E-Book, Deutsch, Band 6, 322 Seiten
Reihe: Die Rougon-Macquart
Zola Seine Exzellenz Eugène Rougon
1. Auflage 2022
ISBN: 978-87-28-22783-1
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 6, 322 Seiten
Reihe: Die Rougon-Macquart
ISBN: 978-87-28-22783-1
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Émile Zola (1840-1902) zählt zu den größten Romanschriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er war als Autor, Maler und Journalist tätig und gilt als Mitbegründer des europäischen Naturalismus. 1898 erlangte er abseits seines künstlerischen Schaffens Bekanntheit, indem er sich mit seinem Artikel 'J'accuse' ('Ich klage an') für den zu Unrecht verurteilten Offizier Alfred Dreyfuss einsetzte und maßgeblich zu dessen Rehabilitierung beitrug. Nach dem Vorbild von Honoré Balzac entwickelte er einen Großteil seiner Werke als aufeinander aufbauende Romanzyklen. In seinem zwanzigbändigen Rougon-Macquart-Zyklus beleuchtet er die Geschichte zweier Familien aus Unterschicht und Bourgeoisie.
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Erstes Kapitel
Der Präsident stand noch an seinem Platze inmitten der leichten Bewegung, die sein Eintritt in der Versammlung hervorgerufen hatte. Dann setzte er sich und sagte halblaut in nachlässigem Tone:
»Die Sitzung ist eröffnet.«
Und er ordnete die Gesetzentwürfe, die vor ihm auf dem Schreibpulte niedergelegt waren. Zu seiner Linken las ein kurzsichtiger Sekretär mit der Nase auf dem Papier das Protokoll der letzten Sitzung mit einem raschen Gemurmel, das kein Abgeordneter anhörte. In dem Lärm des weiten Saales drang seine Stimme nur an die Ohren des Hausbeamten, die sehr würdig und gemessen angesichts der nachlässigen Haltung der Kammermitglieder dastanden.
Es waren nicht hundert Abgeordnete anwesend. Die einen lehnten sich halb auf den roten Samtbänken zurück mit traumhaften Blicken und wollten schon einnicken. Andere beugten sich über den Rand ihres Pultes, als ob diese langweilige Zwangsarbeit einer öffentlichen Sitzung sie niederdrücke und trommelten mit den Fingerspitzen auf dem Pulte. Durch das Glasdach, das einen grauen Halbmond am Himmel ausschnitt, fiel das Licht des regnerischen Mainachmittags senkrecht herein und beleuchtete die strenge Pracht des Saales gleichmäßig. Das Licht flutete an den staffelweise aufgestellten Sitzbänken in einem langen, rötlichen Streifen hin; sein gedämpfter Glanz brach sich hier und da rosig an den Eckverzierungen der leeren Bänke, während die nackten Standbilder und Skulpturen hinter dem Präsidenten ganze Felder weißen Lichtes festhielten.
Ein Abgeordneter von der dritten Bank rechts war in dem engen Durchgang stehengeblieben. Er strich seinen rauhen, schon ins Graue spielenden Bart und schien in tiefes Sinnen versunken. Als ein Hausbeamter heraufkam, hielt er ihn an und richtete halblaut eine Frage an ihn.
»Nein, Herr Kahn,« versetzte jener, »der Herr Präsident des Staatsrates ist noch nicht da.«
Herr Kahn setzte sich. Dann wandte er sich plötzlich an seinen Nachbar zur Linken und fragte:
»Sagen Sie, Béjuin, haben Sie heute früh schon Rougon gesehen?«
Herr Béjuin, ein mageres, schwarzes Männchen, dem man es ansah, daß er nicht viel Worte zu machen pflegte, hob den Kopf mit unruhigem Blick; seine Gedanken waren offenbar anderswo. Er hatte die Klappe seines Pultes herausgezogen und war mit Briefschreiben beschäftigt. Das blaue Papier hatte am Kopfe eine kaufmännische Inschrift: Béjuin & Co., Kristallwarenfabrik zu Saint Florent.
»Rougon?« wiederholte er. »Nein, den habe ich nicht gesehen. Ich habe keine Zeit gehabt, im Staatsrate vorzusprechen.«
Darauf fuhr er mit ernster Miene in seiner Arbeit fort. Er sah in einem Hefte nach und schrieb seinen zweiten Brief unter dem Gesumme des Sekretärs, der endlich seine Vorlesung beendigte.
Herr Kahn legte sich mit gekreuzten Armen zurück. Der Ausdruck seines scharfgeschnittenen Gesichtes, dessen starke, wohlgebildete Nase jüdische Herkunft verriet, blieb übelgelaunt. Er betrachtete die Goldrosetten der Saaldecke, das Geriesel eines Regenschauers, der sich eben auf die Scheiben des Daches entlud; dann schien er ganz in die Untersuchung der mannigfaltigen Verzierungen an der großen Wand versunken, die er vor sich hatte. In den beiden Ecken wurden seine Blicke vorübergehend durch die mit grünem Samt bekleideten Felder gefesselt, die mit vergoldeten Abzeichen und Einfassungen bedeckt waren. Dann maß er die Säulenpaare, zwischen denen die Standbilder der Freiheit und der öffentlichen Ordnung ihr Marmorantlitz mit den ausdruckslosen Augäpfeln zeigten, und endlich versenkte er sich in den Anblick des grünseidenen Vorhangs, der die Freske bedeckte, auf der Ludwig Philipp, den Eid auf die Verfassung leistend, dargestellt ist.
Inzwischen hatte sich der Sekretär gesetzt. Der Lärm im Saale dauerte fort, während der Präsident gemächlich in seinen Papieren blätterte. Er legte die Hand gewohnheitsgemäß an den Schwengel der Glocke, deren helles Läuten niemandem im Gespräche störte. Inmitten des Lärmes blieb er einen Augenblick wartend stehen.
