E-Book, Deutsch, 225 Seiten
Strindberg Am Meer
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3728-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 225 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3728-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Strindbergs die Romanhandlung überaus dominierende Hauptfigur, ein staatlich angestellter Fischmeister, ist auf die Schären, die kargen schwedischen Felseninseln, versetzt worden. Mit dem Auftrag, Fischschwärme zu orten, bezieht er in einem abgelegenen Fischerdorf Quartier. Der Mann schätzt die Einsamkeit, ist insofern in der Gegend richtig, doch versucht gelegentlich Dorfbewohnern etwas Nützliches beizubringen und stößt nicht selten, dies keinesfalls zu seinem Erstaunen, auf Unverständnis und Ablehnung. Dabei gibt es vieles, was man von diesem sehr gebildeten und nachdenklichen Mann lernen könnte, der aber leider ein unsympathischer Einzelgänger ist. Umgekehrt könnte wohl auch der Fischmeister von den Dorfbewohnern einiges lernen, aber die Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit. Der Fischmeister lebt sehr in seiner eigenen Welt, die weit über seinen Beruf hinausgeht, ist häufig bestrebt aus dieser den Menschen, ferner der Menschheit, hilfreich zu sein. Des Öfteren gelingt es ihm, findet jedoch nicht die Anerkennung, die er sich wünscht - wie auch immer die Anerkennung aussähe, die er sich wünscht. Beeindruckend, dass gerade er in eine Liebesbeziehung gerät und wie gut er vielen Bedürfnissen der Frau gerecht zu werden vermag. Dort scheint andererseits sein Verhängnis zu beginnen. (aus einer Kundenrezension)
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Der Wind war in der Nacht nach Nordost herumgegangen und hatte das Eis aus dem Alandsmeer in das Fahrwasser bei der Schäre hineingetrieben, als der Fischereiinspektor mit der Jolle hinausfuhr, um die vorbereitenden Untersuchungen bezüglich der Beschaffenheit des Meeresbodens, der Tiefe des Wassers, der Flora und Fauna des Meeres anzustellen.
Der Lotse, den er als Rudergast mitgenommen, hatte es bald satt, Aufklärungen mitzuteilen, als er sah, daß der Inspektor mit Hilfe von Seekarte, Lot und verschiedenen andern Instrumenten selbst Dinge herausfand, an die die Lotsen niemals gedacht hatten. Wo die Gründe lagen, wußten sie, und auf welchem Grund sie die Strömlingsnetze aussetzen sollten, ebenfalls. Aber damit gab sich der Inspektor nicht zufrieden, zog sein Schleppnetz über verschiedene Tiefen und fischte kleines Gewürm und Pflanzenschleim herauf, wovon der Strömling seiner Ansicht nach lebte; er lotete, nahm Proben von dem Lehm, Sand, Schlamm, von der Erde und dem Kies des Meerbodens hinauf, die er sortierte und numerierte und in kleine Gläser mit Aufschriften legte.
Und schließlich holte er ein großes Fernrohr heraus, das einem Sprachrohr glich, und lugte in das Wasser hinab. Das war nun etwas, was sich der Lotse niemals hatte träumen lassen, daß man das Fernrohr im Wasser gebrauchen könne, weswegen er bat, auch einmal das Auge an das Glas legen und einen Blick in das Verborgene tun zu dürfen.
Der Inspektor, der auf der einen Seite nicht Zauberer spielen wollte, aber auch nicht wünschte, durch übereilte Äußerungen zu große Hoffnungen in bezug auf das Ergebnis seiner Untersuchungen wachzurufen, beschränkte sich darauf, dem Wunsche des Lotsen zu willfahren und einige populäre Erklärungen über die lebenden Bilder hinzuzufügen, die sich vor ihm in der Tiefe aufrollten.
"Können Sie den Blasentang auf dem Grund sehen?" begann der Inspektor seine Vorlesung.
"Sehen Sie, daß er erst graugelb ist, daß er weiter unten leberbraun und schließlich am Boden rot wird? Dieser Farbenwechsel wird durch das abnehmende Licht hervorgebracht!"
Er entfernte sich einige Ruderschläge vom Grunde, beständig in Lee der Insel, um das Eis zu meiden.
