E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Weber Die Toten vonne Ruhr
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7407-5858-5
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
13 Geschichten über Mord und andere Miseren
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7407-5858-5
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ben Weber ... wurde 1958 in Essen geboren und ging dort auch zur Schule. Nach seinem Abitur folgten Bundeswehr und längere Studienzeiten in Bochum und Dortmund. Im Jahr 1991 schloss er eine therapeutische Ausbildung ab. Er lebt und arbeitet derzeit in Bochum und ist seit 2010 auch als Schriftsteller tätig. Ben Weber ist verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn, besitzt zwei Wellensittiche und ein Fahrrad.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Potato-Man
das Alarmzeichen, die Türklingel!
Jetzt hieß es Farbe bekennen.
Carinas Galgenfrist währte noch genau 82 Treppenstufen. , machte sie ihrem Spiegelbild Mut. Immerhin hatte sie einiges investiert, sich eine neue Kurzhaarfrisur zugelegt, die Fingernägel lackiert und etwas Rouge aufgelegt. Dazu ein knallendes Rot für die Lippen. Verdammt, das Lipgloss am unteren Rand, verwischt! Schnell mit dem Finger... sie zitterte ein wenig. Jetzt konnte sie seine polternden Schritte auf der Holztreppe hören. Wann hatte sie das letzte Mal vor Aufregung so geschwitzt? Ein kurzes Schnuppern an den Achseln – das brannte höllisch, aber es hielt, was die Werbung versprach: Ob sie deshalb allerdings wie eine „Göttin der sinnlichen Verführung wirken würde?
„Lass ma gucken.“
Hoppla, der Kerl ging ja ganz schön ran, ein verheißungsvoller Beginn! Doch Niklas würdigte Carina kaum eines Blicks, schob sie beiseite und drängelte sich in den Flur. Im Vorbeigehen hauchte er ihr ein schlaffes Küsschen auf die Wange.
„Mal gucken, wie´s bei dir so aussieht.“
Er huschte wie ein nervöses Eichhörnchen auf Futtersuche durch ihre Wohnung, blieb hier und da stehen, ließ seine Blicke kurz schweifen, um dann weiterzuhasten ...
„Das Meiste ist von IKEA, oder?“
Er ließ ihr keine Zeit zu antworten, legte ihr stattdessen seinen Arm um die Schulter.
„Na, das wird schon noch ... Weißt du, früher hab ich auch bei denen eingekauft. Aber jetzt shoppe ich nur noch bei WALDMANN. Echt feiner Laden, in Hattingen, direkt hinter der Ruhrbrücke. Da wirst du schon am Eingang mit einem Gläschen Sekt begrüßt. Und die Möbel werden nur aus edlen Hölzern hergestellt, kann man nur wärmstens empfehlen. Kostet natürlich.“ Er hob seine Hand bis vor ihre Nase und rieb demonstrativ Daumen und Zeigefinger gegeneinander.
„Aber es lohnt sich. Alles wird individuell angefertigt, nach deinen ganz persönlichen Bedürfnissen. Unter besonderer Berücksichtigung der Lehre des Feng Shui. Daraus entsteht dann eine vollkommene Harmonie.“
Niklas lächelte mit einem verklärten Ausdruck, der sich ebenso schnell verflüchtigte, wie er aufgetaucht war.
„Deine Wohnung dagegen ... die unterschiedlichen Materialien und dieser ganze Krimskrams, der hier überall rumliegt, das hat kein gutes Karma. Und dieser große Spiegel, der verstärkt die negative Energie noch, den würde ich sofort rausschmeißen.“
Für einen Moment lag es Carina auf der Zunge: ... aber sie schluckte es herunter und hörte sich stattdessen sagen: „Komm, lass uns in die Küche gehen. Ich hab das Meiste schon vorbereitet.“
Stolz präsentierte sie ihre Bratkartoffeln mit bunter Gemüsebeilage.
„Mit frischem Lauch, Möhren und Paprika. Kümmel, rotem Pfeffer und etwas Oregano. Gerösteter Knobi ist auch drin. Na, was sagst du?“ Sie reichte ihm einen gut gefüllten Löffel. Niklas schmatzte ihn leer, sah eine Weile an die Decke, als ob er dort etwas suchen würde, dann zog er seine Stirn in Falten.
„Also frischer Knoblauch wäre besser gewesen.“
Er nahm noch eine weitere Portion und kaute hörbar vor sich hin. In Gedanken sah ihn Carina an einer Weinprobe teilnehmen. Fehlte nur noch, dass er ihr alles vor die Füße spuckte.
„Da ist zu viel Thymian drin. Und der Pfeffer ... also da hätte ich dir fermentierten Kampotpfeffer oder tasmanischen Bergpfeffer empfohlen. Schade drum. Trotzdem, ich würde dir noch ´ne Drei plus dafür geben. Gar nicht mal so übel, ne.“
Er gönnte ihr ein aufmunterndes Schulterklopfen, doch seine Nachsicht währte nicht allzu lange. Er sah Carina an, ohne sie wirklich anzusehen, und mümmelte intensiv auf seinen Resten herum, bis er plötzlich die Nase rümpfte.
