E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Walter Morgen hast du mich vergessen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-0303-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-7568-0303-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Morgen hast du mich vergessen Als Milan an Alzheimer erkrankt, steht Sophie ihm zur Seite. Doch dann gerät er zunehmend in Situationen, die er als belastend für Sophie empfindet und entscheidet sich, während eines klaren Moments, ins Pflegeheim zu gehen. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt tritt Jonathan, der weltberühmte Pianist und Sophies Jugendliebe, wieder in ihr Leben und stürzt sie in ein Gefühlschaos. Da erleidet Milan einen Unfall und eine darauf folgende Untersuchung bringt überraschende Erkenntnisse. Sophie wird vor eine schwere Entscheidung gestellt.
Im Jahre 1954 wurde sie in Schwäbisch Hall geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Schwäbisch Gmünd. 1973 heiratete sie. 1980 zog die Familie nach Nördlingen ins Ries. Erst Jahre später gelangte Gabriele Walter nach einigen Umwegen in eine Situation, die sie erkennen ließ, dass allein das Schreiben genau das war, was sie schon immer tun wollte. Und so wurde es zu einem wesentlichen Teil ihres Lebens. Während ihrer jahrelangen beruflichen Tätigkeit als Einzelhandelskauffrau, Ausbilderin und Seminarleiterin durfte sie Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten kennenlernen und zwischenmenschliche Erfahrungen sammeln, die sich in ihren Erzählungen widerspiegeln. Ihre Romane handeln von der Liebe, die stets geheimnisvoll und zuweilen sogar gefährlich sein kann, von Schicksalen, wie sie einem täglich begegnen, und mystischen Ereignissen, die der Verstand mitunter nur schwer erklären kann. Es geht jedoch immer um Frauenschicksale und um starke, schwache, träumende, liebende und mit dem Schicksal hadernde Frauen.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Sophie steckte die letzte Kerze auf Milans Geburtstagstorte und trug sie auf den festlich gedeckten Frühstückstisch. Sie hoffte, er würde Gefallen daran finden, zumal es sich um seine Lieblingstorte handelte – Nusstorte. Letztes Jahr hatte er sich dadurch an Geschehnisse erinnert, die sie selbst längst vergessen hatte. Solche Tage waren selten geworden, seit vor etwa vier Jahren der schleichende Prozess des Vergessens begonnen hatte. Sie erinnerte sich an die Tage, als sie manchmal über seine Vergesslichkeit sogar gelacht hatten. Unwillkürlich legte sich bei diesem Gedanken ein Lächeln auf ihre Lippen. Dann hatte er begonnen, sich Notizen zu machen. Zunächst lagen Zettelchen auf seinem Schreibtisch und klebten an seinem PC. Dann lagen welche auf seinem Nachtkästchen. Als Sophie einmal einen fragenden Blick darauf warf, meinte er nur, dass er das am anderen Tag nicht vergessen dürfe. „Ich bin jetzt in einem Alter, da vergisst man schon mal was“, tat er seine Vergesslichkeit lapidar ab. Schon, dass er sein Alter erwähnte, empfand Sophie als äußerst irritierend, da er von Jugend an sehr auf sein Äußeres geachtet hatte. Und trotz der grau melierten Haare sah Milan immer noch fantastisch aus. Sophie war vom ersten Augenblick ihres Kennenlernens fasziniert von seiner Erscheinung. Noch bevor sie damals seine Gestalt in Augenschein genommen hatte, war ihre Aufmerksamkeit von seinen mit schwarzen Wimpern umrahmten, bernsteinfarbenen, geradezu mystisch anmutenden, mitunter gar eine gewisse Kälte ausstrahlenden Augen angezogen