Waldman | Verkämpftes Land | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Waldman Verkämpftes Land

Beobachtungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8353-8946-5
Verlag: Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Beobachtungen

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

ISBN: 978-3-8353-8946-5
Verlag: Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Beobachtungen, Erinnerungen und Erzählungen aus einem vom Krieg gezeichneten Land Ein Kinderkreis, drum herum laufen zwei Mädchen, am Horizont donnern Kampfjets vorbei, das Spiel heißt »Schwarzes Schaf«, die Zeiten sind Zeiten des Krieges, vor dem die Sprache immer wieder scheitert, stottert. Man setzt immer neu an: zum Gespräch mit einer Mutter, deren Sohn gerne Peter in Peter und der Wolf wäre und am 7. Oktober ermordet wurde, oder mit einem Englischlehrer aus Gaza, der die stumme Frage nach Zeit in den Gesichtern seiner Schüler sieht. Zur Reise nach Jerusalem, um Abschied vom eigenen, im Sterben liegenden Vater zu nehmen, wobei der private, intime Gang zwischen Gesprächen und hinterlassenen Gegenständen zum Blick auf eine Familiengeschichte zwischen Czernowitz, Wien, Jerusalem wird. Ein Blick auf gescheiterte Utopien, auf eine Kindheit in einem vom Krieg gezeichneten Land, einem Land, vom Wahn ergriffen, bis zur Unkenntlichkeit verändert. »Verkämpftes Land« ist ein essayistisches Mosaik aus Beobachtungen, Erinnerungen und Erzählungen, gegenwärtig, vergangen, zum Teil surreal, das aus intimen, privaten Momenten immer wieder neu ansetzt, um vor der Willkür des Krieges die Suche nach Sprache, nach Erkenntnis, nach zwischenmenschlicher Wahrnehmung nicht aufzugeben.

Ofer Waldman wurde 1979 in Jerusalem geboren. Als einer der ersten Musiker im West-Eastern Divan Orchestra zog er 1999 nach Berlin, wo er ein Orchestermusikerdiplom als Hornist absolvierte. Er spielte u. a. im Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, bei den Nürnberger Philharmonikern, an der Neuen Israelischen Oper und beim Israel Philharmonic Orchestra. Später wurde Ofer Waldman an der Hebräischen Universität Jerusalem (Geschichtswissenschaft) sowie an der Freien Universität Berlin (Germanistik) promoviert. Seit 2015 ist er als freier Autor tätig, hauptsächlich für deutsche Rundfunkanstalten. 2021 wurde er mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet.
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Stottern


Ich setze neu an.

»Ich möchte mein neues Theaterstück einmal laut hören«, sagt S. und bittet mich darum, es gemeinsam zu lesen. S. ist in Berlin, ich sitze in Israel, wir starten einen Videocall. Bevor wir beginnen, fragt S., ob es für mich vielleicht gerade doch zu viel sei, ob ich jetzt lesen, schreiben, über Literatur nachdenken könne. »Wieso soll es zu viel sein«, frage ich, »ich dachte, in dem Stück geht es um den Krieg in der Ukraine, um Familiengeschichte, um deinen Großvater.« »Es geht auch um meinen Großvater«, sagt S., »es geht aber auch um den 7. Oktober. Um Israel, um Gaza.«

Ich winke ab, wann ist schon eine gute Zeit, »lass uns lesen.«

Ich setze neu an.

Mein Bruder sitzt vor mir auf einer maroden Gartenschaukel, dreht sich eine Zigarette, ich halte sein Feuerzeug in der Hand, reiche es ihm rüber, es ist ein schöner Frühlingstag. »Ich dachte, Y. wäre nicht in Gaza selbst«, sage ich, »sondern an einem Stützpunkt nahe der Grenze, er ist doch kein Kampfsoldat.« Y. ist der älteste Sohn meines Bruders.

»Er ist Sanitäter«, erwidert mein Bruder, »beim Bataillonskommandanten, und wenn dieser reingeht, um sich ein Bild von der Lage zu machen, muss er ebenfalls mit rein.«

Die Dinge, die er in Gaza gesehen hat. Die Luft dort. Der Klang.

Mein Bruder schaut seine Hände an, als suchte er dort nach Worten, spreizt die Finger, die Zigarette fällt auf den Boden.

Ich setze neu an.

Auf der Bühne in Frankfurt, der Moderator hat mich gerade vorgestellt, ich soll nun aus Briefen lesen, geschrieben in den ersten Wochen des Krieges. Ich nehme das Mikrofon in die Hand, schaue noch mal in den Saal, in erwartungsvolle Gesichter, in angespannte Gesichter, und fange an. Das Aussprechen der Wörter fällt mir mit jedem Satz schwerer. Also körperlich. Ich hole Luft, forme den Laut mit den Lippen, mit dem Mund, sehe das Wort vor mir, »Kind«, »Luft«, »Klang«, »Staub«, es kommt aber kaum etwas dabei raus. Ich muss die Worte mit zunehmender Gewalt über die Lippen schieben. Also das Zwerchfell mit direktem Befehl vom Kopf anspannen, sodass die Luft durch den Mund gepresst wird, irgendwann ist es egal, ob mit Wort, ohne Wort, mit Gebell, als Schrei.

