E-Book, Deutsch, Band 1, 344 Seiten
Reihe: Die Journalistin
Wehrle Die Ratte
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-522-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller | Die Journalistin 1 - Eine skrupellose Frau im Abgrund der Lügen
E-Book, Deutsch, Band 1, 344 Seiten
Reihe: Die Journalistin
ISBN: 978-3-98952-522-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Martin Wehrle ist einer der erfolgreichsten Autoren deutscher Sprache. Er veröffentlich seit vielen Jahren regelmäßig SPIEGEL-Bestseller. Außerdem ist er durch seinen Youtube-Kanal und seinen eigenen Podcast »Frag Martin« einem Millionenpublikum bekannt. Das Innenleben großer Konzerne kennt der Karriereberater aus langjähriger Tätigkeit im Management. Martin Wehrle ist regelmäßig in TV und Radio zu Gast. Die Website des Autors: karriereberater-akademie.de Bei dotbooks veröffentlichte der Autor die Thriller »Die Ratte« und »Die Schlange«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Erste Märzwoche
Reinstadt, 2. März
Aufmacher Tagesbote: »Nahverkehr immer bequemer: Endlich wieder Sitzplätze im Bus!«
Iris hatte mich missverstanden, das merkte ich sofort, als sie mein Büro betrat. Sie rauschte auf mich zu, strahlend und mit diesem wissenden Gesichtsausdruck, den sie aufsetzte, wenn sie in meinen Kopf zu schauen glaubte.
»Gratuliere, Prinzessin!«, rief sie. »Jetzt schießt du ihn endlich ab, stimmt’s?«
Ich saß starr hinter meinem Schreibtisch und quetschte in meiner Faust den Kugelschreiber, mit dem ich das Dokument unterschrieben hatte. Mein Hals war so eng, dass ich kaum Luft bekam. Aus dem Augenwinkel linste ich auf meine Digitaluhr am Handgelenk. Achtundfünfzig Sekunden waren vergangen, seit ich Iris angerufen und zu einem »ernsten Gespräch« gebeten hatte.
Mit federndem Gang, ich zählte acht Schritte, durchmaß sie den Raum und umkurvte meinen Schreibtisch. Kaum war ich aufgesprungen, um sie abzuwehren, hatte sie mich schon in den Arm genommen. Steif wie eine Litfaßsäule stand ich da, während sie mich zärtlich drückte.
Mir wurde klar, dass ich einen Fehler begangen hatte. Ich hätte ihr am Telefon sagen müssen, dass die »ernste« Angelegenheit dienstlicher Natur war. Meine Finger pressten sich noch fester um den Kugelschreiber.
»Wir sollten an den Konferenztisch gehen«, sagte ich und schaute auf meine Uhr. Solange ich die Sekunden im Blick behielt, fühlte sich die Welt geordnet an, Zahl folgte auf Zahl, Sekunde auf Sekunde, auch wenn sich alles in mir überschlug.
