E-Book, Deutsch, 225 Seiten
Ury Studierte Mädel
1. Auflage 2021
ISBN: 978-87-26-88376-3
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 225 Seiten
ISBN: 978-87-26-88376-3
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Else Ury (1877-1943) war eine jüdische und deutsche Kinderbuchautorin. Sie gilt als eine der bedeutendsten Kinderbuchautoren ihrer Zeit. Sie wurde als Tochter eines Berliner Tabakfabrikanten geboren. Else Ury besuchte eine Privatschule, dessen Unterrichtsschwerpunkt auf Fächern wie Handarbeiten, englische und französische Konversation lag. Nach ihrem Schulabschluss begann sie zu schreiben. Sie schrieb vor allem Bücher, die sich an Mädchen richteten und in denen sie größtenteils ein traditionell, bürgerliches Familien- und Frauenbild vertrat.
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Hurra — erreicht!
„Hilde, wie kommst du bloss darauf?“ — — — „Na so was, gerade du!“ — — —„Und heut schon wird Sturm gelaufen?“ — — — „Wirklich — ich glaubte, du ulkst den Direks nur an!“ — — — „Verdreht, wozu tust du’s denn überhaupt?“ — — — „Ach, dein Vater gibt’s ja doch nicht zu!“ — „Hast du nicht mächtige Angst?“ — — — so schwirrten die aufgeregten Mädchenstimmen auf dem Schulhof durcheinander.
„Was — Kinder — ’n Bammel soll ich haben? — Keine Spur,“ unterbrach die lebhafte Hilde Dahlen mit blitzenden Augen das auf sie eindringende laute Stimmengewirr der Mitschülerinnen. „Na, so feige bin ich nicht, heute gleich nach Tisch schwinge ich mich zu einem Speech mit Papa auf, er wird zwar erst paff sein — aber — ich werd’ den alten Herrn schon rumkriegen!“ Damit schlang sie den Arm um ihre Busenfreundin Daisy Greeham und schlenderte langsam, mit gesundem Appetit ihr Frühstücksbrot vertilgend, unter dem kahlen, graubraunen Geäft der Schulhofslinden auf und nieder.
Die Erregung der zurückbleibenden Mädchenschar legte sich nicht so schnell. Der Direktor hatte eben in der vorhergehenden Stunde die in kurzem abgehenden Schülerinnen gefragt, wie sich jede ihre Zukunft zu gestalten gedenke — und da war es herausgekommen! Hilde, die lustige Hilde Dahlen, die zu keiner französischen Stunde präpariert hatte, die noch nie eine Rechenaufgabe selbständig gelöst und grundsätzlich Turn- und Handarbeitsstunden schwänzte, die wollte aufs Mädchengymnasium — wollte studieren!
„Das ist doch ganz sicher nur Nachäfferei; weil Daisy studiert, muss Hilde auch aufs Gymnasium,“ meinte die blasse Anna, die im geheimen auf die innige Freundschaft der beiden neidisch war.
„Na, ein halber Student ist sie ja schon ohnedies durch ihre Brüder, viel burschikoser braucht sie nicht mehr zu werden,“ meinte die Erste der Klasse ein wenig zimperlich.
„Wie kann der Mensch nur so vernagelt sein und sich auch nur eine Stunde länger als nötig in dem Schulgefängnis einsperren lassen — Kinder — noch siebenundsiebzig Stunden — dann sind wir frei!“ Die helle Blondine reckte ihre jungen Arme jubelnd in die feuchtwarme Frühlingsluft.
„Na, ich danke für Obst,“ lachte Lilli, ein niedlicher kleiner Backfisch, „Schulmädel bin ich lange genug gewesen, jetzt will ich die Dame spielen,“ und dabei sah die Kleine so drollig und kindlich aus, dass die anderen in ihr fröhliches Lachen einstimmten.
,,Bimbam — bimbam!“ klang es da dröhnend aus dem Schulgebäude — Himmel — Peschke, der Schuldiener, läutete schon wieder — hu, jetzt wurden die englischen Extemporalien zurückgegeben — seufzend trollten sich die Mädchen in die Oberklasse zurück. — — —
„Daisy, nimm mich mit unter deinen Schirm — es giesst mit Mollen,“ sagte Hilde zwei Stunden später, ihren Bücherriemen hin und her schlenkernd, als sie auf die Strasse traten.
Daisy raffte sorgsam den fussfreien Kleiderrock zusammen und spannte dann gemütlich das schwarze Regendach auf.
„Aber beeile dich doch, ich bin ja schon nass wie eine Katze,“ Hilde trippelte ungeduldig von einem Fuss auf den anderen.
„Allright — komm, Kleinchen,“ schützend hielt die schlanke Daisy den Schirm über den grossen Felbelhut der etwas kleineren Freundin, die sich fest in ihren Arm hängte.
