E-Book, Deutsch, 213 Seiten
Wehl / Chirlek Unheimliche Geschichten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-4015-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 213 Seiten
ISBN: 978-3-7431-4015-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Feodor Wehl (Feodor von Wehl zu Wehlen) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Theaterintendant. Er wurde am 19. Februar 1821 auf Gut Kunzendorf bei Bernstadt geboren und starb am 22. Januar 1890 in Hamburg
Autoren/Hrsg.
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Eine merkwürdige Prophezeiung.
Dem Stoffe nach entnommen aus Burkes: Anecdotes of the aristocracy and episodes in ancestral story.
Kaum war am Ostermorgen des Jahres 1814 das englische Kriegsschiff Vanguard nach einer langen und stürmischen Seefahrt mit vollen Segeln in den Hafen von Alexandrien eingelaufen, um darin auf einige Tage Anker zu werfen, als sich der Kapitän auch sofort von Offizieren und Seekadetten lebhaft um die Erlaubnis angegangen sah, die so viel gerühmten Wunder und Merkwürdigkeiten Ägyptens in Augenschein nehmen zu dürfen. Vier Lieutenants und fünf Midshipmen waren es, die sich dieser Vergünstigung zu erfreuen hatten und welche, kaum beurlaubt, denn auch sofort und nur mit dem Nötigsten für einen dreitägigen Landaufenthalt versehen, in die niedergelassenen, bereits der Glücklichen harrenden Boote stiegen, um sich darin an die mit allen ihren Rätseln und Geheimnissen vor ihnen liegende Küste zu begeben.
Nachdem die Gesellschaft die Umgegend der Stadt, ihre seltsamen Bauten und historischen Denkwürdigkeiten durchmustert, mancherlei kleine Abenteuer bestanden und verschiedene, nicht eben durch große Mäßigkeit ausgezeichnete Mahlzeiten gehalten, fand man sich am dritten Tage, dem letzten des Urlaubs, ziemlich abgespannt und müde in einem türkischen Kaffeehause zusammen, um hier die wenigen Augenblicke der noch verstatteten Freiheit in genussreicher Beschaulichkeit und Rückerinnerung des Genossenen zuzubringen.
Man tauschte hier bei dem dampfenden Mokka die empfangenen Eindrücke und alle die bunten und sich ergänzenden oder auch widerstreitenden Bemerkungen aus, die dadurch in den Köpfen der Betrachtenden entstanden waren.
„Wir haben gesehen, was in der kurzen Zeit zu sehen war, und können mit unserem Aufenthalt zufrieden sein“, sagte am Ende mit einer Art Selbstzufriedenheit, der älteste Lieutenant Sir Archibald Primrose, späterer Lord von Castlefield.
„Nur von den berühmten ägyptischen Wahrsagern ist uns keiner zu Gesicht gekommen“, rief der Midshipman John Dalrymple aus, indem er lachend hinzufügte: „Und das, bei Gott, ist jammerschade, denn man kann keine Beschreibung oder Geschichte dieses Landes lesen, ohne sie eine große Rolle darin spielen zu sehen.“ –
„Wir werden sehr beschämt sein, wenn man uns bei unserer Rückkehr danach fragen wird und wir dann nicht im Stande sind irgendwelche Auskunft darüber zu geben“, bemerkte kleinlaut James Dundas.
„Nur zu wahr“, meinte Midshipman Charles Brunton, „nur zu wahr, meine Kameraden, dieser Mangel in unseren Mitteilungen über dieses fabelhafte und sonderbare Land kann uns nur Schande bringen.“
„Nun denn zum Teufel“, schrie Hugh Campbell, ein weit umher gekommener und ziemlich roher Seesoldat, „nun denn zum Teufel, so lasst uns keinen Augenblick verlieren und solch' ein Wundertier in aller Eile noch vor uns bringen. Bevor die Flaggen nicht eingezogen sind 1, brauchen wir nicht an Bord zu sein. Wir haben also noch hinreichend Zeit das Versäumte nachzuholen, wenn wir die Stunden von jetzt bis Abend nicht ungenutzt verstreichen lassen.“
„Einen Magier! Einen Magier!“, scholl es nun von allen Seiten und im Nu wurde denn auch der Dragoman herbeigerufen, den man als Dolmetscher und Wegweiser für die Zeit des Urlaubs angenommen, ihn bescheidend, dass er sogleich einen von den Wahrsagern, an denen Ägypten und ohne Zweifel wohl auch Alexandrien so reich sei, vor die Gesellschaft führen solle.