Ich kenne dieses Gefühl aus meiner Zeit als Orchestermusiker, es heißt unter Blechbläsern »Ansatzstopper«. Man atmet im Takt aus und ein, setzt das Mundstück auf die gespannten Lippen, die Zunge wird quasi hinter die Vorderzähne gelegt und muss, sobald der Ton angespielt werden soll, nach hinten springen, dem durch die Atemmuskulatur erzeugten Luftstrom Platz machen. Es kommt aber vor, dass die Zunge den Befehl vom Kopf verweigert und kleben bleibt, es entsteht dann ein Luftstau, der beim Losspielen zu einer Art Stottern führt. Oder die Zunge bewegt sich gar nicht, man muss auf die Passage teils oder ganz verzichten, denn das Orchester wartet ja nicht, kann gar nicht warten, es spielt immer weiter. Die Augen verfolgen die nicht gespielten Noten auf dem Papier, die Ohren nehmen die Leerstelle des eigenen, fehlenden Klanges inmitten des weiterspielenden Orchesters wahr. Die Welt schrumpft in den eigenen Gedanken zusammen auf die Spitze der widerspenstigen Zunge, auf den zunehmenden Druck in den Lungen, im Hals. Auf das Blut, das ins Gesicht schießt. Auf das aufkommende Gefühl des Versagens.

Man möchte in das immer Weitergespielte einsteigen, sich seinem Takt einfügen: Manchmal muss man aber das Instrument ganz von den Lippen nehmen. Ausatmen. Es noch einmal versuchen.

Neu ansetzen.

Ich setze also neu an.

»Die Musik, die Musik hilft«, sagt A. aus dem Kibbuz Kfar-Aza, »das Singen.« Wir sitzen zu dritt im Foyer eines Tel Aviver Hotels, A., ihr Mann und ich. Gleich wird sie einer Gruppe aus Deutschland ihre Geschichte vom 7. Oktober erzählen, wir haben aber noch ein wenig Zeit. Jetzt sitzt A. erst einmal vor mir, ein Glas kaltes Wasser in der Hand, und wiederholt ein paarmal, dass Musik hilft. Man habe sie gefragt, erzählt sie (ihre Augen, das leise Lächeln, versuchen sich aus dem Gesicht einen Weg zu bahnen, drücken sich wie durch verkrustete Erde, die dann – an den Augen- und Mundwinkeln – Risse zeigt, lange, tiefe Falten), wie sie auf der Beerdigung ihres Sohnes, der Beerdigung ihrer Schwiegermutter, der Beerdigung ihres Schwagers, der Beerdigung …

»Auf den Beerdigungen, sag einfach auf den Beerdigungen«, unterbricht sie ihr Mann sanft, legt eine Hand auf den Rücken seiner anderen Hand, reibt sie aneinander, ihre Sachlichkeit ist das Aufzählen, seine Sachlichkeit ist das Verknappen, man spürt ihre Verbindung, ihre Liebe.

»Ja«, reißt die verkrustete Erde um ihren Mund, »auf den Beerdigungen.«

Das Reden falle ihr schwer, aber das Singen, das komme ihr leichter über die Lippen, sagt A., und so zogen sie von einer Beerdigung zur nächsten, ihre Tochter spielte Gitarre, sie sang. Ich traue mich nicht zu fragen, was sie gesungen hat, erzähle stattdessen, dass ich lange Zeit selber Musik gemacht habe. Welches Instrument ich gespielt habe, möchte sie wissen, und ich sage: Horn.

»Netta, unser Sohn, hat Geige gespielt, er hat Peter und der Wolf geliebt, es immer wieder hören wollen als Kind«, aufgerissene verkrustete Erde, Handrücken reiben aneinander, »er wollte Peter sein, deshalb hat er sich die Geige ausgesucht.« Ich suche nach Wörtern in meinem Kopf, was sagen jetzt, »es ist interessant«, sage ich dann (blödes Wort), »wer sich welches Instrument, also welche Figur aus dem Märchen aussucht, Peter, den Wolf, die Jäger, den Großvater, die Ente, die Katze, den Vogel. Was diese Figuren über uns sagen.«

»Du bist also der Wolf?« A.s Mann wiederholt das Wort, Wolf, ich möchte meinen Standardsatz sagen, dass ich als Wolf, der ja von drei Hörnern gespielt wird, schon vielen Kindern Angst eingejagt habe, bleibe zum Glück stumm, wage ein Lächeln.

»Netta war definitiv Peter«, sagt A., »der Held der Geschichte, auch er hielt sich nicht immer an die Regeln.« Ich summe aus Verlegenheit Peters Melodie, tam-tam-ta-ta-tim-tam. Auf Hebräisch gibt es für die Begriffe »Protagonist«, »Hauptfigur« und »Held« ein einziges Wort, Gibor. A. verwendet dieses Wort, Gibor, für ihren Sohn nur, wenn sie von ihm als Peter aus dem Märchen spricht. Nicht wenn sie von dem Moment erzählt, als er sich auf eine Handgranate geworfen hat, um seine Verlobte zu retten, wie A. der Gruppe aus Deutschland gleich erzählen wird, mit der gleichen sanften, sachlichen Stimme. Die Risse der verkrusteten Erde schließen sich, hinterlassen feine Zeichnungen wie Spinnweben um den Mund, um die Augen, darin eingefangen die Klänge, tam-tam-ta-ta-tim-tam.

