E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Zito Return Man
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-10259-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-641-10259-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Er geht dahin, wo die Toten sind
Die Welt ist nicht mehr dieselbe: Horden von Untoten haben die USA überrollt, und das Land ist nun aufgeteilt in den Osten, wo sich die letzten lebenden Menschen verschanzt haben, und den Westen, wo die Zombies Jagd auf Menschenfleisch machen. Nur ein Mann wagt es noch, in die verseuchten Gebiete zurückzukehren, um im Auftrag der Lebenden ihren untoten Verwandten die letzte Gnade zu erweisen und Spezialeinsätze im Land der Toten auszuführen: Henry Marco. Dies ist seine Geschichte ...
V. M. Zito ist Creative Director einer Werbeagentur und lebt mit seiner Familie in Connecticut. Wenn er am Wochenende nicht gerade auf einsamen Wanderwegen joggt, schreibt er Horrorgeschichten.
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Der Roark-Auftrag
1.1
Die Leiche hockte mit entblößtem schlaffem Oberkörper im schlammigen Wasser am Ufer des Sees und schnappte nach Elritzen, die zwischen den mit Algen bewachsenen Steinen umherhuschten. Marco beobachtete sie durch sein Fernglas. Manchmal erstaunten die Toten ihn schon – sie hatten so flinke Finger und wirkten doch so unkoordiniert. Wie Kleinkinder. Er sah, wie die Leiche zugriff und die leeren Hände aus dem Wasser zog. Dann starrte sie auf ihre Handfläche, während ihr Reptiliengehirn nach der Ursache für dieses Missgeschick forschte. Nachdem ihr auch das nicht gelang, versuchte sie, den nächsten Fisch zu fangen, der wie ein silberner Blitz durchs Wasser schoss. Marco kniff die Augen zusammen. Da. An der linken Hand des toten Mannes. Ein Ehering. Er zoomte den Ring heran. Schmuck war wie ein Sechser im Lotto, wenn es um die Identitätsbestimmung ging. Haut verweste, Haar fiel aus; dicke Menschen schrumpften, und dünne Menschen wurden von Fäulnisgasen und Bakterien aufgebläht. Wenn man aber das Glück hatte, Schmuck an der Leiche zu finden – ein identifizierbares Schmuckstück, das nicht abgerissen oder abgebissen worden war, dann hatte man den Beweis. Wenn man den Schmuck präsentierte, bezweifelte niemand, dass man den Job erledigt hatte. Unterhalb seines Standorts tauchte die Leiche wieder die Hand ins Wasser und wühlte den Schlick auf. »Komm schon«, murmelte Marco. »Komm schon. Zeig’s mir.« Die Leiche spreizte die Finger, als ob sie ihn gehört hätte. Was natürlich unmöglich war. Den Hochsitz, auf dem Marco nun schon seit drei Tagen campierte, hatte er in sicherer Entfernung zweihundert Meter bergauf eingerichtet – er verbarg sich hoch oben in einer jungen Drehkiefer, die ihm gute Deckung bot und mit den langen grünen Nadeln die Zeltplane tarnte. Die Plattform maß nur anderthalb Meter im Quadrat; mit der ganzen Ausrüstung hatte er nicht einmal genug Platz, um beim Schlafen die Beine auszustrecken. Eine morgendliche Muskelverspannung nahm er für die sichere Höhe jedoch gern in Kauf. Der Ansitz war nur über die eisernen Stäbe zu erreichen, die er in regelmäßigen Abständen in den Baumstamm getrieben hatte; ausgeschlossen, dass eine Leiche sie zu erklimmen vermochte. Die Anleitung für den Bau eines Hochsitzes hatte er einem Jägermagazin entnommen, das er vor ein paar Monaten aus einer aufgegebenen Buchhandlung hatte mitgehen lassen – zusammen mit ein paar Gegenständen