"Was sehen Sie nun?" fragte er den auf dem Bauche liegenden Mann.
"Ach, Herrjemine! Ne, wer hätt' das gedacht, das sind Strömlinge! Und sie stehen so dicht, so dicht wie 'n Spiel Karten!"
"Können Sie jetzt sehen, daß der Strömling nicht immer auf seichtem Wasser geht, und verstehen Sie jetzt, daß man ihn draußen in der Tiefe wird fischen können? Und glauben Sie es jetzt, wenn ich sage, daß der Strömling niemals in den Gründen gefischt werden sollte, wo er nur hingeht, um seinen Rogen abzulegen, der dort besser von der Sonnenwärme getroffen werden kann als in dem tiefen Wasser?"
Der Inspektor ruderte weiter, bis er das Wasser blaugrün werden sah infolge der lehmigen Beschaffenheit des Bodens.
"Nun, was sehen Sie jetzt?" wiederholte er, auf den Riemen ruhend.
"Ich glaub, weiß Gott, da sind Schlangen auf dem Meeresboden! Das sind ja lauter Schlangenschwänze, die aus dem Schlamm 'rausgucken – und da sitzen die Köpfe."
"Das sind Aale, mein Junge!" belehrte der Inspektor.
Der Lotse sah ein wenig ungläubig aus, denn noch nie hatte er von Aalen in der See reden hören; aber der Inspektor wollte seine besten Karten nicht zu früh ausspielen und auch seine Kräfte nicht mit langatmigen Erklärungen über ziemlich unklare Sachen vergeuden. Deswegen verließ er die Riemen, nahm wieder sein Fernrohr und lehnte sich über die Reling hinaus, um Beobachtungen zu machen.
Er schien mit ungewöhnlichem Eifer etwas zu suchen, nach etwas zu forschen, das dort in den und den Gründen gefunden werden sollte.
Auf die Weise ruderten sie ein paar Stunden umher. Zuweilen benutzte der Inspektor seinen Grundkratzer, zugleich mit dem Lot, und nach jeder Probe lehnte er sich mit dem Fernrohr vornüber. Seine bleichen Gesichtszüge wurden schlaff vor Anstrengung, und die Augen sanken tiefer in den Kopf hinein. Die Hand, die das Fernrohr hielt, zitterte, und der Arm fühlte sich steif an wie ein Zaunpfahl. Der kalte, feuchte Wind, der durch den Ölrock des Lotsen drang, schien der schmächtigen Gestalt, die nur mit einem halbzugeknöpften Sommerüberzieher bekleidet war, nichts anzuhaben. Seine Augen betauten sich infolge des Seewindes und der Anstrengung, scharf in das halb undurchdringliche Element hinabzusehen, in diese drei Vierteile der Erdoberfläche, von deren Leben das letzte Viertel im allgemeinen so wenig weiß und so viel errät.
Durch seinen Seekieker, den er nicht erfunden, aber teilweise nachgebildet hatte nach Beschreibungen von Brückenbauern und Arbeitern bei Unterwassersprengungen, sah er hinab in die niedere Welt, aus der sich die große Überseeschöpfung entwickelt hatte. Der Tangwald, der eben die Grenzen von unorganischem Leben zu organischem überschritten hatte, schwankte in der kalten Grundströmung und glich gekästem Eiweiß, das sich nach dem Wogen der See gebildet hatte und an die pflanzenartigen Bildungen des Wassers erinnerte, wenn es an der Fensterscheibe gefriert; breitete sich dort unten aus wie große Parks mit goldenem Laub, unter dem sich die Bewohner des Meeresbodens auf dem Bauche vorwärtsschleppten; suchte die Dunkelheit und die Kälte, um die Scham darüber zu verbergen, daß er nicht weitergelangt war auf der Wanderung der Sonne und dem Licht entgegen. Am tiefsten unten im Lehm ruht die Flunder, halb eingegraben in den Schlamm, träge, unbeweglich, ohne Erfindungsfähigkeit, eine Luftblase sich entwickeln zu lassen, um sich dadurch emporheben zu können, einen Glückszufall abwartend, der ihr die Beute gerade vor der Nase hinführen kann, aber ohne Trieb, das Glück zu suchen – dieser stumpfsinnige Fisch, der sich aus lauter Faulheit so gezerrt und gedreht hat, daß ihm die Augen schließlich auf der rechten Seite des Kopfes sitzen.