»Meine Herren,« begann er darauf, »ich habe einen Brief erhalten ...«
Er hielt inne, klingelte aufs neue, wartete wieder, mit seinem ernsten und gelangweilten Antlitz das monumentale Pult überragend, das unter ihm seine roten, weißumrahmten Marmorfelder den Blicken darbot. Sein zugeknöpfter Überrock hob sich scharf von der erhabenen Arbeit hinter dem Pulte ab und zog einen schwarzen Streifen durch die weißen Gewänder der Statuen des Ackerbaues und des Gewerbes mit ihren antiken Gesichtern.
»Meine Herren,« wiederholte er, nachdem ein wenig Ruhe eingetreten war, »ich habe einen Brief von Herrn von Lamberthon erhalten, worin er sich entschuldigt, der heutigen Sitzung nicht beiwohnen zu können.«
Auf der sechsten Bank gegenüber dem Präsidentensitze wurde ein leises Lachen vernehmbar. Es ging von einem sehr jungen Abgeordneten aus, der höchstens achtundzwanzig Jahre alt, blond und von sehr einnehmendem Äußern, mit seinen weißen Händen seinen Heiterkeitsausbruch nicht zurückhalten konnte, der so silbern hervorperlte, als komme er aus dem Munde einer hübschen Frau. Einer seiner Nachbarn, ein ungeheuer dicker Herr, rückte drei Sitze näher und flüsterte ihm ins Ohr:
»Hat Lamberthon wirklich seine Frau gefunden? Erzählen Sie doch, La Rouquette!«
Der Präsident hatte eine Handvoll Papiere ergriffen und sprach mit eintöniger Stimme; Bruchstücke seiner Rede drangen bis in den Hintergrund des Saales:
»Es liegen einige Urlaubsgesuche vor: Herr Blachet, Herr Buquin-Lecomte, Herr de la Villardière...«
Während die Kammer diese Gesuche bewilligte, hatte sich inzwischen Herr Kahn ohne Zweifel am Anblick der grünen Seide, die das aufrührerische Bild Ludwig Philipps bedeckte, sattgesehen, denn er hatte sich halb umgedreht, um die Tribünen zu betrachten. Über dem Unterbau von gelbem Marmor, der mit Lack geädert war, zog eine einzige Reihe von Tribünen von einer Säule zur andern ihre Brüstungen von amarantfarbenem Samt; oberhalb vermochte ein Vorhang von gepreßtem Leder nicht die Lücke zu verbergen, welche die Beseitigung der zweiten Galerie gelassen hatte, die vor dem zweiten Kaiserreiche den Berichterstattern und Zuhörern eingeräumt gewesen war. Zwischen den starken, gelblichen Säulen, die ihre etwas schwerfällige Pracht um den Halbkreis her entfalteten, waren die engen, dunklen und fast leeren Logen eingeklemmt. Nur drei oder vier lichtgekleidete Frauengestalten belebten sie einigermaßen.
»Siehe da! Oberst Jobelin ist gekommen!« murmelte Herr Kahn. Er lächelte dem Obersten zu, der ihn bemerkt hatte. Oberst Jobelin trug den dunkelblauen Überrock, den er als Ziviluniform gewählt hatte, seit er in den Ruhestand getreten war, und saß ganz allein in der Quästorenloge mit seiner Offiziersrosette, die so groß war, daß sie der Knoten eines Halstuches schien.
Weiter links, in einem Winkel der Staatsratsloge, blieben die Augen des Herrn Kahn an einem jungen Paare haften, das zärtlich aneinandergeschmiegt beisammensaß. Der junge Mann beugte sich jeden Augenblick zum Nacken seiner Gefährtin, um ihr etwas zuzuflüstern; sie lächelte dann hold, ohne die Blicke von dem Standbilde der öffentlichen Ordnung wegzuwenden.
»Hören Sie, Béjuin!« murmelte der Abgeordnete und stieß seinen Nachbar ans Knie.
Herr Béjuin, der eben beim fünften Briefe war, hob betroffen den Kopf.
»Sehen Sie nicht dort oben den kleinen d'Escorailles und die hübsche Frau Bouchard? Ich wette, daß er sie in die Hüften kneift. Sie macht so schmachtende Augen ... Alle Freunde Rougons haben sich also hier ein Stelldichein gegeben. In der Zuhörertribüne ist auch Frau Correur und das Ehepaar Charbonnel anwesend.«
Anhaltendes Läuten erscholl. Ein Hausbeamter rief mit wohlklingender Baßstimme: »Ruhe, meine Herren!« Man horchte, und der Präsident sprach folgende Worte, von denen nicht eines verlorenging: »Herr Kahn bittet um die Ermächtigung, die Rede drucken zu lassen, die er bei der Verhandlung des die Erhebung einer Gemeindesteuer nach den in Paris verkehrenden Wagen und Pferden beantragenden Gesetzentwurfes gehalten hat.«
Ein Gemurmel lief durch die Bänke, und die Gespräche wurden wiederaufgenommen. Herr La Rouquette hatte sich neben Herrn Kahn niedergelassen.
»Sie bemühen sich also um die Bevölkerung?« fragte er scherzend, und ohne die Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: »Haben Sie Rougon nicht gesehen? Nichts erfahren? ... Alle Welt spricht von der Geschichte, doch scheint noch nichts gewiß zu sein.«
Er wandte sich um und blickte auf die Uhr.
»Schon zwanzig Minuten über zehn! Ich würde mich drücken, wenn dieser verteufelte Bericht nicht zur Verlesung...




