E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Weber / Ruch Wenn das Gestern anklopft
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-84029-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weimar und die Wiederkehr der Geschichte
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-451-84029-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bis heute ist die Frage letztlich ungeklärt, wie die NSDAP ab 1929 über Nacht so viel Zulauf erhalten konnte. Dies sollte uns beunruhigen. Haben wir die falschen Schlüsse aus der Vergangenheit gezogen? Brauchen wir mehr Angewandte Geschichte und weniger Erinnerungspolitik? Welche Lehren lassen sich aus dem Aufstieg der NSDAP für die Bekämpfung des Extremismus – nicht zuletzt in Gestalt der AfD – in der Gegenwart ziehen? Welche Form des Konservativismus stärkt die Demokratie? Wie lassen sich die Schlachtfelder der Desinformation und Demagogie befrieden?
Der Philosoph Philipp Ruch (Zentrum für Politische Schönheit) und der Historiker Thomas Weber vereinen in diesem einzigartigen Band internationale, renommierte Autoren, die diesen Fragen nachgehen und zeigen, wie wir die liberale Demokratie gegen den Extremismus von heute absichern.
Autoren/Hrsg.
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Ist das „Nie wieder“ gescheitert?
Von J. D. Bindenagel
Am 11. April 1945 befreite die 104. US-Infanteriedivision „Timberwolf“ das Konzentrationslager Mittelbau-Dora in Nordhausen in Thüringen. Unter den Soldaten war mein Vater, Gordon Bindenagel. Als er und die anderen GIs in das Außenlager des KZ Buchenwald vorrückten, stießen sie auf ein Lager, in dem Häftlinge dazu gezwungen worden waren, die V2-Raketen von Wernher von Braun und seinen Komplizen zusammenzubauen. Mein Vater und seine Kameraden sahen tote und sterbende Menschen, übereinandergestapelt. Von den insgesamt 60 000 Häftlingen, die in das Konzentrationslager Mittelbau-Dora und die Nebenlager deportiert worden waren, starben mindestens 20 000.
Obwohl die Mitglieder der Einheit meines Vaters vor der Existenz eines Gefangenenlagers gewarnt worden waren, hätten sie die unmenschlichen Gräueltaten, mit denen sie konfrontiert wurden, nicht vorhersehen können – auch nicht die extreme menschliche Erniedrigung. Die Schrecken von Nordhausen wurden von verbrecherischen Anführern begangen, die zum Hass aufstachelten und die Menschenwürde missachteten. Die Überlebenden selbst gingen davon aus, dass Mittelbau-Dora das teuflischste aller Konzentrationslager gewesen sei.
Am 19. April 1945, wenige Tage nach der Befreiung von Buchenwald und seiner Außenlager durch amerikanische Truppen, versammelten sich Überlebende auf dem ehemaligen Appellplatz des Lagers. Sie hielten die erste Gedenkfeier für die Toten ab. Die Teilnehmer gelobten in zahlreichen Sprachen, künftig gegen die Ursachen der nationalsozialistischen Verbrechen zu kämpfen. Laut dem ehemaligen BuchenwaldHäftling Heinz Brandt appellierten die Anwesenden bei dieser Gedenkveranstaltung laut an die Welt: „Nie wieder.“1
Seit die Überlebenden von Buchenwald das erste Mal „Nie wieder“ riefen, dienen diese zwei Worte als Mahnung, Tyrannei und Krieg zu verhindern – in Deutschland und weltweit. Die Wiederholung der beiden Worte gehört zum Ritus unzähliger Gedenkfeiern und der politischen Bildung. Und sie tauchen weltweit in Gedenkstätten in Stein gemeißelt auf. Als ich kürzlich eingeladen wurde, zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora zu sprechen, begann ich mich dennoch zu fragen, ob unser kollektives Versprechen des „Nie wieder“ nicht spektakulär gescheitert ist. Weltweit nimmt die Zahl der liberalen Demokratien ab. Die radikale und extreme Rechte ist fast überall auf dem Vormarsch. Wie wir es bereits aus der Vergangenheit kennen, zerstören Desinformation und Demagogie erneut das Gefüge unserer res publica und zersetzen wieder die Bande, die uns zusammenhalten. Ich begann mich zu fragen, was bei unserem Versuch, das Versprechen von Buchenwald in die Tat umzusetzen, schiefgelaufen ist.
Jahrzehntelang schien der Schwur des „Nie wieder“ erfolgreich beherzigt worden zu sein. In den späten 1940er Jahren inspirierte er die Gründung eines neuen Deutschlands, das sich der Unantastbarkeit der menschlichen Würde verschrieb, und begründete die Pflicht aller staatlichen Behörden und Machtmittel, sie zu respektieren und zu schützen. Der erste Satz des Artikels 1 des Grundgesetzes von 1949 wurde zum zentralen Credo des modernen Deutschlands. Seit 1949 bekennen sich die Deutschen mit diesem Artikel zu „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“.2
Deutschlands Bekenntnis zur Menschenwürde hat sich als wirkungsmächtiger Aufruf an alle Deutschen erwiesen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Für die Gründungsgeneration der Bundesrepublik Deutschland bedeutete „Nie wieder“ auch die Schaffung einer Bindung an den Westen, der auf den Idealen der Aufklärung beruht. Deutschlands erster Nachkriegskanzler, Konrad Adenauer, führte das Land dahin, Westdeutschlands Rolle in Europa in der Bindung an den Westen zu sehen und sich für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. Die Westbindung besiegelte die Beziehungen Westdeutschlands zu Amerika und zur Demokratie, was seither ganz Deutschland zugutekommt.
