Yilmaz | Das lachende Kind | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Yilmaz Das lachende Kind


3. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-9083-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7504-9083-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Suche nach Antworten und die Sinnhaftigkeit sind Bens Antrieb im Kampf mit seiner vermeintlichen Krankheit. Er will seiner Schlafstörung auf den Grund gehen und somit sein Leben wieder in den Griff bekommen. In Begleitung von Freunden, Tagträumen und immer wiederkehrendem Zweifel, versucht er den Pfad der Erkenntnis zu bestreiten. An einem Ort, an dem das lachende Kind zu Hause ist.

Cem Yilmaz ist "Nur ein Poet". Mit diesem Titel wurde sein bisheriger Werdegang als Lyriker und Poet gezeichnet. Sein Vorstoß in die Welt der Bücher und Geschichten ist ein konsequenter Schritt, seinen poetischen Gedanken einen erzählerischen Rahmen zu verleihen.
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Wie wichtig Schlaf ist, merkt man erst, wenn man mit einer Schlafstörung zu kämpfen hat. Teilweise verschlingt einen der Alltag, da man nicht mehr zwischen verschwommener Wahrnehmung und dem Surrealen unterscheiden kann. Es ist verzweifelnd, wenn das Reiben der Augen einem immer noch keine Klarheit darüber gibt, in welchem Zustand man sich nun befindet.

Oft kommen mir einfachste Gefühlsregungen fremd vor, dann bin ich wiederum in Situationen so hypersensibel, dass ich an ihnen verzweifle. Ich könnte Stunden damit verbringen, dem Regen zuzuschauen. Die Einfachheit eines Regentropfens sich von einer Wolke losgelöst auf eine Reise zu begeben, um einfach irgendwo anzukommen, fasziniert mich. Der Regen ist so ehrlich, als würde er uns sagen wollen: „Wir können gerne Freunde sein, du wirst nass werden, vielleicht wirst du auch frieren, aber ich werde immer das eine für dich sein, Regen.“

Manchmal wird man sogar Zeuge eines Liebesspiels, wenn sich Regentropfen an Fensterscheiben begegnen. Wie sie sich gegenseitig bezirzen, bis sie eins werden, um zusammen in einem Schweif die Fensterscheibe runter zu gleiten. Dann tun es ihnen andere nach. Es gleicht einer unendlichen Liebessymphonie – die Scheibe ihre Bühne und ich ein demütiger Zuschauer. Wie oft hat uns die Sonne, mit ihrem strahlenden Antlitz, schon hinters Licht geführt und uns dann doch frierend zurückgelassen. Wie oft hat uns der Schnee schon zugezwinkert, um sich dann im nächsten Moment in Luft aufzulösen.

Der herkömmliche Ablauf von der Einschlaf- bis hin zur Aufwachphase ist mir völlig fremd. Manchmal bin ich über Tage hinweg wach. Dann bin ich oft so müde und erschöpft, dass ich plötzlich und ohne Vorwarnung in kurzen Episoden schlafe, nie über 10-15 Minuten hinaus. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zwei Stunden am Stück geschlafen habe. Dennoch träume ich. Mir kommt es so vor, als würde ich intensiver als alle anderen träumen, weil ich manchmal zwischen Traum und Realität nicht unterscheiden kann. Als würde man sich in einem Kurzfilm befinden, dessen Anfang und Ende man nie richtig wahrnimmt. Forscher behaupten, dass sich die Komponente Zeit in Träumen anders abspiele. So sei eine Stunde Traum gleich fünf Minuten Schlaf.

Ich habe mir kleine Anker eingebaut, damit ich mich nicht zwischen Traum und Realität verliere. In einem Traum kann man nicht schreiben. Das Ablesen der Uhrzeit an einem digitalen Gerät ist nicht möglich. Auch kann man keinen Punkt fixiert anstarren, weil sich dann entweder der Raum oder der Punkt bewegt bzw. verändert. Das sind meine essentiellen Tricks, die ich ständig anwenden muss, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. Ich verbringe meine Wochenenden immer öfter im Krankenhaus. Sie verkabeln mich dann und prüfen immer wieder aufs Neue meine Gehirnstränge, um neue Erkenntnisse zu erlangen, da man auf diesem Gebiet immer noch viel Forschung betreibt. Es gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, ein paar Tage unter professioneller Aufsicht zu verbringen, deshalb spiele ich das ganze Spiel mit.

Mein Name ist Ben, ich bin Mitte 30 und leide seit ca. einem Jahr an Schlafstörung, auch als Insomnie bekannt. Ich bin geschieden und hab einen zweijährigen Sohn, den ich über alles liebe. Ich habe die Befürchtung, dass die Scheidung von meiner Frau einer der Auslöser für meine Krankheit war. Das Schlimme daran ist nicht nur, dass die Frau die man liebt, einen verlässt, sondern auch zugleich das Kind sich in einem gewissen Maße von einem trennt. Dabei spielt es keine Rolle wie gutwillig oder gutmütig man sich auf alles einigen mag, eine Scheidung ist immer auch eine Scheidung vom Leben. Irgendwann lernt man mit der Situation umzugehen, aber man ist nicht mehr derselbe, der man vorher war. Ich hatte das Gefühl, als würde nicht nur die Liebe zu meiner Frau, sondern auch die Liebe zu meinem Kind hinterfragt werden. Warum lässt man sich von mir scheiden? Diese Frage wird immer bleiben, vor allem, wenn man selbst keine triftigen Antworten findet. Eine Scheidung hat sowas endgültiges. Bei unserer Heirat hatten wir einen Schwur geleistet, dass wir die Wege, seien sie noch so steil und hügelig, zusammen beschreiten würden. Dann heißt das wohl, dass wir beim Beschreiten dieser Wege irgendwann gescheitert sind und dass nun jeder für sich seinen eigenen Weg bestreiten muss. Und wenn ich das nicht kann? Was, wenn ich keine Wege mehr ohne meine Frau und Kind sehe? Was, wenn sich vor mir ein riesiger Berg aufgetürmt hat, den ich zu bezwingen nicht vermag? Es bleibt einem nicht mehr als die Einsamkeit. Wenn man die Einsamkeit erst einmal in sein Herz gelassen hat, erfüllt es einen mehr als die Liebe es je getan hätte. Denn Einsamkeit hat keine Regeln oder irgendwelche Kriterien, sie ist immer allgegenwärtig. Zuhause, draußen, alleine oder unter Menschen, die Einsamkeit ist immer da für mich. Sie kennt mich und vor allem ist sie ehrlich zu mir. Ich habe und werde meine Frau immer lieben, alleine dafür, dass sie mir, mit unserem Sohn, das größte Geschenk der Welt gemacht hat.

