E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Zimmermann Durchbrecherin
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7751-7544-9
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein langer Weg nach Hause - mitten durch Terror, Selbstablehnung und Zerbruch
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7751-7544-9
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Florida Zimmermann (Jg. 1975) ist gebürtige Libanesin. Als Asylsuchende in Deutschland fand sie über Umwege eine neue Heimat in der Schweiz. Dank ihrer Pflegefamilie kam sie mit zehn Jahren als einzige ihrer Familie in das Land der Alpen und konnte so den Krieg und den Islam hinter sich lassen. Schon während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester entdeckte sie ihr Herz für junge Menschen und deren Not. So engagierte sie sich als junge Erwachsene in ihrer Freizeit als Hip-Hop- und Steetdance-Trainern und als Jugendarbeiterin in verschiedenen freikirchlichen Gemeinden. Bis 2018 leitete sie mehrere Dance-Crews und führte regelmäßige Tanzworkshops durch. Ihre bewegte Geschichte brachte sie dazu, mit biografischen Vorträgen Menschen auf ihrem Weg zu ermutigen und sie leistet damit seit mehreren Jahren einen Beitrag zur Suizidprävention. 2006 gründete sie mit ihrem Ehemann das 'Offnigs Huus', eine Lebensgemeinschaft, in der junge Menschen in schwierigen Lebenssituationen ein Zuhause in verbindlicher Gemeinschaft finden. Mit viel Leidenschaft und Herzblut widmet sie ihr Leben diesen Menschen. www.offnigshuus.ch
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Fremdes Berlin
Als die Maschine über Ostberlin zu sinken begann, war es draußen schon dunkel. Es war Juni 1978, als wir in Deutschland ankamen. In meiner Vorstellung war ich fest davon ausgegangen, dass mein Vater uns am Flughafen abholen würde, doch stattdessen landeten wir mit vielen anderen Menschen in einem Bus, der uns zu einem hohen Gebäude in dieser riesigen Stadt brachte. Dort stiegen wir eine große, breite Treppe hinauf und ich fand mich verwirrt inmitten vieler ausländischer, fremder Menschen. Alle waren unglaublich hektisch und laut, die Lichter viel zu hell. Wo war ich hier? Wo war mein Vater, der auf uns wartete?
Panisch blickte ich mich nach meiner Mutter um. Plötzlich packte mich die Angst, sie in all dem Getümmel zu verlieren. Als ich sie erblickte, krallte ich mich an ihrem Rock fest und ließ nicht wieder los. Irgendwie kamen wir in ein Zimmer mit vielen anderen. Ich war am Boden zerstört – wo war mein Vater? Er hätte uns doch abholen und in seine Wohnung bringen sollen! Verzweiflung beschlich mich und ich klammerte mich weiter an meiner Mutter fest, die sich mit vielen anderen anstellte und auf irgendwelche Dokumente für uns wartete. Ich war unendlich müde und mir schwirrte der Kopf. Das hier war mir alles zu viel, alles war so laut und voll.
Wie lange wir hier waren, wo wir die Nacht verbrachten oder wie der erste Tag in Deutschland war, habe ich völlig ausgeblendet und vergessen. Genauso wie jede weitere Erinnerung an dieses Auffanglager für Asylsuchende. Mein Gedächtnis greift wieder, sobald wir in unsere eigene Bleibe umzogen: eine Parterrewohnung mit einem Zimmer in einem Berliner Altbau mit riesigem Innenhof. Im Raum gab es ein Bett, Herdplatten und ein Waschbecken. Die Toilette befand sich auf dem Flur und wir teilten sie mit anderen – etwas, das in Berlin in unsanierten Wohnungen damals typisch war. Dort lebten wir nun in den Tag hinein, meine Mutter und ich. Mein Vater war noch nicht aufgetaucht, tatsächlich gab es, seit wir hier angekommen waren, von ihm keine Spur.
Nach vielen Tagen hielt ich es drinnen nicht mehr aus. Meine Neugier, zu entdecken, was es außerhalb des Innenhofes gab, war größer als meine Angst. So setzte ich einen Fuß aus dem Hoftor und staunte: Die Straßen waren von hohen Bäumen gesäumt und es gab so viele Autos! Die Häuser waren vier oder fünf Stockwerke hoch und nur, wenn ich den Kopf in den Nacken legte, konnte ich den Himmel sehen.
