E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Valjarevic Ein Winter in Belgrad
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-944359-92-2
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-944359-92-2
Verlag: Schruf & Stipetic
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Srdan Valjarevic ist 1967 in Belgrad geboren. Seine ersten Bücher schreibt er in den 1990ern, in einer Zeit, als Serbien durch Krieg und Sanktionen politisch isoliert und wirtschaftlich in der Krise ist. Valjarevic trifft damit den Nerv einer weltoffenen jungen Leserschaft und wird zum Kultautor.
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Dezember
1. Dezember – Mittwoch
Um 12:04 Uhr. Im Erdgeschoss der Ulica Proleterskih Brigada 85 lärmen ein paar gut gelaunte Anstreicher. Von der Straße aus kann man durch das geöffnete Fenster weißen Staub und aus Zeitungspapier gefaltete Hüte auf den Köpfen der Anstreicher sehen. Einer von ihnen steht untätig am Fenster und blickt nachdenklich auf die Straße. Autos fahren vorbei und hin und wieder sieht man einen Fußgänger. Für diesen Anstreicher steht das Leben still. Er sieht, dass alles an ihm vorüberzieht, dass er nichts tun kann, während seine Kollegen fröhlich weiterlärmen, in die Hände spucken und die Fensterläden abschmirgeln. Ein Mann geht am Haus vorbei und biegt in die Golsvortijeva ein, wo die Männer nicht mehr zu hören sind. Und auch der nachdenkliche Anstreicher am Fenster existiert hier nicht mehr.
Um 16:10 Uhr. Mit dem rechten Fuß kicke ich eine zusammengeknüllte Zeitungsseite weg. Dann spucke ich einmal ordentlich aus und hinterlasse einen spinatgrünen Fleck auf dem dreckigen Bürgersteig des Bulevar Revolucije, wo man sich die Preise kreuz und quer in Deutscher Mark zuruft. Eigentlich schaue ich Mädchen hinterher, verstecke meine Blicke unter einer schwarzen Wollmütze, die ich genau hier auf dem Bulevar gekauft habe, allerdings schon letztes Jahr, einen Tag vor meiner Reise nach Timi?oara. Ich hatte mich auf die Reise gefreut und wollte eine Woche bleiben, um einen Freund zu treffen; und Rumänien interessierte mich. Dort lebt man. Dort ist das Leben. Hier denkt man, dass es den Leuten dort schlecht geht. Dort denkt man, dass es den Leuten hier schlecht geht. Die drüben sehen die Leute, die von hier über die Grenze kommen, und schließen daraus, dass das Leben hier furchtbar ist. Hier ist es in etwa genauso. Wenn man drüben sagt, woher man kommt, wird man komisch angesehen. Aber ich komme nun mal von hier, da gibt es nichts zu verbergen. Und wenn man hier sagt, wo man eine Woche lang gewesen ist, sehen sie einen genauso komisch an. Aber ich bin dort gewesen, in Timi?oara, habe eine Woche lang im Hotel Banatul geschlafen, mich mit Leuten unterhalten, Kaffee getrunken, bin spazieren gegangen, habe eingekauft, mit meinen Freunden auf dem Zimmer gegessen, habe gepinkelt, mir die Füße im Waschbecken gewaschen. Ich komme zurück, sage, wo ich gewesen bin, und werde komisch angesehen.
Um 21:05 Uhr in der Jovana Rajica. Vor der Kneipe Zum ewigen Bräutigam rangeln zwei Männer. Der eine will hinein, der andere zieht ihn weiter. Sie stehen schwankend da. Sie diskutieren. Das sehe ich. Es ist ein Bild, das man häufig sehen kann. In unterschiedlichen Erscheinungsformen. Die ganze Welt schwankt und diskutiert.
