E-Book, Deutsch, 262 Seiten
Strauß Spielplan-Änderung!
Die Auflage entspricht der aktuellen Auflage der Print-Ausgabe zum Zeitpunkt des E-Book-Kaufes.
ISBN: 978-3-608-11606-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
30 Stücke, die das Theater heute braucht
E-Book, Deutsch, 262 Seiten
ISBN: 978-3-608-11606-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Was gehört heute auf die Bühne, warum wird immer dasselbe gespielt? Das Who ist Who der deutschen Intellektuellen schreibt über Stücke, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, aber dringend auf die Bühne gehören. Gemeinsam begründen sie in diesem Buch das Programm für ein neues Theater, das sich nicht an Besetzungszwängen, Zuschauerzahlen oder wohlfeilen Spielmotti orientiert, sondern ausschließlich an der literarischen Qualität der Stücke. Das Buch zur erfolgreichen FAZ Serie, herausgegeben von Simon Strauß.
- Das Buch zum großen Theaterhighlight in der Volksbühne Berlin am 18. April 2020 in Kooperation mit der FAZ
- Große Schauspielerinnen und Schauspieler (u.a. Klaus Maria Brandauer, Dörte Lyssewski, Axel Milberg) lesen aus Stücken des Buches
Mit Texten von u.a. Daniel Kehlmann, Hans
Magnus Enzensberger, Nino Haratischwili, Sasha Marianna Salzmann,
Deborah Feldman, Johanna Wokalek, Andreas Platthaus, Tilmann
Spreckelsen, Michael Krüger, Burghart Klaussner.
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Andreas Gryphius:
Leo Armenius (um 1650)
5. Akt, 3. Szene THEODOSIA Wen schleift die grimme Schar!
O Jammer! Ist es der Der dieses Reich beherrscht. Welch’ Abgrund
welches Meer Der Schmerzen schluckt uns ein. Was können wir erkennen, das nicht zu schlagen sei? Ist hier ein Glied zu nennen, das nicht das Schwert zerstückt? Wo ist sein schönes Haar? Das mit besteintem Gold noch erst umwunden war? Wo ist die starke Hand / die Schwert und Zepter führte: Die Brust, die blanker Stahl sowohl als Purpur zierte? Weh’ uns / wo ist er selbst? Schaut! Sein nicht-schuldig Blut gereizt durch unsere Angst / Spritzt eine neue Flut durch alle Wunden vor! Sein Blut ruft emsig Rache! Ob seine Lippe stumm. Sein Blut tut eurer Sache mordgierig Unrecht dar! […] Reißt uns mit ihm! Der Tod bringt euch und uns Gewinn Setzt Spieß und Säbel an! Braucht Flamm’ und grimme Waffen! Wir wünschen (lasst uns hier) wir wünschen zu entschlafen auf dem erblassten Mund, auf der geliebten Brust. MICHAEL Reißt ihr die Leiche aus. THEODOSIA Wo sind wir? Was für Lust empfinden wir anjetzt? Der Fürst ist nicht erblichen: O Freud’ / Er lebt! Er lebt! Nun ist dies Leid gewichen Er wischt die Tränen selbst uns ab mit linder Hand! Hier steht er! Er ergrimmt und schüttet Schwert und Brand auf der Verräter Haupt. I. VERSCHWÖRER Der Schmerz hat sie bezwungen! Sie rast vor höchster Angst. THEODOSIA Mein Licht! Sie sind verdrungen! Die Mörder sind erwürgt! Er beut uns seinen Kuss: O unverhoffte Wonn! O Seel erquickend Gruß! Wilkommen werter Fürst! Beherrscher unserer Sinnen! Gefährten trauert nicht mehr / er lebt. MICHAEL Schafft sie von hinnen! Andreas Kilb
Man müsste das Stück übersetzen. Es herausholen aus dem Gefängnis der barocken Sprache, der gelehrten Metaphern, so wie Brecht in »Mutter Courage« die von Grimmelshausen erzählte Geschichte der Landstörzerin Courasche verwandelt und in die Moderne übersetzt hat. Aber der Weg zu uns wäre diesmal viel kürzer, denn »Leo Armenius« ist ja schon ein Drama, ein Trauerspiel von Andreas Gryphius, erstmals erschienen im Jahr 1650. In der Ausgabe von 1663, die Gryphius vor seinem Tod im folgenden Jahr noch einmal gründlich redigiert hat, macht schon der Titel klar, worum es geht: »Leo Armenius / Oder Fürsten-Mord«. Die Handlung spielt im Kaiserpalast und in der »Burg« von Konstantinopel, von Heiligabend nachmittags bis zum Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages im Jahr 820 nach Christus. Michael Balbus (»der Stotterer«), der Oberbefehlshaber des byzantinischen Heeres, hat sich gegen seinen einstigen Freund und Förderer Leo Armenius (»der Armenier«) verschworen, der jetzt auf dem Kaiserthron sitzt. Der Tyrann müsse gestürzt werden, erklärt Michael, weil er sich »im Blut der Untertanen wäscht« und »seinen Gelddurst stets mit unsern Gütern löscht«. Aber das ist nicht der Leo, den wir kurz darauf kennenlernen. Im Gegenteil, der Kaiser, den Gryphius vor uns erstehen lässt, ist ein Melancholiker und Zauderer, die Macht liegt ihm wie ein Stein auf der Brust. »Was ist ein Prinz doch mehr als ein gekrönter Knecht?