Swanson | Alles, was du fürchtest | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Swanson Alles, was du fürchtest

Thriller
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21165-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-641-21165-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Was, wenn die Wahrheit deine furchtbarsten Ängste übertrifft?

Das Leben hat Kate Priddy gelehrt, dass man stets mit dem Schlimmsten rechnen muss. Um die Albträume, die sie seit Jahren verfolgen, endlich hinter sich zu lassen, stimmt sie einem Wohnungstausch mit ihrem Cousin Corbin zu: Sie wird seine Wohnung in Boston beziehen, er ihr Apartment in London übernehmen. Am Tag ihrer Ankunft jedoch wird die junge Frau aus der Nachbarwohnung ermordet aufgefunden. Corbin behauptet, Audrey kaum gekannt zu haben – aber warum besitzt er dann einen Wohnungsschlüssel von ihr? Auch Kates neuer Nachbar Alan scheint irgendetwas zu verbergen. Ohne es zu ahnen, schwebt Kate bald schon selbst in Lebensgefahr. Doch wem kann sie überhaupt trauen?

Peter Swanson studierte am Trinity College, der University of Massachusetts in Amherst und am Emerson College in Boston und hat Abschlüsse in kreativem Schreiben, Pädagogik und Literatur. Er veröffentlichte Kurzgeschichten und Gedichte in zahlreichen namhaften Magazinen wie The Atlantic. Mit seinem Thriller »Die Gerechte« gelang ihm ein internationaler Bestseller. Der Roman wurde von der Presse begeistert besprochen und für einen Ian Fleming Steel Dagger Award nominiert. Zudem schrieb Swanson weitere spannende Thriller, zuletzt »Angst sollst du haben«. Er lebt mit seiner Ehefrau in Somerville, Massachusetts.
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KAPITEL 1

Der schnellste Weg vom Logan Airport ins Zentrum von Boston führt durch den anderthalb Kilometer langen Sumner-Tunnel. Mit ihrer niedrigen Decke wirkt diese dunkle und feuchte Röhre, als wäre sie vor hundert Jahren gebaut worden, und tatsächlich ist sie auch fast so alt. Am Freitag, dem 24. April, einem warmen Frühlingsabend, ging einem Studienanfänger an der Boston University auf halber Strecke im Sumner das Benzin aus, wodurch der Berufsverkehr auf nur mehr einer Fahrspur statt der üblichen zwei vorwärtskroch. Kate Priddy, die noch nie in Boston gewesen war und nicht damit gerechnet hatte, in einem Tunnel unter dem Hafen festzustecken, geriet auf dem Rücksitz eines Taxis in Panik.

Es war nicht ihre erste Panikattacke, es war nicht einmal die erste an diesem Tag. Die hatte sie am Morgen ereilt, als sie aus ihrer Wohnung im Londoner Stadtviertel Belsize in eine kalte graue Dämmerung getreten war. Plötzlich war ihr der Wohnungstausch als die schlechteste Idee vorgekommen, auf die sie sich jemals eingelassen hatte. Aber sie hatte ihre Atemübungen gemacht, ihr Mantra heruntergebetet und sich ermahnt, dass es für einen Rückzieher jetzt wohl zu spät war. Ihr Cousin zweiten Grades, dem sie nie persönlich begegnet war, saß in diesem Augenblick in einem Nachtflug von Boston nach London. Er übernahm ihre Wohnung für ein halbes Jahr, während sie in seinem Apartment in Beacon Hill unterkommen würde.

Doch diese Attacke nun, als das Taxi in dem dunklen Tunnel festsaß, war die weitaus schlimmste seit Langem. Die feucht glänzende, endlose Röhre kam Kate vor wie das Innere einer riesigen Würgeschlange, und sie spürte, wie sich ihr Magen umdrehte und ihr Mund trocken wurde.

Das Taxi ruckelte vorwärts. Auf dem Rücksitz roch es nach Körperausdünstungen und der blumigen Note eines Lufterfrischers. Kate hätte gern das Fenster heruntergelassen, wusste aber nicht, ob das in amerikanischen Taxis erlaubt war. Ihr Magen drehte sich wieder um und verkrampfte sich. Wann war ich das letzte Mal auf der Toilette?, überlegte sie, und die Panik wurde noch ein klein wenig größer. Es war ein vertrautes Gefühl: Das Herz raste, die Gliedmaßen wurden kalt, ihr Blickfeld verengte sich. Aber sie wusste, was sie zu tun hatte, hörte die Stimme ihrer Therapeutin in ihrem Ohr: Es ist nur eine Panikattacke, ein zufälliger Adrenalinstoß. Sie kann Ihnen nichts anhaben, sie bringt Sie nicht um, und sie wird niemandem auffallen. Lassen Sie es einfach zu. Kämpfen Sie nicht dagegen an. Warten Sie, bis es vorbei ist.

