Welte | Marie | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

Welte Marie


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-9228-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 280 Seiten

ISBN: 978-3-7504-9228-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein 14-jähriges Mädchen läuft an einem kalten, verregneten Dezemberabend völlig aufgewühlt auf einer abgelegenen Landstraße, wird von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Der Fahrer flüchtet. Was treibt Marie an diesen gottverlassenen Ort? Warum hilft ihr keiner? Sieben Menschen haben schwere Schuld auf sich geladen. Wie gehen sie damit um? Ein packender Roman über Schuld und Sühne, Empathie und Menschlichkeit, erzählt aus verschiedenen Perspektiven, die nach und nach ineinandergreifen. Maries Schicksal spiegelt nicht nur das Verhalten der modernen Gesellschaft wider, sondern offenbart auch einen Blick auf die Abgründe der menschlichen Seele. Aber es gibt Hoffnung, denn Menschen können sich ändern. Aber wollen sie das auch?

Thomas Welte wurde 1971 in Ravensburg geboren. Nach seinem Lehramtsstudium widmete er sich dem Schreiben. Heute lebt und arbeitet der Autor am Bodensee. Bereits erschienene Bücher von Thomas Welte: Yannick (Roman), Geest-Verlag 2008 Ich habe vom Himmel geträumt (Anthologie), Geest-Verlag 2008 Anton und der Papst (Roman), BoD 2018 Max M. Häfele und der Millionendieb (Roman), BoD 2019
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Freitag


Cora


„Mama?“

Sie hasste es, bei ihrer Arbeit unterbrochen zu werden. Für einen Augenblick hielt sie inne und schaute auf. Sie lauschte, dann blickte sie wieder auf den Bildschirm und scrollte mit der rechten Hand nach unten.

„Mama!“ Die Stimme war nun fordernder geworden. Cora wusste, dass sie dem Drängen ihrer Tochter nicht mehr lange widerstehen konnte. Obwohl sie weiterhin auf den Monitor starrte, kamen die Bilder nicht mehr in ihrem Gehirn an.

„Mama!!“

„Was ist denn?“, zischte Cora.

Ruckartig sprang sie auf und strich sich ihre langen braunen, ungepflegten Haare aus dem Gesicht, während sie zielstrebig nach vorne stapfte. Schnaubend riss sie die Tür des Arbeitszimmers auf und trat auf den schmalen Flur im Obergeschoss des Hauses. Die Nachmittagssonne schien durch das kleine Fenster an der Westseite des Hauses und offenbarte den Weinfleck im hellen Teppichboden, den sie trotz aller Anstrengungen bis heute noch nicht rausbekommen hatte.

Wütend steuerte sie Maries Zimmer an und drückte die Klinke. Ihre Tochter lag mit einem rot gestrickten Pullover und einer engen schwarzen Hose mit dem Rücken auf dem Bett. Sie schien wenig überrascht, dass sie unangekündigt das Zimmer betreten hatte. Es war deutlich größer als das Arbeitszimmer und mit demselben blauen Teppich ausgelegt. Links stand der breite Kleiderschrank, den sie im vorigen Jahr im Internet für wenig Geld ersteigert hatte. Auf dem kleinen Schreibtisch unter dem Fenster befanden sich zwei Schulhefte, ein Wörterbuch, der Computerbildschirm und das Smartphone. Rechts daneben stand eine Stehlampe mit neongelben Schirmen, die sich schreiend vom sanften Blau der Vorhänge abhoben. Der weiß gepolsterte Stuhl in der Ecke ächzte unter dem Druck der wild durcheinanderliegenden Hosen und Oberteile der letzten Tage.

Cora ging energisch zum Fußteil des Bettes und blieb dann stehen. Sie stemmte ihre Arme in die Hüften und schaute Marie zornig an.

