E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Walter Der Glücksfall
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-2346-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7481-2346-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebe - und manchmal geht sie seltsame Wege Gerade mal zwei Tage arbeitet Jessica, als Assistentin der Geschäftsleitung, in einem Frankfurter Sterne Hotel. Da geschieht das Unglück! Achtlos stolpert sie über einen Koffer, stürzt die Hoteltreppe hinunter und fällt ins Koma. Als sie zu sich kommt, liegt sie neben einem Grabstein auf dem alten Friedhof von Sweetheart Abby, in Schottland. Ohne jegliche Erinnerung, verwirrt und mutlos, ergreift sie die Hand des Fremden, der ihr seine Hilfe anbietet. Er steht ihr auch weiterhin bei und bringt sie zu einem ortsansässigen Arzt, der in ihr seine Patientin Claudia Rainolds erkennt.
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Kapitel 1
Wieder einmal zu spät dran. Dabei wollte Jessica, gerade an diesem Morgen, alles richtigmachen. Den Wecker hatte sie so eingestellt, dass er sie zu einer unmenschlichen Zeit aus ihren Träumen reißen konnte – was er dann auch tat. Da sich ihre ersten Gedanken augenblicklich an die letzten des Vorabends hängten, schlug sie die leichte Steppdecke zurück und erhob sich. Schließlich wollte sie genügend Zeit haben, ein dezentes Make-up aufzulegen und die richtige Kleidung auszuwählen.
Manch einer könnte denken, das Make-up okay, na klar, logisch, aber die Klamotten hätte sie doch, um Stress am Morgen zu vermeiden, schon am Abend zuvor herauslegen können. Natürlich hatte sie das bereits des Öfteren versucht. Doch dann passte das Shirt, der Pulli, die Bluse oder was sie sonst so zurechtgelegt hatte, weder zu ihrer Stimmung, noch zum Wetter und sie war gezwungen erneut zu wählen. Wie auch immer, diesen Tag wollte sie perfekt beginnen. Sogar frühstücken wollte sie, um eine ordentliche Grundlage im Magen zu haben.
So stellte sie sich also unter die Dusche, föhnte danach die langen schwarzen Haare und steckte sie zu einer eleganten Businessfrisur hoch.
Doch dann ging alles schief, was nur schiefgehen konnte.
Die am Vorabend nicht richtig verschlossene Nagellackflasche, sie hatte es nach dem Auftragen der Farbe einfach vergessen, kippte ins Waschbecken. Ihre goldene Puderdose rutsche ihr beim Öffnen aus der Hand, was überpuderte Bodenfliesen zur Folge hatte und an der letzten Strumpfhose, lief eine Laufmasche hoch, während sie diese über ihre Beine streifte. Sie entfernte den Nagellack, kümmerte sich nicht um den Puder und entschied sich für einen ihrer schwarzen Hosenanzüge, ein weißes T-Shirt und den bunten Schal, den sie während des letzten Afrikaurlaubs erstanden hatte. Ihr Magen rebellierte. Sie verzichtete aufs Frühstück. Hastig trank sie lediglich einen Schluck des heißen Kaffees, an dem sie sich dann auch noch die Zunge verbrannte.
Im Grunde hatte Jessica Rehberger es, finanziell gesehen, nicht nötig zu arbeiten. Ihr Vater verdiente genug, um ihr ein Leben in Luxus zu ermöglichen. Doch schon als Teenager erzählte sie jedem, der es hören wollte oder auch nicht, sie würde ihre eigene Million verdienen.
Die besten Voraussetzungen dafür hatte sie, während sechs Semestern Tourismus und Eventmanagement Studium, an der Best-Sabel-Hochschule in Berlin erworben. Nach Abschluss des Bachelor-Studiums machte sie den Master an der Waikato University, im neuseeländischen Hamilton. Und nun freute sie sich auf die kommenden zwei Jahre. Während dieser Zeit wollte sie Erfahrungen in der Geschäftsleitung des schönsten Sternehotels in Frankfurt sammeln. Und dann würde sie, irgendwo auf dieser wundervollen Welt, ihr eigenes Hotel eröffnen. Wo, wusste sie noch nicht so genau. Sie liebte die Sonne, das Meer und fröhliche Menschen. Da sollte sich wohl etwas Passendes finden lassen.
Die Möglichkeit, eine angemessene Wohnung von Neuseeland aus zu finden, bot sich nur in begrenztem Rahmen an. Daher nahm sie das Angebot ihres Vaters, in der Penthousewohnung seines vor kurzem erworbenen Apartmenthauses, zu wohnen, nur allzu gerne an. Zugegeben, den Faktor Bequemlichkeit durfte man nicht außer Acht lassen. Doch nun lag es an ihr, ihm zu beweisen, dass sie sich die Miete auch ohne seinen monatlichen Zuschuss leisten kann. Auf eigenen Beinen zu stehen, dieses Ziel strebte sie an.
Ja, ihres Vaters Geld und seine Beziehungen hatten ihr so manche Tür geöffnet, durch die sie um vieles leichter ins Leben starten konnte, als manch einer ihrer Kommilitonen. Und sie wollte auch keineswegs undankbar erscheinen. Dennoch hatte sie sich fest vorgenommen, ab sofort ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen, um all den Skeptikern, Neidern und Zynikern zu beweisen, dass sie jeden Cent, den Papi in sie investiert hatte, auch wert war. Vor allem ihrem Vater würde sie beweisen, dass sie es von nun an auch ohne seine Hilfe schaffen konnte. Sollte er sich doch seine Millionen sonst wohin stecken.
