E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Vlautin Motel Life
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8270-7272-6
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-8270-7272-6
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Willy Vlautin, geboren 1967 in Reno, Nevada, ist Sänger und Songschreiber der Folkrockband The Delines. Seine Romane »Motel Life«, »Northline« und»Lean on Pete« wurden zu internationalen Erfolgen, »Motel Life« wurde mit Emile Hirsch, Dakota Fanning und Stephen Dorff in den Hauptrollen verfilmt. Willy Vlautin lebt in Portland, Oregon. Mit seiner Musik tourt er regelmäßig auch in Europa. Zuletzt veröffentlichte er die Romane »Die Freien« und »Ein feiner Typ«. Im Sommer 2021 wird »Nacht wird es immer« in den USA erscheinen. im Herbst 2021 bei uns in Deutschland.
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9
ERST STAND ICH LANGE SO DA und blickte die Straße hinunter, dann ging ich zu unserem alten Parkplatz, nachsehen, ob er mir meine Sachen dagelassen hatte. Einwickelpapiere lagen da auf dem Boden, eine fast leere Flasche Jim Beam, aber auch mein Schlafsack und ein Sixpack Bier.
Ich legte meine Sachen unter dem Vordach der Autowerkstatt ab und ging über die Straße ins Restaurant.
Mitten im Raum brannte ein Feuer in einem Holzofen, an den Wänden hingen Hirschgeweihe und auf dem Zigarettenautomaten lag eine ausgestopfte Klapperschlange, zusammengerollt, mit erhobenem Kopf und herausgestreckten Giftzähnen.
Ich saß am Tresen, guckte immer wieder aus dem Fenster und hielt nach Jerry Lee Ausschau, aber immer wenn ich hinsah, war da nichts, nur der rieselnde Schnee und weiter weg die Straßenlaternen.
Die Kellnerin schenkte mir Kaffee ein und gab mir die Speisekarte. Sie lächelte und redete mit den anderen Leuten an der Theke. Sie trug eine alte Eisenklammer am rechten Bein, deshalb humpelte sie. Ich konnte den Koch hinten rauchen sehen, einen älteren Mann, übergewichtig. Als sie mir Kaffee eingeschenkt hatte, sah ich in meine Brieftasche und merkte, dass ich nur noch siebenundsechzig Dollar hatte.
Ich fragte sie, ob hier ein Bus durchkam. Sie hustete und sagte ja, Greyhound, aber erst morgen Nachmittag wieder.
»Das heißt, wenn er es schafft«, sagte sie. »Sieht nach mehr Schnee aus. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Kann man nie sagen. Den Wettervorhersagen traue ich nicht mehr. Sie räumen, aber man wird sehen.«
»Wo hält er?«
»Genau hier, wenn er kommt. Um sieben machen wir auf. Wenn der Bus kommt, dann irgendwann nach zwei.«
»Wissen Sie, was er kostet?«
»22 Dollar 50 nach Boise, sonst weiß ich auch nicht. Du kannst vom Münztelefon hinten anrufen. Bei den Toiletten.«
Ich stand auf, ging zum Telefon, schlug die Nummer von Greyhound nach und rief an. Ein Fahrschein nach Reno kostete 61 Dollar 75. Also hatte ich nur noch um die sieben Dollar.
Ich bestellte Toast und Milch für meinen Magen und hörte den Radiosender, den sie eingestellt hatten, bis das Restaurant zwei Stunden später dichtmachte.
Draußen wanderte ich durch die kleine Stadt, aber es gab nicht viel zu sehen, und mir wurden die Füße kalt, also holte ich meine Sachen und suchte nach einem Schlafplatz.
Ich fand einen kleinen geschlossenen Lebensmittelladen. Im Fenster hing ein »Zu verkaufen«-Schild. Der Laden war mal eine Tankstelle gewesen, mit einem ausladenden Vordach, dort machte ich Halt, kroch in meinen Schlafsack und wartete, dass es Morgen wurde.
In der Nacht hörte es auf zu schneien. Einmal stand ich zum Pinkeln auf, nahm die Straße in Augenschein, und sie sah ganz okay aus. Ich legte mich wieder schlafen, und als ich wieder aufwachte, war der Himmel wolkenlos und die Sonne ging auf. Ich stieg aus dem Schlafsack, zog mich an und fing an zum Aufwärmen herumzulaufen.
Die Frau, die das Restaurant abgeschlossen hatte, fuhr in einem alten weißen Ford Pick-up vor. Sie schloss auf und ließ mich rein.
»Die ganze Nacht über rumgelaufen?«
»So in der Art. Ich hatte einen Schlafsack.«
»Gut, dass du nicht frieren musstest«, sagte sie. »Weißt du, wie man ein Feuer baut?«
»Klar«, sagte ich.
»Na gut, dann kannst du den Holzofen zum Laufen bringen und hinterm Haus Holz holen, und ich mache dir Frühstück.«
Ich sagte danke und ging ihr nach.
Das Feuer wurde ganz okay, und als ich genug Holz aufgeschichtet hatte, machte sie mir ein Käse-Schinken-Omelette, Bratkartoffeln und Toast. Die beste Mahlzeit meines Lebens. Die Morgengäste trudelten ein, und ich saß allein hinten an der Theke und aß. Als ich fertig war, trank ich Kakao und wartete. Immer wenn die Kellnerin vorbeikam, bedankte ich mich bei ihr, und bald machte sie sich darüber lustig. Ich ließ mir ihre Adresse geben und redete mir ein, ich würde ihr das Geld schicken, wenn ich welches hätte. Ihr vielleicht irgendein Geschenk besorgen oder wenigstens eine Karte schreiben.
