Wolff | So tun, als ob es regnet | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 166 Seiten

Wolff So tun, als ob es regnet

Roman in vier Erzählungen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7013-6250-9
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman in vier Erzählungen

E-Book, Deutsch, 166 Seiten

ISBN: 978-3-7013-6250-9
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Erste Weltkrieg bringt einen österreichischen Soldaten in ein Karpatendorf. Eine junge Frau besucht nachts die 'Geheime Gesellschaft der Schlaflosen'. Ein Motorradfahrer ist überzeugt, dass er sterben und die Mondlandung der Amerikaner versäumen wird. Eine Frau beobachtet die Ausfahrt eines Fischerbootes, das nie mehr zurückkehren wird. - Über vier Generationen des 20. Jahrhunderts und vier Ländergrenzen hinweg erzählt Iris Wolff davon, wie historische Ereignisse die Lebenswege von Einzelnen prägen. Zwischen Freiheit und Anpassung, Zufall und freiem Willen erfahren ihre Protagonisten: Es gibt Dinge, die zu uns gehören, ohne dass wir wüssten, woher sie kommen. Und es gibt Entscheidungen, die etwas bedeuten, Wege, die unumkehrbar sind, auch wenn wir nie wissen werden, was von einem Leben und den Generationen vor ihm bleiben wird. Iris Wolff hat ein poetisches und beglückendes Buch geschrieben, schonungslos, klug und sprachlich brillant. Mit sensiblen Beobachtungen, atmosphärisch dichten Dialogen und starken, eigenwilligen Figuren zeichnet sie in ihren Erzählungen behutsam eigene Welten, die im Zusammenspiel neue Tiefe entfalten und vielschichtige Perspektiven aufeinander eröffnen.

Wolff, Iris: geboren 1977 in Hermannstadt/Siebenbürgen. Studium der Germanistik, Religionswissenschaft und Grafik & Malerei in Marburg an der Lahn. Langjährige Mitarbeiterin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, 2013 Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg. Neben dem Schreiben ist sie am Kulturamt der Stadt Freiburg im Breisgau tätig. Ihr erster Roman Halber Stein erhielt den Ernst-Habermann-Preis 2014.
Wolff So tun, als ob es regnet jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Elemérs Garten

Elemér litt an Schlaflosigkeit.

Zunächst hatte er sich nächtelang, wochenlang im Bett gewälzt, bei Kerzenschein gelesen, war seinen Gedanken nachgehangen. Doch nach ein paar Monaten waren die Bücher ausgelesen, die Gedanken ausgedacht. Was tun, in einem großen Haus, ohne Beschäftigung, ohne das Fahrwasser des Tagwerks, ohne jemanden, den man sachte wecken konnte, in der Hoffnung auf ein vertrauliches Gespräch?

Eines Nachts im Frühling wusste er, dass er sich fügen musste. Er schlug ergeben und zugleich entschlossen die Decke zur Seite und kleidete sich an. Der Mond erhellte Hof, Schuppen, die Bank am Nussbaum, Ziehbrunnen und Weinpresse. Erwartet hatte er einen verlassenen Innenhof, einen trostlosen Anblick, der seinem zerfahrenen, entnervten Zustand entsprach. Auf dem Ziehbrunnen schlich eine Katze im Kreis, die Pflaumenbäume raschelten, die Schafgarbenköpfe neigten sich zueinander, als würden sie sein Auftauchen kommentieren. Haus, Sommerküche, Schuppen, Weinreben, Blumen und Gemüse, alles war voller Leben – aber nicht für ihn bestimmt. Die Katze sah ihn abwartend an, der Wind ließ die Bäume los, der strenge Blick der Dachluken streifte ihn. Elemér fühlte sich von seinem eigenen Hof ertappt. Er schüttelte das Gefühl ab, dass er hier zu dieser Uhrzeit nichts zu suchen hatte, und ging zielstrebig zum Gemüsebeet – wie um zu zeigen, dass er sehr wohl mit gutem Grund draußen war.