2. Dezember – Donnerstag
Um 14:20 Uhr am Restaurant Ruski Car. Eine Blondine zieht den Kragen ihres schwarzen Pelzmantels fest zusammen. Es bläst ein kalter Wind. Verfroren wie ein Vögelchen stöckelt sie über das Kopfsteinpflaster. Doch wie sie den Pelzkragen an Hals und Brust zusammenhält, wie sie jeden Schritt laut klacken lässt, wie sie sich in diesem Moment fühlt, wie sie sich selbst sieht – das könnte kein Vögelchen je verstehen.
Um 14:50 Uhr in der Ulica Ðure Jakšica. Zwischen den Nummern sieben und neun steht ein grüner Zaun, dahinter nichts. Wahrscheinlich stand da mal ein Gebäude oder so, aber das wurde abgerissen. An einer Lücke im Zaun steht ein alter Mann und schaut sich das Dahinter an. Sträucher, alte Fundamente und Müll. Der alte Mann steht mit den Händen in den Manteltaschen da und dieses Bild prägt sich ein. Dann tritt er durch die Lücke im Zaun und pinkelt an einen Strauch.
Um 20:30 Uhr an der Ampel vor dem Parlament. Zwei Roma-Jungen ringen miteinander. Jungs um die sieben, acht Jahre. Ein dritter, der jüngste, geht zu den Autofahrern, die bei Rot vor der Ampel stehen, und fordert mit ausgestreckter Hand Geld. Ganz direkt. Die beiden anderen wälzen sich mit hochroten Wangen und inbrünstig im schmutzigen Schnee als wären sie allein auf weiter Flur, irgendwo im Nirgendwo. Hinter ihnen das Parlamentsgebäude. Es ist für die beiden tatsächlich nur ein Irgendwo. Oder der Hintergrund von Irgendwo. Dann bringt der Jüngste die Knete, die er eingesammelt hat.
3. Dezember – Freitag
Um 8:10 Uhr morgens. Starker Wind in der Bregalnicka Ulica. Ein alter Mann geht langsam die Straße entlang. Er hat eine zusammengefaltete leere Stofftasche in der Hand. Sein Gesicht ist bleich und ausdruckslos und seine Tasche ist leer und darum geht es. Das sieht man sogar. Der Mantel ist schwer und alt. Der alte Herr geht weiter die Bregalnicka Ulica hinunter.
Um 11:30 Uhr. Ich bin sicher, dass Sehen die größte Kunst ist. Ich blicke die ganze Ulica Radojke Lakic hinunter. Unter den Kronen der Kastanienbäume ist niemand zu sehen, wie in diesem Film, als Tom Waits von seiner Frau hinausgeworfen wird. Schnee auf den Autos. Müll hängt aus dem Container. Ein kleines Mädchen kommt aus einem Geschäft.
Um 15:45 Uhr in der Ulica Save Kovacevica. Ich blättere die Politika vom ersten Dezember durch. Auf der vierten Seite drei große Überschriften: Kinder erschlagen Landstreicher mit Hacken; Hätte man Moro befreit, wäre er verhaftet worden; Eine Stadt, die ihren Dichter nicht liebt. Unter der dritten Überschrift steht: Bild des Dichters im Schatten lokaler Sportgrößen. Es geht um den großen Dichter Dylan Thomas und die Stadt Laugharne im Südwesten von Wales. Als das legendär faule, kleine, schwarze, seltsame Irrenhaus am Meer bezeichnete Dylan Thomas Laugharne. In Thomas’ Lieblingspub Brown’s Hotel in Laugharne steht noch heute unter dem Regal mit dem Fernseher ein Bild des korpulenten Dichters mit dem krausen Haar. Wobei dieses kleine Bild, Öl auf Leinwand, unter all den Fotografien lokaler Sportmannschaften nur schwer zu finden ist …
1.
Ich bin Aleksandra und ich arbeite an einem genialen Plan. Ich sitze im Rhapsodie. Der Ventilator macht Durchzug. Ich liebe Menschen, die lachen. Dafür hasse ich Regenschirme. Ich bin langsam und schlecht darin, Männer anzumachen. Was das Reisen betrifft: Simbabwe hört sich super an.