Natürlich sollten wir der Versuchung widerstehen, ein allzu rosiges Bild davon zu zeichnen, wie die Nachkriegsgenerationen sich der Vergangenheit stellten, um eine in der Menschenwürde verwurzelte Zukunft zu schaffen. Jeder, der Deutschlands Weg zu internationaler Anerkennung in den letzten sieben Jahrzehnten verfolgt hat, ist Zeuge seiner Komplexität geworden. Ich hatte das Glück, dies aus der ersten Reihe miterleben zu dürfen und mehrmals auf die Bühne gerufen zu werden: zunächst als GI, der wie mein Vater in Deutschland gedient hatte, später als Gesandter an der US-Botschaft in Ost-Berlin am Vorabend des Mauerfalls (1989–1990), als Chargé d’affaires an der amerikanischen Botschaft Mitte der 1990er Jahre (1995–1997), als US-Botschafter für Holocaust-Fragen unter Präsident Bill Clinton (1999–2002) und schließlich als erster Henry-Kissinger-Professor an der Universität Bonn.
Erst in den 1970er Jahren bewegten sich die Diskussionen über die Nazivergangenheit und deren Bedeutung für die Gegenwart über die akademische Welt hinaus in die Öffentlichkeit. Während des Historikerstreits der 1980er Jahre versuchten dann führende Intellektuelle, das deutsche Nationalbewusstsein von den Einflüssen einer kontaminierten Vergangenheit zu befreien und ein neues Gefühl nationaler Identität zu prägen. Und in Ostdeutschland erkannte erst der demokratisch gewählte Ministerpräsident Lothar de Maizière in seiner Regierungserklärung vom 19. April 1990 die Verantwortung der Ostdeutschen für den Holocaust und die Nazidiktatur an.3
In den Jahren nach der Wiedervereinigung kamen bereits erste Zweifel daran auf, wie erfolgreich das „Nie wieder“ sein würde, als Gewalt gegen Migranten und gegen Jüdinnen und Juden zunahm und die extreme Rechte sich immer lautstärker zu Wort meldete. Und doch schien sich lange Zeit sehr vieles in die richtige Richtung zu bewegen. Das Verständnis von „Nie wieder“ seit den 1990er Jahren – zu einer Zeit, als Holocaust-Museen errichtet und fast überall Holocaust-Gedenktage eingeführt wurden, – beruhte sowohl in Deutschland als auch weltweit auf der Annahme, dass die heranwachsenden Generationen schon dadurch, dass sie mit den Schrecken der Vergangenheit konfrontiert und vertraut gemacht würden, gegen die Verlockungen des Extremismus Immunität entwickeln würden. Dies hat sich als katastrophaler Trugschluss erwiesen.
Heute ist die jüngste Generation die politisch extremste. In Deutschland scheinen einige Rechtsaußenpolitiker zu testen, ob die deutsche Identität und das Erbe des Holocaust weiterhin untrennbar miteinander verbunden sind. Dazu gehören führende Vertreter der Alternative für Deutschland (AfD), die das Gedenken an den Holocaust und die NS-Diktatur als „Schuldkult“ bezeichnen und das NS-Regime als „Vogelschiss“ in „über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ herunterspielen.4 Das ist nicht nur ein Angriff auf die deutsche Erinnerungspolitik. Es handelt sich um einen viel größeren Angriff auf die moralischen Grundlagen der Weltordnung nach dem Holocaust.
Diese Grundlagen basieren auf dem Glauben, dass die Menschenwürde universell ist, also für die gesamte Menschheit gilt. Sie fußen auf der Überzeugung, dass Empathie das Fundament der Menschenwürde ist. Diese Überzeugungen werden nun offen infrage gestellt. Elon Musk hat Empathie grundsätzlich angezweifelt und sie als grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation bezeichnet.5 Unterdessen hat US-Vizepräsident J. D. Vance eine Auslegung des christlichen Prinzips der ordo amoris (Ordnung der Liebe) vorgelegt, die dieses auf den Kopf stellt und im Wesentlichen argumentiert, dass der eigenen Stammesgruppe mehr Würde zukomme als dem Rest der Menschheit.6 Was wir erleben, ist der Versuch, die moralischen Fundamente der Weltordnung nach dem Holocaust durch einen völlig neuen Weltgeist mit einem vollkommen neuen Wertesystem zu ersetzen.7
Es ist nicht so, dass Musk und Vance die Mordmaschine des nationalsozialistischen Deutschlands gutheißen würden – im Gegenteil. Aber sie ziehen radikal andere Lehren aus der Vergangenheit, basierend auf einem stammesbezogenen Verständnis der Menschenwürde. Sie sehen in den Verteidigern und Verfechtern einer universellen Auffassung der Menschenrechte Agenten einer Tyrannei. US-Außenminister Marco Rubio stellte sich etwa auf die Seite der AfD, nachdem das Bundesamt für Verfassungsschutz die Partei als „erwiesen rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft hatte. Er erklärte in den sozialen Medien, diese Einstufung sei „Tyrannei in Verkleidung“.8 Damit griff Rubio frontal das Urteil des Verfassungsschutzes an, wonach die AfD eine Gefahr für die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ darstelle und die „Menschenwürde missachte“ – insbesondere durch ihre „anhaltende Hetze“ gegen Geflüchtete und Migranten. Ebenso bezeichnete die AfD-Vorsitzende Alice Weidel ihre politischen Gegner als die „wahren Nazis“.9
Wir erleben gerade den Zusammenbruch der Vision von „Nie wieder“, wie sie die Überlebenden von Buchenwald und anderer Lager formuliert haben – basierend auf ihrem grundlegenden Glauben an die Universalität der Menschenwürde....




