Wolf Die Nonnen von Sant'Ambrogio
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-406-64523-5
Verlag: C.H.Beck
Format: PDF
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine wahre Geschichte
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-406-64523-5
Verlag: C.H.Beck
Format: PDF
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hubert Wolf, geb.1959, ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster. Er wurde u.a. mit dem Leibnizpreis der DFG, dem Communicator-Preis und dem Gutenberg-Preis ausgezeichnet und war Fellow am Historischen Kolleg in München.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Christentum, Christliche Theologie Christliche Kirchen, Konfessionen, Denominationen Christliche Orden und Vereinigungen, Ordensgeschichte, Mönchstum
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Mentalitäts- und Sozialgeschichte
- Geisteswissenschaften Christentum, Christliche Theologie Kirchengeschichte
Weitere Infos & Material
1;Cover;1
2;Titel;2
3;Zum Buch;3
4;Über den Autor;3
5;Impressum;4
6;Inhalt;5
7;Dramatis personae;9
8;Prolog: «Rette, rette mich!»;13
9;Erstes Kapitel: «Solche Schändlichkeiten» Katharina von Hohenzollern erstattet Anzeige bei der Inquisition;17
9.1;Rom als himmlisches Jerusalem;17
9.2;Ein Damaskuserlebnis und seine Folgen;22
9.3;Eine römische Klosteridylle;29
9.4;Rettung aus der Klosterhölle;33
9.5;Anzeige aus Gewissenspflicht;36
9.6;Das Geheimnis von Sant’Ambrogio;38
9.7;Ein besessener Nonnenverführer;41
9.8;Eine falsche Heilige;43
9.9;Giftanschläge;48
9.10;Die Sicht des Retters;56
10;Zweites Kapitel: «Die delicatezza der Angelegenheit als solcher» Außergerichtliche Voruntersuchungen;63
10.1;Informelle Sondierungen;63
10.2;Die Aussage der Ausgestoßenen;68
10.3;Zwei Nonnen in einem Bett;73
10.4;Unkeuschheit und Sodomie;78
10.5;Ein Dominikaner will es ganz genau wissen;81
10.6;Zahlreiche überzeugende Beweise;85
10.7;Nun doch ein Inquisitionsprozess;88
10.8;Die Inquisition als Tribunal: Verfahren und Akteure;92
10.9;Die Quellen aus dem Archiv der Glaubenskongregation;97
11;Drittes Kapitel: «Ich bin der kleine Löwe meiner reformierten Schwestern» Der Informativprozess und die Verehrer der Mutter Gründerin;105
11.1;Das Kloster Sant’Ambrogio della Massima;105
11.2;Franziskanerinnen vom Dritten Orden;107
11.3;Agnese Firrao wird als Heilige verehrt;112
11.4;Agnese Firrao wird der falschen Heiligkeit bezichtigt;116
11.5;Das Urteil der Inquisition von 1816;119
11.6;Die wunderbare Bekehrung Leos XII.;124
11.7;Wahre und falsche Heiligkeit;128
11.8;Beweise für den fortdauernden Kult der Firrao;134
11.9;Die geheime Äbtissin;139
11.10;Reliquien;141
11.11;Inspirierte Texte;144
11.12;Eine Frau als Beichtmutter;146
11.13;Beichtväter verkünden den falschen Kult;148
12;Viertes Kapitel: «Wasch mich gut, denn der Pater soll kommen» Die angemaßte Heiligkeit der Madre Vicaria;152
12.1;Visionen auf dem Weg zur Macht;152
12.2;Mystik und Mystizismus;158
12.3;Der irdische Ursprung von Himmelsringen und Rosenduft;163
12.4;Die Gottesmutter schreibt Briefe;170
12.5;Das marianische Jahrhundert;178
12.6;Die Fälscherwerkstatt für Marienbriefe;182
12.7;Seelsorgerlicher Beistand im Bett;190
12.8;Lesbische Intimitäten in der Klosterzelle;196