worden. Vor allem da diese Kälte von den winzigen Lachfältchen an den Augenaußenwinkeln als Lüge enttarnt wurde und seinem männlich markanten Gesicht sympathische Züge verlieh. Seinen sportlichen Körper verdankte er dem täglichen Joggen und den wöchentlichen Besuchen in den Fitnessstudios, die er stets als erstes auskundschaftete, egal wo er sich gerade befand auf dieser Welt. Er hatte im Keller einen Freizeitraum mit etlichen Sportgeräten eingerichtet, noch bevor er vor etwa zwei Jahren mit dem Laufen aufhörte. Bis vor wenigen Monaten hatte er die Geräte regelmäßig, wenn auch zunehmend kürzer benutzt. Inzwischen hatte er ganz damit aufgehört. Außerdem hatte er sich, was seine Gesundheit anging, schon immer ausgewogen und abwechslungsreich ernährt. Wenig Alkohol, am Abend mal ein Glas Wein, kaum Süßigkeiten, wenn überhaupt, dann Obst und ab und an ein Stück Kuchen. Kuchen liebte er. Wie auch immer, Tage nach diesem Gespräch öffnete sie morgens die Kühlschranktür und nahm verwundert Milans Lesebrille, die er bereits nach dem letzten Abendessen gesucht hatte, von der Wurstdose. Das bestätigte Sophies Vermutung, dass mit Milan etwas nicht stimmte. Nachdem sie ihn darauf angesprochen hatte, war er wütend geworden, hatte sie angeschnauzt, seine Brille aus ihrer Hand gerissen und war aus dem Haus gelaufen. Als er jedoch eines Abends völlig außer sich und erschöpft von seinem Büro bei der Mainpost nach Hause gekommen war und erklärt hatte, er sei gelaufen, weil er vergessen habe, wo er seinen Wagen abgestellt hatte, willigte er ein einen Arzt aufzusuchen. Nach einigen Tests folgte die Diagnose: Alzheimer. Er erhielt Medikamente, die das Fortschreiten der Krankheit entschleunigen sollten. Aufhalten ließ sich die Krankheit dadurch jedoch nicht. Seit Wochen beunruhigte sie diese innere Unruhe an ihm, die vor einigen Wochen aufgetreten war. Oftmals ließ ihn diese rastlos durch die Räume ihres Hauses irren – mit zunehmender Kleinschrittigkeit, als würden seine Füße am Boden kleben. Auch nachts wanderte er häufiger, von Schlaflosigkeit geplagt, durch die Räume. Nicht immer bemerkte sie es und so hatte sie ihn schon ab und zu am Morgen schlafend auf seinem Lieblingssessel vorgefunden. Natürlich war es dadurch nicht ausgeblieben, dass sie sich große Sorgen um sein Wohlergehen gemacht hatte. Zunächst war er selbst verwundert und meinte nur, es ginge ihm so viel durch den Kopf. „Ich musste nachdenken“, erklärte er dann. Vor Monaten hatte er damit begonnen, Kurzgeschichten niederzuschreiben über Ereignisse, die er während seiner Zeit als Korrespondent in London, Prag, Kapstadt und zuletzt in Washington erlebt hatte. Und er führte Tagebuch. Er schrieb alles auf, was ihm tagsüber einfiel, und alles, was er vergessen und an das er sich später wieder erinnert hatte. An manchen Tagen vergaß er es, dann erinnerte ihn Sophie daran. Daraufhin erinnerte er sie stets daran, dass sie ihm versprochen hatte, dieses Tagebuch eines Tages weiterzuschreiben. „Wenn ich mich längst verloren habe. Wenn ich …, wenn all das, was mich ausmacht, nicht mehr existiert“, pflegte er dann oft zu sagen. Meistens verlor sich dann sein Blick in der Ferne. Obwohl er nie davon sprach, dass ihn dieser Gedanke ängstigte, wusste Sophie um seine Gefühle. Gerade hatte Sophie die Torte mitten auf dem Tisch abgestellt, als Milan fertig angezogen mit seiner Laptoptasche unter dem Arm das Esszimmer betrat. „Was hast du vor?