Mit meinen stürmischen drei Jahren lief ich einfach drauflos und war mir ganz sicher, dass ich den Weg zurück schon finden würde. Doch natürlich dauerte es nicht lange, da wusste ich plötzlich nicht mehr, wo ich war. Alles sah so gleich aus, gleich fremd und unbekannt. Völlig verloren stand ich auf der Verkehrsinsel einer riesigen Straße mitten in Berlin und blickte mich suchend um. Da überfiel mich eine furchtbare Angst, nie mehr zu meiner Mutter zurückzufinden. Verzweifelte Tränen liefen über meine Wangen und ich begann laut zu schluchzen.
Wie durch einen Schleier sah ich, dass ein Mann auf mich zukam. Schnell wischte ich mir die Augen ab und zog die Nase hoch. Ein freundlicher Uniformierter sprach mich an. Unverständliche Worte. Aber ich spürte, dass er mir helfen wollte. Kurz darauf stieg ich in den Polizeiwagen ein und der nette Mann und sein Kollege fuhren zu dem mir bekannten Altbaukomplex mit dem Tor, das zu unserem Innenhof führte. Offenbar war es kein allzu großes Rätsel für sie gewesen, wo ich hingehörte.
Sobald sie mir die Wagentür geöffnet hatten, rannte ich los. Die Polizisten kamen hinterher, um sicherzustellen, dass ich hier wirklich zu Hause war. Meine Mutter saß am Fenster unserer Erdgeschosswohnung. Ich brach in Tränen aus – ich war so glücklich, sie wiederzusehen, und hatte gleichzeitig solche Angst. Die Tränen schwemmten die ganze Sorge der letzten Stunden aus mir heraus, dass ich Mama nie wiedersehen würde. Und gleichzeitig hatte ich ein schlechtes Gewissen und daher auch Angst vor ihrer Strafe, weil ich einfach so losgezogen und die Aktion gründlich schiefgegangen war.
Die Polizisten hatten sich vergewissert, dass ich wieder in sicheren Händen war, und verabschiedeten sich freundlich. Meine Mutter, die mich recht harsch erzog, übersetzte mir, die Polizisten hätten gesagt, wenn das Kind noch einmal verschwände, nähmen sie es ihr weg. Das saß. Vor nichts fürchtete ich mich mehr, als von meiner Mutter getrennt zu werden. Schließlich war sie, so unstet ihr Leben und ihr Verhalten mir gegenüber oft gewesen waren, der einzige feste Bezugspunkt in meinem Leben.
Die schleichende Zeit des Wartens, der Langeweile, des In-den-Tag-Hineinlebens dauerte an. Deutschland kam mir kalt und dunkel vor. Auch wenn es mir gut ging in dieser Zeit und ich viel auf dem leeren Hof draußen war, vermisste ich die Nachbarskinder im Libanon, meine Schule und die milden Temperaturen. Ich befand mich in einer Erwachsenenwelt, keine anderen Kinder lebten hier, es gab keine Ausflüge ans Meer oder irgendwelche Momente der Freude. Alles schien grau. Der Himmel, die Häuserwände, die Tage.
Es klopfte an unsere Tür. Ich blickte überrascht zu Mama, normalerweise besuchte uns hier niemand. Meine Mutter öffnete. Da stand eine junge, blonde Frau im Türrahmen mit einem gewinnenden Lächeln im Gesicht. Ich mochte sie auf Anhieb. Sie hielt ein Buch in der Hand. Mutter bat sie herein und sie setzten sich zusammen auf das Bett, das auch als Sofa diente. Die Deutsche begann mit meiner Mutter auf Englisch zu reden. Ich verstand kein Wort. Doch was ich verstand, war die Herzlichkeit dieser Begegnung. Mit Maria war etwas Helles, Warmes in unser dumpfes Zimmer mit dem roten Teppich und der dunklen Tapete eingetreten.
Von nun an kam sie immer häufiger zu Besuch und jedes Mal freute ich mich riesig über ihre Gesellschaft. Wie sie da mit Mama auf dem Bett saß und mit ihr redete, spürte ich, wie gut es meiner Mutter tat. Ich liebte Maria dafür, für ihre Besuche, die Zeit, die sie uns schenkte, wie sie Mama eine Freundin war. Ich selbst verstand von den Gesprächen nichts, doch sie erzählte Mama auch über ihren christlichen Glauben und von Jesus.