12.9;Das System Sant’Ambrogio;201
13;Fünftes Kapitel: «Eine Tat in göttlicher Herrlichkeit» Mord auf Befehl der Gottesmutter;206
13.1;Der Americano und sein obszöner Brief;206
13.2;Der Strick um Katharinas Hals;211
13.3;Himmelsbriefe kündigen die Ermordung Katharinas an;214
13.4;Dramaturgie einer Vergiftung;218
13.5;«Es war mit Sicherheit der Teufel»;238
13.6;Weitere Morde;243
13.7;Geld, das vom Himmel fällt;249
13.8;Die Beichtväter als Mitwisser und Mittäter;251
13.9;Das Ergebnis des Informativprozesses;253
14;Sechstes Kapitel: «Das ist ein himmlischer Liquor» Der Akkusationsprozess und das Verhör der Madre Vicaria;258
14.1;«Ich wollte immer schon Nonne werden»;258
14.2;Die Geschichte eines Unschuldslammes;261
14.3;Beweise und erste Geständnisse;272
14.4;Maria Luisa und ihre Novizinnen;274
14.5;Sexueller Missbrauch;277
14.6;Jesuitische Beichtväter und ihr ganz besonderer Segen;285
14.7;Die Affäre des Beichtvaters mit Alessandra N.;289
14.8;Maria Luisa und Pater Peters zwischen Sex und Segen;293
14.9;«Meine einzige Verteidigung ist Jesus Christus»;297
15;Siebtes Kapitel: «Jener gute Pater hat das Werk Gottes verdorben» Die Verhöre von Beichtvater und Äbtissin;304
15.1;Giuseppe Leziroli: ein Beichtvater vor Gericht;304
15.2;Der Apostel der heiligen Agnese Firrao;306
15.3;Der Beichtvater und die heilige Maria Luisa;311
15.4;Leziroli und die Giftanschläge;315
15.5;Maria Veronica Milza: eine Äbtissin vor Gericht;319
15.6;Geständnisse;324
16;Achtes Kapitel: «Während dieser Taten das innere Gebet niemals eingestellt» Das Verhör von Giuseppe Peters;328
16.1;Die wahre Identität von Pater Peters;328
16.2;Spontane Bekenntnisse des Angeklagten;336
16.3;Ein Kardinal bricht das Geheimnis des Heiligen Offiziums;347
16.4;Und der Kult der Firrao war doch erlaubt;351
16.5;Theologie und Zungenküsse;357
16.6;Neuscholastische Windungen;367
16.7;Der Schlussantrag des Gerichts;372
16.8;Ein Stellvertreterkrieg?;375
17;Neuntes Kapitel: «Betrübt und reuevoll» Das Urteil und seine Folgen;384
17.1;Konsultoren, Kardinäle, Papst: das Urteil;384
17.2;Abschwörung im Internen und Geheimhaltung nach außen;391
17.3;Klostergründerin statt Nonne;397
17.4;Vergiftungstrauma eines Kardinals;404
17.5;Die Großen lässt man laufen;410
17.6;Eine Heilige im Irrenhaus;413
17.7;Ein Häretiker schreibt Dogmen;420
18;Epilog: Das Geheimnis von Sant’Ambrogio im Urteil der Geschichte;434
19;Anhang;444
19.1;Dank;445
19.2;Anmerkungen;448
19.3;Quellen und Literatur;518
19.4;Bildnachweis;537
19.5;Personenregister;538
20;Karte;544
ERSTES KAPITEL«Solche Schändlichkeiten»Katharina von Hohenzollern erstattet Anzeige bei der Inquisition |
Rom als himmlisches Jerusalem
Die Italiensehnsucht eines Johann Wolfgang von Goethe oder Johann Joachim Winckelmann, die sich an Rom als dem Hort der klassischen Antike berauschten, war es nicht, die Katharina nach Rom trieb.[1] Es war auch nicht der imperiale Zug, der die großen deutschen Königsgeschlechter von den Karolingern bis zu den Staufern in die Stadt am Tiber geführt hatte, um dort die Kaiserkrone zu empfangen. Da Katharinas Ziel ein Ort frommer Frauen war, müssen es vor allem religiöse Motive gewesen sein, die sie in die Stadt des Papstes zogen.
