54 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 526 Seiten

54


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86241-615-8
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 526 Seiten

ISBN: 978-3-86241-615-8
Verlag: Assoziation A
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1954: Kalter Krieg, McCarthy, Dien Bien Phu. Der britische Secret Service schickt Cary Grant auf eine bizarre Geheimdienstmission zu Tito nach Jugoslawien. Steve Cemento, die rechte Hand des legendären Mafia-Bosses Lucky Luciano, träumt vom großen Coup, um sich den Lebensabend zu versüßen. In einer Bar in Bologna treffen sich ehemalige Partisanen, junge Kommunisten, Filuzzi-Tänzer. Sie alle werden in Ereignisse verwickelt, die sie auf das große Spielfeld der Geschichte führen. Dem italienischen Autorenkollektiv Wu Ming ist mit dem Roman »54« ein großer Wurf gelungen: ein faszinierendes Zeitgemälde voll überraschender Wendungen, in dem Geschichte neu entdeckt und erfunden wird. Gespickt mit Elementen von Spy Story und Mafiathriller, gewürzt mit viel Witz und einem Schuss Tarantino.

Wu Ming ist das Pseudonym eines Autorenkollektivs aus Bologna. Ihre Vorgänger veröffentlichten unter dem Namen Luther Blissett den internationalen Bestseller »Q« über die Reformationszeit in Deutschland. Seitdem hat das Kollektiv fünf Romane veröffentlicht, denen gemein ist, die offizielle Geschichte gegen den Strich zu bürsten, um gegen das Kontinuum der Herrschaft Räume der Utopie zu öffnen. Wu Ming arbeitet mit gleitenden Identitäten und wendet die Praxis der Kommunikationsguerilla auf die Literatur an. So entdeckt und erfindet Wu Ming Geschichte neu und liefert Gegenentwürfe zum Bestehenden.
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I.


ITALIENISCHE SOLDATEN!

Das slowenische Volk hat seinen unerbittlichen Kampf gegen die Besatzer aufgenommen. In diesem Kampf sind bereits viele eurer Kameraden gefallen, und auch ihr werdet weiterhin Tag und Nacht sterben, solange ihr Werkzeuge in der Hand unserer Unterdrücker seid; solange das letzte Stück slowenischen Bodens nicht befreit sein wird.

Eure Machthaber wollen euch weismachen, dass das slowenische Volk euch liebt und dass es nur »ein paar Kommunisten« seien, die euch angreifen. Das ist eine unverschämte Lüge. Im Kampf gegen die Besatzer sind sich alle Slowenen einig. Das gesamte slowenische Volk hat sich unter der Führung des Nationalen Slowenischen Befreiungskomitees zu einer einzigen, unbesiegbaren Befreiungsfront zusammengeschlossen.

ITALIENISCHE SOLDATEN!

Eure Vorgesetzten verheimlichen euch die verzweifelte Lage, in die Mussolini das »Italienische Reich« gebracht hat, nachdem er es an Hitler verkauft hat; genauso wie sie euch verheimlichen, dass Abessinien, für das Mussolini so viel italienisches Blut vergossen hat, nicht mehr in italienischer Hand ist. Sie verheimlichen euch die ausweglose Lage der italienischen Truppen in allen afrikanischen Kolonien. Sie verheimlichen euch die Verluste, die italienische Truppen auf dem Balkan erlitten haben; der westliche Teil Serbiens, Montenegro, der größte Teil Bosniens und der Herzegowina, Lika und Teile Dalmatiens sind bereits befreit. Sie verheimlichen euch die schrecklichen Verluste und das Leid der italienischen Truppen an der russischen Front. Die russische Übermacht ist erdrückend und der russische Winter unerträglich. Sie verheimlichen euch, dass sich in italienischen Städten Aufruhr ausbreitet, aufgrund der Lebensmittelknappheit, der andauernden Bombardierungen durch die englische Luftwaffe und der wachsenden Unzufriedenheit des italienischen Volkes mit der Politik des Kriegstreibers Mussolini, der Italien ins Verderben stürzt.

ITALIENISCHE SOLDATEN!