Da wir kein Bad in unserer Bleibe hatten, lud Maria uns auch wiederholt zu sich nach Hause ein, um bei ihr zu baden. Ich spürte förmlich ihr gutes Herz und ihre aufrichtige Liebe und Fürsorge für uns.
Nach einer endlos wirkenden Zeit sollten wir nun tatsächlich meinen Vater treffen. Mutter schien das nicht sonderlich wichtig zu sein, in den vergangenen Monaten hatte sie mich immer wieder halbherzig vertröstet. Doch nun würden wir zu ihm fahren und ich sollte einen Tag bei ihm verbringen. Wie sehr freute ich mich darauf und auf diese willkommene Abwechslung zu unserem trostlosen Alltag! Doch inzwischen war ich auch schon ziemlich ernüchtert, ob aus uns überhaupt noch eine heile Familie werden könnte.
Als dann mein Vater aus der Tür des Hauses trat, wo er untergebracht war, erkannte ich ihn erst gar nicht. War das wirklich mein Vater? So lange hatte ich ihn nicht gesehen, er wirkte wie ein Fremder auf mich. Zurückhaltend ging ich auf ihn zu. Auch meine Mutter und er hatten sich offensichtlich nicht viel zu sagen. Mama schien nichts hier zu halten, sie ging gleich wieder, nachdem sie mich »übergeben« hatte. Dabei hatte ich doch gehofft, dass wir jetzt gemeinsam in eine Wohnung ziehen würden! Mir wurde ganz schwer ums Herz, als ich endgültig begriff, dass wir nicht nach Deutschland gekommen waren, um als Familie zusammenzuleben.
An der Hand meines Vaters ging ich in das hohe Gebäude hinein, in dem viele Menschen wohnten und in dem mein Vater ein Zimmer mit Stockbett mit einem anderen Mann teilte. Der Ort erinnerte mich an das Haus, in dem wir an unserem ersten Abend in Berlin angekommen waren. Den ganzen Nachmittag verbrachte ich mit meinem Vater und sollte auch über Nacht da bleiben. Der Schatten meiner Enttäuschung hatte sich schnell verzogen, da ich endlich Zeit mit ihm haben konnte. Bald war ich wieder ganz fröhlich. Besonders feierte ich es, dass ich in die Badewanne durfte! In unserer Wohnung gab es das ja nicht. In vollen Zügen genoss ich die Stunden mit diesem großen, freundlichen Mann.
Am Abend nahm er mich dann auf den Schoß und fragte mich geradeheraus, ob meine Mutter sich in seiner Abwesenheit mit anderen Männern getroffen habe. Ich zuckte zusammen, wusste ich doch, dass meine Mutter mir verboten hatte, mit meinem Vater darüber zu sprechen. Da fiel mein Blick auf den Kassettenrekorder, der vor uns stand. Mich überfiel große Angst. Mutter durfte es doch nicht wissen, wenn ich etwas erzählte! Ganz direkt fragte ich ihn, ob er unser Gespräch etwa aufnehme, um es meiner Mutter zu geben. Er verneinte mit einem Lachen und beschwichtigte mich: »Ich stelle das Gerät ab. Keine Sorge.«
In meinem Wunsch, mich meinem Vater anzuvertrauen, und in meiner kindlichen Unbedarftheit schüttete ich meinem Vater also mein Herz aus. Ich erzählte von dem Mann, mit dem wir im Libanon immer wieder Ausflüge gemacht hatten, schilderte den Tag, als wir mit ihrem damaligen Freund einen Ausflug zum Meer unternommen hatten und ich arg enttäuscht war, als die beiden mich plötzlich mutterseelenallein im Sand zurückgelassen hatten, um Zeit allein zu verbringen. Ich war damals so verunsichert gewesen, hatte mich im Stich gelassen und auch irgendwie schmutzig gefühlt! Endlich konnte ich mir all die Wut einmal von der Seele reden. Die Erinnerungen sprudelten nur so aus mir heraus.
Schließlich legten wir uns schlafen. Ich lag unten neben meinem Vater im Stockbett. Doch irgendetwas quälte mich, es war eine fürchterliche Nacht. Immer wieder strampelte ich die Bettdecke von mir, mein Vater deckte mich wieder zu....




