Wagner Vatertag
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-942291-84-2
Verlag: TZ-Verlag & Print GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Krimi
E-Book, Deutsch, Band 7, 216 Seiten
Reihe: Kendzierski-Krimi
ISBN: 978-3-942291-84-2
Verlag: TZ-Verlag & Print GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Wagner, Jg. 1974, ist als Winzer Quereinsteiger: Der promovierte Historiker führt das von den Eltern übernommene Weingut in Essenheim seit 2002 zusammen mit seinen beiden Brüdern. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.
Autoren/Hrsg.
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8.
„Das war doch eigentlich ein ganz netter Nachmittag.“ Klara schaute ihn fragend von der Seite an. Ihre Wangen zeigten noch eine leichte Röte. Die freudige Anspannung, das Ungewohnte und die unbekannten Menschen des heutigen Nachmittags schienen dafür zusammen verantwortlich zu sein. Aus ihrem Blick sprach ein sichtbares Maß Zufriedenheit, wahrscheinlich auch deswegen, weil es sich alles noch irgendwie zum Guten gewendet hatte. Die ihre Blechtöpfe bearbeitende Tamara war nach einem ausgedehnten Moment der Schockstarre in schallendes Gelächter ausgebrochen. Die Laufmaschen an ihrer selbst gestrickten Gebärmutterattrappe schien sie zu verkraften. . Fast alle Kursteilnehmer taten es ihr gleich. Klara brauchte noch ein paar Sekunden länger, bevor sie einfiel. Erleichtert darüber, dass er sich nicht schon in der ersten halben Stunde, die sie hier waren, zum vollkommenen Idioten gemacht hatte. Einzig Frau Brüsebü schien seine Aufmunterungseinlage missfallen zu haben. Sie verzog ihr Gesicht nur zu einem gequälten Lächeln und strafte ihren Mann mit einem missbilligenden Blick, weil er sich gackernd wie ein heiseres Huhn neben ihr aufgerichtet hatte. Er hatte sich die Freude auch von ihr nicht nehmen lassen, was ihn in den Augen Kendzierskis fast sympathisch erscheinen ließ. Die ganze Gruppe war letztendlich auch irgendwie sympathisch Das musste er sich in diesem Moment eingestehen.
„Nette Leute.“
Klara nickte zustimmend. „Bis auf Gudrun. Warum geht man ein zweites Mal zum Hechelkurs? Das macht doch niemand.“
„Zur Auffrischung oder, um zu allem seinen Senf dazuzugeben. Herr Lehrer, ich weiß auch noch etwas. Jaromir ist unter Wasser geboren.“
„Da hast du recht. Das war schon ganz schön nervig. Die hat wirklich zu allem einen Kommentar gehabt.“
„Ihr habt ihr aber auch alle gebannt zugehört, zumindest am Anfang.“
„Erfahrungen aus erster Hand, bis ins Detail. Wann bekommt man so etwas schon mal zu hören.“
„Aber du willst doch nicht zur Geburt ins Schwimmbecken.“ Kendzierski warf einen schnellen Blick neben sich auf den Beifahrersitz. Klara grinste und zuckte vielsagend mit den Schultern.
„Immerhin machst du dir jetzt über solche Dinge Gedanken. Der Kurs hat also trotz aller Klangschalenmusik und Stöhnerei einen ersten Erfolg zu verzeichnen, und das schon am ersten Nachmittag. Bisher hatte ich nämlich den Eindruck, dass du noch gar nicht realisiert hast, dass wir in ein paar Monaten zu dritt sind.“
Kendzierski musste schlucken. In ein paar Monaten. Das lag noch alles so weit entfernt, gedanklich zumindest, weil es sich sein Kopf nicht wirklich greifbar auszumalen vermochte. Und weil er bisher alle Kraft daran gesetzt hatte, jeden Gedanken daran zu verdrängen. Beim besten Willen konnte er sich Klara auch nicht schwer atmend auf einer Liege vorstellen. Angst hatte er vor diesem Moment, wenn es so weit sein sollte. Angst vor dem, was passierte und geradezu Panik vor dem, was dabei von ihm erwartet wurde. Sollte er im gehauchten Tonfall Tamaras jede Wehe freudig begrüßen, sie herbei- und aus dem Bauch hinausatmen? Er als Geburtsmoderator. Kendzierski schüttelte leicht, aber entschlossen den Kopf. Nicht vorstellbar. Im Krankenhaus, Klara unter Schmerzen, Hebamme und Ärzte drumherum. Er würde kein Wort herausbekommen. Nicht einen Ton. Seine gesamten körperlich verfügbaren Kräfte würden ganz alleine dafür benötigt werden, nicht selbst umzufallen. Die Ärzte würden mit ihm mehr zu tun haben als mit Klara. Blieb nur zu hoffen, dass sie sich nicht zu sehr auf seine Unterstützung in den entscheidenden Momenten verließ. Sie hatte ja bei der heutigen Geburt deutlich erkennen können, über welch umfangreiche Naturbegabung er verfügte. Das Plastikbaby hatte zumindest keinen sichtbaren Schaden genommen. Im Krankenhaus war der Kreißsaal sicher nicht mit Ethno-Hippie-Teppichen ausgepolstert, um die Fehler überforderter Erstväter auszubügeln. Kendzierski spürte, wie die wirren Gedanken zurückkamen und ein flaues Gefühl aus seiner Magengegend aufstieg.
