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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
Zöbeli Der Pub der guten Hoffnung
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95818-257-8
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-95818-257-8
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexandra Zöbeli lebt gemeinsam mit ihrem Mann im Zürcher Oberland in der Schweiz. Sie bekennt sich selbst als Britoholikerin - verrückt nach allem, was von der Insel kommt. Für Alex gibt es kaum etwas Schöneres, als die verschiedenen Ecken Großbritanniens zu entdecken und sich dabei vorzustellen, welche Geschichte sich an Ort und Stelle gerade abspielen könnte. Seit sie das Schreiben für sich entdeckt hat, leidet zwar der Haushalt, aber zumindest hat ihr Kopfkino endlich ein Ventil erhalten. Unter der Aufsicht ihres Katers Noah, der mit Vorliebe neben Alex' Laptop schläft, sind bisher sieben Romane entstanden.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Sam konnte kaum noch atmen. Der Rauch wurde dichter und brannte in seinen Augen. Aber er musste weiter, durfte jetzt nicht schlappmachen, sein Sohn brauchte ihn. Hustend kämpfte er sich weiter durch den lichterloh brennenden Eisenbahnwaggon. Die Hitze wurde immer unerträglicher, je weiter er vorankam, aber dann – ein paar Sitzreihen weiter – sah er ihn plötzlich vor sich im Mittelgang stehen. Felix hielt ein Messer in der Hand. Die Klinge war mit Blut verschmiert. Missbilligend blickte sein Sohn ihn an. »Paps, du solltest nicht hier sein.« Seine Stimme klang erstaunlich fest, so als würden nicht bereits gierige Feuerzungen an seiner Kleidung lecken. »Du musst gehen. Mum braucht dich. Geh, jetzt!«
»Deine Jacke brennt, Felix! Zieh sie aus! Ich bin gleich bei dir!«, schrie Sam in Panik. Seine Worte gingen beinahe in erstickendem Husten unter. Der beißende Rauch kroch in seine Atemwege und ließ ihn nach Luft japsen.
»Für mich kommt die Hilfe zu spät, Paps. Du musst aufwachen, hörst du! Geh zu Mum!«
Doch Sam hörte nicht. Nur wenige Meter vor ihm stand sein Sohn in einem Meer aus Flammen. Auf keinen Fall konnte er ihn hier seinem Schicksal überlassen. Völlig verzweifelt versuchte er einen Weg durch das Feuer zu finden. Aber es loderte zu heftig und ließ ihn keinen weiteren Schritt vorankommen. Unbarmherzig zwang es ihn, zuzusehen, wie sein Sohn in die Knie ging und von den gnadenlosen Flammen aufgefressen wurde.
Mit einem Schrei setzte sich Sam im Bett auf. Er brauchte eine Weile, bis er bemerkte, dass es einmal mehr ein Alptraum gewesen war, der ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Seit sein Sohn vor drei Wochen diese schreckliche Tat begangen hatte und dabei ums Leben gekommen war, konnte Sam keine Nacht mehr ruhig schlafen. Immer wieder träumte er davon, Felix verbrennen zu sehen oder selbst im Rauch zu ersticken. Noch immer leicht zitternd versuchte Sam seinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen. Seine Kehle fühlte sich rau und trocken an, so als ob er wirklich dem Feuer und Rauch ausgesetzt gewesen wäre. Er drehte den Kopf zur Seite und bemerkte die leere Bettseite seiner Frau. Prüfend strich er mit der Hand über das kühle Kissen. Hannah musste wohl schon vor einer Weile aufgestanden sein. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es erst kurz nach Mitternacht war. Mit der Hand fuhr er sich durch das kurze braune Haar und stand dann auf, um nach Hannah zu sehen. Nie würde Sam den Moment vergessen, als er zusammen mit der Polizei ihr mitteilen musste, was ihr einziges Kind getan hatte und wie es gestorben war. Hannah hatte ihn angesehen, als wäre er ein Irrer. Doch nachdem ihr Verstand diese schier unerträgliche Wahrheit irgendwann in sich eindringen ließ, war es, als wäre ihre Seele mit ihrem Sohn gestorben und hätte lediglich eine leere Hülle zurückgelassen. Bei der Beerdigung vor drei Tagen wäre Hannah beinahe zusammengeklappt. Der Friedhofsangestellte hatte gerade noch rechtzeitig einen Hocker geholt, damit sie sich setzen konnte. Im engsten Familien- und Freundeskreis hatten sie an dem kalten und windigen Apriltag das, was von ihrem Sohn übrig geblieben war, der Erde übergeben.