Zum ersten Mal hatte ich einen sogenannten Ansatzstopper beim Sprechen während einer Solidaritätsveranstaltung in Berlin. Ich war aus Israel zugeschaltet, sollte etwas sagen, etwas vorlesen, darunter auch ein Gedicht von Jehuda Amichai, El male Rachamim, »Gott voller Erbarmen«:[1]

El male Rachamim,

ilmale HaEl male Rachamim

haju HaRachamim BaOlam WeLo rak bo.

Gott voller Erbarmen,

wär nicht Gott voller Erbarmen,

so gäbe es Erbarmen in der Welt, nicht nur in ihm.

Ich holte Luft, formte den ersten Laut mit dem Mund – »E« – und stockte. Die Wörter blieben mir im Hals stecken. Ich versuchte mich zu räuspern, um die Luft wieder zum Strömen zu bringen, aber es half nicht. Vor mir auf dem Bildschirm flimmerte das Berliner Publikum, der Moderator, ich konnte nicht erkennen, ob sie etwas merkten, vielleicht schon irritiert waren. Ich spürte, wie ich ihrem Takt allmählich entglitt, wollte mich dagegen auflehnen, mich wieder einfügen, begann also, mit meinem Fuß zu klopfen, eine alte Musikerübung.

1, 2, 3, 4.

1, 2, 3 (ausatmen), 4 (einatmen), »E«.

»E«.

»E«.

El male Rachamim. Gott voller Erbarmen.

1. 2. 3 (ausatmen). 4 (einatmen).

Ich setze neu an.

S. schickt mir das Theaterstück per E-Mail, ich sehe, in meinem Part gibt es einige Stellen auf Russisch und Ukrainisch, Sprachen, die ich nicht beherrsche. Sie sind aber phonetisch geschrieben, ich kann sie also aussprechen, nur verstehe ich nichts. S. fängt an zu lesen, ich sehe, wie meine erste Zeile immer näher rückt, erst mal ein paar Sätze auf Deutsch. Bei S.’ letzten Worten klopfe ich mit dem Fuß.

1, 2, 3, 4.

1, 2, 3 (ausatmen), 4 (einatmen).

Es gelingt mir, zwar mit einem kleinen Stottern, ich weiß nicht, ob S. es bemerkt, aber es gelingt, ich bin erleichtert. S. liest weiter, ich sehe, meine nächste Zeile kommt, sie ist auf Russisch (oder Ukrainisch, ich kann die Sprachen nicht unterscheiden). Ich versuche, die Wörter im Mund zu formen, vergesse zu zählen, im Takt aus- und einzuatmen, erstaunlicherweise kommen mir die fremden, für mich sinnleeren Worte leicht über die Lippen, widerstandslos. Ich lese weiter, heiter, erleichtert, verstehe nichts, das macht mir nichts aus.

Ich setze neu an.

»Eine gute Freundin von Y., ich kenne sie, seit sie ein kleines Mädchen war«, sagt mein Bruder, die marode Gartenschaukel ächzt, während er die Zigarette vom Boden aufhebt. »Sie kroch erst nach sieben Stunden aus dem Leichenhaufen, wo sie sich versteckt hat, während um sie gemordet und vergewaltigt wurde. Seitdem hört sie Stimmen.« Mein Bruder versucht an der Zigarette zu ziehen, merkt, sie ist erloschen. »Mit einem anderen Freund saß Y. einen Abend zuvor in einer Jerusalemer Kneipe«, er gibt sich Feuer, sein ganzes Gesicht wölbt sich um die Zigarette, er zieht kräftig, nimmt sie wieder zwischen seine Finger, entfernt ein Stück Zigarettenpapier von seinen Lippen,...


Waldman, Ofer
Ofer Waldman wurde 1979 in Jerusalem geboren. Als einer der ersten Musiker im West-Eastern Divan Orchestra zog er 1999 nach Berlin. Er spielte u.?a. im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, bei den Nürnberger Philharmonikern, an der Neuen Israelischen Oper und beim Israel Philharmonic Orchestra. Später wurde Ofer Waldman an der Hebräischen Universität Jerusalem (Geschichtswissenschaft) sowie an der Freien Universität Berlin (Germanistik) promoviert. Zivilgesellschaftlich aktiv leitet er das Büro der Heinrich Böll Stiftung in Tel Aviv. Von ihm erschienen sind »Singularkollektiv. Erzählungen« (Wallstein Verlag, 2023) und Gleichzeit. Briefe zwischen Israel & Europa (Suhrkamp Verlag, 2024, zusammen mit Sasha Marianna Salzmann). Er ist Autor mehrerer Radiobeiträge und -Hörspiele. 2021 wurde er mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet.



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