„Ich glaube, mir wird schlecht, wenn es so weit ist.“ Kendzierski hielt seinen Blick starr geradeaus gerichtet. Sie hatten Nieder-Olm erreicht. Er bog nach links in Richtung Weinberg ab. Es war schon recht ruhig auf den Straßen, kurz vor neun. Klara hatte die Hebamme nach dem Kurs noch, wie die meisten der anderen Frauen auch, mit reichlich Fragen bombardiert. Sie hatten als wartende Männer abseits gestanden und zunächst etwas schwerfällig über die Erfolgsaussichten von Mainz 05 in der kommenden Saison in ein letztlich doch unterhaltsames Gespräch gefunden und festgestellt, dass keiner der Anwesenden damit rechnete, bis zur Geburt des eigenen Kindes bei vollem Bewusstsein zu bleiben. Von Markus, der anscheinend direkt um die Ecke wohnte, war daher der Vorschlag gekommen, nach dem zweiten Teil des Crashkurses am morgigen Tag, sich daraus ergebende Konsequenzen bei einem Glas Wein in einer der nahen Kneipen mit den Frauen zu diskutieren. Eine Idee, die sofort allgemeine Zustimmung fand. Die Notgemeinschaft schweißte zusammen. Gleiches Problem, gleiche Ängste, gleicher Lösungsansatz.
„Mir ist seit heute ein bisschen wohler. Aber nervös bin ich auch jetzt schon und mehr mit jedem Tag, den wir dem errechneten Datum näherkommen.“ Klara schnaufte. „Ich würde gerne mit den anderen morgen noch auf ein Wasser weggehen. Markus und Anna sind sympathisch.“
„Tobias und Sabrina auch.“
„Die sind beide noch ziemlich jung.“
„Er aber nicht.“ Kendzierski schüttelte den Kopf.
„Beide neunundzwanzig. Das liegt an seinem schwarzen Vollbart. Das sieht ganz witzig aus und passt irgendwie zu ihm. Die Seiten stoppelig rasiert und das, was da an Haaren fehlt, hat er oben mehr und als Bart.“
„Jung ist neunundzwanzig aber auch nicht mehr. Das liegt nur daran, dass wir beide so alt sind.“
„Nicht wir sind alt, Paul, du bist alt!“ Klara grinste ihn herausfordernd von der Seite an. „Ich bin mit fünfunddreißig nur leicht über dem Schnitt, aber du mit deinen fast fünfundvierzig schon deutlicher. Der alte Herr im Hechelkurs.“
„Wie witzig. Immerhin hat mich noch keiner für deinen Vater gehalten.“ Kendzierski fand einen Parkplatz direkt vor dem Mehrfamilienhaus, in dem sie seit einem knappen Jahr zusammen wohnten. Von ihrem Balkon hatte man einen schönen Blick über die Dächer hinweg ins Selztal. Die Rebhänge von Ober-Olm und Essenheim waren deutlich zu erkennen. Ein Glücksgriff, die Wohnung, nachdem sie lange erfolglos gesucht und ihnen von mehreren Maklern ganz üble Löcher vorgeführt worden waren. Lediglich die Vermieterin nervte, die sich aus ihrem Haus im alten Ortskern jeden zweiten Tag den Hang hinaufquälte, um nach dem Rechten zu sehen. Rosen schneiden, Unkraut zupfen und die Sortiergenauigkeit der sechs Mietparteien in Sachen Mülltrennung überprüfen. Nicht selten schichtete sie von einer Tonne in die andere um und nahm sich aus der Papiertonne ein paar alte Zeitschriften mit, die sie als erhaltenswert eingestuft hatte. Ansonsten war mit der Frau Schmahl gut auszukommen. Sie schien ein Stück weit sogar stolz darauf zu sein, dass der für Nieder-Olm und die umliegenden Dörfer zuständige Bezirkspolizist ausgerechnet in ihr Haus eingezogen war. Gleich nach ihrem Einzug hatte sie ihn in die Verantwortung genommen. . Nieder-Olm war zwar in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen, dank der nahen Autobahn und der kurzen Wege nach Mainz, Wiesbaden und Frankfurt, aber seine dörfliche Überschaubarkeit hatte es doch in Maßen behalten. Man kannte sich und redete gerne und mit großer Anteilnahme über all die anderen. Dabei wurde sauber nach Alteingesessenen und neu Hinzugezogenen differenziert. Für die letzteren, die man ohnehin nicht kannte, war das Interesse begrenzt. Da er aber mit Klara an eine Eingeborene geraten war und als Verdelsbutze sowieso unter Beobachtung stand, wurde er von den meisten mittlerweile so behandelt, als ob er schon immer dazugehört hätte. Es war daher schwer, in einem der Dörfer unerkannt zu bleiben. Selbst, wenn sie ganz privat und am Wochenende im Sommer eines der vielen Weinfeste besuchten, bekam er die halblaut getuschelten Bemerkungen derer, die ihn erkannt hatten, stets mit. .
In den ersten Jahren hier in seiner neuen Heimat war ihm das gehörig auf die Nerven gegangen. Er kannte es schlicht nicht, weil er die Anonymität seiner Großstadt gewohnt war, die mit dem Verlassen der Wohnungstür einsetzte. Sicher traf man immer mal jemanden, den man aus der Schulzeit oder von der Arbeit kannte, aber das blieb die Ausnahme und man stand nie unter...