Das italienische Volk ist aufgewacht und hat erkannt, was auch ihr endlich begreifen solltet: Hitler schickt euch an alle Fronten: nach Afrika, auf den Balkan, nach Frankreich und in die UdSSR, damit ihr zu Hause keinen Widerstand mehr leisten könnt, wenn er das »verbündete« Italien angreifen wird, so wie er das »verbündete« Jugoslawien angegriffen hat. Begreift endlich, was heute jeder Blinde begreift, dass dem mit Deutschland verbündeten Italien eine schreckliche Niederlage zu Wasser, zu Lande und in der Luft bevorsteht, durch die vereinigten Streitkräfte Russlands, Englands und aller Völker der Welt, die die Freiheit lieben.

Italienische Soldaten, begreift endlich, dass die einzige Rettung für euch und für das gesamte italienische Volk darin besteht, eure Waffen gegen die zu richten, die uns und euch nur Unheil gebracht haben, gegen die faschistische Clique um Mussolini! Es genügt nicht zu sagen, dass auch ihr die Brutalität Hitlers und Mussolinis verurteilt, dass auch ihr das Ende des Faschismus und des Krieges wünscht. Ihr müsst eure Freiheits- und Friedensliebe, euren Hass gegen eure und unsere Unterdrücker mit Taten beweisen, sonst erwartet euch und sie der Untergang.

ITALIENISCHE SOLDATEN!

Die Kommunistische Partei Sloweniens fordert euch auf:

Verweigert die Befehle eurer Vorgesetzten, schießt nicht auf Slowenen, stellt die Verfolgung der Partisanen ein und ergebt euch ihnen. Behindert nicht länger unseren Freiheitskampf!

Überwältigt und entwaffnet die faschistischen Milizen, die Agenten der Geheimpolizei und alle, die euch in den Kampf gegen das slowenische Volk treiben!

Zerstört die italienische Kriegsmaschine, ihre Waffen und Lebensmittellager, wenn ihr sie nicht den Partisanen übergeben könnt! Zerstört die Transportmittel des italienischen Heeres, Lastwagen, Motorräder, Pferde, Straßen, Eisenbahnen usw.

Verweigert die Einsatzbefehle für die russische Front; ihr werdet dort für den wahnsinnigen Hitler und seine Trabanten sterben! Verlangt, nach Hause entlassen zu werden!

Desertiert vom italienischen Heer, unser Volk wird euch dabei unterstützen! Übergebt Waffen und Munition den Partisanen und der Volksverteidigung!

Vereinigt euch mit den slowenischen Partisaneneinheiten und helft, mit der Waffe in der Hand, die absurde Kriegsschlächterei zu beenden, damit ihr so schnell wie möglich zu euren verlassenen Müttern, Frauen und Kindern nach Hause zurückkehren und dort die wahre Souveränität eures Volkes aufbauen könnt.

ES LEBE DER GEMEINSAME KAMPF ALLER VÖLKER GEGEN DIE FASCHISTISCHE BARBAREI!

ES LEBE DIE UDSSR UND DIE UNBESIEGBARE ROTE ARMEE, VERTEIDIGER VON FREIHEIT UND FORTSCHRITT!

ES LEBE STALIN, DER ANFÜHRER DER VÖLKER UND DER ARBEITER ALLER LÄNDER!

ES LEBE DIE KOMMUNISTISCHE PARTEI JUGOSLAWIENS!

TOD DEM FASCHISMUS – FREIHEIT DEM VOLKE!

Mit roter Farbe hatte jemand SMRT FAŠIZMU auf den abblätternden Putz der Mauer geschrieben. Genau davor hatte man sie nebeneinander aufgestellt. Ausdruckslose, abweisende Gesichter; wie die Fenster der Häuser im Dorf.

Der Hauptmann brüllte einen Befehl und die italienischen Soldaten traten mit geschulterten Gewehren in einer Reihe an; fast alle Reservisten. Der Offizier der Kompanie war der Jüngste; akkurat gestutzter Schnurrbart, das graue Stoffschiffchen in die Stirn gedrückt.