Fortan stand er regelmäßig auf, um zu düngen, umzugraben, Blattläuse und Schnecken zu bekämpfen, die Weinreben mit Kalk und Blaustein zu spritzen. Sein Gemüsebeet fügte sich in den neuen Rhythmus, und wenn seine Nachbarn am Morgen ihrer Arbeit nachgingen, saß Elemér mit seinem Kaffee in der Sonne und rauchte. Er mochte das neue Versmaß seiner Nächte. Geschlafen wurde in Etappen, zwischen elf und zwei und zwischen vier und sieben. Allerdings gab es auch eine Kehrseite: Was sollte er tagsüber mit der geschenkten Zeit anfangen? Eine Änderung der Routine ging nie ganz auf, irgendwo sammelte sich die versetzte Zeit. Aber tauschen wollte er nicht. Nur nicht wieder auf den Schlaf warten, sich der leeren Hälfte des Bettes bewusst werden, und Gedanken ausgeliefert sein, die nachts die Angewohnheit hatten, ins Riesenhafte anzuwachsen.

Als Elemér bei Vollmond einen Stuhl reparierte, lockten die Geräusche seine Nachbarn an. Sie überzeugten sich, dass es sich nicht um einen Einbrecher handelte, Elemér schenkte unterm Nussbaum Schnaps aus, und es dauerte nicht lange, bis ein gegenseitiger Besuch Gewohnheit wurde. Ihre nächtlichen Treffen sprachen sich herum, weitere, zumeist alleinstehende Männer, schlossen sich der „Gesellschaft der Schlaflosen“ an. Es wurde im Dorf üblich, mitten in der Nacht an Fensterscheiben und Hoftore zu klopfen. Jemand war immer wach und freute sich über Besuch. Die Unterhaltungen uferten selten aus, denn der Schlaf stellte sich nach einiger Zeit von selbst wieder ein, aber die Gespräche waren von besonderer Qualität.

„Es gibt Geschichten“, sagte Elemér zu seiner Enkeltochter, „die können nur nachts erzählt werden“.

Henriette wachte kurz vor zwei Uhr auf. Sie brauchte keinen Wecker. Es reichte, dass sie sich beim Einschlafen vornahm, zu einer bestimmten Zeit aufzuwachen.

Um ihre Schwestern nicht zu stören, hatte sie gelernt, sich lautlos aus dem Zimmer zu stehlen und im Flur anzuziehen. Besondere Vorsicht galt Haustür und Hoftor, die sich kaum geräuschlos öffnen ließen, und es war, als holte sie erst wieder tief Luft, als sie auf der Straße stand.

Niemand war zu sehen. Keine jener Gestalten, die sie sich auf den Straßen vorgestellt hatte, in Morgenmäntel gehüllte Männer, allein oder paarweise von Haus zu Haus gehend. Die Straße lag verlassen da, die Häuser hielten sich schlafend an den Händen, die Hoftore gähnten – oder lachten sie sie aus? Henriette bewegte sich wie durch silberhelle Flüssigkeit, durch Stille und Schatten, manche mit scharfen Kanten, einem Gegenstand zuweisbar, andere mit unbestimmter Geste lauernd.

Luise würde unter keinen Umständen zu dieser Stunde das Haus verlassen. Sie saß, wenn sie nicht schlafen konnte, in der Küche und starrte in die Ofenglut. Sie fürchtete die Dunkelheit, selbst in vertrauten Zimmern. Für sie war die Nacht etwas, das sie mit hundert schwarzen Augen ansah, nach ihr griff, jeden Moment bereit, sie hinterrücks zu überwältigen.

„Alles ist wie am Tag“, hatte sie ihre Schwester zu beruhigen versucht. „Wir sehen es nur nicht.“

„Woher willst du es wissen, wenn du es nicht sehen kannst? Es könnte alles anders sein. Der Tisch sieht aus wie eine Fallgrube, der Vorhang wie ein ungebetener Gast. Sogar der Krauthobel hat nachts Zähne.“

Luise ließ sich nicht so leicht überzeugen. Trotz oder gerade wegen ihrer Ängstlichkeit, die sie zwar nicht mutig, aber zu einer genauen Beobachterin machte, war sie diejenige, bei der alle Schwestern Rat suchten. Luise tat, als würde sie diese besondere Stellung innerhalb der Familie nicht bemerken, zumindest zog sie keine Vorteile für sich daraus.