“, fragte Sophie verblüfft. „Was habe ich wohl vor? Ich fahre nach Bonn. Michail Gorbatschow landet heute in Deutschland und ich führe das Interview. Du weißt doch, wie sehr ich den Mann verehre“, erklärte er aufgeregt. „Oh!“ Das war Juni 1989, dachte Sophie. Sie musste nicht lange überlegen, wie sie ihn dazu bringen konnte, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Inzwischen war sie geübt darin, ihn auf andere Gedanken zu bringen. „Schatz, bevor du fährst, musst du mir aber noch den großen Karton vom Schlafzimmerschrank herunterheben.“ „Wenn es denn unbedingt sein muss“, erklärte er großmütig. Sofort legte er seine Tasche auf das Sideboard, eilte vor Sophie ins Schlafzimmer und öffnete den Schrank. „Was wolltest du noch?“ „Ach, weißt du was, das hat sich erledigt. Jetzt frühstücken wir erst mal gemeinsam, wie jedes Jahr an deinem Geburtstag“, erklärte Sophie, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sanft auf den Mund. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagte sie lächelnd, bevor sie seine Hand ergriff und ihn ins Esszimmer zog. „Schau, ich habe eine Geburtstagstorte für dich gebacken.“ „Müssten da nicht mehr Kerzen drauf sein?“, fragte er humorvoll, als er sich der Torte zuwandte. Sophie lächelte. „Stimmt, aber fünfundfünfzig Kerzen bringt man auf einer so kleinen Torte nicht ganz einfach unter.“ „Musst du nächstes Mal eben eine größere kochen.“ „Backen“, verbesserte ihn Sophie unwillkürlich. „Hab ich doch gesagt“, fuhr er sie an. Doch sogleich lächelte er wieder und fragte: „Soll ich sie ausblasen?“ „Na klar und du darfst dir auch etwas wünschen.“ „Was soll ich mir wünschen?“ Plötzlich schaute er sie durchdringend, so offenbar mit klarem Verstand an, ehe er sagte: „Wirst du mich verlassen? Ich bin dir doch nur noch eine Last.“ Bevor Sophie ihn hinsichtlich seiner Angst beruhigen konnte, schlug seine Stimmung wieder um. Er klatschte einmal in die Hände, beugte sich über die Torte und blies die Kerzen aus. Seine Fahrt nach Bonn und Michail Gorbatschow waren vergessen. Nachdem er sich gesetzt hatte, verlief das Frühstück wie an jedem Morgen. Selbst der anschließende Spaziergang war seit einigen Monaten zur Routine geworden. Während der Nacht hatte es zu schneien begonnen. Eine weiße Schneedecke bedeckte die Umgebung. Sophie liebte den Winter und freute sich an der glitzernden Pracht. „Es ist Winter“, flüsterte Milan. „Ich mag nicht Schlittschuhlaufen.“ „Schlittschuhlaufen?“, fragte Sophie irritiert. „Ja. Ich mag das nicht. Der Kerl hat dich geküsst. Ich erinnere mich genau an diesen Idioten, der mit dir über das Eis tanzte. Dieser Musikerfuzzi, den du damals so angehimmelt hast. Wie hieß der nochmal …?“ Sie hatte es sich größtenteils abgewöhnt, von der Zukunft zu sprechen, da Milan selbst das, was für die folgenden Stunden geplant war, wieder vergaß. In seiner Begleitung sprach sie nur über die Gegenwart und sehr oft über die Vergangenheit. Da kamen mitunter Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend zum Vorschein, von denen er ihr nie erzählt hatte. Manchmal traten auch Erinnerungen hervor, die sie gemeinsam erlebt und sie selbst längst vergessen hatte. Sophie blieb stehen und schaute ihn einige Sekunden unverwandt an. „Ich weiß jetzt nicht, was du …?“ „Jetzt tu bloß nicht so, als wüsstest du nicht, was ich meine. Der Kerl …, wie heißt der nochmal?“, überlegte Milan einige Sekunde krampfhaft, bevor er sich mit dem Handballen gegen die Schläfe klopfte, als könne er dadurch seine Gedanken ordnen. „Jo! Wie kann man nur Jo heißen?“ „Du meinst Jonathan...