Der Dragoman, der dies erwartet zu haben und darauf vorbereitet schien, erklärte, dass er augenblicklich den Wunsch der Fremden erfüllen und einen der berühmtesten Magier seiner Zeit, den vielgepriesenen und höchst weisen Ali ben Rebin vor sie geleiten wolle, wenn sie nur etwa eine Viertelstunde ihm Zeit vergönnen möchten denselben in seiner verborgenen und geheimnisvollen Wohnung aufzusuchen.
Natürlich ward ihm dies gern gestattet und er sofort entlassen jenen Wundermann herbeizuholen. Eine Viertelstunde später sah ihn die Gesellschaft denn auch in der Tat mit einem Greise wiederkommen, der in lange, mit phantastischen Zeichen bemalte Gewänder gehüllt und mit einem schneeweißen, sehr langen Bart geziert war. An seiner Hand führte er einen braunen, beinahe nackten Knaben, von interessantem, aber melancholischem Aussehen, der eine Kohlenpfanne und mehreres andere Geräte in der Hand trug.
Nachdem Ali ben Rebin den versammelten Briten als der gewünschte Wundermann von dem Dragoman vorgestellt worden war und durch ihn den Wunsch der Fremden seine Zauberkünste zu erproben, erfahren hatte, verneigte er sich ernst und gravitätisch, mit festen Blicken dabei die nach ihrer eigenen Zukunft Lüsternen musternd. Als dies, so viel er es für nötig halten mochte, geschehen, gab er dem Knaben einen Wink, und während dieser nun die Geräte aufstellte und die Pfanne mit Kohlen füllte, gab er dem Dragoman die Weisung, dass er die Gesellschaft zum Stillschweigen auffordern und ihr anzeigen möge: wie nur derjenige reden dürfe, den er selber durch seine Vermittlung fragen werde.
Wenn die übermütigen und kecken Seemänner, die anfangs natürlich alle zusammen die größte Lust gehabt, sich über den Hokuspokus, der ihnen hier vor Augen gestellt werden sollte, lustig zu machen, schon gleich beim Auftreten des Magiers frappiert und besonders durch seinen scharfen durchdringenden Blick aus der Fassung gebracht worden waren, so verging ihnen nun vollends bei der immer mehr und mehr sichtbar werdenden und sich in allen seinen Bewegungen entwickelnden seltsamen Gravität der Mutwille so ganz und gar, dass sie in der Tat sehr bald mit den ernsthaftesten Mienen von der Welt dem emsigen Wirken und Walten des Wahrsagers und seines Knaben gegenüber saßen. Nicht ohne ein gewisses Grauen und heimlich sie überrieselnde Schauer sahen sie ihn aus abenteuerlich gestalteten Steinen, Knochen und Amuletten einen Kreis bilden, in dessen Mitte auf einem seltsam geformten Dreifuss sich die Kohlenpfanne befand, aus deren Schale sich aus darüber gestreutem Räucherwerk dicke, weiße, die Atmosphäre mit einem angenehmen, aber die Sinne traumartig umspinnenden Geruche erfüllende Wolken erhoben, die bald das ganze Zimmer so verdunkelten, dass man nur mit Mühe die Anwesenden und das, was sie umgab, zu unterscheiden vermochte. Nachdem man so eine Weile in diesem Zustande geblieben und der ägyptische Weise in Zwischenräumen verschiedene, bald laut, bald leise, den Fremden natürlich ganz unverständliche Zauberformeln gesprochen und von Zeit zu Zeit mit einem, mit arabischen Ziffern und Buchstaben bedeckten Stocke, geheimnisvolle Zeichen in die Luft gemacht hatte, zog er plötzlich den Knaben an sich, indem er ihn dicht an das qualmende Becken stellend, seinen Kopf mit der Fläche der einen Hand umspannte und mit der andern jenen Stab an seinen Nacken hielt, mit dem er seither die Luft bei seinen Beschwörungen geheimnisvoll durchschnitten hatte. Kaum aber war das geschehen, so sah man den Knaben in krampfhafte Zuckungen fallen und gleich darauf seine Augenlider verschließen.