Der Tangkrebs hat vorne ein Paar Riemen ausgebracht, ist aber am Hinterteil überlastet und erinnert an die ersten Versuche, Boote zu bauen. Er zeigt zwischen dem Laubwerk des Tanges seinen architektonischen Steinkopf mit dem Knebelbart des Kroaten und hebt sich einen Augenblick vom Boden, um gleich darauf wieder in den Schleim hinabzusinken.
Der Seehase mit seinen sieben Rücken geht mit dem Kiel in die Höhe; er gleicht einer gewaltigen Nase, die nur nach Nahrung und Weibchen schnüffelt, und erhellt einen Augenblick das Wasser mit seinem rosenfarbenen Bauch, indem er da unten in der Dunkelheit eine schwache Morgenröte um sich verbreitet, begibt sich aber bald wieder zur Ruhe, seine Saugscheibe fest auf einem Stein, um den Verlauf der Millionen von Jahren abzuwarten, die den Nachzüglern auf der endlosen Bahn der Entwicklung Erlösung bringen sollen.
Der schreckliche Seeteufel, die verkörperte Wut, der den Ausdruck der Bissigkeit in dem bärtigen Gesicht trägt, und dessen Schwimmglieder zu Krallen geworden sind, mehr um seine Opfer zu peinigen als zum Angriff und zur Verteidigung, liegt genußsüchtig auf der Seite und streichelt zärtlich seinen Körper mit dem schleimigen Schwanz.
Aber höher oben, in dem helleren und wärmeren Wasser, geht der schöne, tiefsinnige Barsch, in der Ostsee vielleicht der eigentümlichste Fisch. Er ist wohlgebaut und gesetzt, aber noch ein wenig plump wie ein Fährboot, und hat die eigene blaugrüne Farbe der Ostsee und ihre nordische Gesinnung: ein klein wenig Philosoph und ein klein wenig Seeräuber, ein geselliger, oberflächlicher Einsiedler, der gern Tiefen aufsucht und sie zuweilen erreicht, oft aber träge und exzentrisch, kann stundenlang dastehen und die Steine am Strande anstarren, bis ihm etwas anderes einfällt und er dahinschießt wie ein Pfeil; er ist ein Tyrann gegen sein eignes Geschlecht, wird aber bald zahm, kehrt gern an denselben Ort zurück und bietet sieben Eingeweidewürmern Unterschlupf.
Und endlich der Adler des Meeres, der König der Ostseefische, der schlankgebaute, kuttergetakelte Hecht, der die Sonne liebt und, auf Grund seiner Stärke, die hellen Farben nicht zu scheuen braucht; der mit der Nase im Wasserspiegel steht und mit der Sonne in den Augen schläft, von der blühenden Wiese und dem Birkenwäldchen träumend, wohin er niemals kommen kann, von der blauen Kuppel, die sich über seiner nassen Welt wölbt, und wo er ersticken würde, obwohl die Vögel dort so leicht schwimmen mit ihren behaarten Brustfinnen.
Das Boot war zwischen die Eisschollen geraten, und über die Tangparks auf dem Grunde zogen die dunklen Schatten der Eisstücke wie leichte Wolken. Der Inspektor, der mehrere Stunden gesucht, aber nicht gefunden hatte, was er wollte, hob jetzt das Fernrohr aus dem Wasser heraus, trocknete es ab und legte es hin. Dann sank er auf die achterste Ducht nieder, hielt die Hand vor die Augen, als wolle er ihnen Ruhe vergönnen von allen Eindrücken, und schien einige Minuten in Schlaf gesunken zu sein; endlich gab er dem Lotsen ein Zeichen, weiterzurudern. Der Inspektor, der den ganzen Vormittag seine Aufmerksamkeit auf die Tiefe gerichtet hatte, schien erst jetzt Auge für das großartige Gemälde zu bekommen, das sich vor ihm auf der Meeresfläche entrollte. Vor dem Boot und eine Strecke weiter breitete sich die See ultramarin aus, bis das Treibeis...




