Wagner | Landeier | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 257 Seiten

Wagner Landeier

Fränkys Traktortripp durch die Provinz
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-942291-75-0
Verlag: Leinpfad Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fränkys Traktortripp durch die Provinz

E-Book, Deutsch, 257 Seiten

ISBN: 978-3-942291-75-0
Verlag: Leinpfad Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als sein Meister ihm Prügel androht, haut der Bäckerlehrling Frank einfach ab. Er klaut einen alten Fendt und fährt ziel- und planlos über Land. Auf seinem Traktor-Trip lernt er das Spargelmädchen Olga aus der Ukraine, echte Neonazis und falsche Polizisten, eine abgedrehte Landkommune und den allein auf seinem Hof lebenden Rolf, verwahrlost und zahlungsunfähig, kennen. Verfolgt von seinem Chef und Heinrich, dem Russen, zeigen uns die drei ein unbekanntes Bild der Provinz fernab von jeder Landlust.

Andreas Wagner, Jg. 1974, ist als Winzer Quereinsteiger: Der promovierte Historiker führt das von den Eltern übernommene Weingut in Essenheim seit 2002 zusammen mit seinen beiden Brüdern. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Mehr zum Autor unter www.wagner-wein.de Bekannt geworden ist Andreas Wagner als Autor von sechs Weinkrimis.
Wagner Landeier jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1.

„Der Junge bringts nicht! Das ist eine Pfeife!“

Sie wusste, dass er jetzt in ihre Richtung sah, um einen bestätigenden Blick, ein Nicken vielleicht sogar, für seine Worte zu bekommen. Sie war müde und verspürte wirklich keinerlei Lust auf eine solche Unterhaltung. Im Grunde wollte sie gar nicht reden. Einfach nur Ruhe. Die letzten Handgriffe des viel zu langen Tages für sich zu Ende bringen, ohne auf seine Worte eingehen zu müssen. Nur ein Nicken und stilles Zuhören akzeptierte er nämlich nicht. Vielleicht ein paar Sätze lang, dann brauchte er Rückmeldung. Ein, zwei sinnvolle Wortreihen, die auch noch irgendwie zu dem passen mussten, was er davor gesagt hatte. Auf jeden Fall Zustimmung, aber nicht zu platt vorgetragen. Du hast ja recht, wie immer! Von der Grundaussage sicher richtig, aber in die falschen Worte gekleidet. Die Folgen kannte sie nach gut dreißig Jahren Ehe mit ihrem Bäckermeister nur zu gut. Je nach Laune, besaß eine solche unbedachte Vorlage das Zeug zum Abendfüller. Anklagend zuerst, vorwurfsvoll, um dann nach einer knappen Dreiviertelstunde ins Wehleidige und Weinerliche abzugleiten. Es bleibt doch alles an mir hängen. Die ganze Verantwortung für den Betrieb, das Personal. In so schweren Zeiten. Spätestens dann musste sie ihn an sich drücken. Schwer atmend, wie ein schniefendes Kleinkind. Und darauf hatte sie schon lange und insbesondere heute wirklich gar keine Lust.

