E-Book, Deutsch, 281 Seiten
Wimmer Ich bin der neue Hilmar und trauriger als Townes
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86337-130-2
Verlag: Weissbooks Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Kulturgeschichte der deutsch-texanischen Beziehungen, eine politische Autobiographie, die Poetikvorlesung eines leidenschaftlichen Sprachspielers, abenteuerliche Rezensionsreisen zu Songs, Filmen und Büchern...
E-Book, Deutsch, 281 Seiten
ISBN: 978-3-86337-130-2
Verlag: Weissbooks Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Wimmer, geboren 1968 in Mühldorf am Inn. Studium, Stationen als internationaler Top-Manager. Büroleiter des Frankfurter Oberbürgermeisters. Engagiert in der linken Denkfabrik Institut Solidarische Moderne und der Kulturpolitischen Gesellschaft. Seit Jahren unterwegs als Songwriter, dj, Kabarettist und Autor.
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Dérive
sagt René Viénet.
Und wer sagt: »Ich bin der neue Hilmar Hoffmann und ich schreibe traurigere Song Lyrics als Townes Van Zandt«? Mein kulturpolitisches Programm ist, dass jeder Mensch imstande ist, ein Buch wie dieses hier zu verfassen. Dass jeder Mensch die Bildung dazu erhält, die freie Zeit, die finanziellen Mittel, die technische Ausrüstung, das Netzwerk an Freunden, die ästhetischen Erfahrungen in allen Bereichen der Kunst, die Freiheit, in Raum und Zeit zu reisen, dass die allgemeine Anarchie es zulässt, im öffentlichen Diskurs private Leidenschaft zu pflegen. Jeder Mensch, Kultur von allen, darunter mache ich es nicht. Bummeln, träumen, lernen, leben, lieben.
Für euch, die ihr begeistert seid von den Geschichten, die sich in der Bohème von Schwabing und im Quartier Latin, in Haight-Ashbury und Greenwich Village, in Soho und Kreuzberg abspielten, wenn ihr Worte liebt und den Tanz, den Rausch und die Liebe, dann müsst ihr euch mit Luckenbach, Texas beschäftigen.
To drift? Dérive? In Frankfurt wird nicht abgeschwiffen. Ostern geht man spazieren. Tarzan flaniert am Main. In der zweiten Ausgabe der Zeitschrift der Situationistischen Internationale, einer künstlerischen Bewegung der 60er, die dem Ausgeliefertsein an das Spektakel der kapitalistischen Gesellschaft die Herstellung einer wahrnehmungsintensiven Situation als ästhetisches Konzept gegenüberstellt und der auch René Viénet angehörte, schrieb dagegen deren Vordenker Guy Debord 1958: Das werden wir mit Landschaften aus Text und Musik und Film und Kunst und Politik und Liebe versuchen.
Dem dérive verwandt sind in der europäischen wie amerikanischen Folkmusik die Figuren des drivens und des driftens. Der fahrende Sänger, der Troubadour, der Vagant, der lachende Vagabund, der Tramp, der Hobo. Der Fahrtwind weht uns ins Gesicht: »
Ein Bandit ist immer in Bewegung. Er reitet. Er schleicht. Er ramblet und gamblet. Banditen leben draußen. Im Walde von Toulouse. Im Llano estacado. Rebellen müssen sich verstecken, hangeln sich bei Verbündeten und Eingeweihten und Fans durch. Der bayrische Wilderer Jennerwein, ein Schütz in seinen besten Jahren, hangelt sich von Alm zu Alm durch: Auf den Bergen ist die Freiheit, auf den Bergen ist es schön. Jenny schart Piraten um sich von einem Schiff mit acht Segeln. Brechts Hannah Cash, Johnnys Rosanne Cash und die Caroline aus Tecumseh Valley, alles eine Mischpoke. Robin Hood hatte den dicken John. Und Willie Nelson den Waylon Jennings. Oder sie organisieren sich gleich eine Bande. Oder eine Band. Ihr Zuhause ist der Wald, der Pfad. Im Tourbus sind sie unterwegs, lagern auf Lichtungen. Outlaws leben außerhalb des Gesetzes. Highwaymen folgen nicht den Gesetzen von Nashville. Banditen leben draußen, raumgreifend unter weitem, offenen Himmel. Sie wollen sichtbar werden, brauchen eine Plattform, die Bühne und Zuschauer. Revoluzzer müssen Taten vollbringen. Postkutschen überfallen. Solos gniedeln. Sie sind Tatmenschen. Sie suchen den Marktplatz, retten mit einem geglückten Schuss durch das Seil in letzter Sekunde ihren Kumpan vom Galgen. Flageolett!