Iris ließ sich auf einen Stuhl am Konferenztisch plumpsen. Ihr Modeschmuck am Armgelenk klimperte, und sie wischte sich eine lange Strähne ihres dunklen, zum Pagenkopf geschnittenen Haares von der Nasenwurzel hinters Ohr. »Stimmt’s, Prinzessin, du lässt dich scheiden von dem Scheißkerl? Endlich!«
Mit Scheißkerl war Heiko gemeint, mein getrennt lebender Ehemann, er arbeitete als Polizist und hatte sich bislang mit allen Mitteln gegen eine Scheidung gewehrt. Ich schüttelte den Kopf. »Iris, es geht nicht um mich, es geht um eine dienstliche Angelegenheit.«
Von einer Sekunde auf die nächste verdunkelte sich ihr Blick. Kampfbereit schnellte sie nach vorne. »Vergiss es, Susanne! Ich werde mich nicht bei Gleim entschuldigen. Ich weiß schon, pfui Teufel, wie eklig von mir, was Positives über versiffte Obdachlose zu schreiben! Von mir wird’s keine Gegendarstellung geben!«
»Es geht im Moment nicht darum, was der Verleger zu deiner Reportage gesagt hat, es geht um … «
»Ich bitte dich! Der verflixte Gleim hat doch ’ne Meise hoch zehn. Der dreht schon am Rad, wenn er mit einer Fliege in einem Raum sein muss. Luftverschmutzung! Ansteckungsgefahr! Großalarm! Weißt du noch, wie er die Redaktionskonferenz gecancelt hat, nur weil eine Schmeißfliege immer wieder in seine Richtung geflogen ist? Die wissen halt, wie Scheiße riecht.«
Sie stieß ihr brodelndes Lachen aus, ich zählte sechs hohe Laute in Zweiersalven. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, meine Botschaft loszuwerden, aber sie redete einfach weiter. »Für den Gleim sind Obdachlose doch nur menschlicher Müll. Weg mit den Stinkern! Aber wir sind eine Zeitung, verflixt noch mal. Wir schreiben, wie die Welt ist: wie elend, wie verlogen, wie stinkend, wie … «
»Iris«, fiel ich ihr ins Wort. »Du hast ganz recht, Herr Gleim hat sich über deinen Artikel beschwert. Und wir sind gezwungen, eine Gegendarstellung der Stadtverwaltung abzudrucken. Aber heute geht es nicht um den Artikel. Es geht um dich, persönlich.«
»Persönlich?« Sie zuckte ein Stück zurück, und ihre Augen verengten sich zu Schießscharten. »Jetzt sag bloß nicht, dass du mich rauswerfen willst.« Sie schob ein Lachen nach, das aufgesetzt klang.
»Ich will dich nicht entlassen«, begann ich und merkte, wie mein Hals dichtmachte.
»Und ich dachte schon, ich werde die dritte Kerbe in deinem Colt.« Sie klang erleichtert, und mein Hals fühlte sich endgültig wie zugeschnürt an. Ich musste schlucken.
»Iris«, nahm ich wieder Anlauf, »ich will dich nicht entlassen – aber ich muss.«
Endlich war es raus! Ich hatte schon befürchtet, an dem Satz zu ersticken.
Iris öffnete den Mund ganz langsam, gerade so weit, dass man ein Radiergummi hätte hineinschieben können. Ich hörte kein Atmen mehr, es war völlig still im Raum. Ihre Augäpfel machten sich auf unheimliche Weise selbstständig, flogen wie nervöse Insekten von einer Seite zur anderen – als suchte sie einen Fixpunkt im Raum, wo in dicken Lettern eine Erklärung für das stand, was ihr gerade zustieß.
Dann saugte sie tief Luft ein. Ihre wild gewordenen Pupillen sahen auf einmal wässrig verschleiert aus. Dann nahmen sie mich ins Visier. »Susanne, du bist meine beste Freundin!«
»Ich bin als Ressortleiterin auch deine Vorgesetzte«, antwortete ich und musste mich anstrengen, dass meine Stimme nicht zitterte.
»Wir kennen uns seit einer Ewigkeit. Du kannst mich nicht einfach vor die Tür setzen wie einen verflixten Stapel Altpapier.«
Es stimmte, wir waren schon lange befreundet. Und genau genommen war sie nicht nur meine beste, sondern meine einzige Freundin. Mit Anfang zwanzig hatten wir uns in Hamburg auf der Journalistenschule kennengelernt, eine Wohngemeinschaft gegründet und abends oft zusammen am Elbufer bei Blankenese gehockt und Wein aus der Flasche getrunken. Und egal ob eine von uns in der Liebe einen Höhenflug oder eine Bruchlandung erlebte, immer war die andere mit von der Partie, freute sich mit, litt mit und wusste Bescheid.
Nach dem Studium war ich in Hamburg geblieben, ich hatte als Redakteurin bei einem angesagten Magazin angefangen, und sie war in die Provinz gegangen, wo sie nacheinander bei verschiedenen Regionalzeitungen arbeitete. Vor drei Jahren, fünf Tage vor meinem neununddreißigsten Geburtstag und am vorläufigen Ende meiner Karriere, war ich auf ihre Empfehlung als Leiterin des Lokalressorts zum Tagesboten nach Reinstadt gekommen. Ich war die erste Ressortleiterin überhaupt, ansonsten regierten Männer das Blatt.
