Wildgans | Vino Rosso | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Wildgans Vino Rosso


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86358-369-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-86358-369-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
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Rosi Holzwurm, Putzfrau in Limone sul Garda, findet bei ihrem Kunden Otto Simon eine Bratsche von einem Geigenbauer namens Gasparo da Saló. Simon bittet Rosi in einem beiliegenden Brief, sie möge das Instrument einer alten Dame zurückbringen, doch die alte Dame liegt nach einem brutalen Unfall im Krankenhaus. Wenig später wird Simon tot aus dem Gardasee gefischt. Warum musste er sterben? Und weshalb wird Rosi von einem dubiosen Hausmeister und einem undurchsichtigen Antiquitätenhändler aus Malcesine verfolgt? Als Rosi erkennt, dass gewisse Leute für diese Bratsche über Leichen gehen, ist es fast zu spät ...

Roswitha Wildgans, Jahrgang 1963, studierte an der Musikhochschule München Gesang. Neben solistischen Tätigkeiten war sie Mitglied in verschiedenen Profichören und arbeitete mehrere Jahre als Gesangspädagogin an einer Musikschule. Sie lebt mit Mann und Kind in der Nähe von Freising.
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1

»Putzagentur Rosi Holzwurm«, meldete ich mich geschäftsmäßig am Handy.

»Spreche ich mit der Chefin?«, fragte eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

»So ist es. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich brauche eine Putzfrau für meine Wochenendwohnung in Limone. Ich erwarte Zuverlässigkeit und deutsche Gründlichkeit, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Selbstverständlich. Ich überprüfe die Sauberkeit in unseren Objekten immer höchstpersönlich«, versicherte ich.

»Wann können Sie vorbeikommen, damit ich Sie einweisen kann?«, fragte der Herr.

»Frühestens um vierzehn Uhr«, antwortete ich.

»Vierzehn Uhr ist gut, aber seien Sie pünktlich. Ich muss heute noch zurück nach München. Mein Name ist Otto Simon, Via Tamas 22.«

»In Ordnung, Herr Simon, also dann bis später«, verabschiedete ich mich und steckte das Handy zurück in die Rocktasche meines lila-blassblau geblümten Putzkittels. Der Besen, den ich während des Gesprächs zur Hälfte unter dem Kinderbett der Ferienwohnung hatte liegen lassen, brachte einen halben Pfannkuchen, zwei angebissene Schokoriegel und eine benutzte Windel zutage. Gut gelaunt packte ich den Abfall in den großen Müllsack und marschierte mit schwingendem Putzlappen in das kleine Badezimmer. Der Tag hatte optimal begonnen, ich hatte soeben den Auftrag für meine vierte Privatwohnung ergattert. Die meist gehoben ausgestatteten Zweitwohnsitze wohlhabender Münchner waren mir entschieden lieber als die mit Eis und Nutella beschmierten Ferienwohnungen, in denen ich nach Abreise der Urlauber die Endreinigung durchführte, aber irgendwie musste man sich ja über Wasser halten. Wenn das Geschäft weiter so florierte, würde ich bald nur noch luxuriöse Zweitwohnungen putzen. Rosi, sagte ich mir, du bist auf der Erfolgsspur.

Vor drei Monaten hatte ich kurz nach meinem Umzug von München nach Limone meine eigene Firma gegründet. Ich hatte überall Werbe-Flyer ausgelegt und eine große Anzeige in die deutschsprachige Gardaseezeitung gesetzt. Bereits zwei Wochen später engagierte mich ein Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung zur regelmäßigen Reinigung seiner noblen Zweitwohnung in Limone. Wenige Tage darauf nahm mich eine Ärztin aus Starnberg für ihr Luxusapartment in ihre Dienste, und noch am selben Tag stellte mich ein Münchner Professoren-Ehepaar an, das eine wunderschöne Wohnung in Malcesine besaß. Leider blieb es erst einmal bei den drei Privatkunden, sodass ich bis jetzt nicht ohne meinen Job bei der Ferienwohnungsvermietung ausgekommen war. Das würde sich alles noch ändern!

Ich säuberte die verschmierte Küchenzeile, öffnete die Terrassentür und wischte anschließend den Boden. Das warme Putzwasser sorgte für ein subtropisches Klima in der Wohnung, die Tageshöchsttemperatur an diesem Junitag würde die Dreißig-Grad-Marke mit Sicherheit noch überschreiten.