Dabei hatte Rom als religiöses Zentrum seit der Mitte des 18. Jahrhunderts einen dramatischen Niedergang erlebt.[2] Der Papst war als weltlicher Fürst des Kirchenstaates, der in der Mitte Italiens ein gutes Viertel der Fläche der Apenninenhalbinsel einnahm, immer stärker in politische und militärische Konflikte zur Sicherung seiner Herrschaft hineingezogen worden und hatte sich immer weniger um seine Aufgaben als geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche kümmern können. Gegen Ende des Jahrhunderts sank das religiöse Ansehen des Papsttums auf einen absoluten Tiefpunkt. 1773 gelang es den europäischen Mächten sogar, Clemens XIV. zu zwingen, mit dem Jesuitenorden seine wichtigste kirchenpolitische Stütze aufzuheben. Napoleon Bonaparte annektierte den Staat des Papstes und zwang Pius VII. ins französische Exil. Der Wiener Kongress von 1815 stellte zwar nach der Rückkehr des Papstes aus Frankreich den Kirchenstaat als eigenständiges Gebilde wieder her, die Reformen auf den Feldern der Verwaltung, der Rechtsprechung, des Bildungswesens und nicht zuletzt der Wirtschaft, die Kardinalstaatssekretär Ercole Consalvi[3] in Wien versprach, wurden aber nie durchgeführt. Der Staat des Papstes galt deshalb als das rückständigste politische Gebilde Europas überhaupt.
Im Zuge der Restauration, die nach den Befreiungskriegen in Europa zur dominierenden Richtung wurde, konnte das Papsttum sein Ansehen als moralische und religiöse Instanz jedoch deutlich verbessern. Jetzt war der Papst plötzlich der einzige Monarch Europas, der der Bestie Napoleon getrotzt hatte und für seine Überzeugungen ins Exil gegangen war, während alle anderen Fürsten mit dem Kaiser der Franzosen gekungelt hatten. Deshalb galt in der Romantik das Papsttum als Garant ewiger Werte, insbesondere der Monarchie und des Gottesgnadentums, und als Schutz gegen das Chaos und die Unsicherheiten der Französischen Revolution mit ihrem liberalen Staatsund Menschenrechtsverständnis. Besonders geschickt nahm Leo XII. diese Sehnsucht nach Sicherheit auf. Das ewige Rom sollte wieder zum heiligsten Ort der Welt werden.
Gerade in Deutschland orientierten sich infolge der Säkularisation und der damit verbundenen Zerstörung der alten Reichskirche mit ihren Fürstbistümern nicht wenige Katholiken immer mehr nach Rom. Sie waren meist Untertanen protestantischer Fürsten geworden und suchten ihr Heil in einer engen Anbindung an die Päpste. Besonders nach der Julirevolution von 1830 begann eine Phase der zunehmenden Ultramontanisierung der katholischen Kirche. Immer stärker blickten Katholiken «ultra montes», über die Berge nach Rom, immer mehr wurden die römische Frömmigkeit, die römische Liturgie und die römische Theologie als die einzig wahren Verwirklichungen des Katholizismus angesehen, weil sie vom Papst als Vicarius Christi legitimiert waren.
Die katholische Publizistik stilisierte im Zuge dieser Bewegung Rom zur Braut Christi, zur Heiligen Stadt, zum himmlischen Jerusalem auf Erden. Diese religiöse Aufwertung des Papsttums ging bezeichnenderweise nicht von den Päpsten und der Römischen Kurie selbst aus, sondern wurde von außen an den Papst herangetragen. Das Papsttum wurde zur Projektionsfläche aller religiösen Sicherheitsbedürfnisse in einer Zeit voller Umbrüche, Unsicherheiten und revolutionärer Umwälzungen. Genau in dieser Phase entdeckte man die Wallfahrt nach Rom wieder neu: Die persönliche Begegnung mit dem Papst, das Gebet an den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus und die damit verbundene religiöse Selbstvergewisserung wurden zu Kennzeichen echter Katholizität.
Diese Orientierung an Rom wurde an der Kurie ganz unterschiedlich aufgenommen. Das Kardinalskollegium spaltete sich in «Zelanti» und «Politicanti». Während die einen, die Eiferer, die neue Rombegeisterung dafür nutzen wollten, jede Reform in Kirche und Kirchenstaat zurückzudrängen und den Papst immer mehr zum unfehlbaren Gottkönig zu stilisieren, waren die anderen, die Pragmatiker, eher skeptisch, weil sie ihr Programm einer Versöhnung von Kirche und Welt gefährdet sahen. «Falken» und «Tauben» stießen vor allem bei Papstwahlen heftig aufeinander; abwechselnd setzten sich Hardliner und Gemäßigte beim Konklave durch.