Henriette wagte es zunächst nicht, in den Hof einzutreten, hinter dessen Mauern eine Unterhaltung auszumachen war. Sie unterschied vier Männerstimmen. Die Stimme des Großvaters war im Alter so hoch geworden, dass sie an die einer Frau erinnerte, und nur durch sein exzessives Rauchen einen kratzigen, maskulinen Akzent behielt. Er hatte über die Jahre abgenommen, Hemden und Hosen schlotterten nur so an ihm, aber er verweigerte sich einer neuen Garderobe und trug die übergroßen Sachen, als wären sie ihm auf den Leib geschneidert. Auch die Gesten seiner vormaligen Leibesfülle hatte er nicht abgelegt, noch immer zog er die Hosenbeine hoch, wenn er sich setzte, um die Knie nicht auszubeulen, öffnete den Rock, damit die Knöpfe nicht am Bauch spannten, schnallte den Riemen nur widerwillig in eines der nachträglich hinzugefügten Löcher. Er lebte seit dem Tod seiner Frau mit vier Katzen, elf Hühnern und zwei Schweinen auf dem Hof und besaß einen Gemüsegarten, in dem, seit er ihn nachts bewirtschaftete, der zarteste Salat, die saftigsten Tomaten und schmackhaftesten Bohnen wuchsen. Nur die Gurken wollten nicht gelingen. Sie waren außerordentlich krumm.

„Aber das Krumme schmeckt man nicht“, sagte er, wenn man ihn darauf ansprach.

Henriette half gern in Elemérs Garten; pflückte Weintrauben, band sie an Fäden und befestigte sie in der Kammer zum Trocknen, streute zerstoßene Eierschalen um den Salat, damit die Schnecken nicht an ihn herankamen, rupfte Unkraut – wobei ihre und Elemérs Meinungen, was unter Unkraut zu verstehen war, voneinander abwichen, da es, wie bekannt, keine allgemein gültige Definition von Unkraut gab. Henriette mochte es, wenn sich die Erde halbmondförmig unter den Fingernägeln sammelte, und wenn sie einen Regenwurm aufstöberte, das kühle, lebendige Ringeln in ihrer Handfläche.

Elemér war überrascht und im ersten Moment auch zornig, als er Henriette sah. Die drei Männer, die bei ihm waren, verstummten. Er wollte Henriette sofort wieder nach Hause schicken, andererseits: ihre Entschlossenheit imponierte ihm. Henriette war seine jüngste und mutigste Enkeltochter. Luise war ihm zugetan, doch über die Maßen ängstlich. Zu Lilli hatte er keine rechte Beziehung, er hielt sie für leichtfertig und schamlos, und er hoffte, dass sich dies, da sie verheiratet war, bessern würde. Anna, die älteste, ähnelte ihrem verstorbenen Vater, sie war einsilbig, hart zu sich selbst und gegenüber anderen. Nur Henriette hatte dieses offene Wesen, interessierte sich für alles und legte ihm gegenüber eine unerklärliche Anhänglichkeit an den Tag.

Elemér ging ohne ein Wort in den Schuppen und platzierte einen Stuhl neben der Bank, so dass auch sie auf die Dächer der gegenüberliegenden Straßenseite sehen konnte. Henriette, die während seines kurzen Verschwindens eine unerwartete Verlegenheit überkommen hatte, rupfte Dill ab und zerrieb ihn zwischen den Fingern. Sie bemerkte, wie einer der Männer sie ungeniert anstarrte. Henriette kannte diesen Blick. Der Mann war nicht der einzige, der sie damit bedachte.

Die Runde nahm das Gespräch wieder auf. Ihre Unterhaltung klang konspirativ, als habe sie eine Verschwörung zusammengebracht. Dabei ging es um Alltägliches: Der Besenhändler, der ausgeblieben war, die Beschaffenheit der Büffelmilch, die Wichtigkeit von Essen (sie waren sich einig, dass nichts so milde stimme wie eine Mahlzeit, weswegen vor einem geschäftlichen Termin unbedingt gemeinsam zu essen sei), die Zubereitung von Tomaten. Die Männer tauschten sich darüber aus, wie man Tomaten schälte, dass man sie für eine Sauce niemals schneiden, sondern zerdrücken müsse, und unter keinen Umständen im Topf umrühre, die Tomaten wüssten schließlich selbst, was sie machen sollten.

Besonders Theo, einer von Elemérs Nachbarn, verteidigte sein Rezept, als ginge es um seine Ehre. Er hatte, bis sein Gedächtnis anfing, ihn im Stich zu lassen, als Kellner gearbeitet und litt, wie...


Wolff, Iris
geboren 1977 in Hermannstadt/Siebenbürgen. Studium der Germanistik, Religionswissenschaft und Grafik & Malerei in Marburg an der Lahn.
Langjährige Mitarbeiterin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, 2013 Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg. Neben dem Schreiben
ist sie am Kulturamt der Stadt Freiburg im Breisgau tätig. Ihr erster Roman Halber Stein erhielt den Ernst-Habermann-Preis 2014.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.