Niemand konnte verstehen, was passiert war und wie es so weit hatte kommen können. Sam hatte an der Beerdigung die vorwurfsvollen Blicke der eigenen Familie und Freunde auf sich gespürt. Wie hatten sie als Eltern nicht bemerken können, was in ihrem Sohn vorging? Auch wenn Felix bereits zweiundzwanzig Jahre alt gewesen war und nicht mehr bei ihnen zu Hause, sondern in einem Studentenheim gewohnt hatte, machte Sam sich selbst die größten Vorwürfe. Er war doch Lehrer, als Pädagoge hätte er doch etwas bemerken müssen! Ja, natürlich hatte er gesehen, dass sein Kind bereits in der Schule immer gehänselt worden war, weil es nicht so selbstsicher war wie die anderen und dazu noch schielte. Kinder konnten echt grausam sein. Hannah und er hatten mit Felix oft darüber gesprochen, ihm Mut zugeredet und ihn in seinen Fähigkeiten bestärkt. Mit der Zeit schien Felix damit umgehen zu können. Trotzdem blieb er ein Einzelgänger, der sich lieber mit Büchern beschäftigte als draußen mit den anderen Kindern herumzutoben. Hätten sie als Eltern mehr tun können? Sie hatten Felix zu verschiedenen Freizeitkursen angemeldet, damit er mehr Kontakt zu Gleichaltrigen hatte. Aber meistens ging er nur ein oder zwei Mal hin, bevor er alles wieder hinschmiss. Sie hatten auch versucht mit den Eltern aus der Nachbarschaft zu reden, damit Felix auch mal zum Mitspielen eingeladen wurde, doch laut Felix war das immer nur krampfig gewesen. Irgendwann hatte er seine Eltern gebeten, es einfach zu akzeptieren, dass die anderen Kinder mit ihm nichts zu tun haben wollten. Er käme schließlich damit auch zurecht. Das hatte Sam seinem Sohn sogar abgenommen, bis er in die Pubertät kam und sich für Mädchen zu interessieren begann. Es hatte ihm schier das Herz zerrissen, als Felix sich zum ersten Mal verliebt hatte und prompt von der eingebildeten Tussi eine niederschmetternde Abfuhr kassierte. Tagelang hatte Felix kaum etwas gegessen und sich stattdessen in seinem Zimmer abgeschottet. Sam hatte mit ihm darüber reden wollen, aber sein Sohn hatte nur abgeblockt und stattdessen die Musik seiner Stereoanlage noch lauter aufgedreht. Felix erzählte immer weniger aus der Schule und schien alles in sich hineinzufressen. Bei Elterngesprächen mit Felix‘ Lehrer stellte sich heraus, dass die Noten sich auch zusehends verschlechterten. Am Ende meldeten sie ihn bei einem Psychologen an. Der meinte allerdings, dass Felix einfach nur die üblichen Teenagerprobleme hätte und sich das bald alles wieder legen würde. Das schien auch tatsächlich der Fall zu sein, denn Felix wurde mit der Zeit gelassener, und die Noten verbesserten sich wieder. Er schaffte die Prüfung ins Gymnasium, und später ging er an die Universität, um zu studieren. Nie hatten sie mitbekommen, dass Felix wieder Probleme haben könnte. Sie hatten ihm zudem immer versichert, dass er jederzeit nach Hause kommen könnte und sie für ihn da wären, ganz egal, was ihn bedrückte. Was in Gottes Namen hatte Felix nur zu dieser schrecklichen Tat veranlasst?
