E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Walter Blutsbande
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-4013-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Fluch der Ahnen
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-7494-4013-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein unerwartetes Testament sorgt an Amelies 30. Geburtstag für Aufregung. Sie erbt das Weingut ihres Vaters, den sie nie kennengelernt hat. Durch einen Brief von ihm, erfährt sie von einem dunklen Familiengeheimnis und von Seelen, die keine Ruhe finden. Da es laut seiner Aussage allein ihr möglich ist, den Bann zu brechen, bittet er sie, diese Aufgabe zu übernehmen, um dem Haus dadurch seinen Frieden zurückzugeben. Doch um mehr über ihre Vorfahren und die zu lösende Aufgabe zu erfahren, muss sie zuvor das von ihm bezeichnete - Herz des Hauses - finden. Als sie das Gut besucht, ohne ihre wahre Identität preiszugeben, wird ihr bis dahin ruhig dahinplätscherndes Leben komplett auf den Kopf gestellt. Wird ihr der mysteriöse Fremde, der ihr eigenes Herz vom ersten Augenblick an gefangen nimmt, beistehen?
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Kapitel 1
Nur einen Spalt weit ließ sich Amelies Wohnungstür öffnen. Einer der Briefe, die regelmäßig vom Postboten durch den Briefschlitz geworfen werden, musste sich unter die Tür geschoben haben. Erst nachdem Amelie es geschafft hatte, den Übeltäter mit einem Griff durch den Türspalt hervorzuziehen, konnte sie ihre Wohnung betreten.
Sie raffte die gesamte Post zusammen und warf sie auf das Telefontischchen. Aufatmend entledigte sie sich der neuen Sandaletten. Die aufgescheuerte Blase an der Ferse ihres rechten Fußes zuckte schmerzhaft. Sie humpelte ins Bad, um Wundcreme und Pflaster aus dem verspiegelten Hängeschränkchen zu holen. Mit einem durch die Zähne gezogenen, zischenden Laut versorgte sie die mittlerweile blutende Stelle.
„Und nun ein starker Kaffee“, flüsterte sie und begab sich in ihre kleine Küche, die lediglich durch eine Theke vom Wohnraum abgetrennt wurde.
Ein Blick in den Wasserbehälter, Pad einlegen, auf den schwarzen Knopf drücken und schon surrte die Maschine los.
Amelie stellte eine Tasse auf das Abtropfgitter und wartete gedankenverloren, bis der Kaffee hineingeflossen war. Mit der Tasse in der Hand begab sie sich zurück in die Diele, nahm ihre Post vom Tischchen und schlenderte, einen ersten Blick darauf werfend, ins Wohnzimmer. Sie stellte die Tasse auf dem Beistelltisch ab, ließ sich seufzend aufs Sofa sinken und schaute die Post weiter durch. Ohne einen genaueren Blick darauf zu werfen, sortierte sie die Werbung aus und stopfte sie in den bereits zum Überlaufen vollen Papierkorb.
Die Einladung des Weinhändlers, bei dem Gregor noch immer seinen Lieblingswein bestellte, legte sie zunächst auf den Tisch, obwohl sie sich fragte, wie der zu ihrer Adresse gekommen war.
„Pfff…“, blies sie besorgt die Luft aus, legte den restlichen Stapel beiseite und riss den Umschlag auf. Da ihr die Summe überraschend niedrig erschien, atmete sie erleichtert auf und legte die Rechnung zur Einladung des Weinhändlers. Nach dem kalten, viel zu langen Winter hatte sie mehr erwartet. Sie nahm den restlichen Stapel wieder auf und blätterte ihn durch. „Ha!“ Amelie zog den Brief noch einmal hervor und besah sich den respekteinflößenden Umschlag genauer.
Berends und Partner – Heidelbergs renommierteste Anwaltskanzlei. Für deren Dienste, das war allgemein bekannt, ließen sie sich von den Reichen und Schönen teuer bezahlen.
Von Zweifeln und Neugier getrieben riss sie den ominösen Umschlag hektisch auf.
Mit freundlichen Worten, die allerdings wenig, im Grunde gar nichts erklärten, wurde sie gebeten, am folgenden Tag gegen neun Uhr in deren Kanzlei zu erscheinen.
Nachdenklich faltete sie den Brief, steckte ihn in den Umschlag zurück, zog ihn jedoch gleich darauf erneut heraus und las ihn noch einmal durch, in der Hoffnung etwas übersehen zu haben. Um nicht weiter darüber nachgrübeln zu müssen, und weil sie sonst womöglich vor Neugier platzen würde, griff sie zum Telefon und wählte die Nummer der Kanzlei.
Eine sympathisch klingende, samtweiche Stimme meldete sich freundlich und lauschte geduldig den Fragen, die Amelie vorbrachte. Unerwarteterweise bestätigte die Dame die Richtigkeit der Einladung und fügte sogar euphorisch hinzu, dass die Herren sich auf ihr Erscheinen freuten.