aus einem geplünderten Sportartikelgeschäft. Mit seiner gediegenen akademischen Ausbildung kam er hier nicht mehr weiter; Jägermagazine und topografische Karten waren die Lektüre, mit der er sich fortan befassen musste. Bevor die Zivilisation kollabiert war, hatte er nicht den Hauch einer Ahnung vom Überleben in der Wildnis gehabt. Nun ging er ohne eine vergilbte, mit Eselsohren verzierte Ausgabe von Camping für Anfänger im Rucksack nirgendwo mehr hin. Plötzlich verspürte er einen Stich am Hals. Er schlug nach der Mücke und zerdrückte sie auf der Haut. Mein Gott. Er fühlte sich total verdreckt und erschöpft. Er hatte diese Leiche nun schon seit fast einem Monat verfolgt. Und der Marsch zum See war eine ausgesprochene Strapaze gewesen. Er hatte den Jeep ungefähr dreißig Kilometer weiter südlich abstellen müssen, wo die Bergstraße vom Wrack eines neun Meter langen Ryder-Trucks blockiert wurde. Der Hänger hatte sich zwischen den Bäumen verkeilt – wohl schon vor Jahren, der Korrosion an der aufgerissenen Ladefläche nach zu urteilen. Die Innenausstattung war verschimmelt, die Instrumentenkonsole zerstört, und überall waren Fetzen von orangefarbenem verrostetem Metall verstreut. In der Kabine saß noch der Fahrer; ihm fehlten die Arme, und er war zum Skelett verwest. Irgendein Idiot, der bei der Evakuierung seinen ganzen Krempel mitgenommen hatte. War wie ein Irrer die Serpentinenstraße entlanggerast und hatte schließlich die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Es war unmöglich, das Wrack aus dem Weg zu räumen, und der Wald war so dicht, dass nicht einmal ein Geländefahrzeug hindurchgekommen wäre. Auf der Karte hatte Marco eine Alternativroute zum See gesucht, doch es wäre ein Umweg von drei Stunden gewesen, bei dem er allzu viel Benzin verbraucht hätte, das sowieso schon zur Neige ging. Also hatte er beschlossen, das Risiko einzugehen, die restliche Strecke zu Fuß zu bewältigen, und war einen Tag lang mit Rucksack und gezogener Waffe marschiert. Im Vergleich dazu war der Baum hier ein sicherer Hort. Aus großer Höhe genoss er einen freien Blick über den Wald bis zum Ufer – über den künstlichen Strand, die Docks und die einfachen Ferienhäuser, die sich am westlichen Zufluss des glitzernden Lake Onahoe drängten. Alles ruhig. Dennoch verspürte er plötzlich einen Anflug von Unbehagen, als ob irgendetwas nicht stimmte. Er stieß den Atem aus und musterte den Ring an der Leiche. Trotz des Schmutzes war der breite goldene Ring gut zu erkennen. Zwölf Millimeter ungefähr. Rechteckige Diamanten in einem gefrästen linearen Muster: Passte auf die Beschreibung, die Joan Roark ihm gegeben hatte. Ehefrauen waren gut darin, wie er selbst schon festgestellt hatte. Männer hatten Mühe, sich an Details zu erinnern – den Preis vergaßen sie komischerweise nie –, aber die Frauen? Sie zeichneten einen Ring aus dem Gedächtnis nach, wenn man ihnen Papier und Bleistift hinlegte. Marco strich abwesend mit dem Daumen über den Platinring an seiner linken Hand. Der Ring schlackerte um den dünnen Finger. Marco wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er bei einer heftigen Handbewegung über den Knöchel rutschte und zu Boden fiel, ohne dass er den Verlust bemerkte. Er musste mehr essen, um den körperlichen Verfall aufzuhalten. Bis dahin sollte er den Ring einfach abnehmen und irgendwo deponieren, wenn er einen Job erledigte – oder ihn wie eine Hundemarke an einer Kette um den Hals