Sam ging ins Bad und wusch sich das verschwitzte Gesicht. Als er den Kopf hob und in den Spiegel blickte, schaute ihm ein Fremder entgegen. Sein Gesicht war hager geworden, und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Seit dieser Höllenritt begonnen hatte, taten Hannah und er praktisch nichts anderes als der Polizei Rede und Antwort stehen, der Presse ausweichen und sich im Haus verkriechen. Würde man den Lügengeschichten in den Medien Glauben schenken, die besagten, sie hätten in Felix ein Monster großgezogen? Die Leser hatten Felix ja nicht gekannt. Sie konnten nicht wissen, wie überlegt und besonnen er immer gewesen war, wie schön sich sein Lachen angehört hatte, wenn er als kleiner Junge mit seinem Vater auf dem Rummelplatz gewesen war, wie einfühlsam er einen Vogel, der kurz zuvor in eine Scheibe geflogen war, aufgehoben und vor einer herumschleichenden Katze gerettet hatte. Felix war kein schlechter Mensch gewesen, aber wer glaubte ihnen das heute noch? Hannahs und Sams Nervenkostüm war hauchdünn geworden. Seine Frau saß oftmals stundenlang im alten Kinderzimmer von Felix und starrte vor sich hin. Er hatte versucht, mit ihr über ihren Sohn zu reden, aber sie saß einfach nur da und schüttelte den Kopf: »Ich kann nicht.« Sie sprach auch sonst kaum noch, und essen mochte sie ebenso wenig. Irgendwie konnte er das ja verstehen, er musste sich selbst zwingen, seinem Körper das zu geben, was er brauchte.
Drei Wochen war es jetzt her, dass sein bester Freund Daniel, der gleichzeitig der Schulleiter war, in seine Klasse gekommen war, die gerade eine Prüfungsarbeit schrieb. Daniel hatte die Aufsicht über seine Klasse übernommen und ihm gesagt, dass zwei Beamte im Lehrerzimmer auf Sam warten würden. Sam hatte sich nichts dabei gedacht und eher vermutet, dass einer seiner Schüler etwas ausgefressen hatte. Doch als er die betretenen Gesichter der Beamten sah, wusste er, hier ging es um etwas ganz anderes. Das Lehrerzimmer war leer, da Sams Kolleginnen und Kollegen ebenfalls am Unterrichten waren.
»Können wir uns einen Moment setzen?«, hatte der eine Beamte gefragt und auch schon einen Stuhl vom Tisch hergezogen. Er wartete, bis Sam sich ebenfalls gesetzt hatte, und dann berichtete er ihm, was sich vor wenigen Stunden zugetragen hatte. Felix hätte in einem Zug eine Amoktat begangen. Mit einem Messer hätte er mehrere Personen verletzt, dann Benzin über Mitreisende, sich selbst und die Sitze gegossen und den Waggon in Brand gesetzt. Dabei wären eine Frau und Felix selbst ums Leben gekommen. Eine weitere Frau schwebe nach wie vor in Lebensgefahr. Fünf Personen seien zudem noch in ärztlicher Behandlung, aber ihre Verletzungen wären nicht gravierend. Sam hatte die Worte des Beamten gehört, aber sie schienen so unwirklich. Es konnte doch nicht wahr sein! Bestimmt hatten sie sich geirrt, und es handelte sich um jemand anderen. Niemals würde sein Felix andere Menschen absichtlich verletzen, geschweige denn töten! Und nun soll er gar selbst tot sein? Die Polizei musste sich irren. Mit einem Mal erinnerte er sich daran, dass Felix ja um diese Uhrzeit in der Uni saß. Erleichtert atmete er auf. »Es tut mir leid, aber es muss eine Verwechslung sein. Felix müsste jetzt noch im Hörsaal sitzen.« Er wollte schon sein Handy zücken, um ihn kurz anzurufen. Doch der Beamte legte ihm mit verständnisvoller Miene die Hand auf den Arm. »Herr Berger, wir sind uns ganz sicher.« Dann zeigte er Sam den leicht angebrannten Studentenausweis von Felix und ein Foto, das ein Mitreisender mit seinem Handy gemacht hatte. Das Foto zeigte das vom Wahnsinn...




