Tyler | Kleine Abschiede | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 464 Seiten, eBook

Tyler Kleine Abschiede


1. Auflage, neue Ausgabe 2016
ISBN: 978-3-0369-9341-6
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 464 Seiten, eBook

ISBN: 978-3-0369-9341-6
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Delia Grinstead ist Hausfrau und Mutter einer ganz gewöhnlichen Familie. Doch während eines Sommerurlaubs beschließt sie plötzlich, ihre Familie zu verlassen. Plötzlich? Ohne Grund? Wohl kaum.
Die über Jahre des Familienlebens entstandene Selbstverständlichkeit darüber, dass sie einfach da ist und dass ihr offenbar niemand etwas Abenteuerliches zutraut, nagt an ihr. So trampt sie noch im Badeanzug in eine neue Stadt, sucht sich ein Zimmer und einen Job. Eben noch bis zur Unsichtbarkeit mir ihrer Familie verschmolzen, findet Delia die Unabhängigkeit, die sie bisher noch nie hatte. Bis sie eines Tages eine Nachricht von ihrer Tochter erhält und doch wieder nach Hause fährt, wo sie dringender denn je gebraucht wird.

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2

Das Dumme an Plastiktüten war, dass sie praktische Henkel hatten, was dazu verführte, zu viele Tüten auf einmal zu tragen. Delia hatte das vergessen. Auf halbem Weg im Vorgarten fiel es ihr ein, als ihr die Finger vom Krümmen wehtaten. Sie hatte nicht hinterm Haus parken können, weil irgendein Kombi die Einfahrt versperrte. Es gab zwar ein rostiges Blechschild am Stamm der dicksten Eiche, das die Patienten zum Parken auf der Straße aufforderte, doch das wurde gern übersehen.

Sie ging vorn an der Veranda vorbei und bahnte sich seitlich einen Weg durch das Gestrüpp aus verblühten Forsythien. Das Haus war groß, aber schäbig, sein braunes Holz stockfleckig, und die Fensterläden klafften, wo die Riegel im Laufe der Jahre abgefallen waren. Delia hatte nie woanders gewohnt. Ihr Vater übrigens auch nicht. Ihre Mutter, die eigentlich von der Chesapeake-Bay-Küste stammte, war an einem Nierenleiden gestorben, als Delia noch zu klein war, um sich daran zu erinnern. So wuchs sie unter der Obhut ihres Vaters und ihrer beiden älteren Schwestern auf. Delia hatte auf dem Tafelparkett im Flur Hüpfstein gespielt, wenn ihr Vater in der verglasten Veranda neben der Küche seine Patienten versorgte, und sie hatte seinen Assistenzarzt unter dem ausladenden Messingkronleuchter geheiratet, einem Monstrum, das sie bis zum heutigen Tage an eine große Spinne erinnerte. Selbst nach der Hochzeit war sie nicht weggezogen, sondern hatte ihren Mann einfach in ihrem Jungmädchenzimmer untergebracht, und als sie dann Kinder hatte, war es an der Tagesordnung, dass ein Patient aus dem Wartezimmer spazierte und rief: »Delia? Wo bist du, Schätzchen? Ich wollte nur mal sehen, wie es den süßen Kleinen geht.«

Der Kater hockte auf der Hintertreppe und maunzte sie vorwurfsvoll an. Sein kurzes graues Fell klebte an manchen Stellen feucht. »Habe ich es nicht gesagt?« Delia schimpfte und ließ ihn hinein. »Habe ich dich nicht gewarnt, das Gras ist noch nass?« Ihre Schuhe waren vom Gang über die Wiese durchweicht, die dünnen Sohlen kalt und pappig. Sie zog sie gleich in der Küche aus. »Na, hallo!«, begrüßte sie ihren Sohn. Er rekelte sich im Schlafanzug am Tisch und strich Butter auf einen Toast. Sie stellte ihre Tüten auf die Arbeitsplatte und sagte: »Ich staune, du bist ja schon wach!«

»Mir blieb auch nichts anderes übrig«, erklärte er schlecht gelaunt.

Er war der Jüngste, und sie hatte immer gefunden, dass er ihr am stärksten glich (mit hellbraunem Haar wie Drahtwolle, seinem blassen Sommersprossen-Gesicht und den violetten Augenschatten), doch im vergangenen Monat war er fünfzehn geworden, und mit einem Mal sah sie in ihm Sam. Er war fast eins fünfundachtzig, und sein spitzes Kinn war plötzlich kantig; seine muskulösen Hände wirkten beängstigend zupackend. Selbst wie er das Messer hielt, strahlte neue Autorität aus.

Auch seine Stimme war die Sams: tief, aber klar, nicht brüchig und kieksig wie die seines Bruders früher. »Hoffentlich hast du Cornflakes gekauft«, meinte er.

