E-Book, Deutsch, 160 Seiten
West Die Konkubine
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95530-248-1
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-95530-248-1
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Morris Langlo West wurde 1916 in St. Kilda, Australien geboren. Mit 14 Jahren trat er in den Orden der Christian Brothers ein, der Katholizismus beeinflusste West nachhaltig. 1937 schloss er sein Studium an der University of Melbourne ab und unterrichtete anschließend moderne Sprachen und Mathematik an den Klosterschulen des Ordens in New South Wales. 1942 verließ er den Orden und kämpfte etwa zu dieser Zeit auch im Zweiten Weltkrieg, bis er 1943 Sekretät des früheren australischen Premierministers, Billy Hughes, wurde. Während seiner Zeit bei der Armee schrieb er ein Buch über sein Leben im Kloster, das er 1945 unter dem Pseudonym Julian Morris veröffentlichte. Etwa zur Zeit des Kriegsendes arbeitete er für den australischen Rundfunk, nachdem er jedoch wegen eines Zusammenbruchs ein Jahr im Krankenhaus gelegen hatte, verkaufte er sein Unternehmen und arbeitete fortan ausschließlich als Schriftsteller. Sein erster Gedichtband erschien 1955, gefolgt von den erfolgreichen Romanen 'Gallows on the Sand' im selben Jahr und 'Kundu' ein Jahr später. Mit dem Geld, das er mit den Romanen verdiente, reiste er ins Ausland und lebte einige Zeit in Österreich, Italien, England und den USA. Viele seiner Bücher sind von seiner Zeit in Italien inspiriert. Erst 1980 kehrte er nach Australien zurück. Wests Bekanntheit wurde durch einige Verfilmungen seiner Bücher noch gesteigert. Viele seiner Werke behandeln ethisch-religiöse Konflikte oder haben politische Brisanz. Am 9. Oktober 1999 starb Morris West in Sydney.
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1
Als er erwachte, war es früher Nachmittag.
Das erste, was er sah, war der altmodische Ventilator, der langsam und völlig wirkungslos in der stickigen Luft rotierte. Er verursachte nicht den geringsten Luftzug, sondern nur ein schläfriges Summen, als wäre die Spindel abgenutzt und müßte geölt werden. Dann erkannte er das Sonnenlicht, das durch die Ritzen der Jalousien aus Spanisch Rohr hereindrang.
Das reichte fürs erste.
Er lag in einem Bett, in einem Zimmer mit Ventilator. Und es war Tag. Alles andere konnte warten, bis er wieder bei Kräften war, um sich damit auseinanderzusetzen. Er schloß die Augen wieder. Seine Zunge war trocken, und er hatte einen bitteren, metallischen Geschmack im Mund. Seine Haut hingegen war feuchtkalt und roch durchdringend. Als er versuchte, sich zu bewegen, zeigte es sich, daß seine Muskeln schlaff waren und nicht so recht gehorchen wollten.
Ihm fiel ein, daß er Fieber gehabt hatte.
Müßig sann er darüber nach, wie lange der Anfall gedauert hatte und ob jemand gekommen war, sich um ihn zu kümmern. Irgend jemand mußte das getan haben. Man hatte ihn ausgezogen, denn er lag nackt unter dem Leintuch. Irgendwie erinnerte er sich an Stimmen und daran, daß jemand ihm die Stirn abgetrocknet und den Kopf hochgehalten hatte, während ihm jemand anders ein Glas an die klappernden Zähne hielt. Hände und Stimmen, aber keine Gesichter und keine Namen.
Vorsichtig schlug er die Augen auf, und er drehte den Kopf. Er sah ein Nachtschränkchen aus rotem geschnitztem Holz, darauf einen halbvollen Krug mit Wasser und ein großes Glas. Er stemmte sich hoch, bis er saß, und schenkte sich Wasser ein. Seine Hand zitterte, der Krug klirrte gegen das Glas und etwas Wasser schwappte auf die Tischplatte. Das Wasser war eine Enttäuschung. Es war warm und fade, und auch den bitteren Geschmack hatte er noch im Mund, nachdem er getrunken hatte. Er stellte das Glas wieder hin und sah sich im Zimmer um: ein schmales Flügelfenster mit der Jalousie aus Spanisch Rohr davor, weiße Wände, ein Schrank, eine Frisierkommode und ein Schreibtisch – alles aus dem gleichen roten Holz; ein Stuhl aus Flechtwerk, darauf ein Kissen mit Batikbezug; zwei Türen, an einer davon ein gerahmter Anschlag.