„Was willst du, Marie?“, fragte sie wütend. Cora hatte gelernt, ihren Unmut am besten zu zeigen, indem sie die einzelnen Wörter langsam und auffällig betont aussprach. Sie wusste um die Macht der Intonation und um deren Wirkung. Ihr Mann senkte nach ihren Demonstrationen gewöhnlich seinen Kopf, was sie innerlich stets erfreute. Auch bei Marie hatte es oft funktioniert.

Aber heute war es anders. Unangenehm lange hielt Marie ihrem Blick stand, bis ihre Tochter endlich die Augen abwandte.

„Was willst du“, fragte Cora erneut, dieses Mal um einen milderen Tonfall bemüht. Sie nahm ihre Arme aus den Hüften und spürte, wie sie sich augenblicklich etwas entspannte. Cora versuchte zu lächeln, aber es gelang ihr nur ansatzweise.

„Wann essen wir heute Abend?“ Maries Augen wanderten an ihr vorbei in den hellen Flur.

„Wann wir essen? Was soll die Frage?“ Coras Lippen begannen zu zittern. „Und deswegen hältst du mich von meiner Arbeit ab, weil du wissen willst, wann wir essen? Bist du noch bei Trost?“.

Marie drehte sich etwas nach rechts und starrte für einen Moment aus dem Fenster.

„Welche Arbeit?“, murmelte sie leise.

Unvermittelt wandte sie sich wieder ihrer Mutter zu. „Ich wollte nur fragen, ob wir heute früher essen können.“

Cora senkte den Blick und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Kurz ein-, langsam ausatmen. So hatte sie es gelernt. Als sie sich ruhiger fühlte, sah sie auf. Aber ein kurzer Blick in die Spiegeltür des Kleiderschranks verriet ihr, dass sie längst nicht so gelassen wirkte, wie sie es sich wünschte.

„Mein Fräulein“, begann sie und verfluchte sogleich, diese Anrede gewählt zu haben. „Wir essen wie immer um sechs, genauso wie wir mittags immer um 13.00 Uhr essen. Solltest du das mit deinen vierzehn Jahren immer noch nicht verstanden haben, dann tut es mir Leid für dich.

Und wenn wir schon beim Thema Arbeit sind ...“

Cora ging langsam um das Bett herum und baute sich seitlich vor Marie auf.

„Ich putze das Haus, koche und wasche die Kleidung meiner liebenswerten Tochter.“ Bei den letzten Worten verengten sich Coras Augen. Ihr rechter Zeigefinger deutete auf Marie. „Und was ist der Dank? Meine Tochter befielt mich in ihr Zimmer, nur um wissen zu wollen, wann wir essen! Wenn du das wissen willst, dann komm‘ verdammt nochmal zu mir!“

Cora hatte zuletzt ihre Fassung verloren, als ihr Mann sie nach durchzechter Nacht als Lügnerin und Nichtstuerin bezeichnete. Das war inzwischen einige Monate her. Damals hatte sie ein Glas gegen die Glasvitrine im Wohnzimmer geworfen, so dass neben dem Glas auch wertvolle Accessoires zu Bruch gingen. Sie spürte jetzt, dass sie wieder kurz davor war, vollständig die Kontrolle über sich zu verlieren. Deshalb bemühte sie sich, weiter ihre Atmung zu kontrollieren.

Marie richtete sich im Bett auf. Für einen Augenblick schien sie zu überlegen, was sie als nächstes sagen sollte. Sie öffnete den Mund, um ihn im nächsten Moment wieder zu schließen.

Rastlos wanderten ihre Augen im Zimmer umher, um dann auf Coras Gesicht zu ruhen.

„Kann ich heute früher essen?“, fragte sie leise und musterte dabei aufmerksam ihre Mutter. „Ich möchte zu Jenny und ...“

Cora lachte kurz auf.

„Junge Dame, du gehst die nächsten Abende nirgendwo hin. Ich dachte, darüber wären wir uns einig!“

Cora überlegte, ob sie sich auf das Bett ihrer Tochter setzen sollte, verwarf den Gedanken aber sogleich wieder.

