Tyler | Dinner im Restaurant Heimweh | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten, eBook

Tyler Dinner im Restaurant Heimweh


1. Auflage, neue Ausgabe 2014
ISBN: 978-3-0369-9265-5
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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ISBN: 978-3-0369-9265-5
Verlag: Kein & Aber
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Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Pearl Tull ist zierlich, zäh und mit ihren überhöhten Ansprüchen oft schwer zu ertragen. Ihr dandyhafter Mann Beck schlägt sich als Vertreter durch, während Pearl das perfekte Zuhause für sich und ihre Familie schaffen will - so perfekt, dass Beck sich eines Tages auf und davon macht. Pearl jedoch gibt nicht auf - sie will kein Mitleid. Vollkommen selbstständig erzieht sie die drei Kinder, begräbt all ihre Wünsche und Träume, um ihnen ein gutes Leben zu bieten. Doch vor allem bei ihren Familienessen im Restaurant Heimweh muss Pearl immer wieder einsehen, dass dies womöglich nicht die richtige Entscheidung gewesen ist.

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1

WAS ICH EUCH NOCH SAGEN WOLLTE

Als Pearl Tull im Sterben lag, kam ihr ein komischer Gedanke. Er ließ ihre Lippen zucken und ihren Atem rasseln, und sie fühlte, wie ihr Sohn sich vorbeugte von seinem Platz, wo er neben ihrem Bett Wache hielt. »Besorgt euch …«, sagte sie zu ihm. »Ihr hättet euch …«

Ihr hättet euch eine Reserve-Mutter anschaffen sollen, wollte sie eigentlich sagen, so wie wir uns Reserve-Kinder angeschafft haben, nachdem das erste so krank wurde. Das war Cody. Der ältere Junge. Nicht Ezra, hier neben ihrem Bett, sondern Cody, der Störenfried – ein schwieriges Baby, spät in ihrem Leben geboren. Danach wollten sie keine Kinder mehr haben. Und dann bekam er Pseudokrupp. 1931 war das, als Krupp etwas Ernstes war. Sie war verzweifelt. Sie hatte einen Molton über sein Babybett gespannt und rundherum Kessel, Pfannen und Eimer mit Wasser aufgestellt, das sie auf dem Herd heiß gemacht hatte. Sie lüftete das Tuch, um den Dampf einzufangen. Der Atem des Babys ging stockend und rau, wie wenn man etwas durch festgestampften Kies schleift. Seine Haut glühte, und sein Haar klebte steif an den Schläfen. Gegen Morgen schlief er ein. Pearl im Schaukelstuhl ließ ihren Kopf sinken und schlief auch, die Finger immer noch um das Messinggitter des Bettchens gekrampft. Beck war geschäftlich unterwegs und kam nach Hause, als das Schlimmste vorbei war – Cody wackelte schon wieder herum, nur seine Nase lief noch ein bisschen, sein Husten war jetzt locker, nicht mehr beunruhigend, und wurde von Beck nicht einmal bemerkt.

»Ich möchte mehr Kinder«, sagte Pearl zu ihm. Er tat überrascht, aber angenehm berührt. Er erinnerte sie, dass sie gemeint hatte, sie sei einer weiteren Entbindung nicht gewachsen.

»Aber ich möchte ein paar in Reserve«, sagte sie, denn während des Krupps war ihr eingefallen: Wenn Cody starb, was blieb ihr dann noch? Dieses kleine, gemietete Haus, mit so viel rührender Sorgfalt gepflegt; das Kinderzimmer mit dem Gänsemutter-Motiv; und Beck natürlich, aber er war mit seiner Tanner Corporation so beschäftigt, mehr unterwegs als zu Hause, und selbst daheim in ständiger Aufregung über Geschäftliches: wer aufsteigen würde und wer fallen, wer hinter seinem Rücken schädliche Gerüchte verbreitet hatte und ob man ihm wohl kündigen würde, jetzt, in diesen schlechten Zeiten.

»Ich weiß nicht, wieso ich geglaubt habe, ein einziger kleiner Junge wäre genug«, sagte Pearl.

Aber so einfach war das nicht, wie sie angenommen hatte. Als zweites Kind kam Ezra, so süß und pummelig, dass es einem das Herz brach. Sie war in größerer Gefahr als je zuvor. Cody, und dann Schluss, das wäre das Beste gewesen. Aber sie hatte immer noch nichts gelernt. Nach Ezra kam Jenny, ein Mädchen – was für ein Spaß, sie anzuziehen und ihre Haare mal so, mal so zu frisieren. Mädchen sind eine Art Luxus, fand Pearl. Auch Jenny wollte sie keinesfalls wieder hergeben. Jetzt hatte sie nicht nur einen Verlust zu fürchten, sondern drei. Trotzdem, dachte sie, war das damals wohl eine gute Idee gewesen: Reserve-Kinder, wie Reserve-Reifen oder diese Extra-Florstrümpfe, die jedem Paar kostenlos beilagen.

