E-Book, Deutsch, 688 Seiten
Vesper Nördlich der Liebe und südlich des Hasses
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7317-6121-1
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 688 Seiten
ISBN: 978-3-7317-6121-1
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1941 in der sa?chsischen Kleinstadt Frohburg geboren, kam 1957 über Berlin in die Bundesrepublik. 1967 las er auf der letzten Tagung der Gruppe 47. Sein umfangreiches Werk umfasst Prosa, Gedichte, Essays und Ho?rspiele. Für sein Opus magnum Frohburg erhielt Guntram Vesper den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik und den Erich-Loest-Preis. Guntram Vesper starb 2020 in Go?ttingen.
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So und nicht anders
Bei den Kindern fing ich vor acht Jahren an. Dazu Anlaß gaben mir Fleiß beim Federreißen, gutes Benehmen und mein Geburtstag im Mai, zu dem ich die fünfundzwanzig Schulkinder einlud. Um zwölf Uhr war Abfahrt nach dem Wald. Um neun kehrten wir zu den vor der Tür wartenden Eltern heim. Kosten: fünfundzwanzig Liter Malzkaffee zu einer Mark und jedem Kind ein Brötchen für fünf Pfennig. Kleine Sachen und Geschenke fallen fort, wenn Eintrittsgeld gezahlt werden muß. Wir sind hundertzwanzig Menschen auf einem Gut von tausendzweihundert Morgen. Auf je zehn Morgen entfällt ein Mensch. Niemals werden zwölf Mark überschritten. Eine Extraausgabe war die Beschaffung von Material für die selbstgemachten Landesfahnen und die Vereinswimpel, die aber Jahrzehnte überdauern können, wenn sie im Gutshaus aufbewahrt werden. Allerdings nur dann. Das Ziel der Fahrten wechselt. Immer verläuft der Ausflug schön und ohne Mißklang auch für meine Besucher, die mich begleiten. Zur besseren Beaufsichtigung werden Scharwerkerinnen mitgenommen. Bei Gelegenheit konnte ich feststellen, daß die Mädchen wenige unserer schönen Volkslieder kannten, und um mit ihnen in Zusammenhang zu bleiben, bestellte ich sie mir zu Winteranfang für eine Gesangsstunde am Sonnabend abend. Verlegen und erstaunt kamen alle. Mit den Hausmädchen waren es fünfzehn. Kosten entstanden nicht, da ich alte Schulbücher benutzte. Drei Jahre lang haben wir regelmäßig geübt, um bei Familienfestlichkeiten im Dorf tätig werden zu können. Als dann der Sonnabend wegen der länger gewordenen Arbeitstage nicht mehr geeignet war, verlegten wir den Unterricht auf Sonntag abend und in den Garten. Störend war nur, daß während unserer Stunden die männliche Jugend hinter dem Zaun versteckt mitgrölte. Wir brachten sie um etwas, scheint mir. So beschloß ich, auch sie heranzunehmen, was nach einigen Schwierigkeiten gelang. Als im vorigen Herbst die geregelten Stunden wieder begannen, erschienen auf meine Bestellung alle neunzehn jungen Leute ohne Ausnahme, betrugen sich angemessen, sahen mir bei Gesprächen in die Augen und fehlten ohne ausreichende Entschuldigung nicht eine Stunde. Lediglich einmal kam es nach der Zusammenkunft zu einem Brand in einem Strohschober. Wenigstens gehörte das Stroh dem Pächter, über dessen Frau und ihr Benehmen, besonders ihre Gemeinsamkeit mit ortsfremden Personen, wir uns oft beklagt haben. Im Dezember wurde bedauerlicherweise die Dorfkirche erbrochen. Pfarrer Brummhard hatte in jener Nacht keinen Mut, Ordnung zu schaffen, sprach später aber von einem ekelhaft ausschweifenden Gelage, das stattgefunden habe. Ich mußte meinen Gesangszöglingen seinerzeit heftig ins Gewissen reden und ihnen die Ordnung der Welt ans Herz legen. Denn was jetzt an Tumulten in