„Aber Mama ...“, versuchte es Marie erneut. Sie saß nun kerzengerade im Bett und Cora sah, wie die scheinbare Gelassenheit ihrer Tochter mit jedem Atemzug schwand.

„Nix, aber Mama“, unterbrach sie Cora und verschränkte ihre Arme. Sie kostete nun ihre Überlegenheit aus. Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht, doch dann verhärteten sich wieder ihre Konturen und verliehen ihrem Gesicht die gewünschte Strenge.

„Wenn wir schon beim Thema sind“, fuhr Cora fort, „so ist es mit deiner Arbeitsmoral nicht weit hin. Oder wie erklärst du dir den Brief von Herrn Deuschle?“

Marie senkte ihren Blick. Mit der rechten Hand zupfte sie verlegen am Kragen ihres Pullovers.

„So einen Brief haben mehrere in der Klasse bekommen“, sagte ihre Tochter kleinlaut.

„Hör auf, Marie“, unterbrach sie Cora scharf.

„Hör auf, dich rauszureden! Dein Lehrer schreibt unmissverständlich, dass deine Leistungen in den letzten Monaten deutlich nachgelassen haben. Ich glaube nicht, dass ich nächste Woche zu ihm kommen müsste, wenn alles in Ordnung wäre.

Und hör endlich auf, meine Arbeit zu kritisieren.

Du hast ja keine Ahnung, was ich alles für euch mache!“ Ihre Stimme war nun heiser und schrill.

„Der Deuschle hat doch keine Ahnung“, schrie Marie plötzlich und fuchtelte wild mit ihren Händen. „Ständig hackt er auf mir rum! Ständig macht er mich blöd an! Er versteht mich nicht!

Keiner versteht mich!“ Ihre Stimme war beim letzten Satz zu einem beängstigenden Flüstern geworden. „Keiner versteht mich“, flüsterte sie erneut und schaute aus dem Fenster. Tränen liefen über ihre Wangen. Cora starrte Marie an.

Dann setzte sie sich auf den Rand des Bettes.

Widerwillig streichelte sie Maries linke Schulter, dann strich sie behutsam mit der Hand über ihre glatten Haare.

„Marie ...“, begann Cora zögerlich, „ich kann mir vorstellen, wie schwierig es für dich im Moment ist. Als ich in deinem Alter war ...“

Marie lachte höhnisch auf.

„Was wird das jetzt, Mama, ein Gespräch unter Frauen?“ Sie wischte sich ihre Tränen ab. „Ich glaube nicht, dass ich gerade in Stimmung bin, mit dir darüber zu reden.“

Cora nahm ihre Hand von Maries Haaren und faltete sie in ihrem Schoß. Dann richtete sie ihren Oberkörper auf. Die Bandscheibe schmerzte, deshalb stand sie auf und drückte ihren Rücken durch. Sie strich sich ihre dunkelblaue Bluse glatt und musterte ihre Tochter.

Cora war immer stolz auf ihre hübsche Tochter gewesen. Schon als Kind wurde Marie auf ihre fröhlichen Augen und ihre schönen Haare angesprochen. Wie sie früher auch, hatte Marie eine makellose Haut und gepflegte Hände. Für einen kurzen Moment schaute sie auf ihre eigenen Hände. Sie bemerkte den eingerissenen Fingernagel und die offenen Hautstellen am linken Handrücken. Maries Hände hingegen waren glatt und geschmeidig. Aber ihr Blick war inzwischen so leer und ausdruckslos geworden, dass es Cora fröstelte.

„Lass uns nicht weiter streiten“, sagte Cora beschwichtigend und ging zur Tür. Wenn du möchtest, reden wir heute Abend in Ruhe darüber. Wenn Papa da ist. In Ordnung?“

Marie antwortete nicht. Leise zog Cora die Tür hinter sich zu und ging ins Arbeitszimmer.

Schwerfällig setzte sie sich auf den Drehstuhl. Der Monitor war inzwischen auf den Standby-Modus...



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