Nach getaner Arbeit ließ ich mich zur Erholung ein paar Minuten auf dem Liegestuhl der kleinen Terrasse nieder und schloss die Augen in der Sonne. Was wohl Adriano gerade tat? Wahrscheinlich schlang er in der Küche seines Ristorante schnell einen Teller Pasta in sich hinein und kümmerte sich anschließend sofort wieder um seine Gäste. Das Ristorante »Da Adriano« an der Uferpromenade von Limone war von April bis Oktober fast durchgehend rappelvoll. Mittags kamen die Leute zum Essen und am Nachmittag auf ein Eis oder auf einen Cappuccino. Später traf man sich dort zum Aperitivo, natürlich gefolgt vom Abendessen. Zu fortgeschrittener Stunde konnte man seinen Schlummertrunk bei Adriano einnehmen, die vorbeiflanierenden Leute beobachten oder den romantischen Blick auf die sich spiegelnden Lichter im See genießen. Mein armer Adriano war immer am Arbeiten.

Von der Sonne geblendet schaute ich auf meine Armbanduhr. Ausgeträumt, Rosi, dein neuer Kunde erwartete dich in einer Viertelstunde. Ich holte eine Bürste aus meiner Handtasche, frisierte meine vom Schweiß feuchten Haare und band sie vor dem großen Schrankspiegel zu einem strengen Zopf zusammen. Skeptisch blickte ich nach unten. Entweder ich hatte den Putzkittel zu heiß gewaschen oder meine achtzig Kilo hatten sich heute irgendwie ungünstig verteilt, jedenfalls spannte der Kittel etwas um die Hüften. Was soll’s, Adriano würde mir auf dem Weg in die Via Tamas sicher nicht begegnen, er musste ja arbeiten.

Ich räumte die Putzsachen auf, brachte die Schlüssel zur Hausverwaltung und schwang mich auf meine hellblaue Vespa, dann knatterte ich den Berg hoch zur Via Tamas 22. Die Sonne knallte erbarmungslos auf den Teer, sodass die Luft leicht flimmerte. Ich musste mich zur Konzentration auf die Straße zwingen, um mich nicht in dem immer atemberaubenden Blick auf den tiefblauen Gardasee zu verlieren. Die Schönheit dieser mediterranen Landschaft zu Fuße des Monte Baldo zog mich auch noch nach drei Monaten unvermindert in ihren Bann.

Das weiß getünchte, zweistöckige Haus mit der Nummer 22 lag fast am Ende der Via Tamas und schien neueren Baujahres zu sein. Ich stellte die Vespa neben der Haustür ab und drückte auf den Klingelknopf neben dem obersten rechten Namensschild.

»Frau Holzwurm?«, erklang eine Stimme aus der Gegensprechanlage.

»Jawohl«, antwortete ich, und sofort ertönte der Summer. Ich drückte die Haustür auf und fuhr mit einem kleinen Lift in den zweiten Stock.

Herr Simon stand vor seiner Wohnung und erwartete mich.

»Pünktlich auf die Minute«, bemerkte er zufrieden und gab mir die Hand. Ich schätzte ihn auf Mitte dreißig, also etwa in meinem Alter. Der gepflegte Mann mit dem kurzen dunkelblonden Haar trug bei dieser Affenhitze tatsächlich einen hellgrauen Anzug, die oberen Knöpfe seines Hemdes waren jedoch geöffnet.

»Die Handwerker haben am Vormittag die Schrankwand im Schlafzimmer eingebaut und eine Menge Dreck hinterlassen«, kam Herr Simon gleich zur Sache und führte mich durch einen kleinen hellen Flur ins Schlafzimmer. »Ich bin Weinhändler und komme am Donnerstag nach Limone zurück. Können Sie dafür sorgen, dass die Wohnung bis dahin wieder in einem bewohnbaren Zustand ist?«

»Kein Problem, Herr Simon«, antwortete ich souverän, während ich überrascht zur Kenntnis nahm, dass Herr Simon ein breites Wasserbett in seinem Schlafzimmer hatte. Er führte mich weiter in das geräumige Wohnzimmer, das ziemlich mondän möbliert war. Eine runde, champagnerfarbene Ledercouch wand sich um einen Tisch aus Milchglas, daneben stand eine große Designerstehlampe aus glänzendem Chrom.