»Wieso, nein, ich –«

»Ach, Mutter!«

»Wart’s ab, bis du weißt, warum nicht«, sagte sie. »Das Komischste, was ich je erlebt habe, Carroll! Ein echtes Abenteuer. Ich stehe in der Gemüseabteilung, vollkommen in Gedanken –«

»In diesem Haus gibt’s nichts Anständiges zu essen.«

»Also eigentlich frühstückst du samstags nie.«

Er sah sie finster an. »Erzähl das mal Ramsay«, sagte er.

»Ramsay?«

»Er hat mich schließlich geweckt. Poltert am helllichten Tag ins Zimmer, die ganze Nacht mit seiner Freundin unterwegs. Danach hab ich kein Auge mehr zugekriegt.«

Delia begutachtete die Einkaufstüten. (Sie wusste, worauf dieses Gespräch hinauslief.) Sie begann darin herumzustöbern, als könnten die Cornflakes schließlich doch noch zum Vorschein kommen. »Lass dir lieber von meinem Abenteuer berichten«, sagte sie über die Schulter. »Aus heiterem Himmel steht dieser Mann neben mir … gut aussehend? Er sah aus wie mein allererster Freund, Will Britt. Ich glaube, von Will habe ich dir noch nie erzählt.«

»Ma«, sagte Carroll. »Wann darf ich endlich in das Zimmer gegenüber ziehen?«

»Oh, Carroll.«

»Kein Mensch, den ich kenne, muss mit seinem Bruder in einem Zimmer wohnen.«

»Nun mach aber einen Punkt. Jede Menge Leute auf der Welt wohnen mit ganzen Familien in einem Zimmer«, erklärte sie.

»Aber nicht mit einem saufenden Collegetypen von Bruder. Nicht wenn gegenüber im gleichen Stockwerk noch ein Zimmer vollkommen leer steht.«

Delia legte die Packung Orzo hin und sah ihm direkt ins Gesicht. Sie fand, er musste zum Friseur, aber dies war nicht der Zeitpunkt, ihn daran zu erinnern.

»Carroll, es tut mir leid«, sagte sie. »Aber ich bin einfach noch nicht so weit.«

»Tante Eliza ist so weit! Wieso du dann nicht? Tante Eliza war auch Opas Tochter, und sie sagt, natürlich kann ich das Zimmer haben. Sie begreift nicht, was dagegen spricht.«

»Oh, wenn uns jemand hören würde!«, sagte Delia aufgekratzt. »Müssen wir uns wirklich so einen schönen Tag verderben und streiten? Wo ist denn dein Vater? Ist er Patienten besuchen?«

Carroll antwortete nicht. Er hatte seinen Toast auf den Teller fallen lassen und wippte trotzig mit dem Stuhl, sicher machte er noch mehr Dellen ins Linoleum. Delia seufzte.

»Ach, Junge«, sagte sie. »Ich weiß, wie dir zumute ist. Und du bekommst auch bald das Zimmer, ich verspreche es. Aber noch nicht sofort! Nicht jetzt! Es riecht jetzt immer noch nach seinem Pfeifentabak.«

»Das gibt sich, wenn ich drin wohne«, sagte Carroll.

»Das befürchte ich ja.«

»Egal, dann gewöhne ich mir eben das Rauchen an.«

Mit einem gequälten Lachen wischte sie seine Worte vom Tisch. »Also«, sagte sie, »ist dein Vater bei seinen Patienten?«

»Nee.«

»Wo ist er?«

»Er ist laufen.«

»Er ist was?«

Carroll nahm sich den Toast und verspeiste ihn geräuschvoll.

»Er tut was?«

»Er läuft, Mama.«

»Hast du ihm nicht wenigstens angeboten, mitzumachen?«

»Er läuft nur auf der Gilman-Bahn, mein Gott.«

»Ich habe euch Kinder darum gebeten; angefleht habe ich euch, ihn nicht allein gehen zu lassen. Was, wenn etwas passiert und keiner ist dabei?«

»Hohe Wahrscheinlichkeit, besonders auf der Gilman-Bahn«, sagte Carroll.

»Eigentlich soll er überhaupt nicht laufen. Er soll spazieren gehen.«

»Laufen tut ihm gut«, sagte Carroll. »Hör mal. Er selbst hat keine Bedenken. Sein Arzt hat keine Bedenken. Also wo liegt das Problem, Ma?«

Delia hätte einiges darauf antworten können, doch stattdessen hielt sie ihre Hand gegen die Stirn.

Das waren die Tatsachen, die sie dem jungen Mann im Supermarkt mitzuteilen unterlassen hatte: Sie war eine traurige, müde, ängstliche vierzigjährige Frau, die seit Jahrzehnten keinen Champagner mehr zum Frühstück getrunken hatte. Und ihr Mann war noch älter, gute fünfzehn Jahre älter als sie, und hatte gerade vergangenen Februar beinah einen Herzanfall gehabt. Angina pectoris, hatte der Notarzt gesagt. Und jetzt hatte sie jedes Mal, wenn er allein ausging, panische Angst, hasste es, wenn er Auto fuhr, und erfand Ausreden, nicht mit ihm zu schlafen, aus lauter Furcht, er könne davon sterben, und nachts, wenn er schlief, lag sie angespannt wach, horchte, wie er lang und tief atmete.