tragen. Wirklich eine gute Idee. Das würde ihn auch daran erinnern, weshalb er diesen Krieg überhaupt führte. Danielle … Marco verkniff es sich, den Gedankengang zu beenden. Er steckte das Fernglas in die aus Netzgewebe bestehende Seitentasche des Rucksacks und konzentrierte sich wieder. Auf die Leiche. Ja, es deutete alles darauf hin, dass er Andrew Roark gefunden hatte. Er warf einen Blick auf den Computerausdruck, der neben ihm an der Zeltplane hing: ein Farbfoto, das Joan eingescannt und von ihrem Zuhause im Osten, den Sicheren Staaten, gesendet hatte. Ein Bild von Roark, als er noch unter den Lebenden weilte. Das Foto zeigte nur seinen Kopf – Kopfschuss, assoziierte Marco spontan, immer auf den Kopf zielen, die einzige Möglichkeit, einer Leiche wirklich den Garaus zu machen – und stammte aus dem Jahresbericht von Roarks Firma: Tylex, ein großes Fortune-500-Unternehmen. Andrew J. Roark, Finanzvorstand, ein Topmanager in den Fünfzigern. Teurer Zwirn, Doppelkinn, ein Stiernacken, der in einem gestärkten weißen Kragen eingezwängt war. Roark hatte rosige Wangen und eine große gebogene Nase, die ihm das Aussehen von Bibo, dem Vogel aus der Sesamstraße, verlieh. Ein freundlicher Typ, fand Marco, jemand, der gerne lachte. Ein von Herzen kommendes Lachen – jemand, der sich in seiner Rolle als Chef nicht wohlfühlte; jemand, der auf der Unternehmensfeier eine Baseballkappe trug und den Leuten sagte, dass sie ihn Andy nennen sollten. Er hatte klare, kluge blaue Augen; das kurze Haar glänzte silbern an den Schläfen und dunkel auf dem Kopf. Die Leiche unten am Fluss hatte blinde weiße Säcke anstelle von Augen und ein paar Haarsträhnen auf einer verwesten Kopfhaut. Aber alles andere stimmt, sagte Marco sich. Mit etwas Fantasie. Wenn man den Tribut berücksichtigte, den die zwei Jahre gefordert hatten, seit der Tod eingetreten war. Die Haut war fleckig wie Gorgonzolakäse, die Ohren verschrumpelt, und die Nasenspitze fehlte – sie war abgefressen worden. Doch wenn man das alles ignorierte, was sah man dann? Marco nickte. Er war ziemlich überzeugt, dass das Ding da unten Roark war. Und doch … Er wusste es nicht mit Sicherheit. Nicht, bis er diesen Ring aus der Nähe sah. 1.2
Langsam, um möglichst keine Geräusche zu verursachen, streckte Marco auf dem Hochsitz die Hand aus und griff nach seinem Gewehr – eine kompakte Ruger I-A, die er letztes Jahr glücklicherweise neben der verstümmelten Leiche eines Jägers in Utah gefunden hatte. Eine gute Waffe. Mit einem langen Lauf, aber nicht zu schwer, eigens für die Jagd in den Bergen konzipiert: zielgenau auf fast dreihundert Meter. Große Durchschlagskraft. Er nahm die Leiche ins Visier. Erstaunlicherweise hatte sie nun doch etwas gefangen. Einen Frosch, der sich im Schlick versteckt hatte. Der Laubfrosch ragte aus der Faust der Leiche hervor. Er wand sich und zappelte mit den Beinen. Der tote Mann führte die Hand zum Mund, schob den mit Schlick überzogenen Frosch hinein und biss mit einem heftigen Ruck des Kopfs zu. Ein brauner Brei quoll ihm zwischen den Zähnen hervor. Marco schauderte. Kermit der Frosch hatte Pech gehabt. Das war das Problem mit Verstecken – sowohl unten im Schlamm als auch oben im Baum. Man wiegt sich in Sicherheit, bis man feststellt, dass es doch nur eine trügerische Sicherheit ist. Marcos Halswirbel knackten, als er den Wald unter und neben sich inspizierte und nach ungewöhnlichen Schatten zwischen den geraden dunklen...




