E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Walter Sodbrennen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-1650-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-7494-1650-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist still, kalt und leer geworden im Haus am Ammersee, nachdem die erfolgsverwöhnte Schriftstellerin Greta Sander von ihrem geliebten Ehemann auf tragische Weise verlassen wurde. Ihre Welt hat jeglichen Zauber verloren und scheint ohne ihn an ihrer Seite nur noch grau und trostlos. Mit gut durchdachtem Kalkül verfolgt sie nur noch ein Ziel, dieses scheinbar sinnlos gewordene Leben zu beenden. Ein unerwartetes Ereignis vereitelt jedoch bereits den ersten Versuch und auch der zweite bleibt unvollendet. Wird es einen weiteren Versuch geben oder begreift sie, dass ihre Zeit noch nicht abgelaufen ist? Und wie soll sie die schicksalhaften Begegnungen deuten, die sich plötzlich zu häufen scheinen?
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Ich schrecke aus einem Traum auf, der alles andere als erquickend war und sehe meinen erhobenen Arm, der sich immer noch nach Richard ausstreckt.
Mein Arm sinkt langsam nach unten. Ich presse die zur Faust geballte Hand auf meinen bereits zum Schrei geöffneten Mund, aus dem nun lediglich ein ersticktes Seufzen dringt. Meine tränennassen Wangen versuche ich trocken zu reiben, doch es gelingt mir nicht. Wie aus einer verborgenen Quelle sprudeln unaufhörlich weitere Tränen hervor. Meine Nase beginnt zu laufen. Ich schniefe zunächst, beuge mich dann aber über die Nachtkonsole, entnehme der Schublade ein Taschentuch und schnäuze mich. Immer noch sehe ich das letzte Bild meines Traums vor Augen, an dessen vorherigen Inhalt ich mich jedoch nicht mehr klar erinnern kann.
Richard, der einfach weggeht und mich alleine zurücklässt, obwohl ich ihn anflehe mich mitzunehmen. Er geht langsam. Der Abschied scheint ihm ebenso schwer zu fallen, wie mir. Doch dann bleibt er stehen, dreht sich nach mir um und lächelt aufmunternd.
Ich hege die Hoffnung, dass er es sich im letzten Moment anders überlegt hat. Aber nein, er hebt nur die Hand zum Gruß, wendet sich erneut ab und winkt mir bereits im Weitergehen ein letztes Mal zu. Dann ist er verschwunden – einfach so. Dieses niederschmetternde Gefühl des Verlassenwerdens, das ich während des Erwachens empfunden habe, erfasst mich erneut und wieder quellen Tränen aus meinen Augen. Zärtlich streiche ich über Richards Kopfkissen.
Nachdem ich meine Tränen mit einem Taschentuch von den Wangen gewischt und mich geschnäuzt habe, atme ich tief ein. Dann räuspere ich mich und schlage die leichte Daunendecke zurück. Eine Weile bleibe ich reglos auf der Bettkante sitzen, dann drehe ich meinen Oberkörper und blicke auf seine Seite des Bettes. Ich ergreife sein Kissen und versenke mein Gesicht tief hinein. Bis zum heutigen Tag habe ich es nicht fertig gebracht die Bettwäsche abzuziehen, noch immer hängt sein Geruch darin und gibt mir das Gefühl, ihm nah zu sein.
Die Endgültigkeit seines Todes, das Wissen, ihn in diesem Leben nie wiedersehen zu dürfen, nie wieder seine Stimme zu hören, die mir zärtliche Worte ins Ohr flüstert, tut so unsagbar weh.
Das bittere Gefühl überkommt mich, eine einzigartige Chance vertan zu haben. Doch im selben Moment fällt mir der Junge ein. Ein Blick auf den Wecker verrät mir, dass es noch ziemlich früh ist. Ich werde trotzdem aufstehen und die Kleider des Jungen aus der Waschmaschine nehmen und in den Trockner stecken. Er soll verschwinden. Und zur Beerdigung werde ich ihn auch nicht begleiten. Das werde ich ihm klipp und klar sagen. Er muss das verstehen und wenn nicht, ist das nicht mein Problem.
Mit dreimal tief ein- und langsam wieder ausatmen beginne ich das allmorgendliche Ritual. Ich rolle meinen Kopf von der rechten Schulter zur linken und wieder zurück. Dann wackle ich mit den Zehen, gleichzeitig schließe und öffne ich meine Hände. Das bringt den Kreislauf in Schwung. So schön älter werden sein kann, ohne ein paar Regeln die dem Wohlbefinden schmeicheln, und deshalb unbedingt beachtet werden sollten, geht es einfach nicht.
Noch während ich mich auf der Treppe befinde, höre ich leises, offenbar aus der Küche kommendes Klappern und das gurgelnde Geräusch der Kaffeemaschine. Schon umschmeichelt der Duft nach frisch aufgebrühtem Kaffee meine Nase. sinniere ich, während ich die Tür öffne. Er hat!
Der Kaffee ist fast durch die Maschine gelaufen und den Tisch hat er ebenfalls bereits gedeckt. Staunend bleibe ich einen Moment unbeobachtet im Türrahmen stehen.
