E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Yiannopoulos Feta und Söhne
11001. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8437-0059-7
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-8437-0059-7
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christos Yiannopoulos wurde in Patras / Griechenland geboren. Seit 1964 lebt er in Deutschland. Er studierte Germanistik und ist ein bekannter Drehbuchautor, der erfolgreiche Serien geschrieben hat (Hotel Mama). Nach einigen Jugendbüchern ist Feta und Söhne sein erster Roman für Erwachsene. Christos Yiannopoulos lebt in Düsseldorf.
Autoren/Hrsg.
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3
Wieso hast du uns nichts von der Scheidung gesagt?«
»Warum habt ihr euch überhaupt scheiden lassen?«
»Hast du sie schlecht behandelt?«
»Hast du sie vernachlässigt?«
»Oder wolltest du immer recht haben?«
Adonis kam sich vor wie in einem Kreuzverhör. Aber das konnte er aussitzen. Sollten sich die Eltern doch austoben. Irgendwann würde ihren Akkus der Saft ausgehen, und dann würde er ihnen kurz irgendetwas von Zerrüttung und so weiter erzählen, da machte er sich keine Sorgen. Aber sollten sie ihm Vorwürfe machen und ihn mit »mein Junge« ansprechen, dann würde er auf den Putz hauen. Er war schließlich achtundzwanzig und hatte überhaupt keine Lust, wie ein Kleinkind behandelt zu werden. Aber noch spielten sich seine Mutter und sein Vater wie Die drei ??? auf und bombardierten ihren schweigenden Sohn mit Fragen.
Der Lammbock verfolgte das Frage-ohne-Antwort-Spiel vom Balkon aus. Aha! Da deutete sich ja eine interessante Entwicklung mit lebensrettenden Aussichten an … Zufrieden begann er die Begonien anzufressen.
Adonis hingegen gingen seine Eltern langsam auf die Nerven. Aber noch blieb er ruhig.
»Du hast sie doch nicht etwa geschlagen?«
»Oder wollte sie ein größeres Auto?«
Plötzlich trat Odysseus vor Adonis und richtete seinen Zeigefinger auf ihn: »Soll ich dir mal was sagen? Du hast ganz schönen Mist gebaut, mein Junge!«
Da war es: Mein Junge! Bei dem verfluchten Reizwort reagierte Adonis wie der pawlowsche Hund und ging der Provokation seines Vaters voll auf den Leim. Er stampfte wie ein Kleinkind mit dem Fuß auf und vergaß sein Schweigegelübde.
»Nenn mich nicht mein Junge! Ich werde in zwei Jahren dreißig!«, brüllte er und war sogleich wütend, dass er wütend war und sich nicht mehr im Griff hatte. Als sein Blick obendrein auf das Lamm fiel, das dabei war, seine Balkonkästen leer zu fressen, verlor er vollends die Fassung.
»Ihr macht mich wahnsinnig! Und dieses Viech auch!« Er eilte auf den Balkon und zog das Tier ins Wohnzimmer. »Warum habt ihr es denn überhaupt mitgebracht? Glaubt ihr, wir haben in Deutschland kein Lammfleisch?!«
Seine Reaktion löste bei den Eltern nur Kopfschütteln aus.
»Das ist dein Sohn, Pepina! Erst kriegt er seine Zähne nicht auseinander, dann brüllt er wie ein kastrierter Esel!«
»Man schreit seine Eltern nicht an. Ich bin sehr enttäuscht von dir. Wenn man einen Fehler macht, dann muss man wie ein Mann dazu stehen, mein Junge«, warf ihm seine Mutter vor.
Mit aller Kraft versuchte Adonis, das »mein Junge« zu überhören und seinen Adrenalinspiegel abzusenken.
»Bitte, Mutter, bitte, Vater! Ich würde euch ja alles erklären, aber ihr lasst mich doch gar nicht zu Wort kommen!«
»Dann spuck es endlich aus! Warum habt ihr euch scheiden lassen?«
»Gut, es war vielleicht ein Fehler, euch nichts davon zu sagen. Aber ich wollte euch nicht mit meinen Problemen belasten«, begann Adonis und schlüpfte in die Rolle des Sohnes, der sich um die Eltern sorgte.
Doch diese Masche zog überhaupt nicht. Seine Mutter hob ihre Hand.
»Halt uns ja nicht für blöd, sonst setzt es was!«
»Aber das tue ich nicht, Mutter, wirklich nicht. Davon abgesehen, was hättet ihr auch tun können? Nichts. Die Ehe ist eben kaputtgegangen.«
Odysseus war mit dieser Aussage nicht zufriedengestellt. »Unsinn! In Deutschland ist nichts unmöglich. Alles kann man reparieren. Schiefe Zähne, Krampfadern, Hängebrüste, und da willst du mir erzählen, dass eure Ehe nicht zu kitten war? Warum hast du uns nicht Bescheid gesagt?!«
»Was hätte das geholfen, Vater? Außerdem war das meine Ehe!«
»Aber solange du lebst, bist du unser Sohn!«, rief ihm seine Mutter in Erinnerung.
»Und wo kämen wir hin, wenn wir dich im Stich lassen würden? Dann könnten wir uns nicht mehr in die Augen schauen«, ergänzte sein Vater.
»Bitte, nun beruhigt euch doch. Eine Scheidung ist kein Weltuntergang. Wir waren keine drei Jahre verheiratet!«
»Aber ihr wart füreinander geschaffen wie zwei Magnete. Ihr hättet bis an euer Lebensende zusammenbleiben können«, sagte sein Vater ungewohnt sanft.