Aber diesmal ist es anders, sagte sich Kate. Die Bedrohung fühlte sich sehr real an. Und plötzlich kauerte sie wieder in dem verschlossenen Schrank im Cottage in Windermere, das Nachthemd nass von Urin, und George Daniels war auf der anderen Seite der Tür. Sie fühlte sich beinahe so, wie sie sich damals gefühlt hatte: kalte Hände bohrten sich in ihren Körper und verdrehten ihre Eingeweide wie ein feuchtes Geschirrtuch. Dann der Schuss und diese furchtbare Stille, die Stunden um Stunden anhielt. Als man sie schließlich aus dem Schrank gezogen hatte, waren ihre Gelenke steif und ihre Stimmbänder wund vom Schreien gewesen. Sie hatte sich nicht erklären können, wieso sie noch am Leben und nicht vor Angst gestorben war.

Ein lautes Hupen riss sie aus ihren Gedanken. Sie schob die Erinnerungen an George und Windermere beiseite und atmete so tief ein, wie sie konnte, auch wenn sie das Gefühl hatte, etwas Schweres würde auf ihrer Brust sitzen.

Stellen Sie sich der Panik. Akzeptieren Sie sie. Kämpfen Sie nicht dagegen an. Warten Sie, bis es vorbei ist.

Doch das funktionierte nicht, und Kate spürte, wie sich ihre Kehle zu einer stecknadelkopfgroßen Öffnung zusammenzog, durch die ihre Lunge hektisch Sauerstoff einzusaugen versuchte. Auf dem Rücksitz des Taxis roch es jetzt wie in diesem Schrank: nach Moder und Verwesung, als wäre vor vielen Sommern etwas zwischen den Wänden gestorben. Sie überlegte, ob sie einfach losrennen sollte, und der Gedanke erfüllte sie mit noch größerer Panik. Sie dachte an ihre Tabletten, das verschreibungspflichtige Benzodiazepin, das sie kaum noch nahm, das sie aber trotzdem mit auf die Reise genommen hatte – wie ein Kind, das seine Schmusedecke eigentlich nicht mehr braucht, aber trotzdem griffbereit hält. Leider waren die Tabletten im Koffer, und der lag in dem verdammten Kofferraum des Taxis. Sie öffnete ihren trocknen Mund, weil sie den Fahrer bitten wollte, den Kofferraum zu entriegeln, aber sie brachte kein Wort heraus. Und das war der Moment, in dem sie – wie schon so häufig – davon überzeugt war, gleich das Zeitliche zu segnen. An einer Panikattacke kann man nicht sterben. Natürlich nicht, dachte sie und schloss trotzdem die Augen, als würde ein Zug auf sie zurasen. Was sich als schwerer Fehler herausstellte, denn nun löste sich die Welt auf, wurde zu einem Schrank voller Schwärze. Der Tod hielt sie im Würgegriff, ihre Eingeweide schienen sich zu verflüssigen.

Stellen Sie sich der Panik. Akzeptieren Sie sie. Kämpfen Sie nicht dagegen an.

Das Taxi bewegte sich ruckartig um eine ganze Wagenlänge vorwärts und blieb dann wieder stehen, wodurch es ihr geringfügig besser ging – als hätte sich der Wagen überhaupt nur bewegt, weil sie ihr Mantra aufgesagt hatte. Sie wiederholte es noch einmal und machte gleichzeitig ihre Atemübungen.

Der Fahrer gestikulierte mit den gespreizten Fingern einer Hand und murmelte in einer Sprache, die Kate nicht verstand, etwas in Richtung der schmutzigen Windschutzscheibe. Aus irgendeinem Grund hatte sie geglaubt, die Taxifahrer in Amerika würden dem Klischee amerikanischer Taxifahrer entsprechen – kleine Männer mit Mützen, Zigarrenstummeln und lauten amerikanischen Stimmen. Aber dieser Taxifahrer trug einen Turban und einen üppigen Bart; bis auf die Tatsache, dass er auf der linken Seite des Wagens saß, hätten sie ebenso gut in London sein können.

»Wie lang ist dieser Tunnel?«, fragte Kate durch die Trennscheibe. Ihr entging nicht, wie ängstlich ihre Stimme klang.

»Da vorn ist irgendwas passiert.«

»Kommt das öfter vor?«

»Manchmal«, sagte der Fahrer und zuckte mit den Achseln.

