleine! Ist das nicht eine sonderbare Nachwirkung des gestrigen Zusammentreffens?«

»Sie ist eben das einzige, was du von früher noch übrig hast!«

Der Hauptmann Gisbert sann nach: »Nun ja! Aber das weiß ich doch! Das ist mir nicht neu. Warum hab' ich nur jetzt auf einmal eine solche Sorge um das Mädel? Eine Unruhe, als ob ihr etwas passieren könnte? Es ändert sich doch auch eigentlich so manches dadurch, daß sie – meine frühere Frau, wieder heiratet! Am liebsten würde ich die Karla nun überhaupt zu mir nehmen. Es ist ja lächerlich: Vater und Mutter haben nun bald jedes ihren eigenen Hausstand, und die Kleine sitzt ferne unter Verwandten ...«

»So tu's doch!«

»Ich kann nicht!« Er warf einen Blick in das Nebenzimmer, wo seine Frau zwischen den Gästen saß. »Ich will dir mal was verraten, Richard! Otti ist auf das Kind eifersüchtig! Direkt eifersüchtig! Ich darf gar nicht viel von ihm reden, sonst verdunkelt sich der Horizont. Das macht es mir so schwer. Ich muß alles bei mir behalten, was ich in der Hinsicht hoffe ... oder auch manchmal fürchte! Die Kleine ist so zart. Sie braucht so gute Pflege!«

»Die hat sie doch bei Mama!«

»Mama ist bald siebzig. So ein kleines Ding will doch auch ein bißchen Leben um sich haben! ... Jetzt habe ich sie ja nahe ... Aber wenn ich mal versetzt werde und wieder durch halb Deutschland reisen muß, um meine eigene Tochter zu sehen ...«

Er brach ab. Sie wurden durch den Leutnant und den Fähnrich gestört, die zu ihnen hereintraten, und er kam den ganzen Nachmittag, bis alle gingen, nicht mehr darauf zurück.

Und ebenso stumm blieb er die ganze folgende Woche. Der Zwischenfall an dem Gesellschaftsabend neulich schlief ein. Er und Otti hüteten sich, ihn wieder zu erwecken. Sie sprachen kein Wort mehr darüber. Das Leben verlief wie immer. Nur zuweilen, wenn der Hauptmann Gisbert von seinem Arbeitstisch aus durch das Fenster hinaussah und sein Blick den hohen Himmel, die fern hinziehenden Wolken streifte, dann wunderte er sich, wie ihm die Frau, die ihm einst so nahe im Leben gestanden, nun wieder als Fremde räumlich nahe sei. Das war die einzige Vorsichtsmaßregel, die er ergriff: er mied den Umkreis des Lützowplatzes, wo er ihr möglicherweise begegnen konnte. Sein Weg führte ihn ja ohnedies auf der Stadtbahn bis in die Nähe der Kriegsakademie. Als ihn Otti einmal dort abholte, begegnete ihnen Unter den Linden der Major a. D. Freiherr von Ulerici. Der ehemalige Kürassier kam vom Pariser Platz, vom Hause der Kasinogesellschaft. Er trug einen hechtgrauen Zylinder und einen kurzen, kakifarbenen Sportpaletot – zwei andere Herren mit Monokeln begleiteten ihn. Er grüßte das Ehepaar nach kurzem Stutzen sehr höflich. Georg verspürte diesmal, während er die Hand an die Mütze legte, keine Regung von Eifersucht mehr. Der ältliche Herr kam ihm jetzt ein bißchen komisch vor. Er wußte selbst nicht, warum.

Am nächsten Sonnabend abend aber sagte er beiläufig zu seiner Frau: »Otti – ich rutsche morgen in aller Herrgottsfrühe mal nach Schlesien hinüber und schau', was Karla macht! Der Doktor ist doch immer mit ihr so bedenklich! Was meinst du?«

»Tu's nur!« versetzte Frau Otti, die frisch und rosig, das Jüngste auf dem Arm, vor ihm stand. Sie war immer sehr einsilbig, wenn die Rede auf die Stieftochter kam.

Er gab ihr einen Kuß und fuhr am Sonntag im ersten Dämmern ab. Beinahe zehn Jahre waren es, daß sein Vater als Generalleutnant und Divisionskommandeur, eben im Begriff, sein Pferd zu besteigen, vor seinem Haustor vom Schlag gerührt worden war. Seitdem hatte die Mutter in dem stillen schlesischen Städtchen ihren Wohnsitz genommen. Ihr Sohn schritt durch die...



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