»Ihr hättet für eine Zweitmutter sorgen sollen, Ezra«, sagte sie. Oder wollte sie sagen. »Wie kurzsichtig von euch.« Aber offenbar gelang es ihr nicht, die Worte zu formen, denn sie hörte, wie er sich ohne Kommentar wieder zurücklehnte und eine Seite in seiner Zeitschrift umschlug.

Seit dem Frühjahr 1975, vor viereinhalb Jahren, als sie ihr Augenlicht zu verlieren begann, hatte sie Ezra nicht mehr deutlich gesehen. Sie sah ein bisschen verschwommen. Sie ging wegen einer Brille zum Arzt. Es wären die Arterien, sagte er ihr; etwas mit ihren Arterien. Sie war einundachtzig, immerhin. Aber er war sicher, da ließe sich etwas machen. Er schickte sie zu einem Spezialisten, und der schickte sie zu jemand anderes … also, um es kurz zu machen, sie fanden, sie könnten ihr nicht helfen. Etwas hinter ihren Augen war verschrumpelt. »Ich werde allmählich schrottreif«, sagte sie zu den Kindern. »Ich habe mich selbst überlebt.« Sie lachte ein bisschen. Um die Wahrheit zu sagen, sie glaubte es nicht. Sie gab die passenden Töne von sich: erst Kummer, dann Ergebenheit, schließlich forsche Heiterkeit; aber innerlich war sie entschlossen, es nicht zuzulassen. Sie wollte einfach nichts davon hören, das war alles. Sie war immer schon eine willensstarke Frau gewesen. Einmal, als Beck beruflich unterwegs war, war sie anderthalb Tage mit einem gebrochenen Arm herumgelaufen, bis er kommen konnte, um auf die Kinder aufzupassen. (Das war gleich nach einer seiner Versetzungen. Sie war fremd im Ort und konnte sich an niemanden wenden.) Sie hielt nicht einmal von Aspirin etwas; abhängig sein, etwas verlangen lag ihr nicht. »Der Arzt sagt, ich werde blind«, erzählte sie den Kindern, aber insgeheim hatte sie so etwas keineswegs vor.

Trotzdem war ihre Sehkraft jeden Tag schwächer geworden. Das Licht, fand sie, nahm irgendwie ab und schwand. Ihr Sohn Ezra, auf dessen stillem Gesicht ihr Blick so gern verweilte – er wurde undeutlich. Selbst bei heller Sonne fiel es ihr jetzt schwer, seine Gestalt zu erkennen. Sie konnte kaum seinen Umriss ausmachen, wenn er auf sie zukam – dieser große, gebeugte Körper, der im mittleren Alter ein wenig zur Fülle neigte. Sie fühlte seine Flanellwärme, wenn er neben ihr auf der Couch saß und ihr beschrieb, was auf ihrem Fernseher vor sich ging, oder sich ihre Schublade mit Fotos vornahm, wie sie es ihn oft tun ließ. »Was hast du da, Ezra?«, fragte sie dann.

»Anscheinend ein paar Leute beim Picknick«, sagte er etwa.

»Picknick? Was für ein Picknick?«

»Weißes Tischtuch auf dem Gras. Weidenkorb. Dame in Matrosenbluse.«

»Das könnte Tante Bessie sein.«

»Also deine Tante Bessie erkenne ich inzwischen.«

»Oder Cousine Elsa. Sie trug gern Matrosenblusen.«

Ezra sagte: »Ich wusste gar nicht, dass du eine Cousine hast.«

»O ja, ich hatte Cousinen.«

Sie kippte ihren Kopf nach hinten und dachte an Cousinen, Tanten und Onkel, einen Großvater, dessen Atem nach Mottenkugeln gerochen hatte. Seltsam, wie ihr Gedächtnis zusammen mit ihrer übrigen Person zu erblinden schien. Sie sah kaum die Gesichter, sondern hörte eher den Fluss ihrer Stimmen, fühlte die steifen Rüschen der Damenblusen, roch die Pomaden und das Lavendelwasser und den scharf riechenden Kristallflakon, den die kränkliche Cousine Bertha gegen ihre Ohnmachtsanfälle bei sich hatte.

»Ich hatte eine Menge Cousinen«, sagte sie zu Ezra.

Alle hatten gedacht, sie würde eine alte Jungfer. Sie waren taktvoll geworden – verletzend taktvoll. Gespräche über Hochzeiten und Wochenbetten anderer verstummten, wenn Pearl auf der Veranda erschien. Onkel Seward bot eine College-Ausbildung an – im Meredith College, direkt dort in Raleigh, damit sie nicht von zu Hause fortmusste. Zweifellos hatte er Angst, sie immer und ewig unterstützen zu müssen: einen Mühlstein, eine verwaiste, unverheiratete Nichte, die sein Gästezimmer in Beschlag nahm. Aber sie erklärte, College sei nichts für sie. Aufs College zu gehen, fand sie, hätte geheißen, eine Niederlage einzugestehen.