Jetzt fiel ihm alles übrige wieder ein.
Er war in einem Hotel – dem Tanjil-Hotel in Djakarta. Er war von Pakanbaru auf Sumatra hierhergeflogen, und das Fieber hatte ihn ganz unversehens eine Stunde nach seiner Ankunft gepackt – eine zermürbende, zähneklappernde Agonie, die in Dunkelheit geendet hatte. Er hieß Mike McCreary, und er war ein Öl-Mann ohne Job.
Er trank noch ein Glas Wasser, schlug dann das Laken zurück, ließ sich aus dem Bett gleiten und hielt sich so lange am Nachtschränkchen fest, bis der erste Schwindel vorüber war. Dann ging er langsam über den glänzenden Fußboden zum Badezimmer hinüber. Aus dem Rasierspiegel starrte ihn ein ausgemergeltes gelbes Gesicht entgegen: ein irisches Gesicht mit leuchtenden, pfiffigen, tief in den Höhlen liegenden Augen, einer neugierigen Nase und einem dünnen Mund, der einnehmend grinsen konnte, wenn er glücklich war, und wie ein Tellereisen geschlossen blieb, wenn ihn etwas bedrückte wie jetzt.
Denn McCreary lag praktisch auf der Straße, war völlig pleite, und viele Tausend Meilen von seiner irischen Heimat entfernt.
Mit unsicherer Hand rasierte er sich sehr sorgfältig und rieb sich hinterher mit einer After-Shave-Lotion das Gesicht ein. Dann drehte er die Dusche auf, stand lange unter der Brause, seifte sich ein und spülte den Schaum fort, bis der Fiebergeruch von seiner Haut verschwunden war und er sich wieder frisch fühlte. Anschließend kehrte er ins Schlafzimmer zurück, rubbelte sich mit dem Handtuch ab und stand dabei nackt unter dem träge sich drehenden, leise summenden Ventilator. Kaum war er trocken, trieb die brütende Hitze ihm wieder den Schweiß aus allen Poren; nach einer Weile gab er es auf, sich zu frottieren, zog sich an und pfiff dabei die nicht ganz richtige Melodie von »The Raftery Little Red Fox«, einem Lied, das die Flößer daheim in der Grafschaft Kerry sangen, unbeschwerte Männer, die immer auf der Walze waren genauso wie er selbst.
Es wurde an die Tür geklopft. McCreary hörte auf zu pfeifen und rief: »Herein!« Die Tür ging auf, und Hauptmann Nasa trat ein.
Nasa war ein kleiner, gedrungener Javaner mit einem verzerrten Lächeln und einer sanften Stimme. Er trug einen grauen Tropenanzug von militärischem Schnitt und dazu einen schwarzen, schief auf seinem Kopf sitzenden Fez. Er schloß die Tür hinter sich und verneigte sich steif.
»Guten Tag, Mr. McCreary.«
McCreary sagte: »Guten Tag«, und ließ sich nicht dabei stören, seine Krawatte zu binden. Hauptmann Nasa holte eine Zigarette hervor, klopfte sie auf dem Daumennagel zurecht und zündete sie sich an. Durch den Rauch hindurch grinste er McCreary an.
»Sie sind ziemlich krank gewesen, mein Freund. Wie fühlen Sie sich jetzt?«
McCreary zuckte mit den Achseln.
»Ich weiß es noch gar nicht richtig. Ich bin eben erst aufgestanden.«
»Fühlen Sie sich schwach?«
»Was erwarten Sie sonst?«
Hauptmann Nasa lächelte, schnalzte mit der Zunge und nahm noch einen Zug aus der Zigarette.
»Morgen werden Sie sich besser fühlen.«
»Hoffentlich«, sagte McCreary ohne rechte Überzeugung.
»Dann hole ich Sie morgen mittag ab und begleite Sie hinaus zum Flugplatz.«
McCreary drehte sich langsam um und baute sich vor ihm auf.