4. Dezember – Samstag
Um 11:07 Uhr in der Ulica Trajka Stamenkovica. Zwei Tauben auf dem Schornstein eines Hauses. Es ist sonnig und windstill, aber auf den Dächern liegt noch Schnee und das Weiß hellt den Blick aus dem Küchenfenster auf. Die beiden Tauben flattern aufgeregt vor der Schornsteinöffnung.
Um 15:45 Uhr betritt ein Mädchen in türkisfarbenem Kunstpelz die JIK Bank. Das hört sich auf jeden Fall sehr viel schöner an, als wenn das Mädchen einen echten Pelz tragen würde, denn dann müsste ich sagen, welches Tier dran glauben musste. So ist es in Ordnung, der Pelzmantel ist nicht von einem echten Tier, er ist hässlich, türkisblau, künstlich. Aber ich habe mehr auf das Gesicht des Mädchens geachtet als auf den Pelzmantel. Eine fröhliche Stupsnase und ein schöner Mund. Ein Hingucker.
Um 18:40 Uhr in der Ulica Grcica Milenka. Ganz am Ende der Straße, gegenüber der Tankstelle, die Kneipe Cilj. Aus dieser Kneipe hörst du um genau 18:40 Uhr ein Volkslied, in dem es um Nachtigallen und Weizenfelder geht. Das ist es, wohin dein Weg dich geführt hat: das Cilj.
5. Dezember – Sonntag
Um 12:35 Uhr. In der Ulica Vojislava Ilica liegt ein toter schwarzer Hund. Die Schnauze leicht geöffnet, die Beine gekrümmt, im schwarzen Fell kleben Grashalme und Erdklumpen. Auf der anderen Straßenseite Gedränge an der Bushaltestelle.
Um 16:10 Uhr. Ich kaufe ein Brot und mir fällt ein, dass das Brot trocken wird, wenn ich es in der Hand nach Hause trage. Ich knöpfe die Jacke auf, klemme mir den Brotlaib unter den Arm und überquere den Bulevar. Ich passe gut auf das Brot auf, damit es so lange wie möglich knusprig bleibt und unter meinen Fingern nachgibt. Das ist unmöglich. Der Mensch strebt nach dem Unmöglichen. Eigentlich passe ich auch eher auf mich selbst auf. Dabei wurden schon Menschen von Meteoriten erschlagen. Der erste soll übrigens 1680 ein Mitarbeiter des italienischen Physikers Manfredo Settala gewesen sein.
Um 21:15 Uhr in der Gvozdiceva Ulica. Der Kadaver einer überfahrenen Katze in einer Lache geschmolzenen Schnees. Die Katze ist nicht der Auslöser, aber ich habe heute schon einmal festgestellt: Die Menschen sind unglaublich stumpfsinnig. Alle Menschen. Die selbstverliebten Europäer, der Balkan mit seinen Mythen und Kriegen, Ideologien sind stumpfsinnig, Filme mit Robotern, die Bombardierungen sind stumpfsinnig, die allseits beliebten Sänger sind stumpfsinnig, Modeschauen sind stumpfsinnig und große Schriftsteller sind es auch. Aus dem Maul der Katze auf der Gvozdiceva rinnt Blut.
6. Dezember – Montag
Um 8:30 Uhr in der Dušana Dugalica. Auf ein Fensterbrett in der dritten Etage eines Gebäudes tropft Wasser. Der Schnee schmilzt.
Um 18:15 Uhr sind alle Bilder da. Bilder sind immer da. Laut John Cage sind auch Töne immer da. Dass wir sie als Musik hören, geschieht nur gelegentlich. Alles ist da. Der Mensch ist nicht für immer da. Ich habe Ängste, meine Ahnungen quälen...