Aber was war denn eigentlich das Problem? Sie sah nicht übel aus. Sie war klein und zierlich, mit heller Haut und blondem, aufgestecktem Haar, aber das Haar wurde trocken wie Staub, und die Anspannung wurde allmählich um die gekräuselten und beweglichen Mundwinkel sichtbar. Sie hatte Verehrer im Überfluss, mehr, als sie beim Namen nennen konnte; aber es hielt nie lange an, irgendwie. Es schien, als gäbe es irgendein Zauberwort, das alle kannten, nur nicht Pearl – all die Scharen von Mädchen, um Jahre jünger, die einfach in die Ehe hineinstolperten. War sie zu ernst? Sollte sie mehr aus sich herausgehen? Sich herablassen und kichern, wie diese gedankenlosen, blöden Winston-Zwillinge? Onkel Seward, du musst es doch wissen. Aber Onkel Seward zog nur an seiner Pfeife und schlug einen Sekretärinnen-Kurs vor.

Dann begegnete sie Beck Tull. Sie war dreißig Jahre alt. Er war vierundzwanzig – Reisevertreter bei der Tanner Corporation, die ihre Landwirtschafts- und Gartengeräte an der ganzen Ostküste verkaufte und bei der er es bestimmt, ganz bestimmt zu etwas bringen würde, smarter, junger Bursche, der er war. Damals war er mager und schlaksig. Seine schwarzen Haare waren extravagant gewellt, und seine Augen strahlten in einem Blau, das fast unwirklich schien. Man hätte sagen können, er sei … nun, ein bisschen ungewöhnlich. Auffallend. Nicht ganz Pearls Klasse. Und bestimmt zu jung für sie. Sie wusste, dass es solche Bedenken gab. Aber was machte ihr das aus? Sie fühlte sich leichtsinnig und fesch, berstend vor Möglichkeiten.

Sie traf ihn vor einer Kirche – der Charity Baptist Church, die Pearl nur deshalb besuchte, weil ihre Freundin Emmaline Gemeindemitglied war. Pearl selbst war keine Baptistin. Sie gehörte der Episkopalkirche an, aber in Wahrheit nicht einmal das; sie dachte von sich als einer Nichtgläubigen. Trotzdem – als sie zur baptistischen Kirche ging und Beck Tull da stehen sah, einen Fremden, glatt rasiert und in einem glänzenden, blauen Anzug, und er innerhalb von zwei Minuten fragte, ob er sie wohl besuchen dürfte, da brachte sie das irgendwie abergläubisch mit dieser Kirche in Verbindung – als sei Beck ihre Belohnung dafür, dass sie zu den Baptisten ging. Sie wagte nicht, wieder damit aufzuhören. Zum Entsetzen ihrer Familie trat sie über und wurde in der Baptist Church verheiratet und ging in alle möglichen baptistischen Kirchen in dieser oder jener Stadt, ihr ganzes Eheleben lang, um ihre Belohnung...


Tyler, Anne
Anne Tyler, 1941 in Minneapolis, Minnesota, geboren, wuchs in North Carolina auf und studierte an der Duke University und der Columbia University Slawistik. Bevor sie sich als freie Schriftstellerin selbstständig machen konnte, arbeitete sie als Bibliothekarin und Bibliografin. Ihr Roman »Atemübungen« erhielt 1989 den »Pulitzer-Preis«. Bei Kein & Aber erschienen bereits »Verlorene Stunden«, »Abschied für Anfänger« sowie in neuen Ausgaben »Dinner im Restaurant Heimweh« und »Im Krieg und in der Liebe«. 2012 wurde sie mit dem »Sunday Times Award for Literary Excellence« ausgezeichnet.

von Puttkamer, Ulrike
Anne Tyler, 1941 in Minneapolis, Minnesota, geboren, wuchs in North Carolina auf und studierte an der Duke University und der Columbia University Slawistik. Bevor sie sich als freie Schriftstellerin selbstständig machen konnte, arbeitete sie als Bibliothekarin und Bibliografin. Ihr Roman »Atemübungen« erhielt 1989 den »Pulitzer-Preis«. Bei Kein & Aber erschienen bereits »Verlorene Stunden«, »Abschied für Anfänger« sowie in neuen Ausgaben »Dinner im Restaurant Heimweh« und »Im Krieg und in der Liebe«. 2012 wurde sie mit dem »Sunday Times Award for Literary Excellence« ausgezeichnet.

Anne Tyler, geboren 1941 in Minneapolis, Minnesota, ist Autorin von zahlreichen Romanen und Trägerin des Pulitzerpreises. Für ihr Lebenswerk erhielt sie den Sunday Times Award. Sie ist Mitglied der American Academy und des Institute of Arts and Letters. Bei Kein & Aber erschienen unter anderem ihre Bestseller ,  , mit dem sie auf der Shortlist des Booker Prize und des Women's Prize for Fiction stand, sowie  , der ebenfalls für den Booker Prize nominiert war. 2024 erschien ihr neuer Roman . Anne Tyler lebt in Baltimore.



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