Als ich die Küche betrete, wirft er mir einen lächelnden Blick zu, als wäre sein Hantieren in meiner Küche das Selbstverständlichste der Welt.
„Ihr Kühlschrank steht wohl nur zur Dekoration in der Küche“, bemerkt er, als er mich entdeckt. „Nur Marmelade und Honig, der übrigens nicht da reingehört, keine Wurst, kein Käse, nicht mal ein Ei“, stellt er fest und fragt: „Hatten Sie etwa vor zu verreisen?“
Das ist mein Stichwort. Ich nicke. „Ja, das hatte ich“, antworte ich und füge geistesgegenwärtig hinzu: „Ich habe es immer noch, deshalb kann ich ...“
„Nein“, unterbricht er mich. „Das heißt doch nicht etwa, Sie können mich doch nicht zur Beisetzung begleiten? Sie haben das nur so dahingesagt, stimmt’s? Sie hatten nie vor mich zu begleiten.“
Seine Fragen klingen so ängstlich, dass er mir sofort wieder Leid tut.
„Keine Sorge, ich kann die Reise problemlos verschieben“, antworte ich betroffen und ärgere mich sogleich über mein Einlenken.
„Sie wollten heute verreisen?“, hakt er nach.
„Deshalb habe ich den Kühlschrank bereits entleert.“
„Aber Sie werden nicht erwartet“, stellt er offensichtlich erleichtert fest und setzt sich auf denselben Platz, auf dem er schon am Abend zuvor gesessen hat.
Vermutlich gibt es so eine Art Gesetz des gewohnheitsmäßigen Handelns, das uns dazu zwingt. Denn auch ich habe vom ersten Tag an, als ich dieses Haus betrat, auf immer demselben Platz gesessen.
„Oh Verzeihung“, sagt er, erhebt sich und wartet höflich bis ich sitze.
„Doch ich werde erwartet, aber es fällt den beiden sicher nicht schwer noch zwei, drei Tage länger zu warten“, beantworte ich seine Frage.
„Den beiden?“
Statt einer Antwort, deute ich mit meinem Kinn zur Tür der Speisekammer. „Dort drinnen, im Regal hinter der Tür, stehen einige Wurstdosen. Such dir eine aus.“
Das muss ich ihm nicht zweimal sagen. Augenblicklich steht er auf, eilt in die Kammer und kommt gleich darauf mit einer Schinkenwurstdose zurück. Er stellt sie neben meinen Teller. Einen Moment sieht er mich an, als erwarte er meine Zustimmung, doch dann fragt er nach einem Dosenöffner.
Ich stehe nochmal auf, krame einen aus der Schublade, in der ich verschiedene Küchenutensilien aufbewahre, und reiche ihn an den Jungen weiter. Da bemerke ich erneut einen enttäuschten Blick. „Was?“
„Und was mach ich jetzt damit? Es ist kein Brot mehr im Brotbehälter.“
überlege ich,
„Ja, stimmt, aber das ist nicht wirklich tragisch, ich habe noch Semmeln in der Gefriertruhe. Die gebe ich kurz ins Backrohr und schon können wir frühstücken“, erkläre ich.
Seine Augenbrauen schnellen erfreut nach oben und er strahlt mich an.
Auf dem Weg zur Vorratskammer drehe ich den Temperaturregler des Backofens auf hundertachtzig Grad.
„Was machst du eigentlich um diese frühe Morgenstunde schon hier?“
„Ich bin gestern vor dem Fernseher eingeschlafen. Irgendwann, vor etwa ’ner Stunde oder so, bin ich aufgewacht, weil ich gefroren habe. Ich habe mir die Wolldecke geschnappt, die über der Sofalehne lag und eine Weile so vor mich hingedöst. Schlafen konnte ich nicht mehr und da habe ich gedacht, bevor ich mich von einer Seite auf die andere wälze, kann ich genauso gut aufstehen und Frühstück machen“, ruft er hinter mir her.
„Dann warst du gar nicht im Bett?“
„Nein. In der Nacht hat es übrigens geschneit.“
„Ach ja? Hoffentlich sind dann die Straßen geräumt, bis wir fahren“, antworte ich, als ich wieder aus der Vorratskammer komme und fünf Semmeln aufs Backblech lege.
„Müssen wir denn fahren, Greta?“, fragt er bang hinter meinem Rücken.
„Du hast sicher noch einiges zu erledigen“, gebe ich zu bedenken, während ich mich zu ihm umdrehe. „Und was ist mit Schule?“
„Die wissen ja Bescheid. Und …, mit dem Beerdigungsinstitut habe ich bereits alles besprochen“, sagt er mit zitternder Stimme. „Bitte, darf ich bis zur Beerdigung bleiben? Die Wohnung ist so leer.“
Wieder verspüre ich Mitleid mit dem Jungen. Aus eigener Erfahrung weiß ich nur allzu gut, wie er sich fühlt. denke ich zum x-ten Mal. Ich setze mich ihm gegenüber und betrachte ihn einige Sekunden nachdenklich, bevor ich frage: „Warum bist du gestern eigentlich...