den Städten sich ereignet, was an Konfusion und Verwirrung dort wuchert, würde, aufs Land getragen, unseren Gewohnheiten den Todesstoß versetzen. Mit Begeisterung jedenfalls wurde gesungen und eine Menge schöner Lieder gelernt, zum Beispiel das Flaggenlied, Morgenrot, Nun leb wohl du kleine Gasse, Als die goldne Abendsonne und vieles andere mehr. An manche Lieder wie Andreas Hofer habe ich staatsbürgerliche Unterweisung geknüpft. Diese Art Wohlfahrt kostet nichts außer Zeit und Kraft, hat sich allerdings reichlich gelohnt. Gerstenkaffee ist das Getränk bei unseren Tanzveranstaltungen, die statt eines Erntefestes viermal im Winter ausgerichtet werden: am neunten November, zu Weihnachten, am Präsidentengeburtstag und zur Fastnacht. Eine ganz wesentliche Beigabe ist es, daß die Gutsherrschaft ein oder zwei Mal hingeht und an der ausgesprochen harmlosen Fröhlichkeit teilnimmt. Grönwohl gewinnt aus diesen Stunden große Freude, aber ich habe gute Augen. Die Hysterikerin in Kassel habe ich ihm seinerzeit gegönnt, auf dem Gut würde die Autorität leiden. Seit zwei Wintern besteht meine Volksbücherei. Jeden Sonntag von eins bis halb zwei ist Ausleihe, und nur selten fehlt einer der zwanzig Abonnenten. Anschreiben, Wechseln und Ordnen besorgt unter meiner Aufsicht ein Scharwerker. Der Bestand setzt sich aus siebzig eigenen alten Kinderbüchern und etwa achtzig aus der Bundeszentrale für Heimatdienst zusammen. Eine kleine Fortbildungsschule dagegen, die ich mir in einem stillen Trauerjahr aus zehn Mädchen und sechs Jungen zusammengestellt habe, mußte ich aufgeben, da das gesellschaftliche Leben große Anforderungen an mich stellte und ich zudem die Erfahrung gemacht hatte, daß meine Mädchen, die alle auf unserem Anwesen tätig sind, zu viel Arbeitszeit versäumten. Achtsamkeit und Ausdauer bei den Jungen lassen noch reichlich zu wünschen übrig. Langsam und ungeschickt geht die Arbeit voran. Die ist beim Landwirt zugegebenermaßen manchmal schwer. Aus zehnstündiger Arbeitszeit werden gelegentlich zwölf oder fünfzehn Stunden. Das überwinden die Tagelöhner aber verhältnismäßig leicht. Geteiltes Leid ist nur noch halbes Leid. Der Besitzer und auch die Tochter des Hauses halten sich neben ihnen und ertragen die Hitze des Tages geduldig. Auf diese harte Zeit folgt der recht angenehme Landwinter. Wir essen alle an einem Tisch. Auch die Fütterung des Viehs wird gemeinsam besorgt. Nach dem Abendbrot sitzen die Mädchen in der warmen Küche, stricken, lesen in dem von mir gestifteten Notburgakalender für Dienstboten und singen hin und wieder eines meiner Lieder. Höre, sage ich dann zu Grönwohl, wie in alten Zeiten, und Grönwohl wischt sich die Augen. Von sieben bis zehn gehts in die Spinnstube. Wenn dort auch nicht mehr alles zum besten ist und ans Spinnen kaum gedacht wird, hat die Einrichtung doch einen guten Kern, und wir wollen nicht vergessen, daß alle diese uns derb und geschmacklos erscheinenden Späße und Scherze zum inneren Ausgleich der Jugend führen. Einen Höhepunkt des Winters sehe ich in unseren Volksabenden. Da ein Gemeindehaus nicht gebaut werden kann, gebe ich für die Abende unseren großen Saal, der einen Eingang von der Straße her hat. Die Möbel und Teppiche werden herausgenommen und Gartenbänke aufgestellt. Stets habe ich nur eine Woche zu üben brauchen, da sehr gut gelernt wurde. Die Mädchen spielen gegen fünfzig Pfennig Eintritt und lassen das Geld anderntags durch eine Deputation zum Pfarrer tragen, der es weiterleitet. Aber auch der Sommer ist