„Bist Du bereit, Ben Mahom?“, frug nun der Zauberer und nachdem der Knabe hierauf noch mehrmals zusammengefahren und sich wie gegen eine unsichtbar und mystisch ihn bezwingende Gewalt vergeblich gewehrt, murmelte er endlich: „Ja, mein Meister, ja, der Schleier ist aufgehoben, welcher vor die Zukunft gespannt ist und sie den Augen der Sterblichen verhüllt. Frage, ich werde Dir Antwort geben.“
Nachdem der Dragoman leise und am ganzen Körper zitternd den Briten diese Reden verdolmetscht hatte, ließ Ali ben Rebin durch ihn die Frage an sie tun, wer zuerst seine Kunst erproben wolle. Einen Augenblick zögerte die ganze Gesellschaft und niemand meldete sich; dann endlich aber trat Walter Croker, der jüngste Midshipman, aus einem irischen Zweige der Crokers von Lineham in der Grafschaft Devonshire stammend, vor und begehrte von dem Magier eine Mitteilung darüber zu haben, wie und wo er dereinst sein Ende finden werde.
„Der Tod ist schrecklich, wie er auch sei“, sagte der Weise, indem er nach einer Pause, die er dem frevelhaft Fragenden zum Besinnen geben zu wollen schien, hinzufügte: „Frage etwas anderes, junger Mann!“
„Wie und wo ich dereinst sterben werde, wünsche ich zu wissen“, wiederholte der Seekadett mit jener Halsstarrigkeit, wie sie den Bewohnern jenes Inseleilandes eigen zu sein pflegt.
„Nun wohl, so fordere es noch einmal“, sagte der Wahrsager. „Du musst es dreimal fordern!“
„Zum dritten Male denn“, entgegnete Walter Croker mit mehr und mehr fester werdender Stimme, „zum dritten Male denn, die Schlussszene meines langen oder kurzen Lebens begehre ich mir vor die Seele geführt zu sehen.“
Dreimal neigte hierauf Ali ben Rebin sein Haupt, dann sich zu seinem Knaben niederbeugend, frug er: „Ben Mahom, mein Sohn, was siehst Du? Sage sein Schicksal!“
„Ich sehe eine Insel im Meere“, sagte der Knabe nach einer mit noch verstärkten Zuckungen ausgefüllten Pause, „eine Insel, die mit Bäumen wie die Dattelpalme bepflanzt ist. Sie ist grün und frisch, und große prachtvolle Blumen wachsen auf ihr. – Das Meer schneidet tief in ihr Land und bildet eine Bucht, groß und sicher wie ein Hafen. Alles ist leer und still.“
„Und bleibt es so?“, fragte der Magier, als der Knabe hier verstummte. Der Knabe schien sich anzustrengen wie einer, der nach etwas in der Ferne aussieht, dann murmelte er: „Nein, ich bemerke aus der Ferne her sich etwas nähern. – Schon kann ich es deutlich unterscheiden, – es ist ein großes Schiff mit weißen Segeln und einer Flagge, auf der ein rotes Kreuz wahrzunehmen ist. – Es nähert sich der Insel, auf der es nun auf einmal...