Ich beugte mich ein Stück zu ihr vor. »Iris, Gleim hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Die Zeitung steht am Rande des Ruins, wir müssen sparen. Die anderen Kollegen haben Kinder und Familie. Die Sozialauswahl hat dich getroffen. Er wollte das so.«
Iris zog ein angeekeltes Gesicht, und eine ihrer dunklen Haarsträhnen rutschte ihr wieder auf die Nasenwurzel. »Du schießt deine eigene Freundin ab, nur weil es ein Affe im Sakko von dir verlangt? Und dir ist völlig wurscht, ob das richtig ist oder nicht?«
»Hätte ich denn sagen sollen: ›Iris ist unkündbar, denn sie ist meine Freundin!‹ Damit hätte ich mich als Führungskraft ja wohl total disqualifiziert.«
Sie wischte sich die Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ach, daher weht der Wind! Seit ich dich kenne, bist du scharf darauf, Chefredakteurin zu werden. Und am Jahresende hebt Rainer Mehl seinen fetten Arsch vom Chefsessel. Mit meiner Entlassung willst du dich also für den Job empfehlen.«
Es kostete mich einige Anstrengung, mir meine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. »Ich empfehle mich durch journalistische Arbeit für den Job.«
»Du hast jetzt drei Leute rausgeworfen! Wenn das journalistische Arbeit ist, dann ist Atombombenwerfen der reinste Pazifismus. Was hätte wohl dein Vater dazu gesagt?«
Dass sie ihn erwähnte, versetzte mir einen Stich. Ich hatte ihn über alles geliebt. Seit er gestorben war, als gebrochener Mann, lag ein Schatten über meinem Leben. »Und woran ist mein Vater kaputtgegangen? An seiner sozialen Ader! Er war zu weich für diese Welt.«
»Diesen Vorwurf kann dir jedenfalls keiner machen. Aber ich wette meinen Arsch darauf, dass die Kollegen den Aufstand proben. Jeder weiß doch, er kann der Nächste sein. Du wirst verflixten Ärger kriegen. Überleg es dir gut!«
»Iris, es bleibt dabei: Wir können deinen Arbeitsplatz nicht länger erhalten.«
Die Spannung wich aus ihrem Körper, sie sackte auf ihrem Stuhl zusammen. Ich stand auf, um zu signalisieren, dass unser Gespräch vorbei war. Sie folgte meinem Beispiel und wandte sich zum Gehen.
»Halt«, rief ich. »Du musst noch deine … ähm, diesen Brief mitnehmen.« Sie trat an meinen Schreibtisch und nahm die Kündigung. Ihr Pagenschnitt ragte leicht über das Kinn hinaus und sah jetzt aus wie ein leicht verrutschter Helm. Mit mechanischem Gang schleppte sie sich zur Tür, diesmal waren es vierzehn Schritte.
Ich schaute auf die Uhr. Sechs Minuten und dreiundzwanzig Sekunden waren seit meinem Anruf vergangen. Meine Finger waren taub und weiß. Ach ja, der Kugelschreiber. Ich ließ ihn los.
Ich hoffte, er würde nicht in seinem Büro sein. Ich hatte Angst vor ihm. Angst, dass er mir wieder zu nahekam. Angst, dass er seine ekligen Geräusche ausstieß. Angst, dass er wieder über mich herfiel, so wie damals. Ich war fünfzehn Jahre alt gewesen und wäre fast verblutet, damals im Wald. Seit dieser Zeit tat ich keinen Schritt mehr ohne mein Pfefferspray in der Handtasche, nicht einmal bei der Arbeit.
Es dauerte achtundsechzig Sekunden, bis ich in den dritten Stock hinaufgestiegen war. Durch die Glasfront im Flur fiel winterlich-schmutziges Licht, schwarze Wolken wucherten am Himmel und senkten sich immer tiefer auf die Stadt. Der Wetterbericht hatte für Anfang März noch mal einen Schneesturm versprochen, und er schien Wort zu halten. Die beiden Birken drüben vorm Rathaus schwankten wie Schiffsmasten auf hoher See. Die Passanten auf dem Gehsteig gingen...