»Sie haben es eilig, mich loszuwerden, was?«
»Der Ausweisungsbefehl ist bereits seit einigen Tagen in Kraft«, erklärte Nasa glatt. »Ich habe den Auftrag, ihn so rasch wie möglich zur Durchführung zu bringen. Und bis dahin…« Er betrachtete den Rücken seiner kleinen braunen Hände. »…bis dahin wäre es mir sehr lieb, Sie würden das Hotel nicht verlassen. Es ist für einen Europäer nicht ratsam, sich in dieser Stadt zu bewegen, wenn seine Papiere nicht in Ordnung sind.«
»Das kann ich mir vorstellen«, erklärte McCreary.
»Dann also bis morgen mittag?«
»Ich werde Sie erwarten.«
»Guten Tag, Mr. McCreary.«
»Sie können mich mal, Hauptmann«, sagte McCreary leise.
Nasa verneigte sich nochmals und verließ leichtfüßig und gewissermaßen auf Zehenspitzen wie ein Tänzer das Zimmer. McCreary wartete, bis die Tür sich hinter seinem Besucher geschlossen hatte, dann tat er sich keinen Zwang mehr an und stieß einen Schwall von saftigen Flüchen aus. Nasa war Polizeibeamter – der Vertreter von Recht und Ordnung –, aber das Gesetz ging seltsame Wege in dieser weit verstreuten, eigenartigen Republik aus dreitausend Inseln mit ihren neunundsiebzig Millionen Seelen. Es funktionierte besser, wenn man das Getriebe ein wenig ölte. Nur bestanden McCrearys Habseligkeiten aus nichts weiter denn einem Flugticket nach Singapur und einem Monatslohn in indonesischen Rupiahs – sowie dem sprichwörtlichen Glück der Iren.
Mit dem Flugticket wurde er von einem Gestade zum anderen getragen. Von den Rupiahs konnte er zwanzig Prozent abschreiben, wenn sie erst einmal durch die Hände der Wechselhaie gegangen waren. Und das sprichwörtliche Glück der Iren schien ihn verlassen zu haben.
McCreary zog sein Jackett über, ging in die Halle hinunter und bestellte sich dort einen Gin-Sling sowie eine Strait Times. Er fand, es sei an der Zeit, sich nach einem Job in Singapur umzusehen. Doch noch ehe er die Zeitung überhaupt aufgeschlagen hatte, wußte er daß er nur seine Zeit verschwendete. Singapur, Saigon Bangkok, Hongkong – Durchgangsstationen, Lumpenstädte. Dort war nichts für ihn zu holen.
Es war überhaupt nirgends etwas für ihn zu holen, außer dort, wo die riesigen Stahlskelette in den Himmel ragten und knirschendes Bohrgestänge sich durch tiefe Bodenschichten und Felsen hindurch in den schwarzen Sand hineinfraß, in das Eingeweide der Erde. Er war ein Öl-Mann, kein Bürohengst oder eine Krämerseele. Er war Bohrfachmann, und sein Platz war hier, auf den Inseln, oder drüben in Amerika, oder in Neuguinea, höchstens noch am Rand der australischen Wüste.
Öl – das war jedoch ein tückisches Geschäft, ein politisches Geschäft. Ihrer Konzessionen wegen waren die großen Gesellschaften auf die Gunst ausländischer Regierungen und auf die kostspielige Zusammenarbeit mit den Beamten der örtlichen Behörden angewiesen. Man ließ lieber die Finger von einem Mann, der es nicht fertigbrachte, sich und seine Fäuste zu beherrschen und den Mund zu halten. Nach dieser Geschichte in Pakanbaru konnte er Gift drauf nehmen, daß sein Name auf der Schwarzen Liste stand; ihm blieb nichts anderes übrig, als sich an die kleineren Firmen zu halten, die sich in den Randgebieten auf riskante Unternehmungen einließen – vorausgesetzt, es gelang ihm, dorthin zu kommen.
Er gab es auf, die Anzeigen durchzusehen, und wandte sich einem halbseitigen Artikel über die neue Fächertänzerin zu, die im »Golden Dragon« auftrat. Doch selbst eine eurasische Fächertänzerin vermochte nicht, ihn von den Drinks, der drückend feuchten Treibhausluft und dem Summen der Ventilatoren loszureißen. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, und die schwülstige Prosa des Schreiberlings aus Singapur ergab überhaupt keinen Sinn für ihn.
Dann drang eine Stimme an sein Ohr, eine...