«, fragt Leo, den im Schlaf Albträume quälen »mit Brand, mit Ach und Tod« und dessen Reich von allen Seiten bestürmt wird. Die Verschwörung, die bald aufgedeckt wird, könnte er mühelos ersticken; aber noch lieber will er, dass Balbus, »die kalte Schlang’«, seinen Verrat bereut, bevor er stirbt. So lässt sich der Kaiser von seiner Gattin Theodosia überreden, die Hinrichtung bis nach Weihnachten aufzuschieben. Das ist sein Verhängnis. Die Verschwörer, die Michael aus dem Kerker heraus lenkt, schleichen sich als Priester verkleidet während der Christmette in die Hagia Sophia und ermorden Leo, der sich verzweifelt wehrt, am Altar; und Michael Balbus wird Basileus von Byzanz. Gryphius hat die historischen Tatsachen, auf die er sich stützt, auf bezeichnende Weise umgeschrieben. Leo V., oströmischer Kaiser von 813 bis 820, war ein knallharter Machtpolitiker, der seinen eigenen Vorgänger auf einem Feldzug gegen die Bulgaren schmählich im Stich gelassen und anschließend entthront hatte. Michael II. wiederum, sein Nachfolger, wurde bei seiner Verschwörung vor allem durch den byzantinischen Klerus gestützt, der sich von der Ermordung des ikonoklastischen Kaisers ein Ende der Bilderverfolgungen erhoffte, was auch tatsächlich geschah. Dafür löste Michaels Thronbesteigung allerdings einen dreijährigen Bürgerkrieg aus, der das Reich der Byzantiner militärisch auf lange Zeit schwächte und die arabische Eroberung von Kreta und Sizilien möglich machte. Nichts davon bei Gryphius, der als schlesischer Lutheraner kein tieferes Interesse am Bilderstreit und den strategischen Konstellationen des Frühmittelalters hat. Umso wichtiger ist ihm die symbolisch-religiöse Aufladung der Kaisermacht. Deshalb drückt er dem sterbenden Leo als Schwert-Ersatz ein Kreuz in die Hand, das »dasselbe gewesen / an welchem unser Erlöser sich geopfert«, wie es im Vorwort heißt, auch wenn der Autor freimütig zugibt, dass diese Lesart »der Dichtkunst nachgegeben« sei, also durch die byzantinischen Quellen auf keine Weise gestützt wird. Aber nur durch diesen Kurzschluss zwischen Golgatha und Konstantinopel wird das banale Gerangel um den Thron zur Tragödie weltlicher Macht schlechthin erhöht, wird die höfische Intrige zum Märtyrerdrama. Der Kaiser als Gekreuzigter, die Macht als Schlangengabe vom Baum der Erkenntnis. Und damit könnte man »Leo Armenius« zu den Akten legen. Aber das Stück ist viel heutiger, als es selbst wissen kann, viel näher an unserer Vorstellungswelt, als die pathetisch gewundene – und manchmal zum blitzenden Bonmot verdichtete – Diktion ahnen lässt. Das zeigt sich an der Figur der Theodosia, die mit ihrer Trauerklage um den ermordeten Gatten die Attentäter buchstäblich niederbrüllt; ihr Auftritt verwandelt die letzten Szenen in ein Tribunal des Herzens, vor dem die große Politik keine Chance auf Gnade hat. Und es zeigt sich an den Floskeln, mit denen Michael Balbus seinen Aufstand begründet, denn sie entsprechen genau den Begriffen, mit denen die deutsche Klassik hundertfünfzig Jahre später zum Tyrannenmord aufruft: Ausbeutung, Günstlingswirtschaft, Terrorjustiz, Unmoral. Das bedeutet nicht, dass diese Gründe falsch sind, aber das Handeln dessen, der sie anführt, rückt sie selbst ins Zwielicht. »Leo Armenius« endet in gespenstischer Ambivalenz: Der Aufrührer, der den Usurpator vom Thron gestoßen hat, trägt nun als Sieger dasselbe Kreuz, der Kreislauf beginnt von vorn. Den Schlussauftritt der Kaiserin Theodosia den Monologen der Lady Macbeth oder der Prinzessin Anne aus »Richard III.« an die Seite zu stellen, mag vermessen erscheinen. Aber wenn überhaupt ein barockes deutsches Trauerspiel an die Tragödien von Shakespeare heranreicht, dann ist es eben der »Leo Armenius«; und wenn man den Unterschied zwischen dem deutschen Barocktheater und den englischen und französischen Klassikern ermessen will, dann muss man Gryphius’ Stück auf die Bühne stellen. Nicht nur der Dreißigjährige Krieg, die historische Sonderstellung des Heiligen Römischen Reiches überhaupt, das keine Hauptstadt im eigentlichen Sinn und deshalb kein kulturelles Kraftzentrum besaß, hat Gryphius und seine Dramatikerkollegen in die Provinz hinein- und aus der europäischen Theatertradition herausgeworfen. Im Kopf aber waren die deutschen Barockdichter keine Provinzler, sondern Weltbürger. Dass sie auch die Sprache des Herzens zu lesen vermochten, zeigt Theodosias oben zitierter Wahnsinnsmonolog. Dies alles, so mochte man am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts denken, würden wir irgendwann demnächst hinter uns haben – all die Spiele von Macht und Gegenmacht, Despoten, Diktatoren, Apparaturen des Terrors. Aber die Jahrzehnte seither haben solche Hoffnungen als Illusionen erwiesen. In Russland regiert seit Langem ein Oligarch, gestützt auf Oligarchen. In der Türkei ist der Staatspräsident dabei, die Institutionen der Demokratie zu zerstören. In vielen osteuropäischen Staaten macht die Freiheit Rückschritte statt Fortschritte. Und in Washington verschanzt sich ein Egomane im Weißen Haus. Es ist deshalb Zeit, das Barockdrama wiederzuentdecken, nicht als Museum historischer Katastrophen, sondern als Folie für die Krisen und Konflikte unserer Zeit. Das Wissen vom Bösen, hat Walter Benjamin in seinem...