Und außerdem waren ihre Kinder nicht mehr klein, sie waren Riesen. Sie waren große, dreiste, unverschämte Geschöpfe ohne Benehmen – Susie war im letzten Jahr auf der Goucher-Universität und von einer geradezu atemberaubenden Sportbegeisterung; Ramsay, Erstsemester an der Hopkins-Universität und kurz davor, wegen der achtundzwanzigjährigen alleinerziehenden Mutter, die er sich als Freundin zugelegt hatte, sein Studium abzubrechen. (Und beide, Susie und Ramsay, waren unglaublich pikiert, dass die Familienfinanzen sie zwangen, zu Hause zu wohnen.) Und Delias Baby, ihr süßer, reizender Carroll, hatte sich in diesen halbwüchsigen Rüpel verwandelt, der die Flucht ergriff, wenn seine Mutter ihn umarmen wollte, der ihre Kleider kritisierte und jedes Wort aus ihrem Mund mit entsetztem Augenrollen bedachte.

Wie zum Beispiel jetzt. Entschlossen, sich nicht beirren zu lassen, reckte sie sich selbstbewusst und fragte: »Hat jemand angerufen, als ich nicht da war?«, und er erwiderte: »Wieso soll ich für die Erwachsenen ans Telefon gehen«, – eine Feststellung, keine Frage.

Weil die Erwachsenen den Sellerie für deine liebste Erbsen-mit-Minze-Suppe kaufen, hätte sie ihn aufklären können, doch im jahrelangen Umgang mit Jugendlichen war sie Pazifistin geworden, und so marschierte sie auf Strümpfen aus der Küche und quer durch den Flur ins Arbeitszimmer, wo Sams Anrufbeantworter stand.

Sie nannten diesen Raum Arbeitszimmer, und tatsächlich waren an den Wänden ringsum bis zur Decke Bücherregale, doch hauptsächlich war es ein Fernsehzimmer. Die Samtvorhänge blieben ständig zugezogen, das Licht schien wie in einem altmodischen Kinosaal staubig dunkelrot. Limonadenbüchsen und leere Salzbrezeltüten, Stapel ausgeliehener Videofilme lagen kreuz und quer auf dem niedrigen Tisch, und auf dem Sofa rekelte sich Susie, sah mit ihrem Freund Driscoll Avery die allsamstagmorgendliche Cartoonshow. Die beiden waren schon so lange miteinander befreundet, sie wirkten wie Geschwister, hatten beide die gleiche glatte beige Haut und stämmige taillenlose Figuren, trugen identische ausgebeulte Trainingsanzüge. Driscoll blinzelte kaum...


Frick-Gerke, Christine
Anne Tyler wurde 1941 in Minneapolis, Minnesota, geboren und ist »eine der erfolgreichsten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur « (ZEITmagazin). Sie ist Preisträgerin des Pulitzerpreises und des Sunday Times Awards für ihr Lebenswerk.
Bei Kein & Aber erschienen bislang ihre Romane »Verlorene Stunden« (2010), »Abschied für Anfänger« (2012), »Dinner im Restaurant
Heimweh«, »Im Krieg und in der Liebe« (beide 2014) und »Der leuchtend blaue Faden« (2015). Anne Tyler lebt in Baltimore.

Tyler, Anne
Anne Tyler wurde 1941 in Minneapolis, Minnesota, geboren und ist »eine der erfolgreichsten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur « (ZEITmagazin). Sie ist Preisträgerin des Pulitzerpreises und des Sunday Times Awards für ihr Lebenswerk.
Bei Kein & Aber erschienen bislang ihre Romane »Verlorene Stunden« (2010), »Abschied für Anfänger« (2012), »Dinner im Restaurant
Heimweh«, »Im Krieg und in der Liebe« (beide 2014) und »Der leuchtend blaue Faden« (2015). Anne Tyler lebt in Baltimore.

Anne Tyler, geboren 1941 in Minneapolis, Minnesota, ist Autorin von zahlreichen Romanen und Trägerin des Pulitzerpreises. Für ihr Lebenswerk erhielt sie den Sunday Times Award. Sie ist Mitglied der American Academy und des Institute of Arts and Letters. Bei Kein & Aber erschienen unter anderem ihre Bestseller ,  , mit dem sie auf der Shortlist des Booker Prize und des Women's Prize for Fiction stand, sowie  , der ebenfalls für den Booker Prize nominiert war. 2024 erschien ihr neuer Roman . Anne Tyler lebt in Baltimore.



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