»Vater, jede zweite Ehe wird mittlerweile geschieden«, sagte Adonis.
Pepina zeigte sich nicht empfänglich für Statistiken: »Aber nicht bei uns in Griechenland!«
»Wart’s ab, Mutter, wir werden auch da aufholen. Genauso wie beim Fußball und beim Grand Prix d’Eurovision!«, sagte Adonis. Er wollte das Thema jetzt endgültig beenden. »Es tut mir leid, euch das sagen zu müssen, aber die Ehe ist vorbei. Punkt, aus!«
»Also gut, aber verrate uns doch bitte trotzdem mal, warum ihr sie an die Wand gefahren habt.«
»Marie war einfach nicht die richtige Frau für mich«, antwortete Adonis.
»Ach, was weißt du, welche Frau gut für dich ist!«, erwiderte Pepina.
»Mutter! Ich bin erwachsen! Und nimm das endlich …«
Sein Vater fiel ihm ins Wort: »Na klar! Warum bin ich nicht eher darauf gekommen: Du hast das arme Mädchen betrogen!«
»Du bist doch nicht etwa fremdgegangen?«, hakte Pepina besorgt nach.
Jetzt musste Adonis aufpassen. Das war vermintes Gelände. Auf keinen Fall durften seine Eltern von seinen Frauengeschichten Wind bekommen. Dummerweise kaute das Lamm gerade das pinkfarbene Bustier einer Kundin an, das es unter dem Sofa hervorgezogen hatte. Die Frau hatte das scharfe Stück bei Adonis gelagert, weil ihr Mann es auf keinen Fall zu Gesicht bekommen durfte. Bei Adonis schrillten die Alarmglocken. Das Corpus Delicti musste sofort verschwinden.
»Frauengeschichten? Schön wär’s! Nein, Mutter, Marie war eifersüchtig auf meinen Erfolg! Sie konnte es nicht ertragen, dass mein Reisebüro wie eine Bombe eingeschlagen hat«, begann er zu erklären und ging dabei unauffällig rückwärts in Richtung Lamm, um ihm das Dessous aus dem Maul zu nehmen. »Ich durfte auch keine Überstunden machen, sollte immer früh nach Hause kommen. Und dann hat sie mir immer Affären mit meinen Kundinnen angedichtet!«
Adonis’ Rettungsversuch in Sachen Unterwäsche scheiterte. Sein Vater hatte das verräterische Indiz erspäht.
»Nanu? Was kaut das Tier denn da?«
Odysseus zog dem Lammbock das Bustier aus dem Maul. Die Träger waren angeknabbert, aber die Körbchen in Fußballgröße breiteten sich einladend aus.
»Ich dachte, du wärst nicht fremdgegangen?!«
»Das ist nicht von einer Frau!«, erwiderte Adonis. Im selben Augenblick wurde ihm klar, dass das wohl die bekloppteste Ausrede seines Lebens war.
»Du bist schwul? Gott im Himmel!« Pepina bekreuzigte sich mehrmals, und ihr Ehemann ergänzte: »Das erklärt natürlich einiges!«
»Nein, verdammt! Es gehört Marie, ich habe es als Andenken behalten«, schwindelte Adonis und versuchte dabei nicht rot zu werden. Dass Marie unmöglich diese Körbchengröße haben konnte, übersahen die Eltern zum Glück.
»Du liebst sie also noch! Habe ich es doch gewusst«, freute sich Pepina. »Dann könnt ihr euch ja wieder vertragen, oder nicht?«
Adonis’ Antwort blieb aus. Ihm war die Angelegenheit zu bunt geworden. Er wollte nur noch seine Ruhe.
»Bitte, Mutter, rühr doch nicht in so einer alten Suppe. Es ist vorbei! Am besten, ihr fahrt zurück und feiert Ostern im Dorf.«
»Von wegen! Wir bleiben hier und regeln die Sache«, sagte Pepina mit Blick auf Odysseus, der zustimmend nickte.
»Nichts werdet ihr regeln. Das ist meine Ehe!«
Erbost nahm Adonis seine Jacke von der Garderobe und ging zur Tür. Er brauchte Abstand von seinen Eltern. Keine weiteren Fragen mehr. Keine Vorwürfe.
»Wo willst du denn hin, Junge? Das Abendessen ist doch gleich fertig! Ich mache Spinatreis«, rief ihm seine Mutter hinterher.
»Und es gibt köstliche Oliven«, fügte Odysseus hinzu. »Ich habe einen Zweiliterkanister für dich und Marie mitgebracht.«
Aber auch die kleinen Schwarzen konnten Adonis nicht halten.
»Mir ist der Appetit vergangen!«
Krachend fiel die Tür ins Schloss. Odysseus und Pepina wechselten ratlose Blicke. Nur der Lammbock schaute zufrieden drein. Je mehr sie sich stritten, desto weiter rückte für ihn das Osterfest in die Ferne. Erste Hoffnungsschimmer keimten auf: »Mäh, mäh!«
*
Unten auf der Straße hatte Adonis ein Problem. Abstand hin, Abstand her – der Spinatreis seiner Mutter wirkte auf ihn so verlockend wie der Heilige Gral auf die Artusritter. Mit Zitrone und Dill angemacht, einfach wunderbar! Aber nein. Lieber einen Döner und keine...