»Es fehlen noch Bücher und einige andere Kleinigkeiten«, erklärte er, als er meinen Blick auf die leeren Regale bemerkte. »Kommen Sie mit, Frau Holzwurm, ich zeige Ihnen, weswegen ich diese Wohnung gekauft habe«, sagte er mit fast kindlicher Freude im Gesicht, dann öffnete er die zwei großen Fenstertüren am Ende des Wohnzimmers und trat mit mir auf den Balkon.

»Ist das nicht überwältigend?« Stolz präsentierte er die grandiose Aussicht über die Dächer von Limone auf den See. »Als Kind bin ich jedes Jahr mit meinen Eltern am Gardasee gewesen, etwas südlicher, in Salò«, fuhr er fort. »Es kommt mir fast so vor, als wäre ich hier schon lange zu Hause. Die Luft ist ganz anders als in München, weich und voller Blumenduft, man fühlt sich leicht und beschwingt. Nach dreieinhalb Autostunden ist man in einer anderen Welt.«

Das habe ich auch immer so empfunden, dachte ich bei mir. Herr Simon führte mich weiter in die große Küche mit nigelnagelneuer weißer Einbauküche. Nicht schlecht, war mein erster Eindruck, aber an die Küche von meinem Musikkritiker in Limone kam sie nicht heran.

»Dann hätten wir noch das Badezimmer, wenn Sie mir bitte folgen wollen.«

Herr Simon öffnete eine weitere Tür, die vom kleinen Flur ausging. Großer Gott, das war ja gigantisch! Mitten im Raum stand eine überdimensional große Whirlpoolwanne, zu deren Einstieg eine helle Marmortreppe führte. Das gesamte Bad war im selben hellen Marmor gehalten, die durch das runde Fenster hereinscheinende Sonne ließ die goldenen Armaturen funkeln.

»Sehr schön«, sagte ich mit unterdrückter Begeisterung.

»Im Keller steht eine Waschmaschine für alle Hausbewohner, ich erwarte, dass Sie sich auch um die Handtücher und um die Bettwäsche kümmern, Frau Holzwurm. Am besten gehen wir gleich einmal hinunter«, schlug Herr Simon vor.

»Wie sind Sie eigentlich auf meine Putzagentur gekommen, wenn ich fragen darf?«, erkundigte ich mich auf dem Weg ins Untergeschoss.

»Der Wirt von ›Da Adriano‹ hat Sie empfohlen«, entgegnete Herr Simon.

Adriano! Er hatte tatsächlich an mich gedacht.

»Der Schlüssel für die Haustür passt auch im Keller«, erklärte mir mein neuer Kunde weiter, während er eine schwere weiße Tür aufsperrte. »Hier stehen Waschmaschine und Trockner, und da vorne ist mein Kellerabteil, in dem Sie Ihre Putzsachen deponieren können. Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, dass ich diese Dinge nicht in der Wohnung haben will.«

»Natürlich, Herr Simon«, antwortete ich eifrig.

»Der Schlüssel im Vorhängeschloss steckt, es ist ja auch noch nichts drin. Ich dachte, dass es Ihnen vielleicht lieber wäre, wenn Sie Ihre Putzutensilien selbst besorgen«, fuhr er fort.

»Sehr vernünftig.« Ich nickte.

»Dann gehen wir wieder nach oben und regeln das Geschäftliche. Ich möchte, dass Sie mir einmal pro Woche jemanden schicken, aber bitte nur zwischen Montagmorgen und Mittwochnachmittag«, instruierte er mich.

Im Lift überreichte ich ihm eine Visitenkarte meiner Putzagentur. »Gehobene Objekte wie das Ihre übernehme ich selbst, Herr Simon. Wenn ich Ihnen Lebensmittel einkaufen soll, brauchen Sie mich nur...


Roswitha Wildgans, Jahrgang 1963, studierte an der Musikhochschule München Gesang. Neben solistischen Tätigkeiten war sie Mitglied in verschiedenen Profichören und arbeitete mehrere Jahre als Gesangspädagogin an einer Musikschule. Sie lebt mit Mann und Kind in der Nähe von Freising.



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