Die Verurteilten hoben die Augen und blickten ihren Schlächtern ins Gesicht; sie mussten sich vergewissern, dass es Menschen waren wie sie. Der Tod, auch der eigene, war ihnen nicht fremd. Über zahllose Generationen hatten sie sich an ihn gewöhnt.

In den gesenkten Blicken der Gegenseite spiegelten sich die Empfindungen der Opfer.

Wie Statuen auf einer Wiese standen sich die Reihen unbeweglich gegenüber.

Einer der Verurteilten rieb mit einer mechanischen, grotesk wirkenden Geste einen Fuß an seinem Bein.

Der Hauptmann drehte sich zu den Häusern um und befahl den Dolmetscher zu sich.

»Die Dorfbewohner haben den kommunistischen Rebellen Unterschlupf gewährt, die gestern Nacht zwei italienische Soldaten heimtückisch ermordet haben!«

Der Dolmetscher übersetzte.

»Man hat euch gewarnt! Wer den Banditen Asyl gewährt, wer ihnen Schutz und Unterkunft bietet, ist der Kollaboration überführt und bezahlt mit dem Leben!«

Der Offizier wartete, bis der Dolmetscher übersetzt hatte.

»Als Warnung an alle, die die Absicht haben, den Banditen zu helfen, die diese Gegend verseuchen, werden heute zehn Einwohner des Dorfes erschossen!«

Der Dolmetscher hatte geendet, der Hauptmann stand regungslos mit den Lederstiefeln im Schlamm, als erwarte er eine Antwort von der Handvoll stummer Häuser.

Kein Lebenszeichen. Kein Lufthauch.

Er brüllte: »Kompanie! Präsentiert das Gewehr!«

Eine unregelmäßige Bewegung durchlief die Reihe der Soldaten, so als hätten nur einige von ihnen den Befehl verstanden, während die anderen auf sie schauten, um zu sehen, was zu tun sei. Ein Gewehr fiel zu Boden.

»Befehl! Verdammte Schweinerei! Das ist ein Befehl!«

In diesem Augenblick änderten drei Soldaten auf ein geheimes Zeichen die Richtung ihrer Karabiner. Der eine zielte auf den Kopf des Hauptmanns, die beiden anderen auf die Kameraden.

»Stillgestanden! Niemand gibt einen Schuss ab!«

Der Hauptmann erbleichte: »Capponi, was zum Teufel tust du? Farina! Piras! Ich bringe euch vors Kriegsgericht!«

Die anderen Soldaten schauten bestürzt. Schulterzucken, Unbehagen.

»Hauptmann, werfen Sie Ihre Pistole auf den Boden!«

»Das ist Fahnenflucht! Ihr seid verrückt!«

»Werfen Sie die Pistole weg oder Farina erschießt Sie!«

Der Offizier verharrte regungslos, die Waffe zeigte auf seine Schläfe. Er presste wütend die Zähne aufeinander, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Werfen Sie die Pistole weg, Hauptmann, dann können Sie gehen.«

»Ich habe schon immer gewusst, dass du ein Scheißkommunist bist, Capponi. Was glaubst du, wie weit du kommst? Und ihr? Steht nicht so stocksteif rum! Wollt ihr auch erschossen werden?«

Keine Antwort. Ratlose Blicke, kein Hinweis, was zu tun sei. Aber wenn sie ihre Kameraden entwaffnen wollten, mussten sie sie zusammen mit den anderen erschießen.

Die Reihe schwankte, die Soldaten wandten sich ab, unsicher, was zu tun sei.

Die Männer an der Mauer starrten mit...


Wu Ming ist das Pseudonym eines Autorenkollektivs aus Bologna. Ihre Vorgänger veröffentlichten unter dem Namen Luther Blissett den internationalen Bestseller »Q« über die Reformationszeit in Deutschland. Seitdem hat das Kollektiv fünf Romane veröffentlicht, denen gemein ist, die offizielle Geschichte gegen den Strich zu bürsten, um gegen das Kontinuum der Herrschaft Räume der Utopie zu öffnen. Wu Ming arbeitet mit gleitenden Identitäten und wendet die Praxis der Kommunikationsguerilla auf die Literatur an. So entdeckt und erfindet Wu Ming Geschichte neu und liefert Gegenentwürfe zum Bestehenden.



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