Er fehlt mir so sehr, aber ich musste ihr versprechen, erst wieder gesund zu werden, bevor ich das Sorgerecht beanspruche. Sie hat natürlich recht. Wer vertraut sein Kind schon einem Kranken an?

Als ich daraufhin das erste Mal in eine Selbsthilfegruppe für hypersensible Menschen ging, lernte ich dort Amelie kennen. Es gibt viele Menschen die einsam sind, aber es gibt nicht viele, die sich in der Einsamkeit verlieren. Ich erkannte Amelie sofort, obwohl wir uns das erste Mal dort über den Weg gelaufen sind. Dieses Gefühl der Sehnsucht einem Menschen gegenüber, dem man noch nicht begegnet ist. Mit Liebe hat das nicht viel zutun, eher mit dem Leben. Es war, als wurde uns nur dieser eine Tag gegeben, um uns kennenzulernen. Wir hielten uns unsere unsichtbaren Narben vors Gesicht, als wollten wir sagen: „Schau das bin ich und das hier, was so weh tut, das bin ich auch.“ Wie sehr kann man einem anderen Menschen auf Anhieb schon vertrauen? Aber wir hatten beide nichts zu verlieren. Ich erzählte ihr sogar von dem großen Traum, meinem Sohn zu seinem zehnten Geburtstag eine Weltreise zu schenken, ein Vater-Sohn-Abenteuer. Amelie offenbarte mir in derselben Nacht, auf einer Parkbank, dass sie durch einen Gendefekt niemals Kinder bekommen könne. Jeder erzählte seine Geschichte. Die eine Geschichte, die jeder von uns mit sich trägt. Die, die am liebsten verfilmt, aber niemals aufgeführt werden sollte. Der Kontrast von ihren selbstbewussten Augen gegenüber ihrer zierlichen Art hätte ambivalenter nicht sein können. Ich erkannte, dass sie den Ernst des Lebens, der irgendwann alle mal packt, in ihren Augen versteckt hatte.

Die Tonlage ihrer Stimme, ihre sich langsam anbahnenden Grübchen beim Hauch eines Schmunzelns, es war für mich alles so neu und doch irgendwo vertraut. Als wir uns als Neuankömmlinge nacheinander in der Selbsthilfegruppe vorstellen mussten, war es, als würden wir ausschließlich zueinander sprechen. Als wären wir alleine in diesem Raum. Als hätte sich die Zeit an diesem Tag für uns frei genommen. Unser beider Aufeinandertreffen fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Eine Ewigkeit, die uns guttat, die wir brauchten. „Du warst heute sehr schön zu mir“, sagte sie mir als wir uns an diesem Abend verabschiedeten. Ich hatte sie nicht einmal berührt, zumindest nicht mit meinen Händen. Wir waren einfach nur zwei erwachsene Menschen, die schön zueinander waren.

Jimmy, ein Cousin väterlicherseits, ist mir meine größte Stütze auf dieser Reise zu mir selbst. Er ist, seitdem es mir so schlecht geht, fast ununterbrochen an meiner Seite. Er verkörpert wohl das, was man Familie nennt. Ich hatte Jimmy nie richtig wahrgenommen, da er mindestens 10 Jahre jünger ist. Als ich mit meiner Schlafstörung so an meine Grenzen gestoßen war, sodass ich mich fast selbst in eine Nervenklinik eingesperrt hätte, tauchte er auf und gab mir neuen Halt. Ohne Jimmy wäre es mir schier unmöglich meinen Alltag zu bewältigen. Das Beängstigende an der Schlafstörung sind nicht die in Bruchstücken über den Tag verteilten Träume, sondern die Realität, in der man sich befindet, deshalb ist der Schlaf so wichtig. Gehirn und Körper wenden sich für ein paar Stunden von unserem realen Leben ab, verarbeiten Dinge und tanken sich erneut auf. Ich aber befinde mich ständig in der realen Welt der Wirklichkeiten und ertrinke darin. Jimmy ist immer da und versucht mich in Gespräche zu verwickeln, wenn er merkt, dass ich mich darin verliere, verzweifelt mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Meistens nervt er mich mit den komischsten Fragen über Gott und die Welt. Ich habe oft das Gefühl, als hätte er irgendwann mit 10 Jahren aufgehört sich weiterzuentwickeln, obwohl er Mitte 20 ist. Das würde ich ihm natürlich niemals ins Gesicht sagen. Ich brauche ihn und er mich, das behauptet er zumindest. Wie sagt er immer: „Die Welt aus deinen Augen...



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