„Ah, ja“, hauchte Amelie vor sich hin, und beendete das Gespräch, bevor sie die Aussage der Sekretärin nachäffte. „Die Herren freuen sich auf Ihr Erscheinen.“ Während sie das Telefon beiseitelegte, fiel ihr Blick auf ein am Boden liegendes, graues Kärtchen, das vermutlich aus dem Wust an Briefen gefallen war. Sie bückte sich danach und stellte überrascht fest, dass es sich um Gregor Thorwalds Visitenkarte handelte, deren Rückseite seine Handschrift zierte. Ihr Herz schlug einige Takte schneller, während sie die kurze, vermutlich in aller Eile auf die Rückseite gekritzelte Nachricht las. Aufgeregt griff sie erneut nach dem Telefon, wählte Gregors Handynummer und verabredete sich mit ihm für den Abend. Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, lächelte sie entrückt vor sich hin. Unwillkürlich erinnerte sie sich an die wohl schönste, aufregendste, gleichzeitig jedoch schmerzlichste Zeit ihres bisherigen Lebens …
Amelie setzte sich auf und reckte die Arme gähnend nach oben. Allein die Wochenenden vermochten Amelie zurzeit ein wenig darüber hinwegtrösten, dass es noch fünf Wochen dauerte, bis sie mit ihrer Mutter an die Nordsee fahren würde. Die Tage bis dahin würden schleichend verstreichen. Tagsüber musste sie vor dem Computer im Reisebüro sitzen, Kundengespräche führen oder Reisen für diese Leute buchen und davon träumen, eines Tages eine dieser Reisen selbst zu unternehmen. Ihre Blicke würden sich sehnsüchtig den Sommerfrischlern zuwenden, die seit Wochen am Schaufenster des Reisebüros vorbeischlenderten oder an denen hängenbleiben, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor Brigittas kleinem Glas- und Geschenkladen in den Wühlkörben stöberten. Wenigstens würde sie sich nach Feierabend mit Freunden am Baggersee treffen. Das konnte natürlich nicht mit der großen weiten Welt konkurrieren, doch ein wenig Spaß konnte ihr das allemal bereiten.
Sie genoss ein ausgiebiges Frühstück, bevor sie in Shorts und T-Shirt schlüpfte. Danach schnappte sie sich den Einkaufszettel, den sie wie üblich etwas unter eine Vase geschoben auf dem Küchentisch vorfand, ergriff die Kühltasche, die ihre Mutter bereitgestellt hatte, und machte sich auf den Weg zum Einkaufscenter. In etwa einer Stunde musste sie ihre Einkäufe erledigt haben. Jens, ihr derzeitiger Freund, hatte versprochen, sie anschließend nach Hause zu bringen und er wartete nur sehr ungern.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Amelie ihren vollbepackten Einkaufswagen aus dem Supermarkt hinausschob. Während sie ihren Blick auf dem leicht überschaubaren Parkplatz suchend umherschweifen ließ, hoffte sie, Jens würde nicht sauer sein, weil es infolge der Warteschlange an der Kasse inzwischen zehn Minuten über der vereinbarten Zeit war. Doch wohin sie auch blickte, Jens klapprigen Golf konnte sie nirgends entdecken.
Selbst nach weiteren fünf Minuten, in denen sie die leicht verderblichen Lebensmittel aus der Kühltheke bereits in die Kühltasche gepackt hatte, tauchte er nicht auf. Glücklicherweise gab es Handys. Doch es war weder eine SMS angekommen, noch las sie von einem Anruf in Abwesenheit. Als sie versuchte ihn zu erreichen, erklärte ihr die dämliche Tussi am anderen Ende der Leitung: „The person you are calling is temporary not available.“
Ihre Mutter war nicht zu erreichen, sie nahm übers Wochenende an einem Seminar in Magdeburg teil. Nach zwei missglückten Versuchen, eine Freundin und einen Bekannten zu erreichen, gab sie ihre Bemühungen auf und wartete weitere zehn Minuten. Wie eine hirnlose, in Vergessenheit geratene Idiotin kam sie sich vor mit ihrem voll beladenen Einkaufswagen.
Nach einigen weiteren Minuten endlos scheinenden Wartens auf einen Freund, der es vorzog, nicht zu erscheinen, schob sie den Einkaufswagen noch einmal vor eine der Kassen und bat um zwei Stoffbeutel.
Die wohlproportionierte ältere Kassiererin mit dem kupferrot gefärbten Haar und den kirschrot lackierten, viel zu langen Fingernägeln, von denen der Lack bereits abblätterte, reichte ihr die Beutel mit einem schnöden Grinsen aus dem von Creme glänzenden Gesicht. „Ein Euro. Streikt Ihr Wagen oder hat man Sie versetzt?“, bemerkte sie spitz. „Schätzchen, selbst wenn Sie das Zeug alles unterbringen, werden Sie es wohl kaum nach Hause tragen können.“
Eine Anzüglichkeit, die sich die Tussi, Amelies Ansicht nach, sonst wohin stecken sollte. Sie wusste selbst am besten, dass das schwierig werden könnte. Herablassend und mit arrogantem Lächeln, um die Form zu wahren, entriss sie ihr die Beutel. „Wozu gibt es Taxis?“, antwortete sie überfreundlich mit einem...