Jessica legte ihren Kopf selbstbewusst in den schlanken Nacken und lächelte. Sie griff nach der schwarzen Umhängetasche, legte ihren rechten Daumen auf den Scanner an der Wand, wodurch sich wenig später die verchromte Schiebetür des Fahrstuhls leise öffnete. Es gab einen Fahrstuhl, der allen Mietern des Hauses zugänglich war. Der zweite, verborgen hinter einer verchromten Tür, konnte jedoch ausschließlich vom Mieter der Penthouse Wohnung genutzt werden. Diese besondere Sicherheitszugabe des Vermieters, ließ sich allein durch die Daumenabdrücke der zugangsberechtigten Personen öffnen. In ihrem Fall, ihr eigener und für den Notfall, der ihres Vaters. Über die Gegensprechanlage angemeldete Gäste benutzten den öffentlichen Fahrstuhl. Sie fuhren bis zur vorletzten Etage hoch und gelangten, nachdem sie den Fahrstuhl verlassen hatten, durch eine Stahltür, die ausschließlich vom Penthouse aus geöffnet werden konnte, zu einem Treppenhaus mit Wendeltreppe. Der Sicherheitsausgang für die Penthouse Bewohner, im Falle eines Brandes.
Bereits am Tag zuvor hatte sie sich über öffentliche Verkehrsmittel und Verbindungen erkundigt und bestieg nun den überfüllten Bus, der sie in die Nähe ihrer zukünftigen Arbeitsstätte bringen würde. Die Fahrt stellte sich als äußerst unbequem heraus. Alle Plätze waren bereits besetzt und so musste sie sich, wie manch anderer, an einer Stange festhalten. Die unterschiedlichsten Gerüche, von aufdringlichen Parfüms, Aftershaves, Putzmitteln bis hin zu Essensgerüchen und Schweiß, zogen an ihrer Nase vorbei. Während einige Fahrgäste ihre Zeitung lasen oder über Kopfhörer Musik hörten, unterhielten sich einige Jugendliche lautstark, kreischten, lachten oder zankten sich. Kein wünschenswerter Start in den Morgen. Das brachte Jessica dazu, über das großzügige Geschenk ihres Vaters nachzudenken, welches sie am Tag zuvor, nach der Landung auf dem Frankfurter Flughafen, wohl doch etwas voreilig abgelehnt hatte. Möglicherweise wäre es doch sinnvoll, zumindest entschieden angenehmer, in dem strahlend roten XKR Jaguar Cabrio zu fahren, statt in diesem unbequemen Bus. Doch sie hatte es nun mal endgültig satt, Geschenke statt Zuwendung von ihm zu erhalten, obgleich das wohl seiner Art entsprach, ihr zu zeigen, dass er sie durchaus wahrnahm.
Unmerklich lächelnd schüttelte sie den Kopf, während sie sich an das irritiert wirkende Gesicht des Autoverkäufers aus dem Mainzer Jaguar-Haus erinnerte. Er hatte sie am Flughafen erwartet, um ihr die Schlüssel des Wagens zu überreichen, der nur einige Meter entfernt stand.
„Wow, Amigo!“, hatte sie perplex ausgerufen und leise hinzugefügt: „Da hat sich Papi seine Freiheit ja ´ne Stange kosten lassen.“ Doch sogleich, noch während sie den Wagen wohlwollend betrachtete, stand für sie fest, dass sie dieses Geschenk ablehnen würde. Darum schüttelte sie verneinend den Kopf, als ihr der Mitarbeiter des Autohauses den Schlüssel reichte. „Ein schöner Wagen, doch ich kann ihn mir nicht leisten.“
„Aber“, erklärte der Verkäufer fassungslos, „der Wagen ist bezahlt. Selbst Steuer und Versicherung für ein Jahr, alles bereits erledigt von Ihrem Vater.“
„Dann soll auch mein Vater ihn fahren. Richten Sie ihm aus, dass ich mir ein Auto kaufen werde, sowie ich finanziell dazu in der Lage bin.“
*
Das erste Lebensjahr hatte Jessica unter der Obhut ihrer Eltern verbracht. Doch dann musste etwas geschehen sein, das ihre Mutter dazu veranlasste, Ehemann und Kind zu verlassen. Während der folgenden beiden Jahre kümmerte sich der Vater um sie – mit Hilfe der Haushälterin natürlich.
Daran konnte sie sich jedoch nur sporadisch erinnern. An die Honigzimtmilch, zum Beispiel, die ihr Frau Höpfner stets ans Bett brachte, wenn sie wieder mal nicht schlafen konnte.
Die folgenden drei Jahre lebte sie bei ihren Großeltern väterlicherseits, in einem großen Haus mit Butler, Dienstmädchen und Köchin. Doch eine Honigzimtmilch gab es nicht. Sie hatte stets leise zu sein. Nach dem Mittagessen wurde sie in ihr Zimmer gebracht und ins Bett gesteckt. Da sie jedoch nicht müde war, setzte sie sich jedes Mal auf eine der breiten Fensterbänke und blickte sehnsuchtsvoll hinaus. Da das Haus inmitten eines riesigen, von Gärtnerhand gepflegten Gartens stand, gab es vieles zu beobachten. Immer wieder konnte sie auch dem Gärtner bei der Arbeit zusehen und ihr kleines trauriges Herz tat Freudensprünge, wenn er ihr zuwinkte. Eines Tages arbeitete er direkt unter ihrem Fenster. Als er sie entdeckte, winkte er ihr zunächst wie immer freundlich zu, dann plötzlich gab er ihr ein unverkennbares Zeichen, zu ihm hinunterzukommen. Sie fasste all ihren Mut zusammen und schlich aus dem Haus. Hinter Sträuchern und Bäumen konnte sie sich gut verstecken. Trotzdem wurde sie von einem Hausmädchen entdeckt und vor ihre Großmutter geschleift. Von da an weigerte sie sich...