„Daisy, hast du das klassische Gesicht von dem Direks gesehen, als ich heute sagte, dass ich aufs Mädchengymnasium möchte?“ kicherte Hilde. „Als ob ich seiltanzen lernen wollte, so sprachlos hat er mich angestarrt.“
„Seiner Ansicht nach würdest du dich dafür vielleicht auch besser eignen als zum Studieren, Hilde.“
„Und du, Daisy — was ist deine Ansicht?“
„Ich bleibe dabei, was ich dir immer gesagt habe, es ist jammerschade, dass du solch arger Faulpelz bist, du hast die glänzendsten Fähigkeiten von der Welt — lernst spielend, was ich mir mühsam durch Fleiss erringen muss. Wenn du Ausdauer genug hast, wirst du sicher dein Ziel erreichen.“ Daisys weiche Stimme verriet, trotzdem sie schon einige Jahre in Deutschland lebte, immer noch die Amerikanerin. Hildes hellbraune, sonst so mutwillige Augen blickten ein wenig zaghaft zu der Freundin auf.
„Und Rechnen, Daisy, meine schwache Seite — im Rechnen bestehe ich die Aufnahmeprüfung nie!“
„Deutsch-Literatur macht es wieder wett, darling,“ tröstete Daisy, „Professor Richter, der Direktor, legt den Hauptwert auf Deutsch — leider!“ sie seufzte drollig.
Sie standen vor dem Hause von Daisys Verwandten, bei denen diese nach dem Tode ihrer Eltern Aufnahme gefunden hatte.
„Du begleitest mich doch noch ein Stückchen,“ bat Hilde, und sie setzten sich wieder in Trab.
„Wenn nur deine Eltern es erlauben,“ meinte Daisy beklommen.
„Ach — Mutters bin ich sicher,“ Hilde zog die Stirn in nachdenkliche Falten. „Muttchen ist eine moderne Frau, die ist mit der Zeit mitgegangen, aber Vater — Vater denkt, die Mädchen sind gleich mit dem Kochlöffel auf die Welt gekommen,“ da brach sich der Übermut schon wieder Bahn.
Im Gespräch vertieft begleitete Hilde bereits zum zweiten Male wieder die Freundin zu ihrer Wohnung zurück.
„Na und deine Brüder?“
„Werden einfach gar nicht gefragt,“ lachte Hilde. „Richard ist bestimmt dagegen, so ’n Referendar denkt wunder, was er ist, der nennt gleich alles emanzipiert und unweiblich, aber Max, der ist ja selbst noch ein junger Fuchs, der findet es sicher kolossal schneidig von mir.“
„Na ich bin gespannt, was Richards Freund Günther Berndt dazu sagen wird,“ meinte Daisy mit möglichst gleichgültiger Stimme, während verräterische Röte ihr langsam in das zarte Gesicht stieg.
„Pah der“ — Hilde war viel zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um auf Daisy zu achten — „der hetzt Richard sicher nur noch auf, behandelt mich so wie so immer noch wie ein Wickelkind im Steckkissen. Aber er soll nur was sagen — weisst du, was ich ihm dann antworte? ,Herr Doktor‘ werde ich sagen — ich nenne ihn jetzt immer Herr Doktor, trotzdem er’s noch gar nicht ist, weil er noch ganz dreist Hilde zu mir sagt — ,Herr Doktor, das ist ja nur Konkurrenzneid von Ihnen, weil ich auch Medizin studieren will wie Sie‘ — ja, das sage ich ihm!“ Hilde schleuderte zur Bekräftigung ihrer Worte ihr Bücherpaket so nachdrücklich hin und her, dass der Federkasten in weitem Bogen entsprang. Hochauf spritzte die Pfütze zu Füssen eines ihnen entgegenkommenden Herrn, der nahm mit einem erstaunten „Nanu?“ das längliche Etwas empor.
„Hilde — — —“ Daisy kniff die Freundin vor Aufregung in den Arm, da hatte Günther Berndt sie auch schon erkannt.
Er lächelte ein ganz klein wenig und lüftete den Hut.
„Süss“ fand die errötende Daisy heimlich dieses Lächeln, während Hilde es innerlich als unglaublich mokant bezeichnete.
„Wem gehört dieser Ausreisser?“ fragte Günther Berndt, den schmutzigen Federkasten mit spitzen Fingern emporhaltend.
„Mir,“ rief Hilde, ihm den Kasten so energisch aus der Hand reissend, dass ihr weisser Trikothandschuh schwärzliche Spuren aufwies.
„Na, machen Sie nur, dass Sie nach Hause kommen, Hilde, die Suppe steht schon auf dem Tisch, ich komme eben von Richard, sonst gehen Sie heute mittag leer aus,“ rief er lachend.
Hilde warf einen entsetzten Blick auf die Turmuhr drüben.
,,Allmächtige Schokolade — gleich zwei — Daisy, ich komme nachmittag zu dir, um Bericht zu erstatten — adieu, Herr Doktor!“
Trotz ihrer Eile betonte sie die spöttische Anrede noch so auffallend, dass es wieder belustigt um Günthers Lippen zuckte. Trapp — trapp rannte sie durch den strömenden Regen ihrem Hause zu, während Daisy herzklopfend an Günthers Seite in entgegengesetzter Richtung dahinschritt.
„Netter kleiner Backfisch!“ sagte Günther Berndt harmlos zu Daisy, ohne im geringsten zu ahnen, dass er ihre empfindlichste Stelle damit traf.
Daisy richtete sich in ihrer ganzen stattlichen Grösse empor, sie war nicht viel kleiner als der junge Mediziner.
„Backfisch“ — sagte sie kühl und sehr vor oben herab, „meine Freundin wird bald siebzehn und geht in drei Wochen von der Schule ab, bei uns in Amerika heiratet man in diesem...




