E-Book, Deutsch, 354 Seiten
Ulbricht Die Schuldumkehrer
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-95235-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 354 Seiten
ISBN: 978-3-347-95235-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Ellen Ulbricht, geboren 1958, ist Juristin und leidenschaftliche Autorin. In der Nähe des Bodensees geboren, im Schwäbischen also, zog sie zum Studium der Rechtswissenschaften in die hessische Universitätsstadt Marburg an der Lahn. Nach Staatsexamen und Promotion war sie im Rhein-Main-Gebiet als Unternehmensjuristin tätig. Abstecher führten sie unter anderem nach Hamburg, wo sie den spröden Charme der Norddeutschen kennenlernen durfte. Sie lebt jetzt mit Partner und zwei Hunden in der Nähe von Wien, auf halbem Weg zu der einzigartigen Steppenlandschaft des Neusiedler Sees. Neben ihrer Referententätigkeit ist sie vor allem als Fachautorin im Gesellschafts- und Steuerrecht tätig. Auch in ihrem ersten Roman ist der Hang zum Juristischen nicht zu kurz gekommen.
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Verderbnis
Alles sah nach einem ereignislosen, gewöhnlichen Tag aus. »Papa ist da«, rief Luisa aus dem Wohnzimmer. Sie hüpfte wie ihr großes Vorbild Pipi Langstrumpf mitsamt Hund im Schlepptau zur Verbindungstür zwischen Garage und Haus. Die Tür ging auf, das Kind quietschte vergnügt. Der Hund tat es dem Kind nach und empfing Oliver mit freudigem Gebell. »Papa, du kommst heute spät«, flötete sie, wobei im Unterton ein kleiner, unüberhörbarer Vorwurf mitschwang.
»Oh, tut mir leid, Prinzessin. Ich hab dich warten lassen. Auf jeden Fall lese ich dir später noch das nächste Kapitel aus dem Buch mit dem Pinguin und der Giraffe vor«, tröstete Oliver seine Tochter. Er hob sie zur Begrüßung kurz in die Luft, wirbelte um die eigene Achse. Das verstand der Vierbeiner umgehend als Aufforderung zum Spiel. Während Oliver sich im Kreis drehte, jagte der Hund den fliegenden Kinderbeinen hinterher.
Pepper nahm es ernst mit seinem Hüteauftrag. Er war sich nicht sicher, ob er zuerst mit Hundebett, Napf und Stofftier in das Haus eingezogen war. Oder ob das kleine, etwas schrumpelige Wesen, das zu der Zeit gelegentlich merkwürdige Töne von sich gab, schon vor ihm da gewesen war. In der Zwischenzeit waren beide gewachsen. Am Anfang sah Pepper etwas verloren in seinem Hundebett aus. Er füllte nämlich bloß die rechte, untere Ecke aus, wenn er zusammengerollt darin schlief. Inzwischen ragte sein buschiger Schwanz über den Rand seines Kuschelbetts, wenn er die Schnauze auf der anderen Seite ablegte, um einen gepflegten Mittagsschlaf zu halten.
Nicht zuletzt verdankte er sein Wachstum dem Kind. Da war er sich sicher. Die hatte sich vom Winzling zu einem Wesen entwickelt, das sich eine Zeit lang auf allen vieren fortbewegte. Das trieb beide zu waghalsigen Wettrennen durch Wohn- und Esszimmer an.
Jessica beobachtete das Treiben von Hund und Kind mit gemischten Gefühlen. Erst gestern war sie bäuchlings auf allen vieren durch den Raum gerobbt. Aus der Perspektive eines Vierbeiners und eines Krabbelkinds gab es verdammt viel zu entdecken, was einem als Erwachsener entging. In der Ecke fand sie ein Kabel, das Pepper gern als Springseil nutzte, ohne zu wissen, dass am anderen Ende eine stattliche Tischlampe hing. Der Holzfrosch von der Insel Bali hatte bisher nur ein paar Kauspuren aus der Zeit des Zahnwechsels davongetragen. Das Kind kaute zu dieser Zeit nur auf dem angesabberten Hundespielzeug herum.