In diesen Zug der Romwallfahrer, der vor allem höhere soziale Schichten erfasste, reihte sich auch Katharina von Hohenzollern mit ihrer Mutter ein, als sie im Pontifikat Gregors XVI., der ein Zelant war, 1834 zum ersten Mal nach Rom kam. Der Papst und seine Umgebung hegten ein prinzipielles Misstrauen gegenüber der modernen Welt mit all ihren fortschrittlichen politischen Ideen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und wirtschaftlichen Entwicklungen.[4] Während seiner Regentschaft baute er die Heilige Stadt zu einer geistigen Trutzburg gegen die teuflischen Mächte des Liberalismus aus, nachdem die Julirevolution auch den theokratischen Staat des Papstes nicht verschont hatte. Dies führte bei Gregor XVI. zu einem ausgesprochenen Revolutionstrauma und einer Verfolgung aller Neuerer in der katholischen Kirche. Alles, was auch nur entfernt nach Freiheit, Reform oder moderner Bildung aussah, roch für den Papst nach Schwefel. Die katholische Kirche sollte auf Rom konzentriert und zu einem «Haus voll Glorie» aufgerüstet werden, das der Moderne erfolgreich Paroli bieten und sie letztlich durch den wie ein einschlägiger Buchtitel des Papstes lautete – besiegen würde.[5]
Nach diesem restaurativen Pontifikat wurde am 16. Juni 1846 Giovanni Maria Mastai-Ferretti zum Papst gewählt. Er galt als gemäßigter Politicant und nannte sich folgerichtig nach seinem Vorvorgänger Pius IX.[6] Tatsächlich führte der persönlich äußerst gewinnende Papst anfangs eine Reihe von Reformen durch. So erließ er eine Amnestie für politische Gefangene, setzte eine Zivilregierung ein und versprach seinen Untertanen die Mitwirkung am politischen Leben des Kirchenstaats durch eine Verfassung. Dieser liberale Impuls stieß bei der römischen Bevölkerung auf breite Zustimmung. Allerdings radikalisierte sich die Situation in Rom: Der Funke der Märzrevolution von 1848 sprang auch auf die Stadt des Papstes über. Pius IX. war gezwungen, ins neapolitanische Gaeta zu fliehen. Erst nachdem französische Truppen den Aufstand niedergeschlagen hatten, konnte der Papst 1850 in den Vatikan zurückkehren.
Das Trauma der Revolution von 1848 bestimmte fortan sein Pontifikat. Alle Reformen wurden zurückgenommen, die Politik im Kirchenstaat und das Lehramt in der Kirche trugen ab sofort strikt reaktionäre Züge. Ähnlich wie sein Vorgänger Gregor XVI. fühlte sich der Papst von allen Seiten verfolgt und bedroht. Daraus resultierte eine geradezu apokalyptische Angst vor der Besetzung des Kirchenstaats und Roms durch italienische Truppen. Nur durch ausländische Truppen konnte Pius’ IX. weltliche Herrschaft im Kirchenstaat gegen das Risorgimento, die nationale Einigungsbewegung, gesichert werden, die Rom als natürliche Hauptstadt des neuen italienischen Nationalstaats ansah.
Dies führte auch auf religiösem Gebiet zu einer Art Belagerungsmentalität.[7] Während am Beginn des Pontifikates Pius’ IX. liberale Kardinäle und Prälaten beim Papst genauso ein offenes Ohr gefunden hatten wie Hardliner und Intransigente, verschoben sich die Gewichte eindeutig zugunsten der Letzteren. So war Rom in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus eine Stadt des religiösen Pluralismus gewesen. Die Parteiungen und theologischen Richtungen, die es etwa in Deutschland und Frankreich gab, spiegelten sich auch an der Römischen Kurie mit ihren Büros und Kongregationen wider. Den Kurialen, die eine Versöhnung von Kirche und Welt, von moderner Philosophie und katholischem Glauben anstrebten, standen Romantiker und Neuscholastiker gegenüber, die in der Philosophie des heiligen Thomas von Aquin die einzig denkbare Basis für den Katholizismus sahen. Vor allem der Jesuitenorden und das von ihm dominierte Collegio Romano wurden mehr und mehr zum Hort der Neuscholastik und der Hyperorthodoxie in Rom, während sich etwa die Benediktiner der Abtei Sankt Paul vor den Mauern einem offenen, pluraleren Modell von Frömmigkeit und Theologie verschrieben, das neuere philosophische Ansätze einbezog.
Der Papst stellte sich nach 1848 immer eindeutiger auf die Seite der Konservativen und ließ...