angenehm. Sonntags wird im Kälbergarten ein Platz abgesteckt. Von vier bis sechs machen die Mädchen Reigenspiele, die Jungen turnen am Reck und dürfen ein altes Krokettspiel benutzen. In diesem Sommer hat Grönwohl, mein Mann, auch die Scharwerker und Knechte herangezogen. Den Gartengesang allerdings haben wir vorübergehend einstellen müssen, da ein früher frohes Mitglied an Lungenkrebs leidet und von unserer Fröhlichkeit nichts hören soll. Um dennoch den Zusammenhalt zu wahren, räumen wir meinen Dachboden auf, was auch Spaß macht. Unsere Knechtsfrauen, die getreulich jahrein jahraus zum Melken kommen, wollen von den Spielen nichts wissen und lieber zweimal im Jahr von mir zum Kaffee eingeladen werden. Grönwohl schlug seinerzeit die Gutsküche vor, aber ich entschied mich für den Saal. Auch wenn das Parkett danach gründlich gesäubert werden muß, zeigt sich der Nutzen. Alle Frauen vereint darüber hinaus der von mir eingerichtete Nähabend, den ich bisweilen kurz besuche. Er wird von der Frau des Lehrers, mit dem wir gut Hand in Hand arbeiten, geleitet und näht für die Fürsorge Säuglingswäsche, die an jede uneheliche Mutter im Dorf verteilt wird. Übrigens, wer einmal durch die Ställe und Mägdestuben eines Gutes wie des unseren geht, wird allenthalben das zweischläfrige Bett finden. Meist steht es im Stall unter der Treppe zur Futterkammer. Stroh, darüber ein grobes Laken und ein dickes Deckbett: das ist der Ort, wo unsere Dienstboten die Müdigkeit verschlafen und neue Kraft zur Arbeit gewinnen. Das Zusammenschlafen ist eingefleischte Gewohnheit und mag Vorteile haben, die wir nicht erkennen. Gewiß aber ließen sich mit ganz geringen Mitteln für jeden das eigene Bett und die eigene Kammer schaffen, und wenn es nur durch Wände von Stabbrettern wäre. Das fördert Wahrnehmung der eigenen Belange gegenüber den anderen und weckt das Heimatgefühl, denn unsere Leute haben ein feines Gespür dafür, ob sie nur als Arbeitskraft angesehen werden oder ob man ihnen daneben noch Verständnis für ihre Bedürfnisse und Nöte entgegenbringt, sei es auch durch Abschaffung des zweischläfrigen Bettes. So habe ich vor Jahren gelegentlich eines Brandes beobachtet, daß die Matratze sich Eingang in die Kreise unbemittelter Dorfbewohner verschafft hat. Es fiel mir damals ein, wie ich als Kind gehört hatte, dieser oder jener Kranke müsse gestorben sein, da das Stroh auf den Mist geworfen worden war. Auch bei einem Sterbefall unter den Knechten hat die Leichenfrau nach Ankleiden des Toten das Bett entleert und das Stroh beseitigt, worüber Grönwohl sich ärgerte. Meiner Ansicht nach sollte der Stroheinlage auf alle Fälle der Vorzug gegeben werden. Ich selbst besitze sowohl Matratzen als auch Strohbetten, benutze erstere lediglich, um den Mägden letztere zu lassen. Allerdings sagt Grönwohl: die Matratzen haben Vorzüge. Wie auch immer, unsere Leute rechnen es mir hoch an, daß ich mir Gedanken mache. Wöchnerinnen- und Krankenpflege zähle ich für mich und für die Frauen von Pfarrer und Lehrer zu den selbstverständlichen Dingen. Da die Leute freie ärztliche Behandlung und Medizin haben, gebietet es die Klugheit, beizeiten mit Rat und Tat beizustehen und langwierige Krankheiten zu verhüten. Hin und wieder wird auch ein ernstes eindringliches Wort an rücksichtslose und temperamentvolle Männer gerichtet werden müssen. Weihnachtsgeschenke, vom Vorgänger mehr als reichlich gegeben, hat Grönwohl sofort abgeschafft in der Erkenntnis, daß es den Scharwerkern Freude macht, ihre Kinder selbst zu...