Resigniert entfernte sich Kate von der Trennwand und fuhr sich mit den Händen über die Oberschenkel. Das Taxi ruckte weiter vorwärts, immer nur zwei, drei Meter auf einmal. Erst nachdem sie den liegen gebliebenen Chevy passiert hatten und die zweite Spur frei war, nahmen sie wieder Fahrt auf. Kate atmete durch die Nase ein und durch den Mund aus. Sie löste die geballte Faust. Ein Fingerknöchel knackte. Sie tippte mit dem Daumen in einer festen Reihenfolge an ihre Fingerspitzen. Das Nadelöhr ihrer Kehle öffnete sich ein wenig.

Sie verließen den Tunnel, und Kate erhaschte einen Blick auf dicke Wolken, die den Himmel verdüsterten, ehe das Taxi in einen weiteren Tunnel eintauchte, durch den der Verkehr diesmal nur so raste. Der Taxifahrer machte die verlorene Zeit gut, bevor er auf eine weitere Schnellstraße wechselte, die am Charles River entlangführte. Es war noch hell genug, dass Kate die Rückseiten der links an ihr vorbeihuschenden Backsteinhäuser ausmachen konnte. Auf der ruhigen Oberfläche des Flusses zog ein Ruderer seine Bahn.

Der Fahrer bog plötzlich scharf nach links ab und fuhr durch eine schmale Straße mit Backsteinhäusern zu beiden Seiten und blühenden Bäumen auf den Gehsteigen in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

»Bury Street«, verkündete er.

»Nummer 101, bitte.«

»Alles klar.« Der Fahrer gab Gas, ehe er wieder verlangsamte und ruckartig mit einem Rad auf dem Gehsteig vor einem gemauerten Torbogen stehen blieb. In einen kleinen Stein über dem Bogen war die Nummer 101 gemeißelt. Dahinter war ein von dem dreistöckigen Wohngebäude umschlossener Innenhof mit einem niedrigen Brunnen zu erkennen. Kate hatte leichte Magenschmerzen, ein Nachhall der Panikattacke von vorhin, und sie dachte mit Gewissensbissen an Corbin Dell, ihren Cousin zweiten Grades, der wohl schon vor einigen Stunden in ihrer unscheinbaren Wohnung im Norden von London eingetroffen war. Er hatte allerdings gewusst, worauf er sich einließ, sie hatten einige E-Mails hin und her geschickt. Ihre gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung lag praktischerweise in der Nähe einer U-Bahn-Station, Corbins Domizil dagegen – sie hatte Fotos davon gesehen – wirkte wie aus einem Roman von Henry James entsprungen. Auf diesen italienisch anmutenden Innenhof war sie allerdings nicht vorbereitet. Er schien so gar nicht zu dem wenigen zu passen, das sie bisher von Boston gesehen hatte.

Kate wartete am Randstein, während der Fahrer ihr Gepäck auslud – einen großen Rollkoffer und eine noch größere Reisetasche. Sie bezahlte den Fahrer mit den dünnen, papierartigen Dollarscheinen, die sie sich letzte Woche bei ihrer Bank in London besorgt hatte. Da sie sich unsicher war, was das Trinkgeld anging, gab sie ihm wahrscheinlich zu viel. Nachdem er weggefahren war, lud sie die Reisetasche auf den Rollkoffer und zog beides unter dem Torbogen hindurch.

Sie hatte den teils mit Steinplatten, teils mit Ziegeln gepflasterten Innenhof halb durchquert, als sich die Eingangstür in der Mitte des Gebäudes öffnete und ein birnenförmiger Portier winkend herausgesaust kam.

»Hallo, guten Tag«, sagte er. Er trug einen langen braunen Regenmantel über einem Anzug und eine Schirmmütze sowie eine dunkel gerahmte Brille mit dicken Gläsern. Er hatte sehr schwarze Haut und einen sehr weißen Schnauzbart, der auf einer Seite etwas dichter war als auf der anderen.

»Hallo«,...


Swanson, Peter
Peter Swanson studierte am Trinity College, der University of Massachusetts in Amherst und am Emerson College in Boston und hat Abschlüsse in kreativem Schreiben, Pädagogik und Literatur. Er veröffentlichte Kurzgeschichten und Gedichte in zahlreichen namhaften Magazinen wie The Atlantic. Mit seinem Thriller »Die Gerechte« gelang ihm ein internationaler Bestseller. Der Roman wurde von der Presse begeistert besprochen und für einen Ian Fleming Steel Dagger Award nominiert. Zudem schrieb Swanson weitere spannende Thriller, zuletzt »Angst sollst du haben«. Er lebt mit seiner Ehefrau in Somerville, Massachusetts.



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