Diesem Kind, das auf den Namen Luisa hörte, fiel immer etwas aus der Hand. Das hatte Pepper rasch gelernt. Ohne langweiliges Hundetraining übernahm er die Aufgabe eines Staubsaugers auf vier Pfoten, der brav nach getaner Arbeit in seine Parkposition zurückkehrte. Diesen süßlichen, breiigen Klumpen, die dem Kind im frühen Lebensalter unverhofft aus dem Gesicht fielen, konnte er nicht viel abgewinnen. Die Phase der leicht angekauten Kekse, Zwiebacke und Bananen war schon mehr nach seinem Geschmack. Eine deutliche Verbesserung stellte sich ein, als Luisa endlich über ein ordentliches Gebiss verfügte, zu einer Zeit, als er seinen Zahnwechsel bereits hinter sich hatte. Fester Nahrung stand nichts mehr im Weg.
Zu der Zeit fragte sich Pepper, welcher Job für ihn in der Familie wohl geeignet war. Alle Familienmitglieder gingen Beschäftigungen nach, deren Sinn sich ihm nicht erschloss. Sein Stammbaum war undurchsichtig, seine berufliche Laufbahn deshalb fragwürdig. Körperbau und das lange, glatte Fell ließen auf einen Vorfahren aus der Gattung Border Collie schließen, der Kopf wies Strukturen eines Schäferhundes auf. Bei seinen Ohren war guter Rat teuer. Das rechte reckte sich zu einem ordentlichen Stehohr in die Höhe. Das linke, in edlem Schwarz gehalten, hatte sich im Lauf der Zeit zu einem Knickohr entwickelt. Bei Bedarf ließ es sich blitzschnell aufstellen. Etwa, wenn es darum ging, bedeutungsvolle Worte nicht zu verpassen, wie: Essen ist fertig!
Aufgrund seiner breit gefächerten Ahnengalerie und entsprechender Fähigkeiten war ihm die Jobwahl nicht leichtgefallen. Ein Jagdhund bekam bei einwandfreier Führung und Eignung echt coole, herausfordernde Aufgaben im Wald. Der hatte nur einen Förster am anderen Ende der Leine, den es im Auge zu behalten galt. Das Hüten, das lag ihm. Das hatte er schon früh bemerkt. Wahrscheinlich war das der Border Collie in seinem Blut. Mangels geeigneter Schaf- oder Ziegenherde spezialisierte er sich auf das Bewachen des Kindes und den Rest der Familie.
»Luisa«, tönte es aus der Küche, »du kannst den Tisch decken.« Oliver setzte seine Tochter vorsichtig auf dem Boden ab, gab ihr einen sanften Klaps als Bestätigung auf die Schulter.
»Lauf, und hilf deiner Mutter beim Tischdecken«, und zu Jessica gewandt, die in der Küche werkelte, »bin gleich da.«
Ein paar Minuten später saßen Jessica, ihr Mann Oliver und Luisa an dem großen Esstisch. Pepper hatte sich zu Beginn der Mahlzeit in eine strategisch nützliche Position gebracht. Der Länge nach ausgestreckt, die Schnauze auf die Pfoten gelegt, lag er an der Ecke des Tisches zwischen Luisa und ihrem Vater. Gelegentlich reckte sich eines seiner Ohren, um nichts Wesentliches zu verpassen.
»Es tut mir leid, dass es so spät geworden ist«, sagte Oliver und blickte versonnen auf die riesige Familienpizza, die Jessica in die Mitte zwischen den drei Tellern platziert hatte. Aus dem Karton strömte verführerischer Duft nach Tomaten, Sardellen, Kapern, Käse und feinsten mediterranen Gewürzen.