Sie tränkte den Wattebausch mit Make-up-Entferner und rieb damit über die geschlossenen Augenlider. Dann verteilte sie die Reinigungsmilch über ihr fleischiges Gesicht. Die Zeit für diese Bewegungen ließ er ihr mittlerweile, weil er wusste, dass sie ihm nie antwortete, während sie sich die Farbe abnahm. Vor Jahren hatte sie ihn in solchen Momenten stets böse angezischt, wenn er nicht schwieg. Diese wenigen Sekunden gehörten alleine ihr. Sie waren ohnehin nur schwer zu ertragen, da brauchte sie nicht noch sein aufmerksamkeitsforderndes Gerede. Bahn für Bahn nahm sie die Farbe von sich. Legte Furche für Furche unerbittlich frei. Wie lange würde es noch dauern, bis sie sich so nicht mehr sehen konnte? Sie schloss jetzt beide Augen und rieb mit einem frischen Wattebausch über ihr Gesicht. Im Dunkeln würde es genauso gut gehen. Mit einem kurzen Augenaufschlag kontrollierte sie das Ergebnis ihres Blindfluges über das eigene Gesicht. Sie nickte sich einmal im Spiegel zu. Das war die Bestätigung, die sie brauchte. Von ihm bekam sie ja ohnehin keine. Wenn sie weiter so schnell alterte wie in den letzten zwei Jahren, dann war spätestens im kommenden Frühjahr der Zeitpunkt da, ab dem sie jeden Spiegel im ungeschminkten Zustand meiden würde. Sie ertappte ihre Fingerspitzen dabei, wie sie knapp oberhalb der Ohren ansetzten, um die Haut zu spannen. Der Zustand von vor vier oder fünf Jahren war so wiederhergestellt. Etwas straffere Wangen. Und die tiefen Furchen um den Mund waren weg. Blieben nur noch die Fältchen an den Augen. Sicher war auch das kein größeres Problem. Was das wohl kosten würde? Nicht, dass sie in diesem Moment ernsthaft erwog, sich operieren zu lassen. Unmöglich wäre es alleine schon für ein paar Wochen zu verschwinden, ohne dass sich das ganze Dorf das Maul über sie zerreißen würde. Na, die hat‘s ja nötig! Hat die tägliche Spachtelmasse nicht mehr ausgereicht? Sie könnte doch über ein paar Wochen in den Gesprächen alles gut vorbereiten. Wozu hatte man denn das halbe Dorf vor der Theke? Einen Nutzen musste das ja haben. Der notwendige Kuraufenthalt nach einem dringenden Eingriff. Unangenehme Frauensache. Neugierige Nachfragen verboten sich damit. Die Erholung in der Kur würde das Verschwinden der Falten plausibel erklären. Ein Jungbrunnen die drei Wochen, ohne das alles hier um sie herum. Der Laden, die Backstube, der Geruch nach altem Mehl und ihr Bäckermeister.

Sie warf einen schnellen Blick in seine Richtung. Er war ungewöhnlich lange ruhig geblieben und sie suchte die Erklärung dafür. Kurz nur huschte ein schwaches Grinsen über ihr Gesicht, das sie selbst entschlossen unterband. Es ließ sie ungeschminkt noch faltiger erscheinen.

Schnaufend saß er auf dem alten Hocker. Sein massiger Körper, der im selben Tempo zunahm, wie sie faltiger wurde, ruhte auf dem viel zu kleinen Metallgestell. Ein Teil ihres Mannes hing auf allen Seiten der zu kleinen Sitzfläche herunter. Lange würde der wacklige Hocker dieser stetig wachsenden Belastung nicht mehr standhalten können, zumal bei seinen ungelenken Versuchen an seine Socken zu kommen, die ruckartig wechselnde Gewichtsverteilung auf die vier Beine aus lackiertem Eisenrohr recht ungünstig anmutete. Irgendwann brach das Ding unter ihm sicher zusammen. Sie war zwar auch nicht so schlank geblieben wie mit zwanzig, aber zum Glück nicht so maßlos aufgegangen wie einer seiner Hefezöpfe. Mittlerweile konnte sie sich gut hinter ihm verstecken. Hinter jedem erfolgreichen Mann eine fleißige Frau, gut versteckt. Fleißig war sie wirklich. Sie nickte sich noch einmal zu. Sein Schnaufen kündete vom Erfolg seiner unbeholfenen Bemühungen. Die Socken mussten jetzt gebändigt sein. Und das bedeutete, dass es mit der Ruhe zu Ende war. Sie zwang sich, nicht wieder zu grinsen. Es wäre mit einem ordentlichen Hauch Mitleid gewürzt gewesen. Wenn er sich auf eine so schwerwiegende Aufgabe, wie das schnaufende Ausziehen seiner Socken konzentrierte, war sein gesamter Körper gefordert. Schweißperlen auf der Stirn. Er vergaß sogar dabei, zu reden. Alles andere musste ruhen. Immer eine Sache, die dafür richtig und ordentlich und bis zu Ende gebracht. So predigte er es auch den Lehrlingen mit erhobenem Zeigefinger. Wenn sich mal noch einer zu ihnen verirrte, weil er sonst keinen Platz bekommen hatte. Früher war das anders gewesen. Lange her. Sie schüttelte den Kopf und sah sich selbst vorwurfsvoll im Spiegel an.