„Aus biologischem Anbau sind die Kartoffeln aber nicht.“
Carinas um ein diplomatisches Lächeln bemühten Gesichtszüge froren schlagartig ein, sie schluckte.
„Kerl, die sind so was von Bio, die hab ich gestern noch frisch gepflückt!“
Ihr grimmiger Ton schien an ihm abzuprallen.
„Ach herrje, Mäuschen. Die schmecken doch sehr nach Und Sieglinde ist alles andere als Bio.“
Niklas aß zwei große Portionen. Erstaunlich viel für eine Drei plus. Aber immerhin beruhigte sein Heißhunger ihr Gemüt, und drei Gläser Rotwein taten ein Übriges ... Als sie auf ihr Bett fielen und sich gegenseitig die Klamotten herunterzerrten, wechselte Carinas Kochfrust zur Sinneslust. Das Essen hatte ihm doch halbwegs gemundet, und ihre Mühen hatten sicherlich eine Belohnung verdient. Niklas schnaufte, keuchte und stöhnte – doch ein gemeinsamer Rhythmus schien ihm völlig fremd zu sein. Ach, sie hätte es ja ahnen müssen, nach ihren ersten Erfahrungen. In der Tanzschule Fuchs in Bochum-Gerthe. Da hatten sie sich kennengelernt ...
„Auch alleine hier?“
Was für eine dämliche Frage!
Schließlich war das der Schnupper-Tanzkurs für Singles. Doch seine tiefe Stimme hätte sich auch nach dem Wetterbericht oder den Aktienkursen erkundigen können, Carina wäre es schnurzpiepegal gewesen. Denn der Besitzer dieses Wohlklangs sah unverschämt gut aus. Große Statur, blaue Augen und hellblondes Haar, das wild durcheinanderfiel und zum Wuscheln einlud. Der Dreitagebart, ein kunstvolles Unterarm-Tattoo und das lässig über der Designerjeans getragene Holzfällerhemd gaben ihm etwas Abenteuerlustiges. Und selbst wenn sich das Hemd über dem Bauch etwas spannte, der Kerl war genau ihr Typ.
„Hallo, ich bin Carina.“
„Hohoho, und ich bin der Nikolaus. Mit Sack und Rute, allzeit bereit.“
Er grinste und gönnte ihr ein Augenzwinkern.
„Mein Name ist Niklas. Das ist die Abkürzung für den alten Mann im roten Anzug. Da staunste ...“
Sie bemühte sich zu lächeln, reichte ihm die Hand und verkniff sich eine angemessene Erwiderung. Sein Händedruck war kräftig, aber nicht grob. Ganz im Gegensatz zu seinem Rhythmusgefühl. Weil er aber nicht nur sexy aussah, sondern auch noch gut duftete – herb, mit einem Hauch von Südfrüchten – ließ sich Carina von ihm beim Samba auf die Füße treten, beim Cha-Cha-Cha den Arm verdrehen und sich im Tangoschritt übers Parkett zerren.
Nach der Tanzstunde fragte sie ihn mit einem Augenzwinkern: „Hör mal, Niklas, was hältst du davon, wenn wir bei mir zu Hause noch ein bisschen im Wegweiser des Kamasutra blättern?“
Leider passierte das nur in ihrer Phantasie, tatsächlich sagte sie nur: „Hast du nicht Lust, mich nächste Woche zu besuchen? Ich koch uns was Schönes.“
Für einen Moment blieb sein Mund offenstehen, dann strahlte er über das ganze Gesicht.
„Aber immer doch! Was gibt´s denn Feines?“
„Ach, ich dachte an Bratkartoffeln mit bunter Gemüsebeilage, da kenn ich ein ganz simples Rezept“, rutschte es ihr heraus, was sie aber im gleichen Moment bereute, als sie sah, wie er die Stirn krauszog und seine Mundwinkel herunterfielen. Doch nach einem kurzen Augenblick der Enttäuschung bemühte er sich um ein gequältes Lächeln.
„Na gut, okay. Solide Hausmannskost soll man nicht verachten. Da kommt es dann eben auf die Feinheiten an. Aber geben wir dem Ganzen schon mal einen anderen Namen, nennen wir es doch lieber ‚Pommes de terre sautées avec des légumes colorés‘.“
„Du hast recht, das klingt ja viel interessanter... “, stimmte Carina ihm zu und dachte dabei:
In den nächsten Tagen kaufte Carina Kartoffeln, Gemüse und frische Kräuter ein und besorgte Rotwein. Halbtrocken, für 12,95 Euro die Flasche. Der sollte ihnen doch munden. Wie es schien, war sie für alles gerüstet. Gründlich aufgeräumt hatte sie auch, denn, obwohl Niklas auf den ersten Blick wie ein Teufelskerl aussah, wurde Carina das dumme Gefühl nicht los, dass Ordnung sein halbes Leben war. So hatte er ihr doch tatsächlich nach der Tanzstunde mit großer Geduld und in aller Ausführlichkeit erläutert, welche Fehler ihr bei den einzelnen Schritten unterlaufen waren. Und das, obwohl er selbst fortwährend dem Takt der Musik hinterhergehoppelt war.
Genau wie jetzt, in diesem Augenblick ...
Ein Déjà-vu der unangenehmen Art.
Sein heftiges Stoßen erinnerte Carina an...