Ab und zu hielt ich vor dem Fenster nach dem Dodge und Jerry Lee Ausschau, aber wann immer ich ein Auto vorbeifahren oder einen Gast hereinkommen sah, war es jemand anders, und mich verließ der Mut.
Ich verlor mich in Gedanken, vor allem an Annie James, was ich scheiße fand, aber es überkam mich einfach. Sie war die einzige Freundin, die ich je gehabt hatte, und das einzige Mädchen, mit dem ich je zusammen gewesen war, von Nutten abgesehen. Eine Zeit lang hatte sie mit ihrer Mutter drei Türen weiter von Jerry Lee und mir im Sutro Motel an der Fourth Street gewohnt.
Ihre Mutter arbeitete immer wieder als Prostituierte und war wegen Alkohol, Drogen und solchen Sachen aus den meisten Bordellen der Stadt geflogen. Sie schlief oft tagelang nicht, weil sie auf Speed war. Annie erzählte mir Geschichten von ihr. Viele davon finde sie selber total kaputt, sagte sie, aber das hätte ich auch so gemerkt.
Annie James und ich waren uns auf dem Motelparkplatz begegnet, und als wir uns angefreundet hatten, übernachtete sie manchmal bei Jerry Lee und mir auf dem Zimmer. Ich war damals achtzehn. Sie war siebzehn. Sie ging zur High School und strengte sich mächtig an. Wenn Jerry Lee und ich fernsahen, saß sie immer nur auf dem Bett und las oder machte Hausaufgaben. Sie war so, immer schwer am Arbeiten. Sie flippte auch nicht aus, sie war nicht bösartig wie ihre Mama. Ihre Mama war meistens so gereizt, dass man nie wusste, was sie als Nächstes sagen oder machen würde. Sie konnte ganz lieb und nett sein, und keine Stunde später hörte man sie drei Türen weiter wie eine Irre rumbrüllen.
Annie James ist blond, mager und hat dunkelblaue Augen. Als wir zusammen waren, band sie sich die Haare zu einem Pferdeschwanz. Sie war auch lustig, sagte lustige Sachen und hatte ein schönes Lächeln.
Im Diner musste ich besonders an einen Abend denken, als sie noch in der High School war und die Nacht über in unserem Zimmer im Mizpah blieb.
Sie kam ganz spät vorbei, und Jerry Lee und ich lagen im Bett und sahen fern. Sie sagte nicht viel, hockte einfach auf dem Bett, und ich schlief kurz darauf ein. Als ich wieder aufwachte, war es mitten in der Nacht, und sie lag auf dem Rücken und hatte das kleine Radio eingeschaltet, das an meinem Bett stand.
»Habe ich dich geweckt?«, fragte sie.
»Kannst du nicht schlafen?«
»Nein«, sagte sie, und ich stand auf und schaltete die kleine Lampe auf der Kommode ein.
»Bitte kein Licht«, sagte sie.
»Schon okay, Jerry Lee kann nichts aufwecken.«
Im Dämmerlicht lag sie in Schlüpfer und Büstenhalter da. Den linken Arm hatte sie mit der Handfläche nach oben auf ein Kissen gelegt, und auf der Innenseite ihres Arms sah ich drei Narben.
»Was ist passiert?«, sagte ich.
»Ich habe mich mit dem Lockenstab verbrannt.«
Ich rückte näher und sah mir die Narben an. Sie waren dunkelrot mit weißen Flecken von den Blasen.
»Du drehst dir keine Locken«, sagte ich.
»Manchmal schon«, sagte sie.
»Mein Gott«, sagte ich, »du musst da nicht bleiben. Du kannst bei mir einziehen. Die Alte ist verrückt.«
»Ich will ja weg«, sagte sie. »Aber das meinst du nicht ernst, oder?«
»Du kannst richtig hier wohnen, wenn du willst.«
»Vielleicht gibt es keine andere Möglichkeit«, sagte sie schließlich und versuchte, nicht zu weinen. »Bist du sicher, dass das geht?«
»Ganz sicher«, sagte ich.
»Glaubst du, Jerry Lee würde es stören?«
»Ich frage ihn, aber ich glaube nicht«, sagte ich. »Er mag dich. Wir können morgen deine Sachen holen.«
»Ich muss mir überlegen, wie wir das hinkriegen, ohne dass sie durchdreht«, sagte sie. »Ich denk mir was aus, okay?«
»Na gut«, sagte ich. »Tut es sehr weh?«
»Ich hab ein bisschen Brandsalbe aus dem Drugstore draufgetan, die hilft.«
»Wir können frühstücken gehen, falls du Hunger hast«, sagte ich.
»Würde ich gerne, aber es tut zu weh, wenn ich ein Hemd anziehe. Ich weiß, was du machen kannst, du könntest mir eine Geschichte erzählen so wie sonst Jerry Lee.«
»Wovon soll sie handeln?«
Sie schwieg kurz, dann sagte sie: »Von dir und mir auf einer Insel mitten im Pazifik vielleicht. Die Sonne scheint, und wir gehen den ganzen Tag lang schwimmen und schlafen am Strand. Aber so wie bei James Bond, weißt du? Wie in dem, wo er auf der Insel ist. Den wir neulich Abend geguckt haben. So musst du uns machen, wenn’s geht.«
»«, sagte ich.
»Keine Ahnung. Wir haben ganz viele geguckt, ein Marathon, weißt du nicht mehr?«
»Klar«, sagte ich.
»Erzählst du mir eine?«
»Ich versuch’s«, sagte ich, schaltete das Licht aus und legte mich zu ihr aufs Bett.
»Eines Morgens, und zwar eines kalten Morgens, spazierten wir so eine verlassene Straße Richtung Stadt entlang. Ich...