Jetzt hatte er es mal wieder geschafft! Sie sträubte sich und doch zwang er sie ständig, sich mit dem zu beschäftigen, was er ihr vorbetete. Wieder der Junge, der nichts taugte. Zu langsam, schwer von Begriff, unfähig für die Arbeit in der Backstube. Nicht in der Lage etwas selbst zu machen. Und immer mit demselben Ende. Wir müssen froh sein, dass wir überhaupt noch jemanden haben. Einen Gesellen können wir uns ja doch nicht mehr leisten, reicht so kaum aus und übrig bleibt fast nichts mehr. Vorbei die goldenen Zeiten des Handwerks, wo es heute alles billig im Supermarkt gibt. Massenware im SB-Backshop.

Sein Schnaufen, mit dem er sich in die Höhe hievte, unterbrach ihre Gedanken. Den weiteren Verlauf der nächsten guten halben Stunde wäre sie mühelos in der Lage haarklein vorauszusagen. Sie griff daher schnell nach einem weiteren Wattebausch. Vielleicht ließ sich damit die Stille noch ein paar wenige Augenblicke verlängern und das Unvermeidbare hinauszögern. Da er spätestens um Punkt neun das Licht aus haben wollte, um innerhalb kürzester Zeit einzuschlafen, half die Verzögerungstaktik vielleicht seinen Redebedarf zu begrenzen. Um drei ist die Nacht vorbei! Der erlösende Satz, mit dem er sich jeden Abend in geräuschvolle Träume verabschiedete.

„Der taugt nichts! Lange sehe ich mir das nicht mehr an!“

„Ich finde, dass er sich ganz gut gemacht hat in dem knappen Jahr.“

„Sieben Monate!“

„Ja und? Dann halt sieben Monate.“ Sie seufzte gut hörbar genervt und beförderte den Wattebausch in den Mülleimer. Jede normale Unterhaltung wäre jetzt zu Ende. Fertig, aus, alles gesagt. Aber solange noch ein Restchen übrig war, ein Hauch, der keine Zustimmung signalisierte, gab er keine Ruhe. Ja und Amen. Jetzt schon? Das brachte ihn auf die Palme, auf hundertachtzig. Sie unterdrückte das wieder aufkommende Grinsen. Er konnte den Spruch nicht ausstehen. Ging augenblicklich hoch wie eine Rakete. Ja und Amen. Ihr Schleudersitz in Notsituationen, wenn es gar nicht mehr auszuhalten war. Aber nicht um kurz vor neun, die Erlösung in Reichweite, wenn er erst einmal schnaufend neben ihr im Bett lag.

„Nach sieben Monaten muss man mehr können. Schneller sein und trotzdem ordentlich. Er kann nichts davon. Gar nichts. Langsam wie am ersten Tag ist er beim Portionieren und Abwiegen. Während er mit den Blechen im Wagen hin- und herschleicht kannst du ihm die Schuhe besohlen. Beim Laufen!“ Er hielt kurz inne, um Luft zu holen oder die Fortsetzung zu finden. Was wollte ich denn noch sagen? Allein der Gedanke an den bringt mich schon ganz durcheinander. „Und dann stimmt es bei jedem Dritten doch nicht. Die Körnerbrötchen waren heute alle unterschiedlich. Zu groß, zu klein, nicht anzusehen. Nach sieben Monaten. Und wie oft habe ich ihm die Handgriffe gezeigt?“

Seine Stimme wurde lauter. Sie drehte ihren Kopf ganz leicht nach rechts und bekam ihn im Spiegel in den Blick. Die Adern an seinem Hals waren angeschwollen und traten deutlich hervor. Das Blut pulsierte gut sichtbar in ihnen. Die Schweißperlen auf seiner Stirn hielten sich, auch seine Oberlippe war jetzt nass. Seine körperliche Anstrengung ließ wärmende Genugtuung in ihr aufsteigen.

„Ich habe es so satt, dass wir seit Jahren nur den Ausschuss bekommen.“

Jetzt schien er sich wieder gefangen zu haben. Obwohl ihm der Schweiß die rosigen Backen herunterlief.

„So geht das nicht weiter. Die Schlechtesten bleiben bei uns hängen. Das Handwerk zählt doch kaum noch etwas. Alle wollen sie in dunklen Anzügen arbeiten, sich bloß nicht die Finger schmutzig machen. Und wer soll das Brot backen?“

Fragend starrte er ihren Rücken an. Sie sah sein Spiegelbild vor sich. Es fehlte noch der Dampf aus seinen Ohren, dann hätte sie sich nicht mehr halten können. Unter maximalem Druck, auf vollen Touren....



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.