Getrieben werden ist das Gegenteil von etwas in Bewegung setzen. Ich habe in meinem Leben nichts erreicht. Keinen Samen gesät. Keinen Baum gepflanzt. Keine Schule begründet. Kein Haus gebaut. Kein Vermögen angesammelt. Kein Kind gezeugt. Ich war niemandem ein Vorbild. Der kulturelle Fußabdruck meines Lebens geht voll in Ordnung: , singt Jerry Jeff Walker in »Hill Country Rain«, seinem definitivem Statement zum texanischen Lebensgefühl.
Wim Wenders hat »Paris, Texas« im Kino ein Denkmal errichtet und das »Dallas« der Ewings wurde zur TV-Ikone. Die Geburtsstunde der alternativen Countrymusik schlägt jedoch in einem Zwei-Einwohner-Kaff, gegründet 1849 von der deutschen Pfarrerstochter Minna Engle und benannt nach ihrem Mann Albert Luckenbach. Waylon Jennings brachte mit seinem gleichnamigen Lied das deutsche Dorf auf Nummer Eins der amerikanischen Hitparade:
1971 kauften der Poet Hondo Crouch und seine deutschstämmige Frau Shatzie den Ort und machten die drei Holzhütten zum Mekka der musikalischen Außenseiter und Späthippies. In einem alten Schuppen wurde dem polierten Nashville-Schlager mit Marihuana und freier Liebe zu Leibe gerückt. Unabhängig von den großen Plattenkonzernen entstanden mit mobilen Aufnahmegeräten am Lagerfeuer so die ersten selbstgefrickelten Home Recordings.
Der wahltexanische Liedermacher Jerry Jeff Walker aus New York erfand hier eine Ausdrucksform, die sich zum Hitparaden-Country aus Nashville ungefähr so verhielt wie die Biermösl Blasn zum Musikantenstadl. Für den Laien klang das oberflächlich erst mal ähnlich. Aber dann fiel auch dem Rockpublikum auf, dass Walkers tiefsinnige Texte und die feinfühlige Steel-Guitar von Lloyd Maines jeden Kitsch vermieden und das Genre neu belebten. Papa Maines vererbte das Talent an seine Tochter Natalie weiter: Dreißig Jahre später machte sie als Sängerin der Dixie Chicks Furore. Kürzlich wurden sie mit fünf Grammys geadelt. Warnung: Ihr »An Evening with the Dixie Chicks« kann selbst Hartgesottenen den Tanzwolf in die Beine und die Tränen in die Augen treiben.
»Blue eyes cryin’ in the rain« ist ein Lied von Fred Rose, das schon Hank Williams interpretiert und Willie Nelson bekannt gemacht hat. Es ist das letzte Lied, das Elvis vor seinem Tod gesungen hat. Nach diesem Muster sind zwei höchst amüsante Songs gebaut: »What would Willie do?« vom Texaner Bruce Robison. Und der texanische Songwriter Robert Earl Keen hat eine brillante Version von »Are You Sure Hank Done It This Way?« aufgenommen, einem Song von Waylon Jennings, der 1976 zusammen mit Willie Nelson eine LP mit dem Titel »Wanted: The Outlaws« veröffentlichte, die als erste Country-Schallplatte überhaupt mit Platin für mehr als 1 Million verkaufter Exemplare ausgezeichnet wurde. Schallplatten damals bestanden aus Vinyl, auch bekannt als PVC, ein Kunststoff, der durch Polymerisation aus Erdöl und Salz gewonnen wird.
Gut erhaltenes Vinyl aufzuspüren, das ist dem Plattensammler Aufgabe und Freude. Während meines Zivildienstes in der Gärtnerei einer Behindertenwerkstätte hat unser Koch mich ein paar Mal mitgenommen zu einem Treffen seiner Blues-Freunde. Ich erinnere mich an vier ältere Herren in gemusterten Pullovern, eine Wohnung in Haar, Glühbirnen an der Decke, karge Möbel und 50 000 LPs, hochgeschichtet an allen Wänden der Wohnung inkl. dem Zimmer, das anderswo eine Küche geworden wäre. Angeblich auch im Schlafzimmer, das ich als Novize nicht betreten durfte, da dort die Raritäten standen. Ab und an zauberte der Gastgeber, ein Siemens-Ingenieur, eine Scheibe dort raus, zelebrierte sie auf den Plattenspieler, und alle, der Zivi, der Koch mit dem Sprachfehler, sein schmuddeliger Bruder, der verkrümmte Radioredakteur, lauschten Uraltem, Obskurem, Abgefahrenem, Grandiosem.
Dann der Initiationsritus. Wie reagiert der Grünschnabel auf diesen texanischen Verrückten, der Countrylieder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu Synthesizerklängen – jodelt? Randy Erwin jodelte mir dort das erste Mal den »Lovesick Blues« um die Ohren. Kann sich jemand vorstellen, welches Glücksgefühl mich Jahre später durchzuckte, als die Scheibe bei einem Plattenladen in der...