»Ich hoffe, die Pizza ist noch warm. Heute hatte ich keine Zeit zum Einkaufen. Ich bin gerade erst nach Hause gekommen.« Jessica klang noch immer etwas gehetzt. »Auf dem Nachhauseweg bin ich schnell bei der Pizzeria vorbeigefahren.«
»Es duftet köstlich und du weißt, dass ich die Pizza liebe, auch wenn das nicht ganz mit deinen Vorstellungen von gesunder Ernährung zusammenpasst.« Oliver drückte kurz die Hand seiner Frau, was Jessica ein warmes Lächeln ins Gesicht zauberte.
»Man muss Kompromisse eingehen«, seufzte sie, blies gleichzeitig eine kurze Haarsträhne aus dem Gesicht und verteilte die ersten Pizzastücke auf den Tellern.
»Du siehst in der Tat etwas erschöpft aus«, sagte Oliver und sah seine Frau etwas besorgt an. Jessica blickte ratlos das Pizzadreieck auf ihren Teller an. »In der Apotheke war heute die Hölle los. Die neue PTA, die ich erst vor ein paar Tagen eingestellt habe, ist ausgefallen. Und bei den Coronatests gab es schon wieder eine Änderung. Das muss man jedem Kunden jedes Mal aufs Neue erklären. Die sind nicht immer begeistert. Oft haben sie kein Verständnis für die Anpassungen und lassen ihren Frust am Personal aus.«
Der feinen Hundenase war indessen der Pizzageruch nicht entgangen. Pepper brachte das, an der Tischecke lauernd, in eine arge Zwickmühle.
»Hast du wieder so Nasenbohrer-Tests verkauft, Mama?«, erkundigte sich Luisa. Zur Erläuterung fuchtelte sie mit den Fingern in der Luft herum, als ob sie gerade den Coronatest der neuesten Generation für Grundschulkinder ausprobierte. Jetzt fehlte ihr die zweite Hand, um das überdimensionale Pizzadreieck festzuhalten. Es kam, wie zu erwarten war: Das Pizzastück klappte wie ein Schweizer Messer in der Mitte zusammen, rutschte Luisa zwischen den Fingern durch und landete mit einem ‚Klatsch‘ auf dem Fußboden.
Trotz seines fransigen Ponyhaars war dem Hund Luisas Malheur nicht entgangen. Bevor das Kind den Verlust seiner Mahlzeit erfasst hatte, war Pepper bereits auf den Pfoten, schnappte sich das matschige Stück und verschwand in Windeseile durch die Terrassentür in den Garten.
Jessica schüttelte kurz den Kopf. »Pepper, schleich dich!« Sie legte erst ihrem Kind ein neues Pizzadreieck auf den Teller, wischte dann die matschige Masse aus Tomatensoße und klebrigen Käseresten vom Holzfußboden und setzte sich wieder an den Esstisch zu ihrer Familie. Schließlich war sie als Pharmazeutin nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen.
Ehe Luisa zugreifen konnte, kehrte Pepper schwanzwedelnd zurück und setzte sich erwartungsvoll deutlich schmatzend zwischen Vater und Tochter. Sein Blick wanderte zwischen den Teller der beiden hin und her.
»Beinahe hätte ich es vergessen …«, nahm Oliver erneut das Gespräch auf und tippte sich kurz an die Stirn. »Es gibt wichtige Neuigkeiten. Auch deshalb war ich heute so spät dran«, und zu seiner Ehefrau gewandt, »Ich wollte dich noch anrufen und dir sagen, dass ich etwas später komme. Bloß, ich habe mein Mobiltelefon nicht gefunden.«
Jessica runzelte kurz die Stirn und fragte bloß: »mal wieder?«
»Ich wollte es nicht lang im Labor suchen«, räumte er zähneknirschend ein.
»Erzähl, um das Handy können wir uns nachher kümmern.« Gedanklich ging sie kurz die Möglichkeiten durch, wo das Mobiltelefon diesmal abgeblieben sein könnte. Bisher war es ihr nach gründlicher...




